Endlich frei! Als ich mit 19 vom ländlichen Thun in die Grossstadt Zürich und dort in meine kleine Wohnung gezogen bin, war mein Grosi meine Verbündete und mein familiärer Anker. Von da an pflegten wir eine enge und intensive Beziehung. Fast jeden Samstag habe ich sie besucht – wir haben über Wirtschaft, Politik, die Welt und unser Leben diskutiert. Und uns dabei auch leidenschaftlich gestritten. Weil wir uns unglaublich ähnlich waren und doch so verschieden – aus zwei Welten eben.


Ich erinnere mich gut an diesen Samstag – es muss etwa 20 Jahre her sein – als meine Grossmutter wieder einmal von früheren Zeiten sprach (sie war meine Quelle erster Wahl, wenn es darum ging, die Schweiz, unsere Familie, die Frauen und mich selbst auf Basis der Vergangenheit besser zu verstehen). „Damals, als wir das Frauenstimmrecht angenommen haben, da hat alles angefangen kompliziert zu werden“, meinte sie. Das war ein Statement, denn sie hatte sich immer dagegen gewehrt gehabt, weil sie es nicht für notwendig und auch nicht für zielführend hielt. Weil sie alle Abstimmungen ohnehin gemeinsam mit meinem Grossvater besprach und so im übertragenen Sinne auch mitentschied. Sie fühlte sich durch ihn und die Diskussion mit ihm vertreten und das reichte ihr. Und sie erklärte mir, dass es doch einfacher sei, wenn Frauen nicht immer auch noch eine Meinung hätten und die durchbringen wollen. Diesbezüglich fiel auch das Wort „Scheidung“. Ich war über ihre Meinung schockiert. Und es machte mich wütend. Weil ich nicht verstehen konnte, dass eine starke und mutige Frau wie sie, diese Meinung vertreten konnte. Für mich bedeutet Freiheit, eine eigene Meinung zu haben, den eigenen Weg gehen zu können und dies wiederum war und ist für mich die Basis von Glück und Sinnhaftigkeit. Übrigens zeigen auch Studien immer wieder, wie wichtig ein selbstbestimmtes Leben als Basis für Zufriedenheit, Glück und persönlichen Erfolg ist. Klar, starre Strukturen und Rollen machen das Leben einfacher und berechenbarer, aber nicht besser und auf keinen Fall freier. Und frei zu sein, in dem was ich tue und denke, war für mich immer der Antrieb. So bin ich erzogen worden und das durfte ich in meinem Elternhaus lernen. Ich war immer frei zu entscheiden, welchen Weg ich gehen will, aber ich musste für jeden Schritt die Verantwortung tragen. Mir ist bewusst, dass diese Grundhaltung nur deshalb möglich und frei lebbar ist, weil die entsprechenden Rahmenbedingungen gesetzt worden sind – auch für mich als Frau. Deshalb bin ich den Frauen, die für das Frauenstimmrecht gekämpft haben, sehr dankbar. Sie haben ein wichtiges Puzzleteil zur Welt beigetragen, die mir jetzt die Möglichkeiten offenbart, die ich habe. Als am 7. Februar 1971 die Frauen das Recht zum Abstimmen an der Urne mit 67,7 % Ja-Stimmen endlich offiziell zugesprochen erhielten ging ein 100-jähriger Kampf zu Ende. Grund zum Ausruhen war das aber nicht, denn der Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung (und da rede ich nicht nur von den Frauen) und Demokratie ist einer, den es täglich neu zu führen gilt. Liebevoll aber bestimmt.

Jahre sind Welten
Die Gespräche im Wohnzimmer meiner Grossmutter waren für uns beide wichtig. Sie haben mir immer wieder gezeigt, dass es auch unter Frauen der gleichen Familie unterschiedliche Ansichten gibt; und das sogar in Bezug auf Errungenschaften. Ich habe gelernt, dass mehr Rechte und mehr Möglichkeiten nicht für alle per se erstrebenswert sind, dass sie Unbehagen oder gar Angst auslösen können, dass Generationen unterschiedliche Perspektiven haben und ganz generell wir Menschen mit unseren Erfahrungen und Persönlichkeiten alle einzigartig sind. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Gemeinschaft das Verständnis und die Empathie für unterschiedliche Perspektiven haben und einbeziehen, um so alle Menschen zu befähigen Verantwortung zu übernehmen und mit Mut und Freude mit zu gestalten. Denn die Aussage meiner Grossmutter ist ein Fakt: Wenn alle die Freiheit haben, ihre eigene Meinung einzubringen, dann wird die Welt komplizierter und anstrengender.Aber eben auch besser, stabiler und nachhaltiger, weil die Lösungen gemeinsam gefunden werden müssen. Davon bin ich persönlich überzeugt.

Schnelle Welt versus langsamer Wandel
Ich habe irgendwann die Aussage meiner Grossmutter nicht nur inhaltlich, sondern auch emotional verstanden. Gleichzeitig hat auch sie gelernt meine zu verstehen und hat mich später oftmals beneidet, um alle meine Möglichkeiten und Ideen, die ich in meinem Leben verwirklicht habe. Vor allem aber haben wir uns immer wieder gemeinsam über Erfolge gefreut, haben neue Pläne ausgeheckt und voneinander gelernt. Die Auseinandersetzung mit den Ansichten meiner Grossmutter und den Gründen dafür hat mich geprägt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, für seine Meinung einzustehen und seinen Weg zu gehen. Aber auch zu hören, was andere denken und die Gründe dafür verstehen zu wollen. Und sie hat mir immer wieder vor Augen gefühtr, woher wir in der Schweiz kommen und, dass Traditionen, Rollen und Muster nicht so schnell aufgebrochen werden können, wie wir uns das manchmal wünschen. Es braucht Zeit, Grosses zu bewegen, so dass es nachhaltig ist und bleibt. Denn der Mensch braucht Zeit für Wandel, auch wenn wir heute in der schnelllebigen Welt meinen, dass dem nicht so ist. Dies zu wissen, ist wichtig, nicht nur für eine erfolgreiche Demokratie, sondern auch für eine erfolgreiche Firma und ein erfolgreiches Leben.

Am Puls der Politik
Ich bin heute mit 39 Jahren dankbar und froh in der Schweiz zu leben und alle Möglichkeiten zu haben. Ich bin dankbar, dass sich zahlreiche Frauen vor mir für mehr Gleichberechtigung eingesetzt haben und dies mit mir zusammen heute auf allen Ebenen unseres Lebens weiterhin tun. Ich kann mir ein Leben ohne aktive Beteiligung am politischen Prozess nicht vorstellen. Die vierteljährlichen Abstimmungen sind wie ein Pulsschlag für mich, Mitreden und mitgestalten ein zentraler Teil meines Selbstverständnisses. Und ja, wir mussten lange auf diesen Schritt warten. Trotzdem finde ich es falsch, deshalb einen Groll zu haben oder gar eine Entschuldigung zu fordern wie ich es aktuell teilweise lese. Stattdessen ist es aus meiner Sicht wichtig, dass wir uns freuen, stolz sind und vor allem davon Gebrauch machen.

Kampf für Demokratie und Mitbestimmung verantwortungsvoll weiterführen
Dieser Text soll ein Appell sein! Es gilt immer für die eigene Freiheit, gleiche Rechte und Mitbestimmung zu kämpfen. In allen Bereichen des Lebens. Das Frauenstimmrecht war und ist ein wichtiger Schritt – und doch gibt es (noch) immer viel zu tun. Für eine gleichberechtigte Gesellschaft, Wirtschaft und Politik braucht es die entsprechenden Rahmenbedingungen, vor allem aber auch die selbstbewussten und mutigen (auch weiblichen) Persönlichkeiten, die sich nicht scheuen, ihre Meinung zu vertreten, ihre Forderungen zu stellen und die Zukunft aktiv zu gestalten.
Wir sollten den Kampf der Frauen von damals als Ansporn nehmen, dass wir mutig für die Demokratie einstehen, dass wir selber die Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen und die zahlreichen Chancen, die wir haben auch wirklich nutzen. Dass wir unsere Kinder und Enkel ermuntern, ebenfalls am politischen Prozess aktiv teilzunehmen, eine eigene Meinung zu entwickeln und dafür immer und mit klarer Stimme einzustehen. Ich wünsche mir, dass gerade Frauen sich ohne Scheu dafür mit Freude, Neugier und einer positiven Zukunftsvision in Führungspositionen begeben und keine Angst vor Gegenwind haben. Denn Gegenwind gibt es IMMER, auch wenn etwas richtig ist, wie damals die Einführung des Frauenstimmrechts vor 50 Jahren.

Über die Autorin Karin Bührer:
Aufgewachsen in einem unternehmerischen und politisch geprägten Elternhaus hat Karin nach der Matura Kommunikationswissenschaften studiert. Bereits sehr jung durfte sie als Leiterin eines Profitcenters eigene unternehmerische Erfahrungen sammeln. Später hat Karin bei economiesuisse nationale Abstimmungskampagne geführt und war als Kommunikationsverantwortliche für den Fachbereich Aussenwirtschaft an vorderster Front bei internationalen Wirtschaftstreffen und in Brüssel engagiert. Auch während ihrer Rollen als Head Communications bei EY und Head Marketing bei Implenia hat sie ihr politisches Herz immer geprägt.

 

Text: Karin Bührer   Fotos: privat