Doris Mancari hat eine beeindruckende Karriere hingelegt. Ungeplant. Ungewollt. Und doch macht die 46-Jährige gerade in der aktuellen Pandemie einen herausragend guten Job. Vielleicht weil sie nie vergessen hat, woher sie kommt, und stets Bodenhaftung bewies. Bescheidenheit und Demut in diesen Zeiten zu zeigen ist weitaus mehr als eine Zier. Die gelernte Schmuckverkäuferin ist CEO des Juweliers KURZ und navigiert das jüngst von Bucherer an die IGS AG verkaufte Unternehmen mit Empathie und Feingefühl durch die schwierigen Gewässer. Die gebürtige Italienerin über Verkaufsschlager in Zeiten von Corona und wie man seinen Mitarbeitenden in diesen Zeiten wieder so etwas wie Sicherheit gibt.

Ladies Drive: Wer oder was hat dich als Kind oder Teenager am meisten beeinflusst?
Doris Mancari: Als Kind, mehr noch als Teenager: mein Vater.

Wunderschön, gibt es einen speziellen Grund dafür?
Er war mein Held. Und wenn ich heute so drüber nachdenke, ist es wohl die Art und Weise, wie er mich erzogen hat und mit der Situation damals umgegangen ist, die ihn zu meinem Helden machte. Vielleicht muss ich ergänzen: Meine Eltern kamen als Immigranten in die Schweiz – als „Gastarbeiter“, wie man sie damals nannte. Was mich beeindruckte, war, wie er sich in der Schweiz eingelebt hatte, wie er mich und meine Schwester hier grossgezogen hatte – und was er uns an Werten beibrachte: Respekt, Dankbarkeit, Anstand. Das war ihm sehr wichtig. Er hat mir und meiner Schwester eine echt schöne Kindheit beschert. Ich habe immer zu ihm aufgeschaut – er war für mich ein Vorbild.

So schön, wenn man das über die Eltern sagen kann! Welchen Berufswunsch hattest du als Kind?
Ich bin sehr früh aus der Schule gekommen, weil ich ein Januarkind bin: nämlich schon mit 15 Jahren. Damals musste man zwei Jahre vorher schon eine Lehrstelle haben. Du kannst dir vor- stellen … Mit zwölf musste ich mich schon um eine Lehrstelle kümmern! Ich hatte doch damals keine Vorstellung davon, was ich mal werden sollte. Aber alle anderen wussten es (lacht): Coiffeuse! Na ja. Das habe ich mir dann einreden lassen, hab superschnell eine Lehrstelle gefunden und die Lehre mit 15 angefangen. Doch nach zwei Tagen bin ich weinend nach Hause zu meinem Vater gerannt. Der war glücklicherweise einfühlend und meinte nur: „Wenn es dir nicht gefällt, dann müssen wir jetzt etwas unternehmen.“ So habe ich am Montag die Lehre angefangen und am Donnerstag gekündigt (lacht herzhaft). Aber ich kann dir nicht sagen, dass ich schon immer das werden wollte, was ich heute bin. Das hatte ich nie so geplant.

Und wie ging’s dann mit deinem jungen Berufsleben weiter?
Ich war erst mal ein halbes Jahr lang Löterin. Das war eine Firma in Winterthur, die spezialisiert auf Blutdruckmessgeräte war. Ich bekam einen Plan, wie man die Printplatten zu bestücken hatte, und die hat man dann entsprechend gelötet. Das war total spannend! Danach bin ich mit dem verdienten Geld vier Monate nach England, um die Sprache zu lernen, nicht aber, ohne mich vor der Abreise noch mal um eine neue Lehrstelle zu bemühen. Ich lief durch die Stadt und kam an einem Juweliergeschäft vorbei. Ich habe durch die Schaufenster ins Geschäft rein geschielt, und da traf es mich wie ein Blitz, und ich dachte „Wow – das gefällt mir!“ Ich bin einfach reingelaufen und hab gefragt, ob ich mal zum Schnuppern vorbeikommen dürfte. Und so kam eines zum anderen. Kurze Zeit später hatte ich eine neue Lehrstelle als Fachverkäuferin.

Ganz einfach, also!
Ich hatte echt Glück. So hat mein Werdegang in der Uhren- und Schmuckwelt begonnen.

Deine Karriere war auch später nicht geplant?
Ich habe gar nichts geplant.

Was hat dir denn so sehr gefallen in dieser Branche? Das Bling-Bling?
Nein…das faszinierte mich noch nie. Ich stand einfach vor diesem Laden und dachte: „das ist es!“ Das sind wohlmöglich so magische Momente im Leben…

Heute bist du an der Spitze von KURZ Uhren und Schmuck. Ist es als Frau einsam in der Teppichetage?
Ein schwieriges Thema! Selbstverständlich ist es toll, das Frauen heute mehr als noch vor 20 Jahren die Möglichkeit haben, sich beruflich zu verwirklichen und dass ihr Wissen gesucht und ihr Können gesehen wird. Ich finde es gut, dass es mehr Frauen auch in der Führungsrige gibt und ich bin überzeugt, dass jede Frauen die es in eine Führungsposition schafft, das auch verdient hat. Aber ich bin auch nicht die, die mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Frauen an die Macht“ rumlaufen würde. Es braucht einfach beides, Diversität und ein guter Mix. Wenn wir in einem Unternehmen Chancengleichheit garantieren können, bekommt jede und jeder die Chance, die er oder sie verdient.

Und wie beobachtest du die heutige Frauengeneration?
Ich finde die heutigen Jungen wirklich toll. Wenn ich die heute so beobachte wie sie sich anziehen, wofür sie sich schon in jungen Jahren interessieren: Das finde ich echt cool. Was mir allerdings auffällt ist, die Ungeduld dieser Generation. Sie kommen als Frischling aus der Ausbildung und wären am liebsten ein Jahr später schon Chef. Sie haben keine Geduld einen Weg zu gehen, um ein Ziel zu erreichen.

Was sind für dich die grössten Herausforderungen zurzeit?
Wir erleben ja alle eine bemerkenswerte Zeit. Ich denke, die grösste Herausforderung ist jetzt, mit der Situation richtig umzugehen. Was ist richtig? Ich denke da vor allem an unsere Mitarbeitenden. Die grösste Herausforderung ist es, ihnen ein sicheres Gefühl zu geben. Weil: Schlussendlich sind sie doch unser Kapital – und sie sind in unserem Falle auch der Kontaktpunkt zu den Kundinnen und Kunden. Wenn du unmotivierte oder unsichere Mitarbeitende hast, dann hast du als Chef, als Leader nicht die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass deine Leute einen guten Job machen können.

Wie schaffst du das?
Man muss nahbar sein. Viel kommunizieren. Wir sind ja auch in der Situation, dass wir in diesem Jahr einen Eigentümerwechsel hatten – von Bucherer zur IGS AG. Da ist die Nähe zu deinem Team umso wichtiger. Ich besuche beispielsweise unsere Filialen regelmässig – höre zu, motiviere. Das macht sehr viel aus. Und die andere Herausforderung ist logischerweise Corona. Man hört jeden Tag etwas Neues, man weiss nie, was noch kommen mag. Die Unsicherheit, die mangelnde Perspektive ist auch eine unternehmerische Herausforderung. Wir arbeiten „ganz normal“ und hoffen darauf, dass alles gut kommt – und wir alles so wie geplant durchführen können. Gleichzeitig muss man damit versöhnlich sein, wenn Dinge sich zurzeit eben schnell ändern können. Dann ist es eben so. Ich halte mich nicht mit Dingen auf, die ich nicht ändern kann. Wir
können nichts anderes tun, als die Situation gerade gemeinsam ernst zu nehmen – denn ich trage ja Verantwortung für mein Team. Und wenn ich leichtfertig etwas aufs Spiel setzen würde, weil ich Corona nicht ernst genug nähme, und dann würde jemandem aus dem Unternehmen deswegen etwas passieren – das könnte ich mir nie verzeihen. Was mich als Leader beschäftigt, ist, dass man sich beständig informieren muss darüber, was gerade läuft – ob man mag oder nicht. Du kannst nicht sagen: „Kein Bock mehr, das hör ich mir nicht mehr an.“ An der Spitze eines Unternehmens geht das nicht.

Und in Bezug auf das Unternehmen, wie soll sich KURZ in Zukunft weiterentwickeln?

KURZ muss explodieren (Gelächter)! Wir haben mit Christine Stucki von der IGS AG eine neue, starke Eigentümerin, und für uns als KURZ ist das ganz klar eine tolle Chance! Und wir sind natürlich auch froh, dass wir unsere Strategie weiterführen können, die wir angedacht haben. Zum Glück gefällt sie auch der neuen Eigentümerin. Das ist bei einer Übernahme nicht selbstverständlich. Jeder Tag ist eine Herausforderung, und wir versuchen, uns ständig zu verbessern, weil man ja nicht stehen bleiben mag – und kann.
Wir haben in der neuen Konstellation kürzere Wege und können so innovativ bleiben – das war ja auch mal die ursprüngliche Vision des Gründers Armin Kurz. Er wollte qualitativ hochwertigen Schmuck und Uhren für den All- tag anbieten – nicht nur teure Juwelen, die man nur zu besonderen Anlässen tragen kann. Und das ist es, was wir noch heute tun. Kundinnen und Kunden dürfen sich bei KURZ frei bewegen und auch einfach mal flanieren, was bei anderen Juwelieren eher nicht üblich ist.
Mein Wunsch wäre, dass die Leute bei uns reinkommen und auch mal nur einen Kaffee trinken können, weil es einem unserer Kundinnen oder Kunden am Samstagmorgen mal langweilig ist. Welcome! Die Nähe zu den Kundinnen und Kunden war und ist uns wichtig. Das haben wir auch seit Beginn der Pandemie gespürt. Im Lockdown im Frühling haben uns die Kundinnen und Kunden am Telefon schon fast bombardiert – manchmal einfach nur, um zu reden und zu fragen, wie es uns geht und wie es läuft.Mir scheint wichtig, dass auch so etwas ganz Menschliches in der heutigen Zeit seinen Platz haben darf.

Sich Zeit nehmen für Menschen ist unendlich wichtig…
Ja, das sehe ich auch so. Wenn man uns im Lockdown angerufen hat – sagen wir mal in der Filiale Zürich – wurden die Anrufenden direkt an den Geschäftsführer weitergeleitet. Das hat die Beziehung zu unseren Kundinnen und Kunden vertieft. Wir sind ja eine Branche, die Emotionen in Schmuck überträgt. Deshalb sollten wir auch einen emotionalen Umgang mit unseren Kund*innen pflegen.

Deine Karriere in der Branche klingt nach einer langen,erfolgreichen Geschichte.Gab es auch dunkle Zeiten?
Aber sicher! Ich war viele Jahre Einkäuferin für einen weiteren grossen Schweizer Juwelier. Ich weiss noch, wie ich am ersten Tag im stillen Kämmerlein geweint hab. Man bombardierte mich mit Word-Dateien, Excel-Listen und Powerpoint-Präsentationen. Damals hatte ich zuvor noch keine Berührungspunkte mit diesen Programmen gehabt, und ich war total überfordert. Aber ich dachte mir: „Reiss dich zusammen – geh raus und versuch’s einfach!“ Und irgendwie hab ich das gepackt. Das war eine grossartige Schule. Ich hab gespürt, wie sehr ich diese Branche, das, was ich tue, liebe, und hab dann in der Folge durchaus einen Ehrgeiz und Ambitionen entwickelt. Als ich acht Jahre später bei Juwelier KURZ die Uhrenabteilung leiten durfte, durfte ich mich auf eine neue Rolle freuen, in der ich durchaus glücklich bis zur Pensionierung geblieben wäre. Ist schön, wenn man das sagen kann (lächelt).

Von der Verkäuferin zur CEO. Schon eine wahnsinnige Karriere …!
Ja, absolut … Aber ich habe schon immer wahnsinnig viel gearbeitet. Eine Karriere fällt dir nie einfach so in den Schoss. Und nur weil ich an der Spitze stehe, heisst das ja nicht, dass ich alles weiss und kann. Der Erfolg von KURZ ist eine Teamleistung. Wir sind 100 Leute – wir alle leben für das, was wir tun, identifizieren uns mit dem Unternehmen. Deshalb funktioniert das auch so gut. Ich sage auch immer: Dank meinem Team geht es mir so gut. Ich bin extrem dankbar.

Was wird sich im 2021 für euch ändern – was sind konkrete Pläne?
Neue Standorte, eigene Kollektion – und: ein Online Business aufbauen. Ein grosses Learning aus diesem Jahr. Die neuen Eigentümer haben ein gut laufendes Online-Business. Davon können wir enorm profitieren im Moment und schon zu Weihnachten 2020 gibt es eine erste eigene, neue Kollektion. Mehr verrate ich im Moment nicht…wichtig ist uns allerdings: ein gesundes Wachstum.

Wie ist denn eigentlich der Stellenwert von Schmuck ganz allgemein mit Corona und dieser Pandemie? Wie hat sich das verändert?
Schmuck hat enorm an Bedeutung hinzugewonnen.

War das so ein bisschen nach dem Motto „Ich gönne mir jetzt etwas“?
Wir hatten exemplarisch eine Kundin in einer Filiale, die sich einen superschönen Solitär gekauft hat und meinte: „Das sind jetzt meine Malediven-Ferien von diesem Jahr.“ Im Vergleich zu anderen Mitbewerbern hatten wir schon immer 90 Prozent Schweizer Käuferschicht. Ent- sprechend haben wir eher profitiert – unser Schmuckgeschäft entwickelt sich gerade sehr gut! Nach dem Lockdown gab es übrigens einen klaren Verkaufsschlager: Eheringe!

Und was haben die letzten Monate mit dir – als Mensch – gemacht?
Ich habe schon sehr gelitten, niemanden sehen zu können. Man hat plötzlich mehr Zeit mit sich, hat mehr Möglichkeiten über sich und die eigene Situation nachzudenken. Ich bin zum Beispiel dankbar, hier in der Schweiz diese Krise erleben zu dürfen. Verglichen mit anderen Ländern, geht es uns hierzulande noch immer sehr gut. Ich versuche positiv nach vorne zu gehen – das ist ein wichtiges Zeichen nach Innen und nach Aussen. Wir geben den Mitarbeitenden, den Kundinnen und Kunden ein Zeichen, dass wir weitermachen, nach vorne blicken, dass neue Kollektionen, neue Dinge kommen werden. Mir ist aber auch erneut bewusst geworden, dass ich hin und wieder „Me Time“ brauche. Zwei Tage Zeit nur für mich.

Was ist denn dein Lieblingsschmuckstück, vielleicht eines, das dir Sicherheit gibt …?
Hmm. Ich habe einen Ring, den ich mir gekauft hab, aus einem ganz bestimmten Grund. Die Geschichte dahinter hat mich geprägt und berührt mich, deshalb würde ich diesen Ring als Lieblingsstück bezeichnen. Und ich gehe nie ohne meine Uhr aus dem Haus.

Du bist wahrlich im richtigen Job gelandet.
Definitiv!

www.kurz1948.ch

Text: Sandra-Stella Triebl & Angela Meleti, Mitarbeit: Sara Rodrigues Almeida
Fotos Francipani Kollektion: KURZ   Portrait: Maya & Daniele