Sie zählt zu den 30 smartesten Menschen der Welt, ist Präsidentin des Brain Trust und der World IQ Foundation, engagiert sich am Institute of Brain Chemistry and Human Nutrition sowie im Vorstand der Gifted Academy für Hochbegabte. Sie führt ihre eigene Firma, setzt sich für Female Leadership und eine nachhaltige Ökonomie ein und forscht federführend im Bereich Neuroengineering. Das alles ist noch eindrücklicher vor dem Hintergrund, dass sie aus einer Region stammt, wo Wissenschaftler bis heute als verlängerter Arm des Bösen verfolgt, bedroht und gesellschaftlich ins Abseits gedrängt werden: dem Jemen. Das hält sie nicht von ihrer Mission ab. Im Gegenteil – es beflügelt sie. Dr. Manahel Thabet und ihr todesmutiger und lebensfroher Kampf für eine bessere Welt.

Ladies Drive: Manahel, der Austausch mit dir ist eine unglaubliche Ehre – und ein kleines Wunder: Du kommst aus dem Jemen, dem Land mit dem grössten Gender-Gap der Welt gemäss „Global Gender Gap Report 2018“ des WEF.
Manahel Thabet: Ja, es ist eine schwere Zeit für intellektuelle Menschen in der arabischen Welt. Dabei stammen so viele wissenschaftliche Grundlagen aus dem arabischen Raum, wie zum Beispiel Algebra, Algorithmen, Medizin, Chemie, Geografie … Die Araber waren in der sogenannten goldenen Ära extrem fortschrittlich. Bis ein einziger Islamist kam und in einer Fatwa äusserte, dass Wissenschaft die Kunst des Bösen sei. Das hat alles zunichtegemacht. Bis jetzt zahlen wir den Preis dafür. 800 Jahre später. Wegen einer Person, die Religion mit Wissenschaft in Verbindung gebracht hat.

Das gab es auch in Europa.
Stimmt, auch hier wurden Wissenschaftler gekreuzigt und „Hexen“ verbrannt. Aber in der arabischen Welt ist es bis heute so, dass, wo auch immer ein Wissenschaftler oder Intellektueller ist, er so lange bedrängt wird, bis er ihr Lied singt. Auch mein Umfeld drängt mich dazu, mich von der Wissenschaft loszulösen. Ich schwimme gegen den Strom, um meinen wissenschaftlichen Spirit am Leben zu erhalten. Ich sponsere meinen eigenen Research, bin eine unabhängige Denkerin, Gründerin meiner eigenen School of Thought, stolz darauf, das Idol vieler Millionen Araberinnen zu sein – und das ohne jeglichen Support. Nur wahre Freunde, die an mich glauben, allen voran meine Mutter und meine Familie, geben mir Kraft. Aber um die vielen Ideen in meinem Kopf in die Realität umzusetzen, braucht es ein Ökosystem. Das braucht wiederum Zeit.

Du hattest einen Traum als Kind. Du wolltest Astronautin werden. Was wurde aus diesem Traum?
Ich wollte nicht nur die erste Frau, sondern die erste Diabetikerin im Weltall sein. Ich habe diesen Traum noch nicht an den Nagel gehängt! Für mich ist Diabetes kein Hindernis. Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker. Meine Leidenschaft treibt mich an. Elon Musk schickt sein Auto in den Weltraum. Ich wünschte, ich könnte in diesem Auto sitzen! Aber dann realisiere ich, dass ich a) aus dem Jemen komme und b) eine arabische Frau bin. Das beraubt mich der Hälfte meiner Glaubwürdigkeit und dessen, was mich als Mensch ausmacht.

Das ist unvorstellbar für uns.
Ihr kennt dieses Gefühl nicht. Ich werde immer zuerst verurteilt, besonders als Frau in einem männerdominierten Umfeld, auch für meine Nationalität. Das Ausmass des wissenschaftlichen Rassismus ist sehr schmerzhaft. Ich bin wie betäubt, um keinen Schmerz mehr zu spüren.

Wie wehrst du dich? Wie kämpfst du dagegen an?
Ich kämpfe nicht. Ich umarme ihn. Schmerz wurde zu einem Teil von mir. Ich habe nach einem Helden gesucht. Ich habe keinen gefunden. Und so wurde ich selbst zur Heldin.

Was bereitet dir Sorgen?
Ich sorge mich um den menschlichen Geist und darum, wie begabte und hochtalentierte Menschen missachtet werden. Ich frage mich, warum 150 Jahre konventioneller Ausbildung keinen Einstein oder Newton für uns hervorgebracht haben. Menschen wie Steve Jobs oder Bill Gates kommen nicht aus dem konventionellen Bildungs- system. Sie kommen aus dem Leben. Sie haben die Grundlage der neuen, wissensbasierten Ökonomie gelegt, nicht weil sie so gut aus- gebildet, sondern weil sie anders waren.

Auch du hast das Zeug, unser Leben zu verändern. Vielleicht müsstest du nur woanders leben. Könntest du dir das vorstellen? Irgendwo im Weltall zum Beispiel? Gibt es überhaupt Leben ausserhalb unserer Erde?
Es gibt eine wissenschaftliche Theorie, dass 30.000 Zivilisationen rund um uns existieren. Diese Theorie stammt nicht von mir. Aber auch ich glaube nicht, dass das Universum nur für uns erschaffen wurde. Das wäre eine grosse Niederlage, wir sind eine unwürdige Spezies. Bislang fehlen uns die Tools, um das festzustellen. Wir können ausserhalb der Materie noch nichts erforschen. Aber in Genf gibt es den grössten Teilchenbeschleuniger der Welt. Das CERN ist derzeit der wissenschaftlich bedeutsamste Ort der Erde.

Warst du schon dort?
Nur als Touristin, um die Luft zu schnuppern. Aber da ich unabhängig bin, konnte ich nicht in die Labore. Und ich will unabhängig bleiben, will tun können, was ich will und wann ich es will. Mich interessiert das Quantenhirn und wie die Chaostheorie auf unser Gehirn angewendet werden kann. Ich beschäftige mich damit, wie unser Gehirn von der Physik gesteuert wird und nicht, wie bislang angenommen, von Chemie oder Biologie. Wenn wir klinisch tot sind – was passiert mit dem Gehirn? Unser Denken kommt von der elektrischen Energie, vom elektromagnetischen Feld, bestehend aus sechs verschiedenen Frequenzen. Das wird im Neuroengineering und im Neurofeedback praktiziert. Das ist Physik beziehungsweise Neuroquantology, wie ich es nenne. Daraus könnte man eine neue Wissenschaft kreieren, welche die Lebensdauer der Sinnesorgane verlängert – und das Leben der Menschen.

Was bedeuten Leben und Tod für dich?
Bei allem, was ich erlebt habe, bei all den Morddrohungen, besonders von den Muslimbrüdern, weil ich Wissenschaftlerin bin, wie oft ich entmutigt wurde, meine Glaubwürdigkeit infrage gestellt wurde … All das hat mich nur stärker gemacht. Jedes Mal, wenn sie mich bekämpfen, werde ich immuner gegen den Kampf. Bis zu dem Punkt, wo Leben und Tod zu ein und demselben für mich wurden.

Du bist so oft ausgezeichnet worden, auch international. Das sollte doch dazu beitragen, dir Respekt zu erweisen.
In Grossbritannien erfuhr ich viel Anerkennung, das hat mich sehr glücklich gemacht. Insbesondere The Freeman of the City of London war eine grosse Ehre. Ich wurde ein Mitglied der Royal Society of Medicine, mein Name wurde in der Wall of Honour der Royal Society verewigt. Das ist alles gut. Dennoch gibt es Hunderttausende Menschen mit hohem IQ auf dieser Welt, die ausgegrenzt werden. Sie haben keine Stimme.

Wissen als Gefahr für die Machthaber … Was machst du, wenn jemand mit einem Messer vor dir steht?
Ich würde nicht reagieren. Denn auch wenn er mich ersticht, ich töte diesen Sieg mit einem Lächeln.

Aber wir wollen dich hier – und lebendig!
Ich hänge weniger an dieser Erde als jeder andere Mensch. Ihr würdet erstaunt sein, was ich alles für die Sinnsuche unternehme. Ich habe es mit Ayahuasca probiert, was im Amazonas getrunken wird, habe eine Nahtoderfahrung mit einer Maschine gemacht, die den Sauerstoff auf das tiefstmögliche Niveau reduziert, war im Himalaya, habe 23 Tage mit niemandem gesprochen. All das sind Versuche, herauszufinden, was dahinterliegt. Seit meinem 18. Lebensjahr bin ich auf der Suche.

Welche dieser Erfahrungen hat dich tiefer blicken lassen?
Es war die Erfahrung, als ich nicht geplant hatte zu sterben (lacht). Ich war im Krankenhaus, mein Blutzuckerspiegel war sehr hoch. Und was passiert, wenn die Patientin schlauer ist als der Doktor? Er wollte Insulin spritzen, ich sagte, mein Zucker ist auf 500, gib mir nicht fünf Einheiten, denn bei mir sinkt der Spiegel mit jeder Einheit um 100 Punkte. Er antwortete, er gibt mir sieben Einheiten, und ich solle nicht widersprechen, schliesslich sei ich die Patientin und er der Arzt. Ich antwortete: Sie können mich nicht hypnotisieren, ich habe einen verdammt wachen Kopf. Er verabreichte sie mir trotzdem, und in weniger als einer Stunde fiel mein Blutzuckerwert auf 28. Als die Krankenschwester kam, lag ich im Koma. Sie gab mir Glukose und durchstach meine Vene. Ich wurde nicht von der Glukose, sondern vom Adrenalin wieder wach. Dann mussten sie das Insulin entfernen und mir Zucker geben. Während dieser ganzen Episode war ich an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Energien, ich sah verschiedene Dinge, die mir niemand glauben würde. Ich habe einige Areale in meinem Gehirn gespürt – nicht sterbend, sondern sich öffnend.

Hattest du Angst?
Nein. Das hängt vielleicht mit meiner Geschichte zusammen. Ich bin Asperger. Ich bin eine stolze Autistin. Ich habe den Augenkontakt trainiert – weil ich ihn mag. Aber es ist Schmerz dahinter. Ich habe bis zu meinem fünften Lebensjahr nicht gesprochen. Meine Eltern dachten erst, ich sei stumm. Sie brachten mich zu einer Therapeutin. Zum Glück waren wir damals in England. Die Ärztin hat sich dieses „behinderte“ Kind angesehen und meine mentalen Fähigkeiten getestet. Sie hat mich einem Intelligenztest unterzogen. Diesen habe ich mit 182 abgeschlossen. Ab 168 ist es unheimlich (lacht).

Wie aufregend! Wie ging es weiter nach dieser Nahtoderfahrung?
Ich habe die elektrische Energie gespürt. Danach habe ich mich mit Neuroengineering und Neurofeedback beschäftigt und in Dubai das erste Center für Neurofeedback im Mittleren Osten eröffnet. Ich hatte nicht das Geld, um es aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Vor drei Jahren starb mein Vater. Ich war zerstört. Aber er hat mir Geld hinterlassen. Und so konnte ich das Center eröffnen.

Wärst du nicht ein Segen für NASA, NSA und so weiter?
Du meinst, sie würden sich über eine autistische, jemenitische Wissenschaftlerin freuen (lacht)?

Wäre es etwas anderes, wenn du eine Schweizer Wissenschaftlerin wärst?
Selbstverständlich! Mein Ziel ist es, Ost und West miteinander zu verbinden. Es ist eine Frage der Zeit. Die arabische Welt und die muslimische Welt sollten Teil des Planeten Erde werden. Es ist an der Zeit, den Fundamentalismus und Fanatismus loszulassen. Es ist an der Zeit, über die Religion hinauszugehen. Der Glaube ist etwas Persönliches. Ich bin in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen, habe jüdische Freunde, christliche Freunde – das macht sie weder gut noch schlecht. Aber Entscheidungsträger hier hören das nicht gerne. Auch nicht, wenn ich sage, ich bin ein grosser Fan der israelitischen Wissenschaft. Sie kamen als Letzte in diese Region und sind heute die fortschrittlichste Nation in Wissenschaft, Medizin, Technologie. Sie haben die besten Universitäten und Bildungseinrichtungen. Aber Menschen anderer Religionen gelten hier als Gefahr. Oder religiöse Loser. Was auf das Gleiche hinauskommt. Die Fundamentalisten haben die 3 M: Money, Mind, Media. Was haben Leute wie ich? Wissen. Aber dieses Wissen nutzen nur ausgewählte Personen. Ich will mehr. Ich möchte die Welt zu einem besseren Ort machen. Ich möchte einen globalen IQ-Hub in der Schweiz lancieren, der die hellsten Köpfe der Welt verbindet. Ich habe bereits online etwas gestartet, wir haben es WIN genannt – World Intelligence Network. Über 80.000 High-IQ-Menschen aus der ganzen Welt haben sich bereits dem Netzwerk angeschlossen. Die genialsten Köpfe sind meist sehr introvertiert, nicht gut im Socializing, schliessen sich am liebsten ein, wo sie niemand verbiegen oder missverstehen kann, und vollbringen hinter verschlossenen Türen grossartige Dinge. Mein Traum ist es, diese Genies, die Top of the Tops, die Inkubatoren und Accelerators zusammenzubringen, um „knowledge-based economy products“ zu kreieren und einen neuen Wirtschaftskreislauf anzukurbeln. Du musst einer von ihnen sein, um sie zu verstehen.

Das sind oft Menschen, die zurückgezogen leben, keine Familie gründen, keine Kinder haben.
Ich bin nicht verheiratet und habe es auch nicht vor. Mein Hund und meine Katze sind meine Familie.

Werden diejenigen, die viele Kinder in die Welt setzen, die Zuwanderungsstaaten mal erobern?
Das können sie nicht. Eroberung erfordert Intelligenz. Die Welt ver- wandelt sich gerade in eine smarte Welt. Kids in Afrika wissen heute aufgrund der Smartphones, was Nike und Adidas sind. In Zukunft sehe ich virtuelle Staaten, Länder ohne Grenzen, die Kryptowäh- rungen verwenden. Wir werden uns zwischen diesen virtuellen Ländern ohne Reisepass bewegen können, nur mit einem Barcode. Das ist die Zukunft, auf die wir zusteuern. Wir wollen nicht, dass die Technologie in falsche Hände gerät. Die Menschheit hat eine genetische Störung. Manche Leute freuen sich darüber. Ich kann meine Meinung unverblümt äussern, denn ich kümmere mich nicht um die Konsequenzen.

Wie erfrischend undiplomatisch!
Das bin ich, wie ich bin, als autistische Person mit weniger emotionaler Intelligenz (lacht)! Und ich kann es nicht beheben. Das ist mein Defizit.

Du lebst seit 18 Jahren in Dubai. Ist Dubai ein guter Ort, um die Fäden für deine Vorhaben zu ziehen?
Dubai ist wundervoll! Ich kann mir hier ein Ökosystem aufbauen, habe den Grundstein für die Future Foundation gelegt, engagiere mich seit zehn Jahren ehrenamtlich für die Gifted and Talented Association. Als Ökonomin schreibe ich seit drei Jahren in der Zeitung, wie wir uns zu einer wissensbasierten Ökonomie entwickeln, wie wir die Wirtschaft neu verkabeln können, um sie nachhaltiger zu gestalten. Hierfür habe ich in Cambridge Nachhaltigkeit studiert.

Nachhaltigkeit ist das Top-Thema der jüngeren Generation.
Es ist nicht nur ein grosses Thema, es geht um viel. Manche sagen, die Welt ist schon öfter durch die Hölle gegangen, die Dinosaurier sind ausgestorben, Vulkane sind ausgebrochen … Das stimmt. Aber Vulkane sind etwas Natürliches. Die Brände, die Luftverschmutzung sind synthetisch. Diesen Prozess der Neuverkabelung der Wirtschaft habe ich in Cambridge studiert. Wir müssen nachhaltiger werden.

Welches Wissen möchtest du gerne weitergeben?
Ich möchte Neurofeedback unterrichten. Für konventionelle Themen bin ich nicht die Richtige. Wenn ich unterrichte, gibt es etwas Neues, zum Beispiel die Physik im Gehirn.

Wo möchtest du gerne unterrichten?
Ich bin noch auf der Suche nach dem richtigen Ort für die Veröffentlichung. Es gab drei Peer Reviews, abgesegnet vom Professor des Imperial College. Er wurde übrigens für den Nobelpreis nominiert – für die Forschung, die ich gemacht habe. Wahrscheinlich, weil er Brite ist.

Was für eine Ungerechtigkeit!
Am Ende hilft es der Menschheit. Es mag verrückt klingen, aber ich finde, der Planet Erde sollte mit dem Universum verschmelzen. Wir dürfen nicht einzelne Gruppen oder Länder ausschliessen. Dafür braucht es den Willen, die Welt zu verändern.

 

Text: Claudia Gabler    Fotos: Kim Pee