DIVERSITY STORIES #3

Mainstream bin ich nicht.

Von Kindheit und der DNA her bin ich anders geprägt. Meine Mischung ist helvetisch- amerikanisch, männlich-weiblich, Abenteuer-und- Leistung, und in Summe bringe ich den anderen Blick auf
die Dinge. Als Role-Models sehe ich Pippi Langstrumpf und Elon Musk.

Pippi Langstrumpf bringt mich zum Lachen, wenn sie sagt: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut!“. Während Experten und Bedenken-Träger debattieren – oder noch nach der Bedienungsanleitung suchen –, schreiten Leute wie Pippi bereits zur Tat. Es gibt Tage, da sehe ich in meiner Mutter eine Pippi Langstrumpf und in mir selbst auch.
Mit den Jahren lernte ich, spontan gefasste Pläne nochmals nachzuprüfen. Ich lernte, langfristiger zu planen und bei der Ausführung Anpassungsfähigkeit und Ausdauer zu zeigen. Mir gefällt der Ansatz von Elon Musk, der die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg seiner Mars-Kolonie als klein einstuft, was ihn nicht davon abhält, trotzdem seit 20 Jahren die Vorbedingungen dafür zu schaffen.

Wenn ich mit Diversity in Verbindung gebracht werde, dann wegen meiner Geschlechter-Angleichung. Sie war risikobehaftet, mir persönlich aber so wichtig wie Elon Musk sein Mars-Projekt. Auch ich brauchte 20 Jahre Vorlauf. Als ich es 2012 geschafft hatte, war es ein Ereignis in meinem Leben, das selbst ein Ticket zum Mars nicht hätte toppen können. Statt dem fernen Blick aus dem Weltraum bietet sich mir seither ein realistischer, naher Blick auf Geschlechter-Stereotype. Welche Unterschiede ich sehe, habe ich im Ladies Drive „Coffee Run“ auf YouTube bereits beschrieben, daher wiederhole ich mich hier nicht.

Pippi Langstrumpf und Elon Musk sind für mich Beispiele für Diversity, weil sie Querdenker sind. Diversity erschöpft sich nicht nur in Geschlecht und Nationalität. Sie spiegelt sich auch in interessanten Werdegängen. Jeder von uns trägt Geschichten in sich zu Abweichungen von der Norm in unserem Werdegang oder Wesen, die uns stolz machen oder peinlich berühren und die in Entscheidungsprozessen den wertvollen anderen Blick bieten. Wie sind wir aufgewachsen? Was war dabei nicht Mainstream? Wie haben wir uns in die Gesellschaft einsortiert? Welchen anderen Blick haben wir dabei entwickelt? Lebensläufe und was dahintersteht interessieren mich bei Einstellungsgesprächen.
Mein Lebenslauf ist ein Produkt ohne Besteller. Er bietet den anderen Blick. Die Beratungsbranche findet ihn toll. Er eignet sich auch zum Unternehmertum. Schon meine Kindheit war nicht Mainstream, das merkte ich im Vergleich zu meinen Klassenkollegen in der Schule. Ich wuchs als jüngstes Kind von fünf in einem Transport-Betrieb auf, in dem alle mithelfen sollten, in allen Bereichen, egal ob wir was davon verstanden oder nicht. Geht nicht, gab’s nicht. Es wurde erwartet, dass wir es irgendwie wenigstens versuchen. Es galt, das Unperfekte aushalten auf dem Weg zu mehr Perfektion. Es galt, weiterzukommen durch hartnäckiges Rekonfigurieren in Richtung Erfolg. Es galt, rasch vom Amateur zum Experten zu werden. Das erlaubte mir den Einstieg ins TV-Geschäft mit Zattoo als Online-TV-Produkt und Firma, ein Erfolg, den „Experten“ damals anzweifelten.

Da die TV-Server auch drehen, wenn wir in Ferien sind, und ich daher zur normalen Ferienzeit in den Ferien weilen kann, erzähle ich mal, wie das mit Ferien war in meiner Kindheit. Als andere in den Sommerferien nach Italien an den Strand und in den Winterferien in die Berge reisten, fuhren wir sie hin, pflegten das Fahrzeug, schleppten die Koffer und rechneten die Reise ab. Auch zwischen den Ferien war immer was los. An Sommer-Wochenenden war sicher bei einem Mähdrescher der Hydraulikschlauch geplatzt, also kam er zu uns in die Notreparatur, und an Winter-Wochenenden musste der Pikettdienst für Schneeräumungen ausrücken. Oder es war wieder mal Ostern, an dem ich mit Mutter für etwa 1.000 Gäste Ostereier und Schoggihasen einkaufte und sie auf dem Balkon so zackig in kleine Nester füllte, dass sie in der Sonne nicht vorher wegschmolzen.
Die Erholung anderer war für uns Arbeit. Das ist einschneidend. Ich habe mit diesem Teil des Andersseins der Kindheit Frieden geschlossen. Ich habe gelernt, Erholung irgendwie dazwischenzuschieben. Ich glaube, dass die Selbstbestimmung, die dem Unternehmertum eigen ist, Kraft gibt. Bis heute pflege ich ein vom Durchschnitt abweichendes Verhältnis zur Abgrenzung von Erholung und Arbeit. Nicolas Hayek hat sinngemäss gesagt, er hätte keinen Tag im Leben gearbeitet, und er meinte damit, dassihmseineArbeitauchKraftgab.AlsAussenseitermitgeografischer undkulturellerDiversity–erwarimLibanongeboren–haterzurZeit der Stagnation der 1970er-Jahre das Uhrengewerbe gerettet. Ich vermute: Ohne seine unübliche Herkunft und Biografie hätte er es gar nicht erst gewagt, und ohne sein kraftvolles Wirken (eben nicht Arbeiten nach seiner Definition) hätte er es nicht geschafft.
Ich blicke mit Optimismus in die Zukunft. Wir sind dabei, Diversity nicht mehr zu ignorieren oder zu trivialisieren oder mehr noch sie wie im Dritten Reich ausmerzen zu wollen, sondern wir begreifen Diversity als wichtige Quelle für den anderen Blick.

Es ist auch langsam an der Zeit. Ohne Diversity gäbe es keine Evolution vom Einzeller zum Menschen, sind es doch die Abweichungen von der Norm, die aus dem Einzeller den Zweizeller und so weiter bildeten. Das Gleiche gilt für die Kulturgeschichte: Errungenschaften der Menschheit, auf die wir uns alle verlassen und als selbstverständlich einstufen, begannen zunächst als Abweichung von der Norm.
Diversity steckt in jedem von uns. Wer total normal ist, ist abnormal. Wir tragen Diversity in uns: mit einzigartiger DNA und unterschiedlichen familiären Herkünften, die wir uns nicht ausgesucht haben und deren Einflüsse uns ein Leben lang begleiten, sowie mit individuellen Werdegängen, die nie identisch sind.
Lernen wir, diese unsere Diversity nicht nur zu respektieren oder zu tolerieren, wie so gern „politically correct“ gesagt wird, sondern sie auch zu schätzen. Es lässt nichts Gutes vermuten, wenn wir sagen „Wir tolerieren unsere Nachbarn“. Besser wäre: Zeigt Freude an euren persönlichen Unterschieden, nicht nur an Geschlecht und Kultur, sondern auch an Werdegang, Denken und Handeln. Toleriert nicht nur das von der Mehrheit Abweichende, sondern kennt und schätzt auch dessen Vorzüge. Schätzt „Differences that make a difference“, also interessante Unterschiede in Herangehensweise, Innovieren oder, wie ich gern sage, den anderen Blick. Er hilft uns, irgendwie, irgendwann, irgendwo etwas zu sehen, was andere nicht sehen, oder etwas zu tun, was andere nicht tun können.

 

BEA KNECHT
Alter: 53
Nationalität: Vater & Mutter Schweizer
Funktion & Rolle: Founder and Board Member, Zattoo International AG, Levuro AG, Genistat AG
Wäre mein Leben ein Buch, würde der Titel wie folgt lauten: Der andere Blick

Text: Bea Knecht   Fotos: Tomek Gola