VERTRAUEN

Ich glaube, wir spüren es alle im Moment: Die Zeiten stehen auf Sturm. Feste Überzeugungen werden infrage gestellt: „Mach einen Plan, und du kommst weiter“, „Der Tüchtigen winkt der Erfolg“ oder „Vorsicht ist besser als Nachsicht“.

Warum ist das so?

In disruptiven Zeiten sind Flexibilität und Experimentierfreude besser als Planen. Frauen meiner Generation merken, dass immer noch Räume verschlossen sind, weil nicht Tüchtigkeit, sondern „Apassungsfähigkeit“ und Netzwerk zählen. Und Vorsicht ist kein guter Ratschlag, wenn es darum geht, Vertrauen zu schöpfen – Vertrauen in die Kollegin, in das eigene Team, in das Unternehmen –, um so gemeinsam den neuen Stürmen zu trotzen. Als Vertrauensforscherin weiss ich das aus meiner Forschung schon lange. Aber als Mensch musste auch ich lernen, wie man sich öffnen muss, um Hilfe, Rat und Tatkraft zu bekommen, wenn man Probleme nicht mehr allein lösen kann. Und die Probleme, die wir als Gesellschaft jetzt stemmen müssen, bedürfen immer einer Zusammenarbeit vieler ExpertInnen und vieler SchafferInnen.

Was ich raten kann? – Drei Dinge: Ich bin sehr neugierig, und darum probiere ich einfach aus. Gerade im Lockdown konnte man so viel experimentieren, und niemand war verärgert, wenn etwas beim ersten Mal nicht geklappt hat. Diesen Geist – nur wer auf die Nase fällt, kann was lernen – sollte man sich bewahren. Zweitens, ich beobachte mich und die Reaktionen auf meine kleinen Experimente. Das halte ich dann auch gern in einem Tagebuch fest. So wird aus dem Ganzen eine Lernreise. Drittens, ich lote meine Grenzen aus. In meinem Fall heisst das „mehr Fragen als Antworten“ und „auf Fremde zugehen“.

Als Hochschullehrerin halte ich es gern mit Mark Twain: „Bildung ist der Weg von übermütiger Ignoranz zu miserabler Unsicherheit.“ Will heissen: Ohne Krisen, ohne Hinterfragen gibt es keinen Lernzuwachs, aber auch kein persönliches Wachstum. Daher fühle ich mich eigentlich ganz wohl mit ein bisschen Unsicherheit und suche mir gleichzeitig Sicherheit durch den berührenden Austausch mit anderen Menschen.

Vorname, Name:
Prof. Dr. Antoinette Weibel

Funktion, Firma:
Professorin für Personalmanagement an der Universität St.Gallen

Website:
www.faa.unisg.ch/de/

Wenn ihr ein Wort hättet für das Thema „Sicherheit in der Unsicherheit“, eine Farbe oder ein Bild malen könntet, was wäre das? Vertrauen.

Text: Antoinette Weibel    Fotos: Tomek Gola