Die ehemalige Spitzenmanagerin und dreifache Mutter wagte sich mit 46 Jahren in die Selbstständigkeit. Heute ist Barbara Messmer an der Spitze des Zürcher Traditionsmöbelhauses wohnbedarf, steht der wb form ag als Geschäftsführerin und Verwaltungsratspräsidentin vor und hat gleichzeitig Einsitz im Verwaltungsrat der „wohnbedarf holding“ genommen.

Barbara Messmer liebt Abwechslung und Action – allerdings in festgesetzter Ordnung und nur solange es Plan und Struktur hat. Und sie mag harte Verhandlungen. „Das brauche ich ein Stück weit.“ Wer Barbara Messmer begegnet, sollte dies offen und ehrlich tun. Zwei Tugenden, die sie an Menschen überaus zu schätzen weiss. Was sie so gar nicht mag ist Warten. Sie sei sehr ungeduldig, sagt die Neo-Unternehmerin über sich selbst.

Mit einer Mischung aus dezenter Zurückhaltung und elegantem Charme empfing uns die Geschäftsführerin der wb form ag in den geschichtsträchtigen Räumlichkeiten von wohnbedarf an der Zürcher Talstrasse. Genau dort, wo 1933 alles begann.

80 Jahre zuvor hatten Siegfried Giedion, Werner Max Moser und Rudolf Graber die wohnbedarf ag gegründet. Die grossgewachsene Barbara Messmer hätte sich nie träumen lassen, einmal als Unternehmerin in ebendiesen ehrwürdigen Räumen zu wirken. Denn gleich nach dem Studium der Betriebswirtschaft startete sie eine fantastische und steile Karriere in der Corporate World. Diese fand ihren vorübergehenden Höhepunkt, als sie CEO einer schweizerischen Tochtergesellschaft einer börsenkotierten US-Firma im Bereich Health Care wurde. Wo andere sich am Ende ihrer (Berufs-) Träume sehen, wagte Barbara Messmer einen neuen und entscheidenden Schritt.

Ladies Drive: Nach solch einer Karriere – was war es, was Sie an der Selbstständigkeit reizte?
Barbara Messmer: Der Drang nach mehr unternehmerischem Freiraum. In internationalen Konzernen werden die Strategien und Konzepte in Headquarters entwickelt. Als Länder-CEO muss man dann vor allem die Strategien im lokalen Markt umsetzen. Man verbringt viel Zeit mit Reporting ins Headquarter und interner Politik. Bei wohnbedarf ist das komplett anders: Wir fokussieren uns auf den Markt, machen die Strategien selbst, stellen Marketingpläne auf die Beine und setzen danach alles möglichst zeitnah um. Man ist kein kleines Rädchen, sondern ein Vollblutunternehmer – mit allen Vor- und Nachteilen.

Wie schwer oder leicht ist Ihnen der Wechsel in die Selbstständigkeit gefallen?
Ich war ohnehin immer ein unternehmerisch selbstständig denkender Mensch. Ich habe die Konzeption gleichermassen geliebt wie die Umsetzung. Ich will sehen, wie etwas auf dem Markt funktioniert, was ich entwickle. Insofern fiel es mir sehr leicht. Die etablierten Strukturen eines Grossunternehmens habe ich am Anfang vermisst, heute schätze ich meinen Freiraum. Und man trägt in der Selbstständigkeit immer das unternehmerische Risiko. Sehen Sie, das Leben ist ein Lernprozess und auch ich habe schon manche Niederlage erlebt. Die Frage ist immer: Was macht man in der Folge mit dieser Erfahrung. Ich denke lösungs- und zukunftsorientiert und ich liebe es, mehrere Dinge gleichzeitig und parallel zu erledigen. Das sind sicher Eigenschaften, die es im Unternehmertum braucht. Mein Mann und ich kauften diese Firma vor drei Jahren – zunächst war ich nur am Rande involviert und es hat sich dann alles so ergeben. So bin ich eigentlich fast zufällig in die Selbstständigkeit gerutscht.

Sind Sie heute da, wo Sie sich früher, als Jugendliche, als junge Studentin, gesehen haben? Als Unternehmerin, dreifache Mutter?
Ja, durchaus. Bis zu meinem 35. Altersjahr waren Kinder allerdings ein No-Go (lacht). Ich war damals im Ausland tätig und wenn ich im Flieger ein schreiendes Kind neben mir hatte, hab ich einen anderen Sitzplatz verlangt. Trotzdem hab ich immer gewusst, dass es eines Tages Teil meines Lebens sein wird. Und die Entscheidung, Kinder zu haben, war die beste meines Lebens. Dass ich mal an der Spitze eines Unternehmens stehen würde, war absolut eines meiner Ziele. Und ich bin sehr glücklich, heute hier zu sein, bedenkt man die geschichtsträchtige Vergangenheit von wohnbedarf, war es doch in den 1930er Jahren ein absoluter „place to be“ in der Designerszene. Es war avantgardistisch und trotzdem haben die damaligen Designer Möbel für die breite Bevölkerung kreiert, so den Moser-Freischwinger, der noch heute ein absoluter Klassiker ist. Es ist also ein Platz mit Geschichte und das macht sehr Spass, diese Geschichte nun weiterzuspinnen. wohnbedarf hat immer noch ein enormes Potential. Nach der Geburt meines dritten Sohnes vor rund zwei Jahren wurde mir auch klar, dass ich mein Leben anders ordnen muss. Deshalb hab ich die „wb form“ gegründet und treibe diese nun voran.

Designen Sie auch selbst?
Nein. Ich habe absolut kein Talent als Designer, wenn ich auch eine Mutter habe, die eine begabte Innenarchitektin ist. Ich habe sehr wohl ihren guten Blick und Geschmack geerbt. Aber das macht mich noch nicht zu einem guten Designer. Ich ziehe hierfür Profis bei und kümmere mich um die Umsetzung und den Markterfolg.

Was bedarf es für Sie zum Wohnen? Was braucht es, dass Sie sich in Ihren vier Wänden wohl fühlen?
Ich brauche eine Oase der Ruhe und Ausgeglichenheit. Wir haben unser Zuhause mit wenigen Farben eingerichtet, also eher mit Grundtönen. Einen dunklen Eichenboden, viel Weiss und Dunkelbraun, Schlammfarbenes – und dann ein paar Farbtupfer wie Orange und Hellblau. Darum herum brauche ich viel Grün, die Möglichkeit, in die Ferne zu blicken. Ich habe einen fordernden Alltag – also brauche ich zu Hause meine Oase.

Kann man sein Zuhause stylish und kindgerecht einrichten?
Mit Sicherheit! Wir haben viele Design-Klassiker, die eine fantastische Qualität haben. Der Clubtisch von Vitra dient z.B. als Trockensurf und sieht immer noch aus wie neu.

Gibt es auch Klassiker, wo Sie Ihren Jungs sagen mussten: Hier bitte nicht mit Buntstiften Herzchen draufmalen?
(Lacht) Ja … also das funktioniert leider nicht immer! Aber wir haben einige, die sehr robust sind – z.B. einen LC2 von Le Corbusier, einen „Eames Chair“, USM-Möbel – allesamt wunderbare Stücke, die einem sehr lange Freude machen, selbst wenn man drei Jungs zu Hause hat!

Haben Sie einen Lieblingsdesigner?
Ja, einige! Aus allen Jahrzehnten. Es gibt auch tolle Contemporary Designers, die super zum schlichten und puristischen Designstil der 50er Jahre passen. Wichtig finde ich auch, dass die Designer die Trends wie Nachhaltigkeit und Ökologie in ihre Arbeit aufnehmen. Wer auch ganz wunderschöne Möbel kreiert hat, war Max Bill.

Seit September gibt es die Kollektion als Reedition auf dem Markt. Seine Kreationen sind absolut zeitlos, wunderschön und vielseitig einsetzbar. Mein Lieblingsstück ist der Quadratrundtisch, der sich in einem Handumdrehen von einem runden in einen quadratischen Tisch umwandeln lässt.

Was ist für Sie perfekt? Was macht es aus?
Perfekt ist es, wenn sich ein Designerstück in seine Umwelt nahtlos integrieren lässt. Wenn es Beständigkeit und Nachhaltigkeit aufweist. Aber jeder hat hier sein eigenes Empfinden.

Wenn ich Ihnen zuhöre – hier in dieser Designerwelt, zu Hause mit drei kleinen Kindern, das älteste davon ist neun Jahre alt –, dann scheinen Sie in zwei Welten zu leben. Zwischen Struktur – und Chaos …
Ja, das ist absolut korrekt (lacht). Ich versuche diese Strukturen auch daheim zu implementieren, was mit drei sehr aktiven Kindern eine echte Herausforderung ist. Also haben sie ihre Bereiche, wo sie sich austoben können – wo sie tun können, was immer sie wollen. Ich bin ein flexibler Mensch. Und ich weiss, dass ich mich meinen Kindern zuwenden muss, wenn ich heimkomme. Ich kann sehr gut von einer Welt in die andere eintauchen. Und wir haben eine Nanny. Anders wäre es nicht möglich. Ich muss sagen: ich bewundere jede Frau, die alles alleine managt und sich voll ihren Kindern widmet. Ich selbst könnte es nicht – ich würde eingehen wie ein Pflänzchen ohne Wasser. Natürlich habe ich früher teilweise auch etwas an meinen Kindern vorbeigelebt – ich war auf Reisen, war viel unterwegs. Wenn man heimkommt von einer Geschäftsreise und sich auf seine Kinder freut, während diese in ein Gespräch mit der Nanny vertieft sind und sich nur flüchtig umdrehen nach dir … natürlich tut das weh. Deshalb bin ich glücklich, nun meine Balance gefunden zu haben. Ich bin ehrgeizig – aber nur und ausschliesslich für die Karriere zu leben, das wollte ich nicht, denn es findet schneller eine Entfremdung statt, als man denkt. Und da leidet man doch sehr darunter. Als Mutter – wie sicher auch als Vater. Das dritte Kind hat mir insofern die Augen geöffnet. wohnbedarf kam also genau zum richtigen Zeitpunkt.

Frau Messmer, wie führt man heute ein Unternehmen in eine sichere Zukunft?
Krisen gab es immer und wird es immer wieder geben. Wichtig ist eine klare Positionierung – und dass man einen Wettbewerbsvorteil aus dem „Anderssein“ entwickelt. Dann ist die gute Umsetzung im Markt entscheidend für den Erfolg der Zukunft. Eine gute Strategie alleine bringt nichts, sie muss auch richtig umgesetzt werden. Dann ist eine nachhaltige Kundenzufriedenheit wichtig. Ein weiterer Erfolgsfaktor sind die Mitarbeiter, welche als Unternehmer agieren sollten. Und natürlich die finanzielle Steuerung der Unternehmung.

Wenn man sich entscheidet, ein aussergewöhnliches Produkt, eine aussergewöhnliche Dienstleistung zu erbringen – wie kommt man dahin?
Nun, zunächst braucht es eine klare Vision und eine grosse Portion Leidenschaft und Arbeit. Dann braucht es das richtige Produkt. Im „me too“ mitzuschwimmen, ist mit Sicherheit nicht ratsam. Wenn man eine reine Kopie von schon einmal Gesehenem auf den Markt bringt, wird man sich über kurz oder lang in einer schwindelerregenden Preisspirale wiederfinden.

Das sehen wir gut in der Möbelbranche:
Es gibt Ikea, quasi „value for money“, ein Mittelfeld, in dem sich viele tummeln und ein hochpreisiges Segment. Hat das Produkt einen klaren USP und eine gute Marketingstrategie, sind die Chancen durchaus vorhanden, dass man seine Zielgruppen findet – und man ist weniger konjunkturabhängig.

Gibt es weitere Erfolgsfaktoren für Sie?
Beständigkeit. Keine kontinuierlichen Strategiewechsel. Und Fokussierung. Man muss flexibel und anpassungsfähig sein – aber die Vision immer im Auge haben. Ich bin ein visueller Mensch und ich sehe die Präsenz meiner Marke. Ich stelle sie mir vor und arbeite konsequent darauf hin. Die Glaubwürdigkeit der Marke ist entscheidend.

Wobei sich Glaubwürdigkeit nicht über Geld erkaufen lässt …
… das ist absolut so. Und was ich noch anfügen möchte: Man muss sich der aktuellen Trends gewahr sein. Zum Beispiel, dass zunehmend Frauen beim Möbelkauf, ich würde schätzen in 80 bis 90 % der Fälle, entscheiden.

„Ich habe gelernt , in Lösungen zu denken und vorwärts zuschauen. Aber eine Lösung zu finden und zu sehen, dass man nun eine andere Richtung eingeschlagen hat – das ist ein gros artig es Gefühl.“

Wie wichtig sind derweil Neuheiten in Ihrer Branche?
Im Kosmetikbereich gibt es mehrere Neuheiten pro Jahr. In unserem Bereich profitieren wir von vielen Würfen der Hersteller, wobei wohnbedarf sehr selektiv ist und nur Triple-A-Marken integriert. Mit „wb form“ versuchen wir indessen, unsere eigenen Innovationen auf den Markt zu bringen. Wir diversifizieren uns, bleiben aber in derselben Branche. Wir wissen, wo wir stark sind und wo unsere Kernkompetenz liegt.

Sie wirken sehr energiegeladen. Wie laden Sie Ihre Batterien wieder auf?
Das klingt vielleicht paradox. Aber ich lade sie auf mit Stress. Positivem Stress. Das ist für mich, wenn Dinge in die richtige Richtung laufen, wenn ich spüre, dass etwas Früchte trägt. So tanke ich Energie. Man kann viel erreichen und bewegen, wenn die persönliche Programmierung stimmt. Unternehmertum hat aber nicht nur Schokoladenseiten. Das wissen Sie selbst nur zu gut! Ich habe gelernt, in Lösungen zu denken und vorwärtszuschauen. Aber eine Lösung zu finden und zu sehen, dass man nun eine andere Richtung eingeschlagen hat – das ist ein grossartiges Gefühl.

Was sagen andere über Sie?
Ich sei ein Taff Cookie … (lacht), das hab ich schon gehört. Dass ich viel Energie habe und viel bewege. Nun, ich habe auch eine weiche Seite, höre gerne und gut zu, bin offen und lernbereit. Aber ich habe hohe Ansprüche an mich – und auch an mein Umfeld. Das ist auch der Grundstein zum unternehmerischen Erfolg.

Was macht Sie beruflich gesehen am glücklichsten?
Der Erfolg und die Zufriedenheit der Kunden. Wenn ich sehe, dass wir ein Bedürfnis gestillt haben. Mit Zufriedenheit meine ich auch eine ganz persönliche. Und die hat nichts mit Geld zu tun.


Interview & Fotos: Sandra-Stella Triebl