DIVERSITY STORIES #2

Das Thema Diversität begleitet mich seit meiner Schulzeit.

Ich wurde im Tschad geboren, wuchs aber wegen eines Bürgerkriegs in Kamerun auf. Während meiner Grundschul- und Gymnasialzeit habe ich eine Weile in Frankreich in der
Nähe von Lyon gelebt und anschliessend mein Abitur mit Schwerpunkt Mathematik und Physik in Kamerun abgeschlossen. Mädchen am Gymnasium waren dort in den 80er-Jahren eine absolute Ausnahme. Nach dem Abitur erhielt ich ein Stipendium für ein Elektrotechnikstudium in Berlin. Auch hier war ich ein Exot. Nicht nur wegen meiner Hautfarbe, sondern auch als Frau in einem technischen Studiengang.
All diese Erfahrungen haben mich gelehrt, dass Diversität direkt mit dem Thema Inklusion in Zusammenhang steht. Denn dass sich ein Mensch von anderen Menschen unterscheidet, wird ihm erst in den Augen der anderen bewusst. Etwa wenn er schlechter oder besser behandelt wird, weil er vermeintlich unterschiedlich ist.
Das habe ich gerade auch während meines Ingenieurstudiums gelernt. Bei den mündlichen Diplomprüfungen mussten die Studenten ihre Prüfungszeiten auf einem Zettel am Schwarzen Brett eintragen. Nach einer Weile fiel mir auf, dass sich nie jemand nach mir in die Liste eintrug. Verwundert fragte ich einen Kommilitonen, was das zu bedeuten hätte. Er erzählte mir, es habe sich herumgesprochen, dass die mündlichen Prüfungen bei mir immer etwas länger dauerten als bei anderen Studierenden. Dadurch sei es schwer, Anschlussprüfungen oder andere Termine einzuhalten. Und das war tatsächlich der Fall: Während meine Mitstudierenden 60 Minuten Zeit hatten, sich bei den Professoren zu beweisen, dauerten meine Prüfungen grundsätzlich 75 Minuten. Ganz so, als wolle man sichergehen, dass ich die Fragen nicht rein zufällig richtig beantwortete, sondern tatsächlich die erforderliche Kompetenz mitbrachte.
Solche Erfahrungen können einen Menschen verändern, und ich bin froh, dass sie mich nicht verhärtet haben. Ich war immer ein sehr offener Mensch, der gern lacht, auf Menschen zugeht und einen schrägen Humor hat. Dass ich immer noch so bin, war aber auch harte Arbeit. Deshalb lege ich Wert darauf, dass es bei Diversität und Inklusion nicht um Mitleid gehen darf. Sondern um die Anerkennung für den Aufwand, den es manche Menschen gekostet hat, dort zu sein, wo sie jetzt sind.

Heute, in einer leitenden Position bei Amazon Web Services (AWS) sowie als Mutter von drei Söhnen, ist Diversität immer noch ein fester Bestandteil von mir. Doch anders als an der Universität und im privaten
Bereich habe ich bei der Arbeit keine Situationen erlebt, in denen mein „Anderssein“ eine Hürde darstellte – ganz im Gegenteil: In der Technologiebranche wird es tendenziell geschätzt, dass Menschen individuell sind. Es kann schon einmal vorkommen, dass ein Kunde überrascht ist, dass ich schwarz bin. Aber sie versuchen, es sich nicht anmerken zu lassen, und ich ignoriere ihre Überraschung. In den Tech- Firmen, in denen ich bisher aktiv war, galten Kompetenz und Engagement als Massstab. Wer einen guten Job macht, wird gefordert und gefördert. Ich denke, wenn man sich mit seiner Identität wohlfühlt und in der richtigen Firma arbeitet, ist Diversität ein grosser Pluspunkt. Und auch viele Studien belegen, dass gemischte Teams, in denen Nationalität, Geschlecht, Alter oder berufliche Erfahrungen keine Rolle spielen, erfolgreicher sind.

Ein wichtiger Punkt ist auch, sich seiner Werte bewusst zu werden und danach zu handeln. Ich bin froh, dass ich schon immer sehr selektiv und selbstbestimmt bei der Wahl meiner Projekte und Prioritäten vorgegangen bin. Das habe ich von meinem Vater gelernt. Er war sehr fordernd und verlangte von uns Kindern, dass wir, wenn wir uns einmal für eine Sache entschieden haben, mit 100 Prozent Herz und Verstand dahinterstehen. Diese Lebensphilosophie teile ich bis heute mit meinen Kollegen: Immer das Beste geben, was sie auf Basis ihrer individuellen Fähigkeiten geben können.
Dabei ist es vollkommen okay, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Es geht nicht darum, „perfekt“ zu sein. Was bedeutet überhaupt „perfekt“? Wenn ich mir zum Ziel setzen würde, die perfekte Managerin zu sein: Wie liesse sich dann definieren, ob und wann ich dieses Ziel erreicht habe? Es kommt darauf an, seine eigenen Ziele zu definieren und auf dem Weg dahin die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, selbstkritisch und lernfähig zu bleiben. Das ist natürlich nicht immer einfach. Aber es lohnt sich.
Bei AWS leben wir eine intensive Feedback- und Fehlerkultur: Alle Mitarbeiter sollen sich ermutigt fühlen, Feedback zu geben und Feedback anzunehmen. Jede Stimme wird gehört. Jeff Bezos sagt dazu: „Personen, die häufig gute Entscheidungen treffen, geben schnell zu, wenn sie falsch lagen.“

Letztlich kann ich sagen, dass meine Erfahrungen mich zu einer Zukunftsoptimistin gemacht haben. Ich glaube an die Fähigkeit der Menschen, heutige Instrumente und Technologien anzuwenden, um die Welt für uns alle zu einem besseren Ort zu machen. Dafür haben wir das Wissen, die Ressourcen und die Kreativität. Was wir darüber hinaus brauchen, ist eine Renaissance der Moral und der Werte.

 

YVONNE BETTKOBER
Alter: 46 Jahre
Nationalität: Vater & Mutter Kameruner
Funktion & Rolle: Amazon Web Services, General Manager Schweiz
Wäre mein Leben ein Buch, würde der Titel wie folgt lauten: Keine halben Sachen.

Text: Yvonne Bettkober    Fotos: Tomek Gola