WENN JUNGE FRAUEN DAS UNTERNEHMEN VON PAPA ÜBERNEHMEN

Manchmal fällt der Apfel nicht weit weg vom Stamm – und dennoch können die Fussstapfen des väterlichen Pioniers grösser sein als erwartet. Wir berichten über drei junge und bildschöne Frauen, die sich daran versuchen, die Geschicke der vom Vater gegründeten Firma fortzuführen. Mit eigenen Visionen, Ideen und jeder Menge Leidenschaft. Obwohl der Weg unternehmerisch gesehen geebnet wurde, kann so eine Nachfolge inklusive Generationen- und Geschlechterwechsel mit ganz schön vielen Stolpersteinen versehen sein.

Mit: Mimi Mollerus – Mitglied der Geschäftsleitung Maison Mollerus
Annette Heimlicher – CEO Contrinex
Sarah Flieg-Näf – CFO Naef GROUP

„NOCH LAUFEN DIE FUSSTAPFEN NEBENEINANDER HER“
MIMI MOLLERUS – MAISON MOLLERUS

Mimi Richner Mollerus könnte man als Powerhouse bezeichnen, als unkonventionell oder strahlend schön. Auf jeden Fall ist die 40-Jährige eines: offen für Neues und getrieben von Visionen, die aus ihr herauszusprudeln scheinen wie aus einem warmen Schokoladebrunnen auf dem Buffet eines Neujahrsballs. Die bekennende Biergeniesserin verfügt über eine Lebenslust, einen Charme und schelmischen Witz, der ansteckt. Sie gehört zu jenen Frauen, in deren Anwesenheit man sich gut fühlt – denn diese Lady hat Energie für zwei. Die Mutter eines 15 Monate alten Sohnes und einer 6-jährigen Tochter hat eine einnehmende Ausstrahlung, die viele andere Frauen um sie herum erblassen lassen könnte. In die Firma Maison Mollerus, die von Ernst Mollerus vor 26 Jahren hier in der Schweiz gegründet wurde, trat Mimi 2007 im zweiten Anlauf erneut an die Seite ihres starken Vaters. Wir treffen die Neo-Schweizerin, Taschen- Fashionista und Unternehmerin im Flagshipstore am Zürichsee.

Ladies Drive: Weisst du noch, was du als Kind werden wolltest?
Mimi Mollerus (wie aus der Pistole geschossen): Feuerwehrmann!

Warum? Was hat dich daran so fasziniert?
Damals im Internat, da gab es eine tolle Gruppe von jungen Leuten, die in der freiwilligen Feuerwehr waren. Und da fand ich: Da muss doch auch eine Frau mit rein.

Und wann hast du es aufgegeben?
Ja, ich glaube, ziemlich bald. Es ging ja auch einfach nicht! Man war ein Mann bei der Feuerwehr.

Na gut, als CEO ist man auch ein Mann.
Natürlich, unbedingt (lacht).

Aber nochmals zurück in deine Jugend. Du warst im Internat. Und wie ging deine berufliche Laufbahn weiter?
Mit 19 Jahren habe ich mein Abitur in Bayern gemacht. Danach dachte ich, jetzt bist du die ganz Grosse und jetzt will dich jeder im Beruf. Du bewirbst dich irgendwo, du bist ja Abiturientin. Und dann stellte ich schnell fest, dass du eigentlich gar niemand bist und du gar nichts kannst im Berufsleben. Also hab ich einen Abstecher nach Oxford gemacht und bin ein Semester im Nebel gesessen. Ich kam unwissend, aber mit besserem Englisch zurück und habe dann eine Lehre in Düsseldorf begonnen, als Industriekauffrau bei der Firma Comma. Danach hab ich gesagt: Papi, ich gehe jetzt nach Amerika und studiere da. Gesagt, getan! Ich habe mich in Florida, Clearwater Tampa, in die Schiller International University eingeschrieben und dort meinen Master in International Business und Marketing gemacht.

Da kam die grosse, blonde Deutsche nach Amerika. Wie war das?
Das war toll (lacht). Ich hatte ein bisschen Geld von meinen Eltern bekommen und habe als Allererstes ein amerikanisches Auto gekauft. Einen Ford Mustang, gebraucht und sehr alt – aber es war mein erstes Auto – ich war froh, dass er jeden Morgen ansprang (lacht)! Ja, dann habe ich da studiert und war erstmals so richtig auf eigenen Füssen unterwegs.

Wie fühlte sich das an?
Grossartig! Es war Florida. Es war Sonne, es war warm, das Leben war leicht. Damals war es noch das Amerika der Freiheit. Du hattest das Gefühl, du bist frei, du kannst deinen Traum hier leben.

Hm … wieso kamst du überhaupt zurück?
Nun, mein Studium war fertig und ich bekam ein Angebot von meinem Vater: Mimi, übernimm doch du den Hauptsitz in Zürich. Und dann bin ich in die Schweiz gekommen, meine Eltern lebten da noch teilweise in Düsseldorf. Und ich hab das hier angepackt – das war 1999. Das hielt sechs Jahre. Als meine Eltern dann für immer in die Schweiz zogen – und ich plötzlich „dem anderen“ Chef gegenübersass, war es mehr oder minder vorbei mit der Idylle.

„Mein Vater sagt immer: Das letzte Pferd brauchst du beim Rennen nicht mehr antreiben.“
Mimi Mollerus

Das heisst, es war so lange gut, wie ihr getrennt wart?
Ja, es war nicht immer leicht, weil wir natürlich schon unterschiedlichen Generationen angehören und unterschiedliche Ideen haben. Dann war mein Vater plötzlich immer da. Und der Raum, in dem ich mich bewegen konnte, wurde extrem klein. Zu jenem Zeitpunkt habe ich auch meinen Schweizer Mann kennen gelernt und beschlossen, eine kleine berufliche Pause einzulegen. Nach unserer gemeinsamen Probezeit haben wir dann am Tegernsee geheiratet, darauf kam unser erstes Kind in München zur Welt und seither leben wir auch wieder in der Schweiz.

Und wie kam es dazu, dass du doch wieder in die Schweiz kamst?
Private Gründe führten uns zurück – mir fehlte das Berufsleben und somit habe ich erst mal bei der Uhrenfirma IWC gearbeitet. Ich habe unter anderem Taschen und Kleinleder für die jeweiligen Uhrenkollektionen kreiert – die bei der Eröffnung eines neuen IWC Flagshipstores in Hongkong vorgestellt wurden. Nach drei Jahren IWC kamen mein Vater und ich wieder geschäftlich zusammen; mit mehr Gelassenheit und Ruhe ging ich den erneuten Versuch an.

Ist dein Vater ein Patron?
Mollerus gibt’s ja seit 26 Jahren. Es hat doch einiges an Innovationsgeist, unternehmerischen Fähigkeiten und Mut gebraucht, um diese Marke damals auf den Weg zu bringen. Daraus entwickeln sich häufig patronale Strukturen … Also … wenn mein Vater einmal nein sagt, dann geht da meist nichts mehr. Aber ich habe einen ziemlich langen Atem. Ich war es ja, die sich in den Kopf gesetzt hatte, die gesamte Firma nach Erlenbach an den Zürichsee umzusiedeln und dort den ersten Flagshipstore zu eröffnen. Das hat mich gut eineinhalb Jahre Überzeugungsarbeit gekostet.

Dann waren der Umzug und der eigene Flagshipstore also dein Baby …?
Genau, das war mein Baby. Und das hat viele Abende, Gespräche, Briefe und Tränen gekostet, ihn zu überzeugen. Ich habe über unser gesamtes Umfeld versucht, auf ihn einzuwirken und ihn umzustimmen, denn er wollte so gar nicht, dass wir aus dem Textil- und Modecenter ausziehen. Und irgendwann habe ich gesagt: Papi, wir machen das jetzt! Dann sagte er: na gut, okay. Und gab klein bei.

Und ist es gut für Maison Mollerus?
Ich empfinde es sehr gut für MM. Jetzt haben wir erstmals die Möglichkeit, unsere Kunden selbst kennen zu lernen, uns zu präsentieren an einem Ort, der am See liegt, der schön ist und der die MM Welt darstellen kann.

Ich möchte nochmals kurz zurückblättern, damit wir die Geschichte von Mollerus verstehen. Wie entstand MM überhaupt?
Meine Eltern hatten früher viele Modegeschäfte in Düsseldorf, Gelsenkirchen, im Ruhrgebiet. Und in irgendeiner Form wollten meine Eltern, vor allem meine Mutter, auch Taschen zum Verkauf anbieten. Sie überlegten, welche Marke dies sein könnte – konnten aber nichts finden, was so richtig zu ihnen gepasst hätte. Deshalb wollten meine Eltern mit einer eigenen Kollektion ihr Glück versuchen. Deshalb hiess die Firma am Anfang auch „Monika Mollerus“. Es war also eine Art Liebeserklärung meines Vaters an meine Mutter.

Hast du die Firmengründung damals aktiv miterlebt? Du bist jetzt 40, dann warst du damals ein Teenager …
Leider nicht, da war ich im Internat. Aber ich denke schon, dass es anfangs nicht einfach war, auch weil er die Firma in der Schweiz gegründet hatte.

Wieso eigentlich?
Die Schweiz stand für ihn schon immer für
höchste Qualität und Präzision. Mein Vater hat hier auch
produzieren lassen, wie wir das zur Hauptsache auch heute noch
tun. Damals war die erste Produktion noch in Zürich.

Inwiefern hast du von Kindesbeinen an dieses Unternehmertum, das deine Eltern intensiv gelebt haben, mitgekriegt?
Da meine Eltern, seit ich denken kann, diese Modegeschäfte zusammen geführt haben, kannte ich nichts anderes, als dass meine Eltern selbstständig sind und sehr hart arbeiten. Und das ist mir natürlich so ins Blut übergegangen. Für mich war es entsprechend selbstverständlich, dass man arbeitet, sein Geld verdient und Dinge vorantreibt. So wie ich es bei meinen Eltern gelernt habe. Meine Eltern sind sicher auch fordernde Menschen. Mein Vater sagt immer: Das letzte Pferd brauchst du beim Rennen nicht mehr antreiben. Da passiert nicht mehr viel.

Und welches unternehmerische Motto haben dir deine Eltern entsprechend mitgegeben?
Der Lieblingsspruch meines Vaters über sein Unternehmen war immer: mein, klein und fein. Dass man mit seinem Unternehmen nicht überschwänglich werden sollte, sich nicht verspekulieren, dass man bescheiden bleibt. Dass man nicht zu stark expandiert und seine Qualität nicht vernachlässigt. Sondern einfach bei sich selbst bleibt. Für diese Werte bin ich dankbar.

Wie ist es, in die Fussstapfen eines intelligenten, erfahrenen Unternehmers und starken Vaters zu treten?
Noch laufen diese Fussstapfen fast wie nebeneinander (lacht). Wir nähern uns, entfernen uns, versuchen, Kompromisse zu finden. Aber ich spüre eine grosse Verantwortung für die Mitarbeiter und für unsere Marke.

Wie viele Mitarbeiter hast du?
Wir sind zehn. Wir haben ja nicht nur den Mitarbeitern gegenüber diese Verantwortung, sondern auch gegenüber unseren Kunden. Das wiegt schwer. Es ist nicht so, dass es wirklich nur ein Geschenk ist, dass man eine Firma hat, in die man dann einsteigen kann, weil dein Vater sie gegründet hat. Es ist vielmehr etwas, was es weiterzuführen gilt.

Wie gehst du damit um?
Es bereitet mir oft sehr viel Freude und teils wieder Sorgen. Manchmal habe ich schlaflose Nächte. Nicht weil es schlecht läuft, sondern weil ich versuche, nachts Konflikte zu lösen oder Ideen zu durchdenken – nachts habe ich oftmals die Ruhe nachzudenken.

Eben, du hast jetzt zwei Kinder, der Kleinste ist …
15 Monate und 15 Kilo (lacht).

Das ist ja eine Entwicklung …
Ja, jeder fragt mich, was ich meinem Kind bloss zu essen gebe …

Backpulver?
Er ist einfach ein bisschen fester – und gross …

Aber wie ist es, wenn man tagsüber Unternehmerin, Visionärin, Designerin, Mama und Ehefrau sein will und nachts Probleme wälzt? – Wo bleibt dann Mimi?
Donnerstags. Ich versuche meist donnerstags „Mimi“ zu sein.

Einen Tag die Woche bist du Mimi? Ist das dein Home Office Tag?
Genau, dann ist mein Home Office Tag …

Aber dann schläfst du ja auch nicht gerade lange aus … oder?
Nein, ausschlafen tue ich nie. Das wäre eigentlich eine gute Idee. Nein, ernsthaft … ich weiss nicht, was es ist, was mich manchmal nachts nicht schlafen lässt, ob ich aufwache und nachdenke oder nachdenke und deswegen wach bin (lacht).

Und was ist die grösste Herausforderung für dich im Moment?
Dass das, was wir tun, gut ist. Dass es erfolgreich ist. Und dass die Kunden zufrieden sind, mit dem, was wir tun. Es wäre wahnsinnig frustrierend für mich, wenn die Kunden dich anrufen und sagen, die Kampagne sieht mies aus, uns gefällt die neue Kollektion nicht oder die Umsatzzahlen sinken. Also, mir ist es wichtig, dass die, die mit mir zusammenarbeiten, auch glücklich sind. Damit auch irgendwann der Vater mal sagen kann: Weisst du, jetzt glaube ich, kann ich loslassen. Denn ich glaube, wenn ein Patron sieht, es ist etwas nicht im Lot oder die Kunden sind nicht mehr der Marke zugetan, dann abzugeben ist ja doch sehr viel schwerer oder nahezu unmöglich. Die Sache ist die: Es macht meinem Vater jetzt besonders viel Spass, in dieser Konstellation, in diesem neuen Office, in diesem Flagshipstore, an dieser neuen Location zu arbeiten, dies alles hat ihm auch wieder neuen Aufwind gegeben.

Apropos dein Papa, inwiefern hat dich dein Vater beeinflusst, in dem, was du heute tust? Wie du Menschen führst? Wie du unternehmerisch denkst? In welchem Bereich hat er dich am meisten geprägt?
Was Design und die Tasche an sich betrifft, haben wir den grössten Gleichschritt. Im Führen von Mitarbeitern, würde ich sagen, bin ich ganz anders als er. Ich bin sehr direkt in der Kommunikation, ich mag auch den direkten Weg, ich mag keine grossen Hierarchien. Die Meinung meiner Mitarbeiter versuche ich so weit wie möglich zu erfragen, sie zu integrieren. Das entspricht dem „alten“ Führungsstil eher weniger …

Deine Mitarbeiter, die du übernommen hast, die hast du ja nicht selbst ausgesucht – wie gehen sie mit dem Generationenwechsel um?
Mittlerweile haben wir einiges anders strukturiert und manche Mitarbeiter im Team sind neu. Es war zu Beginn, als ich wieder dazukam, wirklich nicht einfach. Aber du brauchst Mitarbeiter mit Leidenschaft, Loyalität und Treue. In Familienunternehmen ist der grösste Konfliktherd an der Spitze der Firma zu finden – aber wenn du Mitarbeiter hast, die das wissen und mit dir für deine Marke arbeiten wollen, ist das grossartig und das Schönste, was dir passieren kann.

Und wie läuft das nun bei neuen Anstellungen … wer entscheidet?
Die Dossiers lese ich, dann sage ich: Meiner Ansicht nach sind hier fünf bis sieben gute Kandidaten. Dann schauen wir uns diese gemeinsam an und holen uns noch eine externe Beratung dazu. Im Anschluss entscheiden wir gemeinsam.

Nun haben wir viel über deinen Vater gesprochen – inwieweit hat deine Mutter dich beeinflusst?
Also meine Mutter ist eine starke Frau. Vater ist der Kopf und meine Mutter der Hals. Und da, wo der Hals sich hindreht, da guckt auch der Kopf hin. Meine Mutter hat grossen Einfluss. Und ist auch eine sehr fleissige und kaufmännisch intelligente Frau. Auch kann sie richtig taff sein.

Wie glücklich bist du eigentlich in der Welt der Taschen? Denn Schuhe und Taschen, da kann man doch davon ausgehen, dass Frauen das mögen …
Sehr glücklich. Wenn ich nicht die Leidenschaft dafür hätte, könnte ich es nicht machen. Ich kann nur verkaufen, was ich wirklich mit einer grossen Leidenschaft tue. Wenn ich auf Messen gehe und schönes Leder anfasse, ist das grossartig. Die Qualität von Leder und guter Verarbeitung, das ist ein Traum für mich!

Und was sind deine täglichen Highlights?
Mit Kunden zu kommunizieren und mich mit der Presse auszutauschen. Ich höre wahnsinnig gerne, was Kunden wünschen. Oder wenn ich durch die Stadt gehe und eine MM Tasche sehe, wie sie getragen wird. Das sind die Augenblicke, die mich irrsinnig stolz machen. Und wenn ich irgendwohin fliege und dann ist eine MM Tasche auf dem Laufband, das sind Momente, wo ich weiss, diese Tasche war schon einmal in unserer Firma – das ist immer wieder ein grosses Highlight für mich.

Wie wichtig ist dir unternehmerischer Erfolg? Also der Hintergrund meiner Frage: Möchtest du deinem Vater jetzt auch beweisen, dass es gut ist, dass er dich hat?
Natürlich. Ich denke, das möchte doch jeder in einer solchen Konstellation. Das wirst du machen müssen, um die Zügel „bit by bit“ zu bekommen.

Also, das heisst, du musst deinem Vater jetzt beweisen, dass er richtig gehandelt hat?
Immer wieder, jeden Tag.

Wie geht man damit um, ist das leicht?
Nein, leicht ist es nicht. Das ist es nie. Auf der einen Seite weisst du, du hast deinen Vater als Chef und auf der anderen Seite hast du deinen Vater als Vater – und Grossvater deiner Kinder.

Er meint es grundsätzlich gut mit dir.
Genau. Und wenn alle Stricke reissen, dann kann ich mich immer auf meinen Vater verlassen. Und wenn ich ihn um Hilfe bitten würde, würde ich die bekommen. Natürlich ist es ab und zu ein Ringen. Aber das ist nie auf einer Ebene, wo man unter die Gürtellinie geht, wie es bei Fremden vielleicht möglich wäre.

Wie grenzt du dich ab, dass du die Probleme oder die Diskussionen, die du im Familienunternehmen hast, nicht mit nach Hause nimmst?
Ich nehme sie mit nach Hause, liebe Sandra-Stella.

Bis unter die Bettdecke? Nein, bis dahin nicht. Aber ich nehme sie oft mit nach Hause und diskutiere sie ab und zu mit meinem Mann. Ich diskutiere sie auch mit meiner Mutter. Oder mit Freunden. Ich grenze mich da nicht wirklich ab – ich habe tolle Freundinnen, die ich oft um Rat bitte – viele meiner Freundinnen sind ebenfalls berufstätig und der Austausch ist grossartig. So kann ich auch die andere Seite hören. Unterschiedliche Meinungen und Kritik sind mir sehr wichtig.

Was sind die grössten unternehmerischen Herausforderungen für Mollerus zurzeit? Gerne würde ich mit MM ein wenig expandieren. Und ich möchte auch gerne die eine oder andere Kollektion weiter ausbauen. Dies indes bei gleichbleibender Qualität. Immer hochwertig, das ist mir ein grosses Anliegen.

Du bist ja quasi „Louis Vuitton“ der Schweiz.
Das nehme ich als Kompliment. Das klingt toll. Ich denke auch, dass unsere Schweizer Kundin stolz ist, eine Schweizer Marke mit diesem Image zu tragen. Und ich bin ja Neo-Schweizerin und hab seit Kurzem einen Schweizer Pass!

Apropos Herkunft, die Schweiz … wo würdest du MM gerne sehen in den nächsten Jahren?
Wir sind in Gesprächen … Wir werden sehen (lacht).

Und wo siehst du dich in 15 Jahren, da bist du 55. Was machst du da?
Mit 55, dann ist meine Tochter 21. Dann könnte sie vielleicht eine Lehre bei Mami machen (lacht).

Das heisst, die Familiengeschichte schreibt sich fort.
Ja, das würde mich sehr freuen. Meine Tochter spricht heute schon Damen an, die eine MM Tasche tragen, und erklärt ihnen, dass ihr die Firma mal gehören wird.

Und wie lange möchtest du arbeiten? Hast du dir das schon überlegt?
Nun, gerne würde ich die Firma natürlich in Familienhand lassen. Wenn die Kinder mal so gross sind, dass sie das übernehmen können, wäre ich sehr glücklich. Ein schöner Gedanke eigentlich. Ich denke, Familienunternehmen werden immer rarer, was schade ist, weil in ihnen unheimlich viel Passion liegt. Herzblut kriegst du nicht mit Geld oder einem grossen Investor. Das schaffst du nur, weil es ein Familienunternehmen ist. Weil es über Generationen mit dir verwoben ist. Du brauchst, um erfolgreich sein zu können, eine Leidenschaft für die Sache. Und ich freue mich jeden Montagmorgen aufs Neue, ins Geschäft zu gehen. Das ist wahrlich ein Privileg.

Weiterführende Informationen: www.mollerus.com

 


„ICH WUSSTE, WENN ICH KOMME, MUSS ICH BLEIBEN“

ANNETTE HEIMLICHER – CONTRINEX AG

Annette Heimlicher wirkt etwas müde, als wir sie zum Interview im Zürcher Park Hyatt treffen. Die stolze, schöne Frau mit den blonden langen Haaren setzt sich elegant und mit einem Lächeln auf den Lippen zu mir an den Tisch. Seit September letzten Jahres ist die 35-Jährige an der Spitze des Unternehmens Contrinex AG – einem Spitzentechnologie-Unternehmen mit weltweit über 500 Mitarbeitern und über 40 Jahren Firmengeschichte. 2010 trat die Ökonomin in die Firma ein und führte bereits erfolgreich die Corporate Development Abteilung. Danach wollte sie wieder weg. Dass sie nun so schnell als CEO den Posten ihres Vaters einnehmen sollte – das hätte sich Annette Heimlicher wohl auch selbst nicht gedacht und sieht sich derzeit so einigen Herausforderungen gegenüber.

Ladies Drive: Wie war der Schritt in die Geschäftsleitung der Unternehmung deines Vaters für dich?
Annette Heimlicher: Schwierig. Mein Vater hatte mich auf diesen Schritt sicher 6-7 Monate vorbereitet. Wir freuten uns wahnsinnig, als wir den Mitarbeitern mitteilen konnten, dass wir die Nachfolgerfrage gelöst haben. Es haben sich natürlich viele Leute Gedanken gemacht, wie es weitergehen würde, da mein Vater 67 wird. Sie fragten sich, ob das Unternehmen verkauft würde und trugen so ihre Sorgen mit sich, ob sie eine Zukunft in dieser Firma haben würden oder nicht.

Dein Vater hat 1972 die Firma aufgebaut …
Richtig. Und wenn du keinen Nachfolger hast, wird auch solch ein innovatives Unternehmen verkauft. Und das wäre für die meisten Leute eine Katastrophe gewesen. Es gibt genug Beispiele, wie Familienbetriebe zerschlagen wurden, weil die Nachfolge nicht geregelt werden konnte.

Hast du Geschwister?
Ich habe einen Bruder. Der ist selbst erfolgreicher Unternehmer im Hightech-Bereich. Und ist super happy. Wie angesprochen – ein Verkauf würde bedeuten, dass die ganze Führungscrew ausgetauscht wird, das ist immer so. So waren wir tief überzeugt, dass die Mitarbeiter dies zu schätzen wissen. So à la „wir bleiben alle zusammen, es geht weiter“. Und nachher, was ist passiert? – Die ersten Kündigungen von Mitarbeitern flatterten ins Haus. Sie sagten: „Ja, weisst du, ich bin jetzt schon zehn Jahre dabei, ich und dein Vater sind ein Team, und jetzt, wo du kommst … Aber du musst es nicht persönlich nehmen, aber es ist einfach nicht das Gleiche.“ – Die Mitarbeiter spürten natürlich, dass ich gewisse Dinge anders angehen möchte. Und mittlerweile verstehe ich sie auch. Aber damals habe ich es sehr persönlich genommen und war absolut enttäuscht.

In den letzten drei Jahren haben wir 90 % des Kaders ersetzt. Also fast alle. Und wir sind auch dran, unsere Partner, Tochtergesellschaften und Geschäftsführer zu ersetzen, aus denselben Gründen. Viele Mitarbeiter und Kaderleute haben vor 10-15 Jahren mit meinem Vater angefangen, und die sagen, sie wollen nicht mehr mitmachen, da es jetzt mehr Kontrolle gibt, taffere Vorkehrungen, ein strengeres Transfer-Pricing oder Marketing-Richtlinien, die sie einhalten müssen. Denn ich will wissen, was läuft. Mein Vater war nicht so streng wie ich in der Führung des Unternehmens.

Was hast du studiert?
Volkswirtschaft an der Uni.

Hast du immer vorgehabt, dass du ins Unternehmen deines Vaters willst?
Nie, überhaupt nicht.

Was wolltest du machen?
Sicher nicht das. Ich habe nach der Uni einen Master an der London School of Ecnonomics gemacht und wollte unbedingt in London bleiben. Doch ich fand einfach keinen Job. Es war damals gar nicht einfach, als Schweizer etwas zu finden. Und so habe ich mit meinem Vater darüber gesprochen …

Das heisst, du hast die Initiative ergriffen?
Genau. Ich kannte die Firma. Das internationale Umfeld war das, was ich wollte. Und mein Vater hat mir unkompliziert eine Chance gegeben und die Türen ins Unternehmen geöffnet. Er fand es gut und sagte sofort: Ja, komm rein, ich mache dir Platz.

War es sofort klar, dass er so offen ist für eine weibliche Nachfolge? Warst du dir sicher, dass er das macht?
Nein, ich war nicht sicher. Aber ich glaube, er hat sich ein wenig gebauchpinselt gefühlt. Und dann hat er gewisse Vorkehrungen getroffen, damit ich ein eigenes Projekt übernehmen konnte, wodurch ich mich langsam entwickeln sollte. Er sagte, er habe einen Marketing-Chef, einen Betriebschef, einen CFO, er könne nicht einfach gute Leute entlassen, nur weil ich nun da sei, das gehe überhaupt nicht. Und das fand ich einen guten Approach. Und ich muss sagen, ich bin wirklich super von den Mitarbeitern aufgenommen worden. Da ich niemandem auf die Füsse trat mit meinem eigenen Projekt, konnte ich allen ihr Gärtlein lassen – und sie liessen mich. Als ich das Projekt vom Vater bekam, glaubte niemand daran, dass ich es schaffen würde … mal ganz abgesehen davon …

„Das Wasser, in welches ich hüpfte, war tatsächlich kalt. Sehr kalt.“ Annette Heimlicher

Was waren Inhalt und Mission deines Projekts?
Ich musste ein neues Business Unit im Bereich industrielle Sicherheit aufbauen. Spezielle Sicherheitsvorkehrungen und Geräte. Von der Technologie her ist es ähnlich wie die jener Geräte, die wir üblicherweise bauen, aber in der Personensicherheit gibt es ganz spezielle und heikle Normen, die es einzuhalten gilt. Es war ein Geschäftsfeld, wo normalerweise hohe Margen drin liegen, in dem wir bis dato jedoch noch nicht aktiv geworden waren. Und ja, in zwei Jahren hatte ich mein Projekt erfolgreich auf die Füsse gestellt. Und das hat wirklich alle extrem erstaunt. Es war aber auch jener Moment, in dem sich alles änderte. Nachdem ich also signifikanten Erfolg hatte, veränderte sich die Wahrnehmung meiner Person durch die Mitarbeiter.

Das heisst, zu Beginn haben sie dich kaum wahrgenommen oder gar belächelt?
Ja natürlich, belächelt. Jung. Blond. Hübsch. Sie haben es mich aber nie direkt spüren lassen. Sie haben mich einfach machen lassen. Aber die Leute haben wirklich nicht dran geglaubt, da es einfach ein derart schwieriges Projekt war. Das hat sie sehr beeindruckt. Aber nach dieser Erfahrung wollte ich plötzlich nicht mehr. Ich ging dann ein Jahr zum WEF.

Was hast du dort gemacht?
Ich war zuständig für die Strategieumsetzung.

Wieso wolltest du trotz des Erfolgs weg?
Überall, wo ich hinging, meinten alle, ich sei der Nachfolger.

War dir das zu viel?
Ja, es war mir absolut zu viel. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich war Anfang dreissig. Fühlte mich dem nicht gewachsen. Ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher. Also ging ich zum WEF – wirklich ein super Job übrigens! Doch dann … dann habe ich zu überlegen begonnen, dass mein Vater natürlich auch nicht jünger wird. Und ich begann mich intensiver damit auseinanderzusetzen.

Hat dein Vater eigentlich interveniert oder hat er dich einfach gehen lassen?
Nein gar nicht, er liess mich einfach gehen. Nach einem Jahr beim WEF dachte ich allerdings, die Firma meines Vaters hat doch ziemlich viel Potenzial und was passiert, wenn ich nicht gehe, dann müssen wir sie verkaufen … all diese Gedanken wuchsen in mir – und so sprach ich meinen Vater eines schönen Tages, im Sommer 2008, darauf an. Seine Antwort war: Das ist nicht so eine gute Idee.

Weil du weggegangen bist, obwohl er dir so wohl bedacht den Weg geebnet hatte?
Ja, weil ich davongelaufen bin. Natürlich kannst du nicht nach Belieben rein in die Firma und dann wieder raus. Das ist nicht gut – auch für seine Glaubwürdigkeit nicht. Er hat mir klar gemacht, wenn ich komme, müsse ich bleiben.

Hat dir das nicht Angst gemacht?
Weniger. Ich hab dieses Jahr beim WEF einfach genossen. Ich habe mir Fragen gestellt über meine Lebensentwicklung, über mein Potenzial und über meine Fähigkeiten. Und ich kam zum Schluss, dass ich die Firma leiten will – und kann.

Hast du dir dann einen Coach gesucht, mit deinem Mann geredet? Oder hast du das mit dir selbst ausgemacht?
Vielmehr Letzteres. Es kam als Druck von innen heraus. Es wuchs in mir der Wunsch, die Firma nicht gehen zu lassen. Aber ich musste meinen Vater etwa 3-4 Monate bearbeiten. Das war nicht einfach.

Wie hast du das gemacht?
Einfach immer und immer wieder gefragt. Ich versuchte ihm aufzuzeigen, dass es wichtig sei, einen Nachfolger zu haben. Irgendwann hat er dann auch eingewilligt.

Er wollte einfach wissen, dass du es wirklich willst?
Dass ich es ernst meine.

Hat er dich bewusst etwas “leiden“ lassen …?
Ja, sicher. Im Sommer 2008 kam mit Lehman Brothers der Anfang der Weltwirtschaftskrise. Und so trat ich am 1. Januar 2009 wieder in die Firma ein. In diesem Jahr litt die Firma enorm – wir mussten 40 % Umsatzrückgang in Kauf nehmen. Es war eine ganz schlimme Zeit. Und mein Vater wollte nicht, das ist auch ganz natürlich, das wollen, glaube ich, alle Väter nicht, dass die Tochter ins Unternehmen kommt, wenn die wirtschaftlichen Gesamtumstände derart schwierig sind. Die wollen dir ein wunderschönes, gesundes Bijou übergeben und sagen, „hier, Tochter, das ist mein Lebenswerk, es funktioniert, floriert“. Und er dachte, er will mich von den Schwierigkeiten fernhalten und die Firma erst dann übergeben, wenn alles wunderschön ist. Die Tochter zu beschützen, das geht natürlich im Geschäft nicht.

Gab’s danach für euch beide eine Art Masterplan – oder kam die Übergabe eher organisch?
Organisch … Wir haben auch mit meinem Bruder Gespräche geführt, damit jeder sich ausdrücken kann, was seine Wünsche und Erwartungen sind. Ich habe meinem Vater indes auch nie verschwiegen, dass ich selbst auch eine Familie will, dass mir das wichtig ist. Und dass ich ihm nicht sagen kann, dass ich die nächsten Jahrzehnte über 200 % für die Firma da sein kann. Hätte ich mich damals entscheiden müssen – eine eigene Familie wäre vorgegangen. Nach diesem offenen Austausch haben wir ein gutes Modell ausgearbeitet. Dass wir einen dritten, externen Top-Manager holen. Die Idee war, dass wir ein Dreier-Team sind. Zuerst mein Vater, dieser übergibt den Hut dem externen Manager, und wenn ich aus der Familienzeit heraus bin, übernehme ich selbst den CEO-Posten. Das fand ich eine super Idee. Das hat auch alles gut gestartet, wir mussten uns aber vor ein paar Monaten von dieser externen Person vorzeitig trennen. Und dann war plötzlich die Frage, soll mein Vater wieder an die Spitze zurück – und wenn ja, wie lange, oder soll ich nun ans Ruder. Viel Zeit blieb uns dabei nicht. Denn das Schlimmste ist ein Unternehmen ohne Führung. Also hab ich mich angeboten, nun früher als geplant die Verantwortung zu übernehmen. Ich bin zwar noch immer jung, eine Frau – aber ich bin doch schon lange dabei, ich kenne die Produkte, ich kenne den Markt, unsere Partner, die verschiedenen Stolperfallen. Mir kann man so schnell nichts vormachen in diesem Gebiet. Und seit ich übernommen habe, läuft es auch wirklich super gut. Es war einfach nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben, aber es funktioniert. Und das ist das Wichtigste.

Hattest du manchmal das Gefühl, dein Vater hätte das Unternehmen lieber deinem Bruder, lieber einem Mann übergeben?
Auf jeden Fall. Ich glaube, das ist ein natürlicher Reflex. Mein Bruder hat auch dasselbe studiert wie mein Vater. Mein Bruder ist brillant und extrem intelligent. Er ist ein ganz hervorragender Entwickler. Es ist daher eigentlich naheliegend zu denken, dass er der Visionär ist, der das Unternehmen aufs nächste Level heben kann, es übernehmen sollte.

Und ich fühlte mich auch nie betupft ob dieser Überlegung. Aber mein Bruder wollte nicht. Und ich muss nun ein wenig Altersringe sammeln und Beziehungen zu den wichtigsten Menschen im Unternehmen und ausserhalb aufbauen. Wenn du keine eigene, selbsttragende Beziehung zu deinen Leuten hast, ist es schwierig als Chef. Teilweise kennen mich die Mitarbeiter ja seit Kindesbeinen an. Nun ging es darum, sich als verantwortungsvoller Leader bei diesen Menschen zu positionieren.

Sehen sie dich nicht dennoch als den Teenager von damals …?
Ja, das ist die Frage. Wenn man indes nicht damit leben kann, kann man nicht bleiben. Aber die Älteren, die mussten sich daran gewöhnen. Das ist sicher so.

Wie hast du diesen Übergang empfunden, also rein führungstechnisch, was die Leadership anbelangt? Es ist klar, du bist kein Mann, du bist nicht dein Vater, du bist ein ganz anderer Mensch …
Es gibt einfach Leute, die auf meinen Führungsstil ansprechen, und solche, die dies nicht tun. Doch nun haben wir ja mittlerweile so viele neue Leute im Team, vor allem in der Führungsetage, die einfach so einen Führungsstil, wie ich ihn praktiziere, erwarten.

Welchen Führungsstil praktizierst du denn?
Einen kollaborativen. Nicht patriarchalisch wie mein Vater. Ist ja logisch, von einem Gründer und Eigentümer, der das aufgebaut hat, für ihn war es ganz natürlich. Aber ich habe einen ganz anderen Führungsstil. Ich sage vielmehr: Wir haben jetzt das als Ziel festgelegt, sagt mir, wie wir dort hinkommen.

Das heisst, du versuchst die Leute mehr einzubinden?
Ja, ich drehe es um, die Leute müssen mir erklären, wie man ans Ziel hinkommt.

Hat dein Vater nicht gesagt, aber Mädel, das kannst du nicht so machen, du musst Führer sein?
Nein, hat er nicht. Ich glaube, er wollte einfach mal sehen, wie es so funktioniert (lacht). Oder ob ich auf den Hosenboden falle mit meinem Prinzip. Ich glaube, er hatte am Anfang schon ziemliche Bedenken, aber gesagt hat er nie was. Er dachte einfach: Mädel, zeig einfach mal, was du kannst.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben Mühe damit, dass du von ihnen hören willst, wie man die Ziele erreicht, anstatt ihnen alles vorzukauen?
Ja – das war sicher keiner gewohnt! Sie wussten nicht, was von ihnen nun plötzlich erwartet wird. Und ich muss zugeben – es brauchte viele, viele bilaterale Diskussionen. Ich ging essen, hatte private Diskussionen mit den Leuten, ging mit ihnen Kaffee trinken. Das war recht aufwendig. Viele wollten wissen, wie ich ticke.

Das klingt, als hättest du das unterschätzt …
Ich habe es völlig unterschätzt. Total. Ich habe wirklich gedacht, es sei glasklar, was ich von den Leuten will. Aber für die Mitarbeiter, auch das Management, war es das nicht. Du musstest dir wirklich Zeit nehmen, es den Leuten persönlich in ihrem Kontext zu erklären. Fragen wie, was bedeutet das für mich, für meinen Job, willst du mit meinem Team Änderungen machen, willst du mein Team outsourcen, vergrössern und so weiter. Diese Fragen sind natürlich legitim. Ich habe mir das viel zu einfach vorgestellt … Aber wie gesagt, ich hatte überhaupt keine Zeit. Ich dachte, ich hätte noch 7-8 Jahre, bis ich an dem Punkt bin, alleine zu führen. Also habe ich mich überhaupt nicht vorbereitet, ich habe keine Kurse gemacht, gar nichts. Das Wasser, in welches ich hüpfte, war tatsächlich kalt. Sehr kalt.

Bist du mittlerweile froh um die kalte Dusche?
Hmm, es war schon wirklich schwierig. Für mich persönlich sehr, sehr schwierig. Am Schwierigsten war der Umstand, dass nun alle etwas von mir erwarten.

Das heisst, dass du plötzlich alle Entscheidungen treffen musst?
Ja, du musst plötzlich alle Entscheidungen treffen. Auf alles eine Antwort wissen. Das ist sehr komisch.

Das Orakel bist du
… Ja. Was ist unsere Strategie für A, jene für B? Und das musst du sofort ausdrücken können. Die Leute erwarten einfach, dass du das weisst.

Ja, du bist der Chef. Klar, wenn du das nicht weisst, wer dann?
Richtig. Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Die Leute kommen teils mit ganz alten Fragen, die für sie nie wirklich befriedigend beantwortet worden sind, auf mich zu. Ich habe gedacht, die Mitarbeiter lassen mich ein paar Monate machen und kommen dann mit ihren Fragen. Doch weit gefehlt!

Ist das der Grund, warum du nicht gut schläfst?
Ja. Was mir indes auch nicht derart bewusst war, ist der Umstand, dass Leute sich dir gegenüber anders verhalten, wenn du ihr Chef bist. Als Kollege wirst du immer freundschaftlich behandelt, lachst gemeinsam, alberst rum. Aber als Chef ändert sich das schlagartig. Sie berichten dir plötzlich, was sie stört, was schon länger nicht gut läuft … ich weiss nicht, ob das nur bei mir so ist oder bei allen Nachfolgern. Vor allem habe ich auch eine Menge persönliche Sachen erfahren. Das fordert mich enorm!

Sie wollen Sicherheiten von dir?
Ja, absolut. Aber ich denke noch gar nicht so, ich habe noch keine Hypothek, noch keine Kinder. Ich muss für niemanden Sorge tragen, so wie viele meiner Mitarbeiter. Aber die Leute wollen alles im Detail wissen. Ich werde mir eben bewusst, was Leadership bedeutet. Es braucht unglaublich viel Energie! All diese unterschiedlichen Individuen mit ihrer eigenen Geschichte zu verstehen, ist nicht einfach.

Gehst du dann auch zu deinem Vater und fragst ihn um Rat? Oder versuchst du da Fassung zu bewahren?
Ich bin zu stolz, ehrlich gesagt. Ich versuche, die Fassung zu wahren. Ich finde das blöd, du bist der CEO und gehst deinen Vater fragen, wie man dies und jenes tun soll. Wenn du selber ein wenig das Alphatierchen bist, dann kannst du doch nicht sagen: Ich bin überfordert, wie macht man das?

Aber ist es so schlimm, wenn man als CEO Schwächen eingesteht?
Ich glaube schon. Weil du so jung und eine Frau bist. Du willst gerade in der Anfangszeit doch keine Schwächen eingestehen. Aber ich sehe schon, dass Schwächen einzugestehen grundsätzlich keine Übeltat darstellt. Ich habe mir nun die Unterstützung eines externen Coachs geholt, der mir hilft, meine Gedanken zu ordnen. Und das ist natürlich gut. Er ist nicht mein Vater, nicht mein Freund, nicht mein Mann. Er kann mir wirklich sagen, das ist „Bullshit“ – und das sagt er übrigens auch. Das ist nicht immer leicht anzunehmen – aber er hat meistens Recht und ich lerne gerade enorm viel über mich. Und das ist ja was ausserordentlich Schönes!

Weiterführende Informationen: www.contrinex.com


„ICH WILL NICHT IN FUSSTAPFEN TRETEN, ICH WILL EIGENE FUSSABDRÜCKE HINTERLASSEN.“

SARAH FLIEG-NÄF – NAEF GROUP

Sarah Flieg-Näf ist eine blonde, junge Frau, nach der man sich umblickt. Ich würde sie als unkonventionell, intelligent und vermutlich als ungewöhnliche Persönlichkeit beschreiben. Ihre strubbelkurzen Haare trägt die CFO der Naef Group (Firmen HAT-Tech AG und Näf Tech AG) frech gestylt, die Lippen blutrot geschminkt, die Augen blitzen blau. Die attraktive 32-Jährige begegnet einem mit wachem und neckischem Blick. Fordernd und stets etwas spitzbübisch.

Mit heller Stimme empfängt sie mich im Headquarter der Naef Group in Freienbach: „Hier, das ist mein Mann und mein Hund, dort ist das Büro meines lieben Vaters und meiner lieben Mutter, dann das Office meiner Schwester und hier das Büro meines Bruders.“ Mit diesen Worten führt mich die schöne CFO durch die neuen Büroräumlichkeiten. Irgendwie scheint mir das eine schrecklich nette Familie zu sein, die sich fast schon unglaublich harmonisch zeigt. Je länger der Besuch in Freienbach dauert, desto mehr erkenne ich, dass ich tatsächlich die Wege einer sehr aussergewöhnlichen Familie gekreuzt habe, die sich auch im alltäglichen Geschäftsleben mit viel Respekt und Liebe begegnet.

Ladies Drive: Wenn dich jemand als „ein bisschen verrückt“ oder „ausgeflippt“ bezeichnet – kränkt dich das als Businesslady?
Ich finde das besser als 08/15 (lacht). Nein, es kommt immer darauf an, wie man es auslegt.

Die Branche, die du dir als Betätigungsfeld hier freiwillig ausgesucht hast, das Unternehmen, welches dein Vater 1985 gründete, ist nicht gerade eine Luxusgüterbranche. Bekannt wurde eure Firma durch die Rohrinnensanierung von Trinkwasserleitungen und Fussbodenheizungen. Und ihr seid letztes Jahr mit dem „European Families in Business Award 2012“ ausgezeichnet worden. Wie hast du den Weg in das Familienunternehmen gefunden?
Den Weg hab ich vor gut 10 Jahren gefunden. Damals war ich Anfang 20. Aber für mich war das ein ganz logischer Weg, eines Tages in die Firma des Vaters einzusteigen. Wir drei Kinder haben all die Jahre erlebt, wie sehr sich die Eltern für diese Firma eingesetzt haben, wie aus dem Nichts heraus ein florierendes Geschäft entstanden ist. Obwohl ich sagen muss: Mein Vater wollte immer, dass wir zuerst in einem anderen Bereich unsere Erfahrungen sammeln. Nun hat sich das ganz unabhängig voneinander ergeben, dass mein Bruder, meine Schwester und ich im Unternehmen tätig sind. Meine Schwester in der Buchhaltung, mein Bruder als CEO – und ich als CFO. Ich war im kaufmännischen Bereich tätig, machte die Handelsschule und trat dann erst mal in die Versicherungsbranche ein. Da ich die Jahre zuvor am Abendtisch stets Gespräche meiner Eltern über die Firma mitverfolgt habe, habe ich schnell gespürt, dass mein wahres Herzblut in eben dieser Firma steckt. Das führte dazu, dass ich mich im Jahre 2002 ganz offiziell beworben habe – und zwar als Sekretärin meiner Eltern.

Hast du deinem Vater erzählt, dass du dich bewirbst?
Er hat mir sogar den Input gegeben, dass er eine Nachfolge im Sekretariat sucht.

Das heisst, es hat auch ein Vorstellungsgespräch gegeben?
Nein … Das war ein Vorteil, sie haben gewusst, dass ich in meinem Job in der Versicherungsbranche alles gegeben habe. „Von nichts kommt nichts“ ist mein Lebensmotto und das habe ich schon von klein auf in jeder Lebenssituation gelebt, sei es ein Hobby, Job oder wo auch immer. Wenn ich etwas beginne, tue ich es mit voller Leidenschaft. Nun gut, ich hab also als Sekretärin begonnen, was ganz seltsam war irgendwie, weil ich ins Nest meiner Eltern zurückkehrte. Das Gehenlassen und Wieder-indie- Arme-schliessen hat derweil auch ihnen am Anfang Disziplin abgerungen. Aber sie wollten, dass wir uns richtig ins Unternehmen integrieren – es war also ein unglaublicher Lernprozess. Für die Eltern wie auch für uns Kinder.

Hat man auch von euren Eltern aus Angst gehabt, dass es Streitigkeiten gibt, wer welche Machtansprüche haben könnte …
Nein, das stand absolut nie zur Diskussion. Wir haben immer gewusst, wo wir stehen. Dass wir als Unternehmen aber derart stark wachsen, hätten wir zu diesem Zeitpunkt nie gedacht. Wir sind ja seit der Jahrtausendwende mindestens 30 % pro Jahr gewachsen. Als ich begann, hatten wir vier Mitarbeiter – und mittlerweile sind es über 70. Und mit diesem Wachstum veränderten sich auch unsere Positionen. Am Anfang war man einfach happy, dass man überhaupt in der Firma der Eltern starten konnte. Ich lernte damals den ganzen Back Office Bereich kennen, ich hing am Telefon, wusste über das gesamte Sekretariat Bescheid, hatte Einblick in die Finanzbuchhaltung. Und ich glaube, das ist auch das, was mich derart sattelfest hat werden lassen. Ich weiss, das ich in diesem Job bestehen kann. Weil ich ihn von der Pike auf gelernt habe. Mein Bruder nahm einen ähnlichen Weg – und ist nun Geschäftsführer seit rund drei Jahren. Wir wissen beide, worum sich die Arbeit an der Basis dreht.

Wie haben die Mitarbeiter reagiert, als sie gemerkt haben, der Vater zieht jetzt doch seine Kinder nach?
Nun – das fiel bei uns nicht derart schwer ins Gewicht, weil in der Zeit, als meine Geschwister und ich in die Firma eintraten, fast nur Familienmitglieder beschäftigt waren. Das Wachstum kam erst später. Was ich indes betonen möchte, ist, dass der Führungsstil meiner Eltern absolut erstrebenswert ist. Sie sind keine Patriarchen – sie sagen immer, das höchste Gut sei der Mitarbeiter. Und sie leben das genau so, wie sie es sagen. Und wir Kinder versuchen das logischerweise genauso zu machen, obwohl jeder natürlich seinen eigenen individuellen Führungsstil hat. Klar, gibt es auch bei uns Spannungen. Wir haben aber eine sehr gesunde Streit- und Gesprächskultur in unserer Familie. Zu guter Letzt sind wir uns einig – und gehen denselben Weg, auch wenn wir uns familienintern zuvor gekabbelt haben. Aber apropos „führen“ … das einzige, was du nicht lernen kannst, ist das Führen von Mitarbeitern. Ich empfand dies als eine der schwierigsten Aufgaben, die Bedürfnisse des Unternehmens mit jenen der Mitarbeiter und Kunden in Einklang zu bringen.

Ich höre heraus, dass du sehr viel von deinen Eltern gelernt hast.
Ja, absolut. Aber meine Eltern haben auch immer betont: Ihr seid Rohdiamanten, die man schleifen muss. Und ich muss sagen: Nun bin ich seit zehn Jahren hier in der Firma und ich fühle mich erstmals seit vielleicht letztem Sommer als „teilglitzernd“. Ich weiss, dass ich noch lange kein geschliffener Diamant bin, so dass ich vollkommen leuchten kann. Mein Grossvater war 92, als er starb, und meinte stets, dass man nie ausgelernt habe im Leben. Genau das bereitet mir Freude, weil ich weiss, ich kann immer noch etwas dazulernen. Und das ist auch ein spannender Prozess, der für mich wichtig ist. Ich will weiterkommen – das ist tief in mir drin. Also ja – ich habe sehr viel von meinen Eltern gelernt, um deine Frage zu beantworten.

Aber es ist nicht immer Unternehmer-Kuschelkurs bei euch angesagt? Es hört sich so an, als habt ihr euch immer alle gern und ihr streitet schön zusammen.
Ja … wir haben uns sehr gern und können auch sehr gut streiten. Einen Kuschelkurs fahren wir insofern, als wir uns gegenseitig absolut respektieren. Wir spüren von unseren Eltern einen grossen Respekt uns gegenüber, wie auch wir unseren Eltern grossen Respekt schenken. Weil wir dank der Erfindung unseres Vaters und der vollen Unterstützung der Eltern auch in diesem erfolgreichen Unternehmen arbeiten dürfen. Aber es ist ganz klar so, dass es Situationen gibt, wo man sich gegenseitig in einem härteren Ton angeht. Wir sind uns auch nicht immer einig. Und ausdiskutieren bei uns Alphatierchen geschieht da meist nicht gerade leise. Aber ich denke, das verleiht Dynamik. Schlussendlich muss man immer darauf bedacht sein, was dem Unternehmen dient – nicht einem selbst.

Fällt dir das immer leicht, dich auseinanderzusetzen mit Eltern und Geschwistern?
Nein, das geht mir teilweise sehr nahe. Ich bin sehr zart besaitet, wenn ich das so sagen darf. Ich glaube, ich bin eine selbstbewusste Persönlichkeit. Ich kenne meine Ecken und Kanten. Von denen habe ich reichlich.

Sonst würdest du nicht glitzern.
(Lacht). Jedenfalls, es geht mir zum Teil sehr nahe, das kann ich ganz offen und ohne Scham sagen.

Wie gehst du damit um?
Nun, es gibt Situationen, in denen ich traurig sein und weinen kann. Oder die ich ausdiskutieren muss. Ich bin nicht jemand, der das im luftleeren Raum stehen lassen kann. Ich muss es greifen, diskutieren und anschauen können. Das ist ein Punkt, an welchem ich wohl ständig und beharrlich weiter an mir arbeiten muss.

Dein Mann arbeitet ja auch hier.
Ja, das ist so toll, dass alle hier arbeiten! Was auch wunderschön und total lässig ist. Die Abgrenzung ist natürlich nicht immer leicht – wenn wir uns sehen, wird oft übers Geschäft geredet. Was jetzt für mich nicht sehr belastend ist. Aber es ist ungelogen eine riesige Herausforderung für alle.

Inwieweit hat dich dein Vater beeinflusst, als Mensch, als Chef, als Erfinder?
Mein Vater hat sicher einen unglaublichen Einfluss auf mich gehabt, wie meine Mutter im Übrigen auch. Zu meinem Vater habe ich eine sehr enge Beziehung. Ich kann mich erinnern, dass er uns immer ein guter Vater war, obwohl er auch eine harte Zeit mit seinem Start-up hatte. Man redet häufig vom Vater, weil er mit einer Idee, die er patentieren liess, eine Firma aufbaute, die nun Weltmarktführer ist. Meine Mutter hat meinen Vater aber stets voll und ganz unterstützt. Ich habe einmal gehört, dass hinter jedem starken Mann eine noch stärkere Frau steht. Ich denke, es sind zwei wahnsinnig starke Persönlichkeiten, die mich geprägt haben. Ich stehe meinem Vater auch privat sehr nahe. Wenn ich mit jemandem philosophieren kann, dann mit ihm. Er ist für mich ein richtiger Freund. Ich kann mich ihm anvertrauen. Einmal pro Quartal machen wir einen Vater-Sarah-Tag, wo wir zusammen etwas unternehmen. Und er hat mich auf meinem Weg sicher sehr beeinflusst und immer in allem unterstützt. Die Freiheit zu haben, sich frei auszudrücken, dafür bin ich wahnsinnig dankbar.

Dass er euch auch nicht gedrängt hat, ins Unternehmen zu kommen?
Das ist genau das Erfolgsgeheimnis. Und dass wir aufgrund unserer Fähigkeiten einen Job oder eine Führungsposition einnehmen konnten, die absolut massgeschneidert ist. Für jeden von uns.

Und inwiefern hat dich deine Mutter beeinflusst?
Meine Mutter ist eine Perfektionistin durch und durch. Und ich habe das Pflichtbewusstsein, das Gute von ihr gelernt. Meine Eltern waren streng in der Erziehung, aber immer fair. Dies ist auch im Geschäftsleben so: Man ist streng und erwartet viel, aber man gibt auch viel. Meine Eltern sind im Geschäft wie auch privat meine ganz grossen Vorbilder.

Gab es indessen auch mal Situationen, wo du an deine Grenzen gestossen bist, unternehmerisch gesehen?
Ich kann vielleicht ein paar Beispiele nennen. Ich habe ja einen Teilbereich von meinem Vater übernommen, wo ich die Lizenzpartner international über mehrere Jahre betreut habe. Hier muss man sich vorstellen, dass ist eine Baubranche, eine Männerdomäne. Alle 20 Jahre älter als ich.

Und du eine junge Blondine …
Ich musste mir den Respekt dieser Herren natürlich brutal erarbeiten und mich absolut durchboxen. Zum einen sprachlich – da ist man in Finnland, Schweden, Island etc. unterwegs, und unterhält und verhandelt nie in seiner Muttersprache. Zweitens sind deine Gegenüber Männer aus der Baubranche. Ich will sie nun absolut nicht schlecht machen, aber es waren Männer, die gewohnt waren, nur mit meinem Vater zu sprechen. Und plötzlich sitzt da so eine kleine blonde Dame am Verhandlungstisch. Ich habe einige Male nach Vertragsverhandlungen oder Geschäftsgesprächen meinen Vater angerufen und zähneknirschend zugegeben, wie schwierig das eben war. Aber es gab auch Situationen, in denen ich gedacht habe …

Ich will weg hier …?
… Nein, aber ich wusste immer, dass ich mich durchbeissen musste, dass es sich lohnt. Ich bin keine leise Person, bin eher extrovertiert, auch im Auftreten, bin aber, wie gesagt, auch zart besaitet. Und das zu zeigen, ohne dass du dich total entblösst, ist nicht immer einfach, vor allem, wenn du im Ausland auf dich selbst gestellt bist. Das sind allerdings Erfahrungen, auf die einen niemand bis in die letzte Konsequenz vorbereiten kann – das muss man erleben, um das Richtige daraus zu lernen.

In Watte gepackt haben dich deine Eltern also nicht …
Nein, gar nicht. Sie sind meine Mentoren, die hinter mir stehen. Und ich bin interessiert, wie ich mich entwickeln kann. Aber ich habe mir ein paar Mal eine blutige Nase geholt – das gehört dazu. Da muss man durch, würde ich meinen. Es macht einen auch stärker. Hinfallen ist nicht so dramatisch – dann klebt man ein Pflaster auf die Wunde und rennt weiter. Aber man sollte natürlich in sich gehen und spiegeln, was und weshalb dies nun so geschehen ist. Ich sage immer, ich will nicht in Fussstapfen treten, ich will eigene Fussabdrücke hinterlassen. Entsprechend muss ich bereit sein, Dinge zu lernen – und das geht nicht ohne ein paar Kratzer.

Du hast eben gesagt, dass du eher extrovertiert bist. Wie reagieren Fremde eigentlich auf dich, wenn du erzählst, was du tust?
Nun, ich muss es jeweils sehr genau erklären (lacht). Also, es ist interessant, mit welchen Vorurteilen Leute an ein Nischenprodukt wie das unsrige herangehen.

„Ich stehe meinem Vater auch privat sehr nahe.“
Sarah Flieg-Näf

Aber du hast nie gedacht, warum konnte mein Vater nicht einfach Handtaschen erfinden …? Nun, da die Unternehmung so schön läuft, kann man sich auch ab und zu mal eine schöne Handtasche gönnen. Ich bin nun mal als Sarah Näf geboren. Hätte mein Vater eine Erfindung gemacht mit Handtaschen oder Schuhe mit rsoten Sohlen, whatever, wäre ich sicher auch in diesem Betrieb tätig. Die Passion meiner Eltern hätte mich immer angesteckt. Ich persönlich finde, dass ich unglaublich Glück gehabt habe. Ich bin wahnsinnig dankbar. Wenn ich zurückschaue, was ich in den letzten zehn Jahren alles lernen durfte – das ist in meinen Worten einfach Weltklasse. Das macht mich wahnsinnig happy. Und ich bin dankbar und fühle mich sehr privilegiert. Und ich glaube, die Dankbarkeit und das Bewusstsein zu haben, dass das nicht selbstverständlich ist, das ist ein sehr wertvolles Geschenk, das ich täglich erleben darf.

Und du hast nie dunkle Stunden, wo du dich fragst, weshalb du das gerade tust?
Ich habe meine Aufgaben und meine Verantwortung, die ich habe, nie in Frage gestellt. Ich hatte noch nie den Eindruck, ich sei hier völlig fehl am Platz.

Wo siehst du momentan die grössten Herausforderungen, dass es weiterhin so gut laufen kann wie bisher?
Stabilisierung. Das Konsolidierungsjahr. In der Folge: Fokus auf Wachstum, aber die Qualität darf nie darunter leiden. Wir sind bekannt für höchste Qualität. Und so arbeiten wir intern entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien aus.

Und wo siehst du dich in 15 Jahren?
Dann bin ich 47 … da sehe ich mich am gleichen Ort. In welcher Position, weiss ich nicht. Ich wünsche mir, dass ich mich weiterhin in dieser Unternehmung befinde, im Umfeld meiner Liebsten, im Umfeld von bestehenden und neuen Mitarbeitern. Vielleicht ein bisschen grauer, aber nur die Haare (lacht). Und vielleicht noch glitzernder. Und ich hoffe, dass ich mit 47 etwas weiser bin.

Dass du etwas ruhiger wirst, vielleicht?
Mein Vater hat gesagt, er sei an den Punkt der aktiven Gelassenheit gekommen. Ich finde das wunderbar und so erstrebenswert. Ich bin noch jenseits von dem. Aber es ist doch ein schönes Ziel. «

Weiterführende Informationen: www.naef-group.com
Foto: OLIVER RUST


Text: Sandra Stella Triebl