Ich fahre mal wieder Zug. Sie kennen das. Doch heute gabs in Zürich keine Zugausfälle, sondern eine Bombendrohung. Das erinnerte mich unweigerlich an eine Reise, die ich als junge Journalistin für Radio Argovia ins Kriegsgebiet nach Bosnien und Kroatien während des Krieges unternommen hatte. Ich war 21 und dachte, es sei meine journalistische Pflicht, über die schrecklichen Kriegswirren im ehemaligen Jugoslawien zu berichten, an die man sich hierzulande schon allzu sehr gewöhnt hatte.
Im Schlepptau einer Hilfsorganisation flogen insgesamt sechs Schweizer Journalisten, ich kleiner Hüpfer die jüngste unter ihnen, nach Zagreb. Von dort aus gings mit Autos der bosnisch-kroatischen Grenze entlang Richtung Posavina. Schon am Flughafen in Zagreb wurde es mir das erste Mal mulmig. Wegen einer Bombendrohung musste der Flughafen kurzfristig gesperrt werden und unser Flug konnte erst mit einiger Verspätung abgefertigt werden. Das war eine noch recht abstrakte Bedrohung. Später, auf der Fahrt Richtung Osijek, lagen wir öfters nächtens in unseren Betten und hörten die Schüsse. Beobachteten draussen auf dem Feld, wie die Salven der Gewehre sich wie kleine Lichtblitze gegen den schwarzen Nachthimmel absetzten. „Ach, das sind die Serben. Die haben sicher wieder zu viel getrunken. Sonst ist es ziemlich ruhig hier“, versicherte uns dann jeweils die kroatische Seite, abgeklärt und achselzuckend.
An den Tagen durchquerten wir meist komplett menschenleere, vollständig zerstörte Dörfer und Städte, die skelettartig nackt zwischen kahlen Hügeln trotzten. Schutt und Erde lag kniehoch in den Gassen, keines der Häuser hatte mehr Fenster oder Türen. Am meisten zu knabbern hatte ich allerdings an den Folgen eines Interviews mit einer jungen Frau. Sie sass mir in einem staubigen Büro einer Frauenorganisation in Osijek zum Gespräch gegenüber. Sie erzählte fliessend, ohne Punkt und Komma, von den Vergewaltigungen und dass man sie im achten Monat schwanger in einen Bus nach Hause gesetzt hat. Zusammen mit anderen Frauen mit demselben Schicksal.
Im Anschluss besuchten wir ein Auffanglager vertriebener Kroaten. In kleinen Abstellkammern lebten, kochten, wuschen hier mehrere Frauengenerationen unter einem Dach. Die Männer? Verschleppt. Man begrüsste uns mit mehreren selbst gebackenen Kuchen, Kaffee, Gebäck und Tee. Das Wenige, was sie hatten, bot man uns Journalisten an. Die Freude, dass sich wieder mal ein paar Menschen ins Kriegsgebiet verirrt hatten, war übergross.
Als einer der männlichen Kollegen zum Pipi kurz hinter einem Baum austreten wollte, wurde zu guter Letzt beinahe die halbe kroatische Armee auf den Plan gerufen. „Nicht bewegen! Hier ist alles vermint! Bewegen Sie sich nun einfach keinen Zentimeter mehr!“
Jeder auf dieser Reise war zuerst irritiert durch die Schärfe des Konfliktes, dann besorgt um sein eigenes Leben. Danach beschämt ob der eigenen Naivität. Ja, das war Krieg. Ja, das war live und in Farbe. Und wir mittendrin. Das war real. Erschreckend.
Manchmal gibt es Ereignisse im Leben, die einen innehalten lassen. Die eine Zäsur setzen. Die einen auf eine andere Bahn lenken. Meist sind es keine positiven Vorkommnisse, die dies zu bewirken vermögen. Doch sie sind wichtig. Sie gehören zum Leben wie die Liebe, das Glück. Und man wird plötzlich etwas devoter vor dem eigenen Schicksal. Wenn man diese Augenblicke leise wachhält, beginnt man auch, die Welt mit anderen Augen zu sehen, mit strahlenderen, offeneren Augen, wie denen eines Kindes. Es sind eben diese Momente, an die ich denke, wenn es im Daily Business besonders hektisch zu und her geht und man wegen jeder Kleinigkeit an der Decke klebt.
Ich wünsche Ihnen nun viel Musse und Vergnügen mit der aktuellen Ausgabe von Ladies Drive, welche im vierten Jahrgang mit einigen Neuigkeiten aus unserem Netzwerk auf Sie wartet.
Herzlichst,
Sandra-Stella Triebl
Herausgeberin Ladies Drive


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