AT LEAST I’VE TRIED

Es war und ist mir ein Anliegen, Diversity in allen Facetten zu zeigen, denn hinter all diesen Geschichten stehen Menschen mit individuellen Schicksalen. Diversity und Inklusion sollten keine abstrakten Begriffe sein, sondern nur stellvertretend für den Reichtum unserer Welt, unserer Kreativität und unseres Seins stehen.

So hab ich neun Businessfrauen mit multi-diversem Hintergrund, die ich kenne und schätze, angerufen, ob sie Lust und Zeit haben, sich für Ladies Drive und unsere Diversity-Story fotografieren zu lassen. Und trotz der Kurzfristigkeit des Termins: Alle schafften Platz in ihrer Agenda.

Nun dürfen wir auf den folgenden Seiten unglaublich persönliche Geschichten lesen, die uns dabei helfen sollen, das Konzept und den tieferen Sinn von „Diversität“ zu begreifen und zu verstehen, dass ein Teil dieser Diversität auch Imperfektion spiegelt. Und zwar im Sinne von Anderssein. Wenn man manchmal durch die sozialen Medien zappt und durch gängige Wirtschaftstitel oder Frauenmagazine blättert, hat man manchmal den Eindruck, als gäbe es so etwas wie „das perfekte Leben“ und als gäbe es einen Anspruch darauf, ein Grundrecht sozusagen, etwas, das wir uns hart erarbeitet haben.

Doch das Leben ist nur ein zeitweiliges Geschenk und in seiner Essenz weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Leben entwickelt sich dann weiter, wenn Fehler passieren. Mutationen. Wäre das Leben perfekt, weshalb wären wir dann wohl hier? Ich denke, wir sind in einem menschlichen Körper, um mehr als nur Perfektion zu erleben, sondern eben alles zwischen den Polen. Nur so erfahren wir das, was man gemeinhin als „Schöpfung“ bezeichnen könnte.

Und Fehler und Mutationen sind unabdingbar für den Weiterbestand des Lebens auf der Erde. Es sind die „Fehler“ und die Diversität, die uns davor bewahrt haben, auszusterben. Diversität bedeutet Resilienz. Flexibilität. Anpassungsfähigkeit. Schnelligkeit. Und all diese Eigenschaften sind nicht nur in der Natur von grosser Wichtigkeit, sondern auch in der Wirtschaft. Gerade in einem schwierigen und fordernden Umfeld wie heute müssen Politik und Wirtschaft smarte, aber häufig auch schnelle Entscheide treffen. Ein divers zusammengesetztes Board, divers zusammengesetzte Teams sind in der Lage, die smarteren und schnelleren Beschlüsse zu fassen. Und mit Diversität meine ich eben nicht nur die Variable „Geschlecht“, sondern sämtliche Nuancen, die man sich denken kann. Selbst bei Ladies Drive, einem Universum, welches sich primär an Frauen im Business richtet, ist die Meinung und Sichtweise von Männern beispielsweise unendlich wichtig! Weil nur diese „andere Sichtweise“ uns neue Blickwinkel auf dasselbe Problem erlaubt. Es macht also aus meiner Sicht keinen Sinn, ausschliesslich Frauen zu unserem Produkt „Ladies Drive“ zu befragen, die wohlmöglich genauso alt sind wie ich, den gleichen Bildungshintergrund haben, dieselbe Familiensituation. Ich kann die Welt und ihre komplexen, zusammenhängenden Herausforderungen doch nur dann begreifen, wenn ich in der Lage bin, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Eine Aussensicht zuzulassen. Und genau deshalb ist es unabdingbar, beispielsweise auch Männer zu befragen, was sie von unseren Initiativen und Produkten halten. Denn Männer haben wohlmöglich ein komplett anderes Verständnis dafür, was uns Frauen beispielsweise in der Karriere im Weg steht. Selbstverständlich hört man dabei auch Dinge, die unangenehm sind, häufig sogar verletzend, zuweilen diskriminierend. Aber ehrlich gesagt: Das kann man aushalten und die Chance ergreifen, in eine Diskussion einzusteigen. Die Neugier verstehen zu wollen, woher eine Meinung, eine Betrachtungsweise kommt, war bei mir immer grösser als die Scheu vor einer unbequemen Antwort.

Ganz zum Erstaunen meiner Eltern, die als erste Zuwanderergeneration, die in der Schweiz geboren wurde, darauf fokussiert war, schweizerischer als jeder Schweizer zu sein. Um sich anzupassen, aber auch aus Dankbarkeit, in so einem sicheren Hafen leben zu dürfen. Meine Mutter hat französisch-italienisch-ostpreussische Vorfahren, mein Vater deutsch-schweizerisch-italienische Wurzeln, wobei die Familie Knickenberg väterlicherseits aus Schweden stammte. Ich bin also ein Mix. Von der Attitude her überall zu Hause und doch ohne wirkliche Wurzeln und somit immer ein bisschen fremd, egal wo ich hinkam in meinem Leben. In meinem Elternhaus gab es keine typisch italieni- schen oder französischen Gebräuche, aber es war auch nichts so rich- tig schweizerisch. Wenn ich meine persischen Freundinnen beobachte mit ihrer wundervoll-geheimnisvollen Sprache, ihrer Art, miteinander bei jedem Fest zu tanzen, ihrer Kultur, ihrem feinen Gespür für Schö- nes, ihren Festen und typischen Speisen … all das war mir lange Zeit fremd.

Seltsam war für mich auch immer, dass meine Eltern und Grosseltern kaum ein Wort tauschten, wo ihre Wurzeln waren. „Woher kommst du ursprünglich?“, höre ich, seit ich denken kann und egal in welches Land ich komme. Und ich habe nie eine Antwort darauf, weil ich es nicht weiss. Eine Zeitlang fühlte ich mich ohne Wurzeln, ohne Zugehörigkeit, ohne wirkliche Heimat. Und dann hab ich begriffen, dass ich jeden Ort mein Zuhause nennen darf, wenn mein Herz mich dahin trägt. Dass ich überall Freunde und Verständnis finden werde, wenn ich mein Herz öffne. Und dass es keine Rolle spielt, was ich zu wissen scheine und was eben nicht. So lebte ich immer in grösstmögli- cher Diversität. Ich habe eine Transgender-Freundin, ein schwules Ehepaar, welches ich verehre, als Freunde, persische Freundinnen, die ich nicht nur ob ihrer Schönheit betörend und beneidenswert finde. Ich habe ungelernte Handwerker unter meinen Freunden und Menschen jeglicher Couleur. Das bereichert mein Leben an jedem einzelnen Tag, an dem ich atmen darf.

„We agree to disagree“ ist dabei die hohe Schule meines kunterbunten pippiesken Lebens. Jeder darf so sein, wie er ist – und wir müssen uns auch nicht beständig auf die Schulter klopfen und uns über jedes Thema einig sein. Das ist fordernd, aber so unend- lich lehrreich! Und es ist befreiend, nicht immer alles wissen oder Recht haben zu müssen.

Es gibt keinen Anspruch auf Wahrheit, nur eine Annäherung.

Es gibt keine Garantie auf ein ruhiges, beständiges Leben, nur Momente, die wir geniessen dürfen. Und es gibt keine Einheit unter den Menschen, nur eine zeitweilige Koinzidenz, die wir uns zunutze machen können, um beständig zu wachsen und zu gedeihen, abzusterben und an einem neuen Ort weiter zu wurzeln und neu zu knospen. So ist Diversität das, was ich einatme und immer wieder faszinierend feststelle, wie viel es noch zu lernen gibt. Diese Vielfältigkeit, dieses Kaleidoskop menschlichen Lebens ist es, was mich nährt und was ich auch in diesem Magazin, in all meinem Tun wiedergeben möchte: Vielfalt von Meinungen, Ansichten, Diversität an Blickwinkeln, die uns durch das Wirrwarr an Komplexität des heutigen Lebens navi- gieren können.

Es ist das, was mich erdet und was mir meine fehlenden familiären Wurzeln zurückgibt. Es ist keine leichte Übung, das Leben, die Wirtschaft, Politik, Kultur, die Menschen ganz im Allgemeinen zu verstehen. Aber lasst es uns zumal versuchen!

 

SANDRA-STELLA TRIEBL
Alter: 47
Nationalität: Vater Schweizer (Grossvater deutsch, Grossmutter italienisch-schweizerisch),
Mutter Schweizerin (Grossvater italienisch, Grossmutter französisch mit „ostpreussischen“ Vorfahren) Funktion & Rolle: CEO & Founder Swiss Ladies Drive, Board Consultant, Network Expert

Wäre mein Leben ein Buch, würde der Titel wie folgt lauten: „At Least I’ve Tried“

Text: Sandra-Stella Triebl     Fotos: Tomek Gola