Das Schweizer Flugsicherungsunternehmen Skyguide zeigt am 8. März 2022, am Weltfrauentag, dass selbst in der mehrheitlich männlich dominierten Aviatik-Branche Frauen eine wichtige Rolle spielen: Der Schweizer Luftraum wird am Internationalen Frauentag überwiegend von Flugverkehrsleiterinnen geführt. Skyguide fördert seit knapp zehn Jahren die Vielfalt, die ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie ist.

Wir zeigen die Frauen von Skyguide – von der Verwaltungsrätin bis zur Flugdaten-Ingenieurin.

 

Im Gespräch mit Marianne Alb (Leiterin Air Traffic Control/Tower Buochs)

Ladies Drive: Könnten Sie sich bitte kurz in 2-3 Sätzen vorstellen, Ihre Funktion und wie Sie dazu gekommen sind?
Nach der Matura war ich mir über meinen weiteren Weg unsicher. Da ich damals in der Nähe des Flughafens Emmen wohnte und mich der dortige Betrieb faszinierte, meldete ich mich auf ein Inserat von Skyguide, das ich zufällig in der Zeitung sah. Damals hatte ich noch keine Ahnung, was genau ein Flugverkehrsleiter macht und dass dies meine Leidenschaft werden würde. Heute arbeite ich als Flugverkehrsleiterin in Buochs (seit 2007) und Alpnach (seit 2006), seit 2015 bin ich Head Unit Buochs.

Sie leiten als Frau vier Männer bei Ihrer täglichen Arbeit. War dies jemals ein Nachteil für Sie oder sehen Sie eher Vorteile? Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um geschlechtsspezifische Stereotypen im Air Traffic Control-Umfeld zu beseitigen?
Ich war von Anfang an beeindruckt, dass die Gleichstellung bei Skyguide meiner Meinung nach im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen sehr weit fortgeschritten ist. Ich sehe es als Vorteil, ein Team zu führen, das ausschliesslich aus Männern besteht. Da wir schon vorher kollegial zusammengearbeitet haben und alle meine Mitarbeitenden mich sehr gut kennen und mir den Rücken freihalten, gibt es absolut keine Probleme in der Zusammenarbeit.

Haben Sie als Frau in einer hochrangigen und entscheidenden Position das Gefühl, dass Ihre Kompetenzen mehr in Frage gestellt werden können, als wenn Sie ein Mann wären?
Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich als Frau in dieser Position weniger ernst genommen werde, als wenn ich ein Mann wäre. Ich denke, es ist jedem in unserer Branche klar, dass die Anforderungen an Ausbildung und Fähigkeiten für alle absolut gleich sind.

Wenn Sie mit einer inspirierenden Frau zu Abend essen könnten, tot oder lebendig, wer wäre das und warum?
Ich finde es schwierig, mich auf eine Frau festzulegen, weil es so viele gibt, von denen man lernen und mit denen man spannende Gespräche führen kann. Ich würde zum Beispiel gerne mit Benazir Bhutto sprechen, weil sie eine unglaublich starke Frau war und sein musste, die viel zu erzählen hatte.

 

Im Gespräch mit Marita Lintener (Head of International Affairs)

Könnten Sie sich bitte kurz in 2-3 Sätzen vorstellen, Ihre Funktion und wie Sie dazu gekommen sind?
Nach mehr als 30 Jahren in der Luftfahrtbranche bin ich seit Anfang 2021 bei Skyguide als Leiterin International Affairs tätig. Zuvor habe ich mit allen Industriepartnern entlang der Wertschöpfungskette zusammengearbeitet, sowohl für die grossen Fluggesellschaften in Europa als auch mit dem öffentlichen Sektor, z.B. der Europäischen Kommission, in SESAR und mit internationalen Agenturen. Ursprünglich begann ich meine Karriere bei Lufthansa Airlines, nachdem ich meinen Master in Wirtschaftswissenschaften gemacht hatte. Im Rahmen meiner Pro-Bono-Aktivitäten bin ich derzeit Mitglied des Vorstands der International Aviation Women’s Association (IAWA) als VP Europe & Africa und wurde 2019 von der EU-Kommissarin für Verkehr als „EU Diversity Ambassador“ ausgezeichnet. Ich bin Mutter von zwei erwachsenen Kindern, einer Tochter und einem Sohn.

Vor Skyguide waren Sie in verschiedenen Positionen in der Luftfahrt auf europäischer Ebene tätig. Die Luftfahrt ist bekanntlich ziemlich männerdominiert. Sind Sie auf Widerstand gestossen, weil Sie eine Frau sind?
Ich bin eigentlich nie auf einen besonderen Widerstand aufgrund des Geschlechts gestossen. Glücklicherweise habe ich eine Reihe von männlichen und weiblichen Förderern, die meinen Karriereweg und meine persönliche Entwicklung unterstützen. Allerdings wurde mir bald klar, dass immer weniger Frauen am Tisch sitzen, je höher man auf der Karriereleiter aufsteigt. Und ich stellte fest, dass dies vom männlichen Teil der Führungsteams kaum in Frage gestellt, sondern als `normal` angesehen wurde. Ich würde es eher als unbewusste Voreingenommenheit vieler Männer bezeichnen, die sich gerne an den Stand der Dinge und die von Männern dominierten Strukturen gewöhnt haben. Glücklicherweise ändert sich dies langsam, und es wird allgemein anerkannt, dass vielfältige Teams erfolgreicher sind.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hindernisse und Hemmnisse bei der Verwirklichung der Geschlechtergleichstellung?
Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Da es sich bei der Luftfahrt und dem Luftverkehrsmanagement um eher technische Bereiche handelt, sind in der Vergangenheit offensichtlich weniger Frauen in diesen Sektor eingestiegen. Um die Pipeline zu füllen, braucht unsere Branche alle Talente, und als Teil dieser Aktivität müssen wir Mädchen für die Luft- und Raumfahrt begeistern. Wir müssen das Interesse an den MINT-Fächern (Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen, Mathematik) fördern. Vorbilder spielen hier eine entscheidende Rolle! Und später müssen die Unternehmen die Frauen proaktiv an sich binden und ihre Karrieren entwickeln, wenn sie an Bord sind. Frauen ziehen eher als Männer in Erwägung, den Sektor zu verlassen, und werden eher durch negative Erfahrungen verdrängt, als dass sie durch neue Möglichkeiten angezogen werden.

Wie können Frauen Machtstrukturen überwinden?
Es geht nicht darum, „die Frauen zu korrigieren“, wie sie besser mit traditionell männlichen Machtstrukturen umgehen können. Wir müssen die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, ändern, und das schliesst alle Führungskräfte in einem Unternehmen ein. Die Anwerbung der besten Talente, die Unterstützung in der Mitte der Karriere und die Förderung des Aufstiegs in leitende Positionen müssen Hand in Hand gehen, um eine Kultur aufzubauen, die Frauen bewusst einbezieht. Die Bereitstellung flexibler Arbeitsstrukturen für Männer und Frauen in der Phase der Karriere, in der Frauen dazu neigen, das Unternehmen zu verlassen (wenn sie Kinder bekommen), um sie zu ermutigen, sich weiter zu engagieren. Als Navigationshilfe für Frauen würde ich empfehlen: Verbinden, inspirieren und führen.

Wenn Sie mit einer inspirierenden Frau zu Abend essen könnten, tot oder lebendig, wer wäre das und warum?
Es gibt einen weiteren Sektor, in dem es traditionell sehr wenige Frauen gibt, nämlich den Finanzsektor. Ich würde gerne mit Frau Christine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank, zu Abend essen. Sie hat sich ihren Weg durch die von Männern dominierte Politik in Frankreich gebahnt, war in der Führungsebene des IWF in den USA tätig und steht nun an der Spitze der EZB in Frankfurt. Sie setzt sich sehr für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ein und trifft sich auf ihren weltweiten Geschäftsreisen regelmässig mit lokalen Frauendelegationen. Ich bin neugierig, was sie darüber zu sagen hat, wie man die Gleichstellung der Geschlechter und die Vielfalt am besten vorantreiben kann, da dies nun endlich Realität wird.

 

Im Gespräch mit Monika Baumgarten (Head of Cultural Transformation)

Könnten Sie sich bitte kurz in 2-3 Sätzen vorstellen, Ihre Funktion und wie Sie dazu gekommen sind?
Ich kam vor 11 Jahren zu Skyguide in das regionale Untersuchungsteam der Sicherheitsabteilung. 2012 übernahm ich die Leitung und wurde 2017 Line Safety Delegate, wobei ich hauptsächlich an der Entwicklung der Sicherheitskultur arbeitete. Jetzt, als Head of Cultural Transformation, bin ich seit Mai 2021 für die Unternehmenskultur verantwortlich, woran ich mit einem tollen Matrix-Team mit Leidenschaft arbeite.

Was bedeutet „Transformation“ für Sie und speziell für Skyguide?
Transformation ist Evolution, denn man wandelt sich immer in Richtung auf etwas, das weiterentwickelt ist. Das bedeutet, dass wir alle eine oder mehrere Disziplinen beherrschen, aber wir müssen akzeptieren und geniessen, wieder Schüler zu werden, neue Disziplinen zu lernen und uns selbst im Transformationsprozess gut zu reflektieren. Unser kultureller Wandel hin zu unserem aufrichtig gelebten neuen Werterahmen ist die Essenz für eine erfolgreiche Unternehmenstransformation von Skyguide.

Welche zusätzlichen Kompetenzen kann eine Frau Ihrer Meinung nach in ein Unternehmen einbringen?
Ich denke, es gibt keine Kompetenzen, die eine Frau hat, die ein Mann nicht auch haben könnte. Und andersherum. Dennoch denke ich, dass Vielfalt im Allgemeinen die Perspektiven bereichert und somit die Unternehmensleistung verbessert.

Was muss sich in Bezug auf die Gleichheit der Geschlechter in den nächsten 10 Jahren ändern?
Mir gefällt an dieser Frage, dass Sie das Wort Gleichheit anstelle von Gleichberechtigung verwenden. Gerechtigkeit wird nicht dadurch erreicht, dass alle gleich behandelt werden. Sie wird dadurch erreicht, dass wir alle entsprechend unserer Umstände gerecht behandeln. Als Unternehmen kann man mutig sein, dies zu berücksichtigen, auch wenn wir uns teilweise in einem Rahmen der Gleichheit befinden, z.B. durch GAVs.

Sind Sie in Ihrer Karriere auf Hindernisse gestossen, weil Sie eine Frau sind, oder haben Sie Hindernisse in der Gesellschaft beobachtet, und wenn ja, was würden Sie empfehlen?
Nein, bei Skyguide gibt es keine Barrieren. Aber es gibt Hürden in unserer Gesellschaft, sowohl beruflich als auch privat. Erinnern Sie sich an die Kaffeewerbung „Jacobs Krönung light“? Eine Frau beginnt ihren Tag mit Sport, dann geht sie erfolgreich ihrer Arbeit als Chefin nach. Abends spielt sie mit ihren glücklichen, gut erzogenen Kindern, lädt Gäste zu einem perfekten Dinner ein und verschwindet später mit ihrem bezaubernden Mann sinnlich im Schlafzimmer. Für mich ist das eine Alles-ist-möglich-Lüge! Niemand kann ein solches Ideal jeden Tag erreichen. Als Führungskraft und Mutter kann ich sagen, dass ich es als nachteilig empfinde, mich manchmal noch erklären zu müssen, dass nicht alles funktioniert. Denn es gibt Menschen, die denken und erwarten, dass man eine „Jacobs Krönung light“-Frau ist. Das bin ich nicht, auch nicht nach 10 Tassen, und das ist gut so. Und wir müssen unsere Kinder vor falschen Idealen schützen, damit sie geistig und seelisch glücklich, gesund und stark aufwachsen.

Wenn Sie mit einer inspirierenden Frau zu Abend essen könnten, tot oder lebendig, wer wäre das und warum?
Nelson Mandela! Aber um bei den Geschlechtern zu bleiben, gäbe es so viele wunderbare Frauen. Eine von ihnen ist die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa. Ich möchte meine tiefste Bewunderung für ihren bedingungslosen Einsatz für die Armen ausdrücken und ihr zuhören, wie sie anderen auf so völlig selbstlose, einfühlsame und nachhaltige Weise geholfen hat!

 

Text: Ladies Drive-Redaktion & Skyguide    Fotos: Skyguide Presse

Schweizer Luftraum in Frauenhand

Das Schweizer Flugsicherungsunternehmen Skyguide zeigt am 8. März 2022, am Weltfrauentag, dass selbst in der mehrheitlich männlich dominierten Aviatik-Branche Frauen eine wichtige Rolle spielen: Der Schweizer Luftraum wird am Internationalen Frauentag überwiegend von Flugverkehrsleiterinnen geführt. Skyguide fördert seit knapp zehn Jahren die Vielfalt, die ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie ist.

Pilotinnen und Piloten, die am Mittwoch, 8. März 2022, an einem der 14 Flughäfen beziehungsweise Flugplätze in der Schweiz landen und starten, werden grösstenteils von weiblichen Stimmen geleitet. Denn am Internationalen Frauentag arbeiten in der Luftraum-Überwachung, in den Towers der internationalen Flughäfen Zürich und Genf sowie in den Kontrolltürmen der regionalen Flugplätze mehrheitlich Frauen. So sind am 8. März 2022 über den ganzen Tag 50 Fluglotsinnen im Einsatz.

Der Frauenanteil bei Skyguide ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. So ist aktuell fast jede vierte Stelle von einer weiblichen Person besetzt. Ausserdem gehören der Geschäftsleitung zwei und dem Verwaltungsrat drei Frauen an. Diese Zahlen zeigen, dass Chancengleichheit bei Skyguide gelebt, gefördert und gesteigert wird, beispielsweise mit Teilzeitarbeit, Home-Office oder Job-Sharing.

„Wir stellen fest, dass Diskussionen in gemischten Teams dynamischer und ausgewogener sind. Dadurch entstehen abgestimmtere Diskussionen und diese führen schliesslich zu besseren Entscheidungen. Je grösser die Vielfalt, desto höher ist die Erfolgschancen eines Unternehmens“, sagt Alex Bristol, CEO von Skyguide.

Weiterführende Informationen: skyguide.ch

Über Skyguide:  Skyguide engagiert sich für ein sicheres, effizientes und nachhaltiges Flugverkehrsmanagement in der Schweiz und den angrenzenden Gebieten der Nachbarländer. Mit 1’500 Mitarbeitenden an 14 Standorten leitet das Unternehmen zivile und militärische Flüge durch den verkehrsreichsten Luftraum Europas. Durch Innovation und vertrauensvolle Partnerschaften steigert Skyguide die Attraktivität der Schweiz als Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsstandort. Das Unternehmen befindet sich mehrheitlich im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft und hat seinen Hauptsitz in Genf.