Das Setting wirkt surreal. Als wären wir in London in den Flieger eingestiegen und auf dem Mond wieder ausgespuckt worden. Zwischen riesigen Saguaro-Kakteen in allen Formen und riesigen Felsbrocken, die aussehen, als hätte ein Steinbeisser aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ bei seinem morgendlichen Felsenfrühstück mal etwas gebröselt, herrscht im Februar, bei nächtlichen Temperaturen um die 0 Grad eigentlich für gefährliche „Wüstentierchen“ noch Winterschlaf. Doch zwei besondere „Spinnen“ namens McLaren 720S Spider und 600LT Spider sind gerade erwacht. Wir machen uns also auf, mit den beiden Supersportwagen die Gegend zu erkunden.
Nur am Rande, sollten Ihnen die Bezeichnungen der McLarens schon jetzt zu undurchsichtig erscheinen, hier eine kleine Eselsbrücke: Die Zahl im Namen entspricht der Anzahl der Pferdestärken des Fahrzeugs. Damit kann man schon mal eine grobe Einordnung vornehmen, in welchen Gefilden wir uns hier bewegen. Die Bezeichnung Spider hat ihre Ursprünge in Pferdekarren, die im 19. Jahrhundert einen nach oben offenen Aufbau für ihre Passagiere hatten und damit optisch an eine Spinne erinnerten. Zumindest mit etwas Fantasie. Sich in so einem Karren zu zeigen war wohl schon damals eine gesunde Mischung aus Statussymbol und Sonnenanbetung.

Das beim 720S sehr eindrückliche „Electro Chromic Roof“-Glasdach kann im geschlossenen Zustand auf Knopfdruck bläulich abgedunkelt werden und lässt sich – ebenfalls auf Knopfdruck – bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h in rekordverdächtigen elf Sekunden, öffnen. Und genau das machen wir jetzt. Trotz der kühlen Temperaturen also runter mit dem Dach, und schon schlängeln (oje, die falsche Analogie für eine Spinne) wir uns durch die Canyons Arizonas.
Auf den Highways Arizonas gilt meist ein Tempolimit von 65 Meilen pro Stunde – mit dieser Krücke am Gasfuss konnten wir die Power der stattlichen 720 PS am ersten Tag natürlich noch nicht wirklich auskosten. Alles andere wäre auch echt ungeschickt gewesen. Denn die McLaren-Presseabteilung hatte sich im Vorfeld zwar umsichtig mit dem lokalen Sheriff unterhalten und ihn über unsere kleine Ausfahrt unterrichtet, es wurde McLaren allerdings zweifelsfrei versichert, dass bei groben Verstössen gegen die Geschwindigkeitsvorschriften Arizonas für den Delinquenten eine Nacht hinter Gittern angesagt wäre. Kein Pardon also vom Sheriff!
Also ging es im siebten Gang mit der Cruise Control ganz locker im „Chillmodus“ ein paar Meilen durch die Prärie. Was hingegen bei knapp 100 km/h Höchstgeschwindigkeit zum Tragen kam, war die vom Hersteller gern angepriesene Alltagstauglichkeit dieses Supersportlers. Die Rundumsicht ist gegeben, ein Kofferraum (oder besser „Frunk“, eine Kombination der englischen Wörter „front“ und „trunk“) ist vorhanden, das Fahrgefühl erhaben, das Navi brauchbar, die Bedienbarkeit easy – und die Dynamik dennoch in jeder Sekunde abrufbar, sollten dann doch mal ein paar Kurven frei von Radarfallen sein. Also genau „my cup of … tea“.

Apropos Teetrinken. Eine lange Nacht an der Bar hätte ich an diesem Abend bereut (und sooo lange war es glaube ich echt nicht, oder doch?), denn am nächsten Morgen fuhren wir mit dem limitierten 600LT Spider in Richtung Rennstrecke. Diese lag übrigens genau neben einer Airforce-Militärbasis. F-35-Lightning-Flugzeuge schossen in unmittelbarer Nähe in den blauen Himmel hinaus … wie bei Top Gun! Wie aus der Pistole geschossen ging es dann auch im 600LT um die sich immer schneller nähernden Kurven des Arizona Motorports Park Circuit. Die bunten McLaren-„Candies“ am Boden und die natograuen Fliegergeschosse der US-Armee bildeten einen echt abgefahrenen optischen Gegensatz an diesem Tag.
Schon nach den ersten Metern im 600LT Spider war zu spüren, dass dieses McLaren-Modell um einiges konsequenter auf „Rennstrecke“ getrimmt ist als der 720S Spider – es war also ein wahrlich wilder (Western-)Ritt! Die Sitze stramm, eher Sattel als Sofa, Beschleunigung, Traktion, brüllende Motorengeräusche und dazu etwas Frischluft: Das ist nicht nur die Essenz, sondern die Daseinsberechtigung, Sinn und Sein dieses McLarens. Nach 20 Minuten „Im-Kreis-Fahren“ – zumal mit so hohen Geschwindigkeiten – war ich wieder einmal demütig und dankbar für eine Pause für Kraft und Konzentration. Die Leistung von professionellen Rennfahrern wird erst richtig nachvollziehbar, wenn man selbst mal gemerkt hat, wie viel Energie man hier in kurzer Zeit verbraucht.
In den Pausen, die man uns während des Track-Days gönnte, stellte man uns übrigens neben einem Foodtruck mit richtig leckeren Hamburgern auch einen Rollwagen mit 100 Kilogramm Hot Sauce bereit – damit konnte man mal selbst ausprobieren, welche Power es benötigt, diese 100 Kilogramm in Gang zu setzen und auch, sie wieder anzuhalten. Nun stelle man sich vor, dass der 600LT pro 100 Kilo Gewicht 60 Pferdestärken in sich trägt. So versteht man auch, was nur ein paar Kilo Gewichtsersparnis ausmachen können und weshalb Autobauer von Sportwagen bei der Konstruktion von neuen Modellen mit allen Mitteln versuchen, an jedem Gramm zu sparen.

Mein Fazit fällt nach zwei Tagen McLaren-Testdrive etwas einsilbig aus: What a ride! Konsequent, kompromisslos, kraftstrotzend, puristisch – diese Modelle sind definitiv ein Adrenalinkick, egal ob auf der Rennstrecke, dem Highway oder auf den Boulevards der Grossstadt.
Die unternehmerische Vision von McLaren nennt sich übrigens „Track 25“ – bis ins Jahr 2025 will McLaren 1,2 Milliarden Britische Pfund investiert und den Fuhrpark zu 100 Prozent elektrifiziert haben (mit Ausnahme der Ultimate Series). Dabei will man selbst in die Batterieproduktion einsteigen, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. So will McLaren schon ab 2024 insgesamt 6.000 Sports- und Supercars jährlich produzieren. Zudem sollen bis 2025 18 neue Modelle das Licht der Welt erblicken. Ganz schön sportlich!

TECHNISCHE HIGHLIGHTS

600LT Spider (limitierte Sonderedition)
324 km/h Top-Speed
In 8,4 Sekunden
von 0 auf 200 km/h
4 Liter V8-Motor
CHF 278’500.00

720S Spider
341 km/h Top-Speed
In 7,9 Sekunden
von 0 auf 200 km/h
4 Liter V8-Motor
CHF 311’500.00

cars.mclaren.com

TEXT: SEBASTIAN TRIEBL
FOTOS: SEBASTIAN TRIEBL/MCLAREN