Wenn Dr. Antonella Santuccione Chadha ihr Women’s Brain Project (WBP) vorstellt, muss sie sich durchaus mal anhören „Schon wieder was nur für Frauen?“.
Dabei ist es ein Fakt, dass Medikamente und Impfungen während Jahren nicht ausreichend an Frauen getestet wurden – und teilweise wieder vom Markt genommen werden mussten, weil die Medikamente bei Frauen Nebenwirkungen auslösten, überdosiert waren oder komplett versagt haben. „Es wird Zeit, dass wir das ändern, auch in der Hirnforschung“, so die 46-jährige gebürtige Italienerin kämpferisch. Eigentlich braucht WBP nur eine Million Schweizer Franken pro Jahr über die nächsten fünf Jahre, um ein Institut aufzubauen, an welchem heute schon über 60 Forscher*innen weltweit pro bono arbeiten. Doch die Finanzierung ist noch nicht vollständig gesichert.

Ladies Drive: Antonella, was ist das Women’s Brain Project (WBP)?
Dr. Antonella Santuccione Chadha: Wir möchten das weltweit erste Geschlechts-Präzisionsmedizin-Institut gründen. Ich habe das Women’s Brain Project (WBP) 2016 mit drei Kolleginnen gegründet, um zu untersuchen, welchen Einfluss Geschlechterunterschiede auf das Gehirn sowie hinsichtlich seelischer Erkrankungen haben. Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen nie genau gleich, ebenso wirken Medikamente anders. Gewisse Erkrankungen trifft das eine oder andere Geschlecht häufiger. Frauen haben beispielsweise öfter Multiple Sklerose, leiden zahlenmässig stärker an Depressionen, Angstzuständen sowie Alzheimer. Aktuell arbeite ich bei Biogen als Head of Stakeholder Engagement Alzheimer. Davor beim Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic, ich war sechs Jahre lang in der Psychiatrie des Universitätsspitals Zürich und habe mit eigenen Augen gesehen, wie Medikamente bei den Geschlechtern unterschiedlich wirken. Fünf Jahre nach der Gründung des Projekts arbeiten 60 Forscher*innen weltweit für uns – allesamt pro bono. Das möchte ich ändern, indem ich WBP auf die nächste Stufe hebe. Doch dazu fehlen aktuell noch Investoren. Dabei ist es so augenscheinlich, dass wir hier – zugunsten beider Geschlechter – etwas tun müssen. Lass mich das erklären: Frauen leben statistisch gesehen länger, aber mit viel mehr und vor allem gleichzeitig auftretenden Krankheiten als Männer. Frauen haben mehr Schmerzen, nehmen mehr Medikamente. Es werden den Frauen tatsächlich mehr Medikamente verschrieben als den Männern. Frauen leben länger, aber wie leben wir? Scheinbar nicht so gesund, wie das sein sollte. WBP untersucht Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Erkrankungen insbesondere des Gehirns sowie seelischen Erkrankungen. Beispielsweise wird Bildung als Präventivmassnahme gegen Demenz angesehen. Jedoch sind Frauen weltweit weniger gebildet als Männer, was ein Grund ist, dass Frauen häufiger an Demenz leiden. Frauen haben häufig keine gute Versicherung – und wenn sie älter werden, ist die Leistung entsprechend schlechter, und wenn man nicht die besten Zusatzversicherungen bezahlen kann, kann man nicht den besten Arzt besuchen. Es ist ein Teufelskreis. Es geht nicht nur um Geld, Emanzipation und Spass, es geht um langfristige Pläne für das Leben. Zu wissen, dass man nicht allein krank, arm und alt wird. In den OECD- Ländern gibt es übrigens auch eine höhere Institutionalisierung von Frauen. Das bedeutet, mehr Frauen landen in Pflegeheimen als Männer. Zudem werden Frauen mehr antipsychotische Medikamente verabreicht im Alter. Dies ist ein indirekter Indikator für niedrige Qualitätsstandards in der Pflegebetreuung. Diese Medikamente bewirken, dass das Gehirn quasi ausgeschaltet wird. Darüber müssen wir doch echt mal nachdenken.

Ist das mit den Pflegeheimen nicht auch deshalb statistisch relevant, weil Frauen älter werden und deshalb häufiger in eine Pflegeinstitution kommen?
Das ist relativ mit dem Älterwerden, denn es sind statistisch nur drei bis vier Jahre in Europa! Ich glaube, es ist ein falsches Narrativ, welches hier vorherrscht. Aus meiner Sicht macht diese längere Lebensperspektive am Ende des Lebenszyklus keinen grossen Unterschied. Ich glaube eher, dass die gesundheitlichen Unterschiede von den jüngeren Jahren herrühren. Frauen haben einen anderen Lebensstil, besonders, wenn sie eine betreuende Rolle in der Familie übernehmen. Sie verdienen weniger, sie haben mehr Belastung, sowohl im Beruf als auch in der Familie.

Erkläre mir in deinen Worten, wie du mit dem Women’s Brain Project wachsen möchtest.
Ganz einfach! Generell gesprochen sehen wir bei fast allen Erkrankungen Geschlechterunterschiede. Mithilfe unserer Forschung werden wir eine Anleitung erstellen, in der diese Unterschiede bei der Entwicklung von Medikamenten berücksichtigt werden können. Das bringt Präzision in die Medizin, es bedeutet, das richtige Medikament für die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt zu haben. Und das wiederum bedeutet im Endeffekt eine Reduktion der Gesundheitskosten, weil wir beispielsweise deutlich weniger Nebenwirkungen sehen werden. Dies ermöglicht dem Gesundheitssystem, nachhaltig funktionieren zu können.

Also individualisierte Medikation quasi?
Genau. Nur kurz zwei Beispiele, was passiert, wenn wir diese Geschlechterunterschiede nicht von Anfang an beachten: Das General Medical Office in den USA hat 2001 einen Report über zehn spezifische Medikamente verfasst. Die Fakten des Reports erdrückend: Acht der zehn Medikamente mussten wieder vom Markt genommen werden, weil diese acht Medikamente mehr Nebenwirkungen bei Frauen gezeigt hatten. Wir sprechen also von schlimmen Nebenwirkungen. Und es bedeutet auch gleichzeitig, dass wir Geld verschwendet haben. Zudem konnten somit aber auch all jene Personen, die tatsächlich von diesem Medikament profitiert haben, das Medikament nicht mehr kaufen, weil es nicht mehr in der Apotheke verfügbar ist. Wir haben Geld, Leben und ein Medikament verloren! Das zweite Beispiel ist ein 2019 auf den Markt gebrachtes HIV-Medikament, zugelassen zur Prävention von HIV nur bei Männern. Wieso? Weil keine einzige Frau für die Studie rekrutiert wurde! Die Regulatoren der Zulassungsstelle haben durchaus zu Recht gesagt, ohne Frauen in der Studie können wir das Medikament nicht bei Frauen zulassen. Der Entwickler hat die Hälfte der potenziellen Nutzer seines Medikaments aber somit verloren.

Wieso ist es nicht längst ein Standardprotokoll, dass bei solchen Studien für Medikamente Frauen einbezogen werden müssen?
Schuld ist in diesem Falle ein historischer Bias, dass nur männliche Homosexuelle und Transsexuelle HIV bekommen und Frauen nicht. Eine übrigens komplett falsche Wahrnehmung! Wir wissen heute, dass sich insbesondere jüngere, heterosexuelle Frauen mit HIV anstecken. Zurück zu deiner Frage: Wenn Medikamente verschrieben werden, haben sie oft keine richtige Wirkung bei den Patient*innen. Das nennt man „shallow medicine“, um Eric Topol, den Editor des grössten Medizinportals Medscape zu zitieren. Diese Durchschnittspatient*innen, die man bei der Herstellung des Medikaments quasi inkludiert, existieren nicht. Unpräzise Medikation ist verantwortlich für derart stark wachsende Kosten im Gesundheitswesen, weil Nebenwirkungen die Menschen noch kränker machen.

Aber wieso wird das so nicht gemacht?
Aufgrund der Arbeit des WBP lernen wir, diese Unterschiede zu berücksichtigen. Wenn man chronische, komplexe Erkrankungen behandeln möchte, muss dies genau beobachtet werden. In Amerika gibt es bei der FDA ein Women’s Health Office, das dort die Regulatoren und die Gesellschaft über Gender Medicine aufklärt. In Europa haben wir das nicht. Das WBP ist daher im aktivem Dialog mit Regulatoren auf der ganzen Welt. Letzten Herbst hatten wir endlich einen ersten Roundtable mit der FDA sowie kanadischen, europäischen und australischen Regulatoren. Das Ziel dieser ersten Diskussionen war ein Plan, wie man in Europa auch so ein Women’s Office etablieren könnte – und genau das machen wir jetzt, was ein grosser Erfolg ist. Um auf deine Frage zu antworten – es kostet viel. Um alles von Anfang an tipp- topp zu machen, das kostet viel, sicher viel mehr Geld als jetzt. Stell dir vor – die Uni Zürich ist die erste in Europa, die für angehende Mediziner*innen vertiefende Studiengänge zum Thema „Sex & Gender“ anbietet. WBP publiziert regelmässig darüber. Fakt ist also auch, dass nicht mal in der Ausbildung der Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen auf die Variable Geschlecht Wert gelegt wird. Ich habe über WBP am Global Women’s Summit in Basel einen Vortrag gehalten, welcher innerhalb der Industrie hohe Wellen geschlagen und eine interne Diskussion ausgelöst hat.

Wieso wirken denn Medikamente bei Frauen anders? Könnte es an den Hormonen oder am Stoffwechsel liegen, oder was ist der Ursprung dieses Unterschieds?
Wir wissen beispielsweise, dass bei an Alzheimer erkrankten Frauen mehr Gehirngewebe abgebaut wird („Atrophie“) und sich mehr schädliche Proteine entlang der Nervenzellen ablagern. Die Frage ist: Weshalb? Wir haben noch keine Antwort darauf. Es könnte aber durchaus auch an den Hormonen liegen. Was wir wissen, ist, dass der Grund für die genannten Ablagerungen im Gehirn das schlechtere Schlafverhalten bei Frauen sein könnte. Denn diese toxischen Proteine, welche die Ablagerungen im Gehirn verantworten, werden jeweils im Schlaf abgebaut. Wenn man – weil man kleine Kinder hat – aber über Jahre unregelmässig schläft, können diese toxischen Proteine also nicht vom Körper abtransportiert werden. Ebenso wissen wir, dass Aus- und Weiterbildung, das ständige neue Lernen uns vor Demenz bewahrt. Wenn Mädchen aber, und das ist nach wie vor in vielen Ländern dieser Welt so, kaum oder gar keine Ausbildung machen dürfen, steigt auch damit das Risiko, an Demenz zu erkranken.

Das heisst, als Mutter lernt man nicht genug Neues? Da sind doch auch viele Dinge ganz neu?
Nein, das reicht nicht, weil mit Kindern viele Arbeiten zu Beginn für eine frischgebackene Mutter zwar neu sind, danach aber schnell zur Routine werden. Und Routine ist wiederum schlecht fürs Gehirn. Wir haben noch keine harten Fakten, aber unendlich viele Studien, die in diese Richtung weisen – und wir sollten endlich damit beginnen, das alles genauer zu verstehen. Wir möchten diese dringend benötigte Forschung mit unserem eigenen Institut also vorantreiben. Aber noch fehlt uns die finale Finanzierung dafür.

Wie viel Geld brauchst du für das Projekt für die nächsten zwölf Monate?
Wir haben Gespräche mit potenziellen Partnern wie grossen Pharmaunternehmen und Banken sowie mit der Universität Basel. Dieses Interview ist eine Opportunität, um auf das Women’s Brain Project aufmerksam zu machen und Partner zu akquirieren. Alle unsere Wissenschaftler*innen arbeiten immer noch pro bono – aber so etwas Wichtiges darf einfach kein Hobby sein! Wir bräuchten zurzeit lediglich eine Million Schweizer Franken pro Jahr.

Wieso rennen dir die Investor*innen nicht längst die Bude ein? Wir reden hier ja auch von einem enormen und globalen Marktpotenzial!
Teilweise ist mir zugetragen worden, dass man das Projekt nicht unterstützen möchte, weil es sich ja „nur“ auf Frauen fokussiere. Dabei profitieren doch beide Geschlechter davon!

Glaubst du, wenn dieses Projekt Men’s Brain Project heissen würde, wäre es einfach für dich, an Investor*innen zu kommen?
Meine liebe Sandra-Stella (seufzt). Du kennst sicher das Human Brain Project, oder? Es hat enorme finanzielle Unterstützung erhalten, und was nun? Jetzt ist unsere Chance, unsere Zeit! Aber weil du unseren Namen ansprichst – wir hatten das Glück, dass die Strategieberatungsfirma Charles River Associates uns pro bono unterstützt hat. Und sie haben uns ermuntert zu dem Namen „Women’s Brain Project“, weil sie sagten: Das ist euer Alleinstellungsmerkmal, euer USP. Aber ich verstehe, dass es Menschen gibt, die genug haben von all den Frauenthemen, die zurzeit durch die sozialen Medien und durch die Massenmedien geistern. Obwohl ich ja sagen möchte: Wir sind in puncto Gleichstellung ja noch immer nicht da, wo wir eigentlich gesetzlich sein sollten. Auch diese Pandemie hat uns Frauen mehr geschadet – das wird man vor allem bei den Teilzeit arbeitenden Frauen sehen, dass diese Gefahr laufen, als Erste den Job zu verlieren. Es ist ein Drama, ein Desaster für Frauen.

Denkst du, dass es Geschlechterunterschiede in der Wirkung bei den Corona-Impfungen gibt? Was wäre deine Vermutung?
Das kann ich dir so nicht beantworten. Ich will nicht spekulieren. Generell sind unterschiedliche Impfreaktionen von Männern und Frauen bekannt. Wir wissen, dass Frauen teilweise mehr Nebenwirkungen bei Impfungen entwickeln. Wären die Impfhersteller zu uns gekommen, hätten wir sie dahingehend beraten, dass sie zuerst mit den älteren Patient*innen hätten starten sollen, wenn es um die Erforschung der Wirksamkeit geht. Denn es sind ja auch die älteren Patienten, die am meisten von dieser Impfung profitieren sollen. Genau deshalb ist die Arbeit mit dem Women’s Brain Project so enorm wichtig: Wenn man schon bei der Entwicklung die Variablen Geschlecht, Alter sowie Ethnie einbezieht, kann man Probleme von Beginn an ausschalten.

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Lasst uns gemeinsam in unserer Business Sisterhood die Finanzierung des dringend benötigten Women’s Brain Project vorantreiben. Meldet euch bei Women’s Brain Project info@womensbrainproject.com oder bei uns in der Redaktion: office@swissladiesdrive.com, wenn ihr uns unterstützen könnt. Danke! www.womensbrainproject.com

Quellen zu den im Text genannten Studien:
www.ted.com/talks/antonella_santuccione_chadha_the_new_frontier_of_ medicine_is_precision
www.youtube.com/watch?v=9scZ4izqGeE
www.nature.com/articles/s41582-018-0032-9
www.nature.com/articles/s41582-018-0032-9
onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ene.14174

Interview: Sandra-Stella Triebl    Fotos: Gloria Bressan