MEER

Neulich abends fragte mich Hannah, meine sechsjährige Tochter: „Mami, wann hört Corona endlich wieder auf?“ Natürlich konnte ich ihr kein Datum nennen – so sehr ich mir das, wie vermutlich alle anderen Menschen auf dieser Welt, wünschen würde. Stattdessen sagte ich ihr: „Niemand weiss, wie lange es noch dauert, mein Schatz. Deshalb müssen wir lernen, mit der Ungewissheit zu leben – und das Beste aus der neuen Situation machen.“

Wir alle spüren die Unsicherheit, die mit Corona in unseren Alltag Einzug gehalten hat – in allen Lebensbereichen. Während der ersten Welle und nun wieder.

Ich spüre die Unsicherheit als Mutter von drei Kindern, die plötzlich daheim Schule hatten und ihre Grosseltern und ihre Freunde nicht mehr sehen konnten.
Ich spüre die Unsicherheit als Leiterin Digital der Blick-Gruppe und als Chefredakteurin von Blick.ch, einem Medium, das sich vor allem durch Anzeigen finanziert – und das damit abhängig ist vom Wohlergehen der gesamten Wirtschaft.

Ich spüre sie als Mitglied einer Familie, die über mehrere Kontinente verteilt ist und für die Corona das Miteinander dramatisch verändert.
Das sind nur drei Beispiele, und es gibt noch mehr, wie bei uns allen.

Zentral ist für mich: Ja, die Unsicherheit ist schwierig, belastend, unangenehm. Aber den Kopf in den Sand zu stecken ist für mich niemals eine Option.

In schwierigen Situationen frage ich mich immer: Kann ich etwas ändern? Und wenn die Antwort Ja ist, lege ich los. Setze alles daran, dass es besser wird. Aber im Fall Corona sind die bad news: Selten ist die Antwort so eindeutig. Die Gesamtsituation ist so, wie sie ist. Also gegeben. Wir müssen uns damit abfinden. Und die Chancen darin suchen. Denn: Jede neue Situation stellt uns vor Herausforderungen – bringt uns aber auf lange Sicht weiter.

Wir dürfen unsere Energie nicht vergeuden mit Dingen, die wir nicht ändern können. Sondern müssen sie für das einsetzen, was uns weiterbringt.

Auch hier konnte ich von meinen Kindern lernen. Etwa beim Thema Masken. Für viele Erwachsene waren sie anfangs ein No-Go, ein Störfaktor, inakzeptabel. Meine Kinder aber haben sie, wo nötig, von Anfang an als zusätzliches Accessoire akzeptiert und getragen. Heute sind sie normal für sie. Sie haben sich der neuen Situation schnell angepasst. Eine Eigenschaft, die uns Erwachsenen schwerer fällt – auf die wir uns aber wieder besinnen sollten.

Wir sollten unsere Energie dafür einsetzen, das Beste aus der Ungewissheit zu machen. Zu sehen: Was können wir in unserem Leben ändern, was können wir tun, damit wir die Situation für alle erträglich machen, und was sind die Chancen dieser Krise?

Denn es gibt immer Chancen. Für uns persönlich. Für unser Business. Wir müssen sie nur finden, mit viel Energie und einem klaren Blick. In der digitalen Transformation habe ich gelernt: Die einzige Konstante ist die Veränderung. Denen, die sich schnell anpassen und mit Ungewissheit leben können, gehört die Welt.

In die Zukunft schaue ich voller Zuversicht. Auch wenn ich mich frage: Was passiert, wenn die Schulen wieder schliessen? Was, wenn es einen neuen Lockdown gibt? Was ist mit den Folgen, ökonomisch, gesellschaftlich, die wir heute noch gar nicht abschätzen können?

Doch ich weiss: Wir alle werden es meistern. Wo Türen sich schliessen, öffnen sich andere. In jeder Ungewissheit, jeder Veränderung steckt eine grosse Chance. Wenn wir offen dafür sind – und nicht dem nachtrauern, was war.

Ich weiss: Irgendwann werde ich mit Hannah an einem Abend vor dem Einschlafen zurückblicken. Und sagen: „Es war verdammt schwierig. Aber es hat uns weitergebracht.“

***********************************

Vorname, Name: Katia Murmann

Funktion, Firma: Leiterin Digital Blick-Gruppe, Chefredakteurin Blick.ch

Website: www.blick.ch

Wenn ihr ein Wort hättet für das Thema „Sicherheit in der Unsicherheit“, eine Farbe oder ein Bild malen könntet, was wäre das?
Blau wie das Wasser des Meeres. Es kann verschiedene Stimmungen haben, ist ständig in Bewegung – aber es ist immer kraftvoll, hartnäckig und hört nie auf, seine Umgebung zu formen.

Text: Katia Murmann    Fotos: Tomek Gola