Noch vor circa 30 Jahren war die Wissenschaft der Meinung: Wir sind unsere Gene.
Mittlerweile wissen wir: Wir sind weitaus mehr als das.
Das Human Genome Project – und ich erinnere mich gut daran, weil ich damals an der Universität Zürich Biologie studierte – hatte zum Ziel, das gesamte Genom des Menschen zu entschlüsseln. Man dachte, man greift nach den Sternen und kann in Bälde sämtliche Krankheiten, die genetisch bedingt sind, heilen. Doch weit gefehlt. Schon bald wusste man: dass man eigentlich gar nichts weiss. Aktuell geht man davon aus, dass der Mensch circa 25’000 Gene hat. Nur: Weil er sie hat, heisst es noch nicht, dass sie auch zum Ausdruck kommen.

Jeder von uns könnte, theoretisch, genetische Anlagen für eine Krebserkrankung in sich tragen. Aber die Epigenetik entscheidet, ob dieses Gen an- oder ausgeschaltet wird. Und das liegt eben nicht mehr nur an den Genen – sondern an vielfältigen Faktoren wie Lebensstil, Stress, Ernährung und vielem mehr.

Was ich mit diesem Beispiel sagen möchte? – Wir sind immer nur so schlau wie in diesem einen Moment. Und wir sind immer nur so sicher, wie wir es eben in diesem Augenblick sein können. Vor 30 Jahren war sich die Wissenschaft sicher, dass wir den Menschen und seine Gene schon bald zu 100 Prozent kennen – und lag falsch damit.

SICHERHEIT IST ALSO IMMER NUR EINE INDIVIDUELL GEPRÄGTE, NICHT OBJEKTIVIERBARE MOMENTAUFNAHME MIT UNSICHEREM AUSGANG IN HINBLICK AUF DIE ZUKUNFT.

Die Sicherheit – politisch, wirtschaftlich und somit auch gesellschaftlich –, die wir bis zum Anfang dieses Jahres spürten und in der wir uns behaglich gesuhlt haben, gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten, wenn überhaupt. Denn: Erinnern Sie sich noch an den Unbekannten, der 1995 in Genf einen ägyptischen Diplomaten erschoss? 1970 explodierte kurz nach dem Start in Zürich im Frachtraum einer Swissair-Maschine eine Bombe. Das scheint alles schon unendlich weit weg zu sein. Historisch betrachtet ist es das aber nicht. Wenn wir weiter zurückblättern, gab es die Weltkriege, weiter zurück Jahrzehnte von Mord und Totschlag, Raubzügen und bewaffneten Auseinandersetzungen, Revolutionen und Kriegen sowie die Pest.

Dass wir uns „sicher“ fühlen – auch wirtschaftlich –, liegt am konsequenten Wachstum der letzten Jahrzehnte. Dieser Umstand hat uns wohl in falsche Sicherheit gewiegt – denn in Tat und Wahrheit war die Welt, das Leben schon immer saumässig gefährlich und wird für jeden von uns mit garantiert 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit tödlich enden. Die Welt ist von Natur aus unsicher. Zum Glück – kann man da nur sagen!

Denn der stete Wandel, Mutationen, Änderungen sind eigentliche Grundvoraussetzungen für das Fortbestehen von Leben auf diesem Planeten. Hätte die Natur, hätten wir als Spezies Mensch nicht die Fähigkeit, uns anzupassen, wären wir längst ausge- storben. Aber wir sind immer noch da. Und mit jeder Anpassung, die wir vollbringen müssen, stärken wir unser System, unsere Resilienz.

Sicherheit ist also eher ein vorübergehendes Geschenk, ein Zuckerl, etwas, das wieder vergeht. Wieso freunden wir uns also nicht einfach mit ihr an: mit der Unsicherheit, der Unplanbarkeit, der Ungewissheit? Und machen daraus eine Normalität, die wir bewältigen können? Wieso besitzen wir denn überhaupt die Frechheit, vom Leben nur eine lange, gemütliche Gerade, gesäumt von frisch bepflanzten Blumen- und Kräutergärten, zu erwarten?

Das Leben ist spitzenmässig unplanbar, von Unsicherheiten gespickt, mit Peinlichkeiten und Ungemach gepflastert und mit Unzulänglichkeiten und Defekten garniert. Also – was soll’s? Lassen wir los, was wir eh nicht festhalten können. Geben wir zu, dass wir nicht alles wissen können. Seien wir versöhnlich mit dem Leben und allem, was es uns gibt. Seien wir dankbar für jeden Moment, in dem wir künftig kuschelig-wohlige Sicherheit fühlen dürfen. Wir werden das schaffen. Wir kriegen das hin. Irgendwie. Egal was uns im Leben so begegnen möge. Wie? Keine Ahnung! Aber eins weiss ich gewiss: Es wird uns gelingen.

 

Text: Sandra Stella Triebl   Fotos: Tomek Gola

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