Perfektion war noch vor 15 oder 20 Jahren das, was ich unbedingt anstrebte und zu fassen suchte. Perfektion versprach, dass Menschen dich mögen. Dass du deinen Job gut machst. Dafür Lob kriegst. Dass Menschen dich nicht kritisieren können, weil du ja perfekt bist. Also versuchte ich, alles möglichst gut und möglichst schnell zu machen. Mit 15 Jahren schon als Reporterin des damals ersten baden- württembergischen Privatradios Hochrhein Antenne 3 zu arbeiten, zum Beispiel. Oder mit 20 Jahren schon beim Schweizer Fernsehen vor der Kamera zu stehen. Im Studium insgesamt fünf Jobs „nebenbei“ zu machen (unter anderem als Nachrichten-Redakteurin von Radio Argovia) und gleichzeitig bei meinem Master einen Gesamt- Notenschnitt von 5,7 hinzukriegen. Letzteres fand ich ätzend. Denn es war kein summa cum laude. Diesen Zeilen ist schon zu entnehmen: Ich war echt ambitioniert und hasste es, etwas falsch zu machen. Kritik an meiner Arbeit kränkte mich zutiefst, denn ich wollte ja einfach nur gut sein. Ohne Tadel eben. „Miss Perfect“ und „Everybody’s Darling“. Hm. Wenn ich heute so drüber nachdenke, kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Wieso denke ich heute anders?

Weil mir das Leben passiert ist.

Und das Leben ist nicht immer perfekt. Als ich 24 Jahre alt war, erkrankte meine Mutter zum ersten Mal an Brustkrebs. Ich begleitete sie zur Chemotherapie, war dabei, als sie sich stundenlang übergeben musste. Plötzlich war meine heile Welt aus den Fugen geraten. Seither ist so unendlich viel passiert. Meine Mutter starb, als ich 38 Jahre alt war, an Krebs. Ihr Martyrium über all diese Jahre können Sie sich vielleicht vorstellen. Mein Vater hat Multiple Sklerose. Er begann nach dem Tod meiner Mutter zu trinken, leidet schlussendlich seit einigen Jahren an einer alkoholbedingten Demenz und wird heute in seinem Zuhause von zwei Haushälterinnen betreut. Meine Schwägerin starb unerwartet im Alter von 53 Jahren. Einer meiner Brüder hat Prostatakrebs, mein Patenkind hatte im Alter von 25 Jahren Hodenkrebs. Und das ist nur ein Teil meiner Familiengeschichte. Klingt alles nach „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ – nur eben, dass dies Geschichten sind, die das Leben schrieb.
All das musste mir vielleicht widerfahren, damit ich eines begreife: Das Leben ist nie perfekt und dennoch erblüht aus Imperfektion so unendlich viel an graziler, delikater und auch fragiler, aber betörender Schönheit – wenn man diese denn bereit ist zu erkennen. Irgendwann lag ich ob all dieser Ereignisse wie ein Käfer auf dem Rücken und gab auf. Ich gab auf, mich gegen das Leben und das, was mir widerfuhr, zu wehren. Ich hörte auf, mich als Opfer zu sehen. Sondern sah mich als Beschenkte, die am Leben ist und all die Liebe, die ich in mir trage, weitergeben darf. Ich begriff, dass ich das Leben leicht nehmen darf, dass ich fliegen und rumflattern darf, dass ich in keiner Schublade gefangen sein muss, dass ich tun darf, was immer ich mag, dass ich diese unendliche Freiheit einatmen und geniessen kann, wenn ich mich dem Leben bedingungslos übergebe.
Ich hab mich sukzessive aus den Schubladen, in die ich mich selbst und in die mich andere im Laufe meiner Karriere gesteckt haben, befreit. Wenn man heute zu mir sagt: „Aber als Unternehmerin und Verlegerin kannst du das oder jenes doch nicht machen“, antworte ich einfach mit: „Wieso nicht? Haben es die Zwerge etwa verboten?“. Das beendet meist maliziös gemeinte Fragen, wieso ich mich gewissen Konventionen nicht beugen möchte.

Wieso tue ich das alles?

Es ist so unendlich befreiend!

Ich hab Talente und Potenzial in mir entdeckt, von denen ich gar nichts ahnte. Und all das, seit ich begonnen hab, Vorurteile und Schubladendenken abzulegen. Und meinen Perfektionismus. Das ist auch der Grund, wieso ich das Buch „Mein Boss, die Schlampe. Brechen Sie jetzt aus den Schubladen aus, in die Sie gesteckt wurden“ geschrieben habe. Während der letzten fünf Jahre. Allein in den letzten 13 Jahren Ladies Drive durfte ich über 2.000 Interviews und Gespräche mit führenden Frauen in Wirtschaft, Politik und Kultur führen – und was ich wiederholt an Schubladendenken und Erfahrungen, die man mir „off the record“ erzählte, erfahren habe, hat Einzug in dieses Buch gefunden. Das „müssen“ und „sollten“ in unserem (Berufs-)Alltag hält uns ab, das Beste in uns zu entdecken – davon bin ich heute zutiefst überzeugt.

Vermutlich ist genau deswegen Imperfektion für mich heute so erstrebenswert, fast schon ein Ideal. Denn Perfektion und alles, was da so hübsch geordnet in irgendeiner Schublade liegt, ist nicht das Leben. Es ist sogar unrealistisch, wenn man es genauer betrachtet. Oder wer hat uns bitte jemals versprochen, dass unser Leben bis zum letzten Atemhauch perfekt und wie auf Schienen laufen wird? Dass wir immer glücklich und froh sein werden? Glück und ein zufriedener, bewusster und achtsamer Umgang mit sich erwachsen aus dem Gefühl, dem Leben keinen Widerstand zu bieten.

Also: Räumen wir die Schubladen in unseren Köpfen. Befreien wir uns von Konventionen. Überlassen wir uns dem Leben. Und umarmen wir alles, was schräg ist, anders oder unperfekt.

 

Text: Sandra-Stella Triebl    Fotos: Tomek Gola