Der Start

Paris, im Frühjahr 2017. Tausende von Menschen stehen mit mir auf der Avenue des Champs-Élysées. Alle tragen Turnschuhe. Die Stimmung ist angespannt, manche scheinen in sich versunken, manche sind auf der Suche nach dem Dixiklo oder winken ihren Angehörigen am Rand der Strasse. Ich versuche, mit meinen Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Jeder hat seine Strategie, mit der grossen Anspannung umzugehen. Ein erster Schuss, die Elite startet. Die Anspannung in meinem Block steigt, ein letztes Mal wird geprüft, ob auch die Schuhe richtig gebunden sind und dann die Freigabe zum Start: Das Abenteuer beginnt. Ich bin gut vorbereitet und trotzdem ist ungewiss, wie dieser Marathon ausgehen wird. Ich habe mir ein Ziel gesetzt – unter 3 Stunden 20 Minuten möchte ich bleiben – aber dazwischen wird viel passieren. Das hier ist kein Sprint. Das hier wird mich körperlich und geistig an meine Grenzen bringen, wird schöne und harte Passagen haben, wird mich die ganze Klaviatur an Gefühlen erleben lassen und am Ende werde ich nicht mehr ganz so sein, wie ich jetzt bin.

Ein Marathon ist 42,195 km oder 23,2 Meilen lang. Der Psalm 23,2 sagt in der englischen Übersetzung: “Test me, LORD, and try me, examine my heart and my mind.” Einige Läufer nutzen diesen Psalm als Mantra. Andere zählen Kilometer oder rote Autos oder widmen jeden Kilometer einem anderen Gedanken oder auch einem Menschen. Es gibt die unterschiedlichsten Strategien, wie man diese Anstrengung bewältigt, wahrscheinlich so viele, wie es Läufer gibt.
Ich kenne keinen Marathonläufer, für den der Lauf einfach ist. In der Szene gibt es einen Spruch, der lautet: „Es wird nie einfacher, Du wirst besser“. Kaum habe ich eine Herausforderung gemeistert, kommt die nächste und diese wird meinen neuen Fähigkeiten angepasst, grösser sein.
Marathonlaufen ist eine Lebensschule. Nicht nur für den Beruf, sondern fürs Leben. Und immer mehr engagieren sich auch Frauen in diesem Sport. 20% der Marathonläufer sind Läuferinnen.

Beim Frankfurt Marathon, der im Spätherbst gelaufen wird, gibt es seit 8 Jahren eine besondere Wertung: Den Marathon-Manager. Für diese Kategorie können sich Führungskräfte aus dem oberen und mittleren Management anmelden. Das Konzept ist seitdem erfolgreich, die Marathonmanager erzielen sogar überdurchschnittlich gute Resultate. Auch hier sind die Frauen auf dem Vormarsch.

Laufen per se ist keine technische Disziplin. Laufen ist primär eine Fortbewegungsmethode, die erst mit zunehmendem Tempo zum Sport und mit entsprechendem Ziel zum Wettkampfsport wird. Beim Marathonlaufen geht es nicht nur um 42 Kilometer bis zum Ziel, sondern auch und vor allem um die Vorbereitung darauf. Ein Marathon braucht Training. Meistens jahrelang. Viele Tage pro Woche, viele Kilometer pro Tag. Man ist dabei oft alleine, manchmal einsam. Man muss Prioritäten setzen, weil das Training Zeit kostet. Man kämpft, beisst sich durch. Rückschläge müssen ausgehalten werden. Man muss Durststrecken überwinden können. Das klingt wie die Stellenbeschreibung eines Managers. Manche bringen so eine Persönlichkeitsstruktur schon mit. Manche erarbeiten sie sich. Sicher ist: Ohne jahrelangen Einsatz, Zähigkeit und Durchhaltewillen erreicht man weder eine gute Zeit beim Marathon noch eine Führungsposition, die das eigene Potential nutzt.

Trotzdem:

Ich habe immer noch vor jedem Marathon einen riesengrossen Respekt.
Bei denjenigen Marathons, die ich bisher gelaufen bin gab es viele Hochs und Tiefs im Training, grosse Aufregung im Startblock, unendliche Müdigkeit und Verzweiflung bei Kilometer 38, unbeschreibliche Freude im Ziel. Und selbst wenn ich mein selbst gestecktes Ziel erreicht hatte habe ich bisher kein Rennen mit dem Gefühl beendet, alles richtig gemacht zu haben und wirklich am Ziel zu sein. Immer finde ich noch etwas, was ich verbessern könnte, was ich noch üben könnte, wie ich stärker oder fokussierter werden könnte. Ich bin bereit, sehr viel zu geben und dann zu schauen, wohin das führt.
Als Unternehmerin oder Managerin kennt man dieses Gefühl. Ich weiss, dass ich und auch andere beim Laufen viel für ihren beruflichen Weg gelernt haben.

Setz Dir ein Ziel

Ich habe für diesen Herbst den Frankfurt-Marathon ausgewählt und mich dafür angemeldet. Mein Ziel ist, körperlich und mental stark und gesund dort anzutreten und in meiner Wunschzeit und mit einem Lächeln ins Ziel zu kommen.

Ein Ziel zu haben und sich dieses in allen Farben auszumalen ist auch im Business ein Erfolgsfaktor. Konsistenz ist wichtig. Hin und Her vergeudet Kraft, im Sport wie im Beruf.

Mach Dir einen Plan, wie Du dieses Ziel erreichst

Für jeden Marathon habe ich einen Plan. Eigentlich weiss ich schon Monate vor jedem Marathon, wie lange und wie schnell ich an jedem Tag rennen werde. Auch Regeneration und Ruhetage sind eingeplant und natürlich die grässlichen Sprint-Trainings und Bergläufe. Der Plan ist so gestaltet, dass ich anschliessend in der Lage bin, meine Zielzeit zu erreichen. Dazwischen mache ich Testläufe, z.B. einen 10-km Lauf oder einen Halbmarathon. Das Ergebnis gleiche ich mit meiner Zielzeit ab. Das braucht Ehrlichkeit: Bin ich da langsamer, als im Plan steht, muss ich auch meine Zielzeit anpassen.
Pläne, Zwischenziele, Benchmark, Ehrlichkeit, Plananpassung – alles Voraussetzungen, um auch im Business weiter zu kommen.

Verfolge den Plan mit Disziplin….

Marathontraining ist ein Auf und Ab. Es gibt Tage, da fällt es mir leicht, mein Körper ist kräftig, die Strasse ist trocken, es ist nicht zu heiss und nicht zu kalt und meine Gedanken fliessen. Aber es gibt auch Tage, da bin ich hundemüde. Es regnet oder schneit. Der Berg ist zu steil. Irgendetwas tut weh. Ich habe das Falsche gegessen. Permanent kommen blöde Gedanken: Warum tue ich mir das an? Ich habe Sorgen und die Gedanken kreissen. Die Zeit ist eigentlich zu knapp.
Zunehmend habe ich durch das Marathontraining gelernt, meine Emotionen zu lenken und mental stärker zu werden: Ich weiss besser als früher, wie ich auf Stress und Unwohlsein reagiere und bin besser in der Lage, meine Schwächen aufzufangen und mich mit meinen eigenen Grenzen auseinanderzusetzen. Am Ende ist es entscheidend, einfach loszulaufen und sich nicht den zahlreichen Ausreden zu ergeben. JUST GO RUNNING.
Auch im Business erlebe ich häufig Ausreden. Da sind die Umstände schuld oder die Mitarbeiter ziehen nicht richtig mit. Ausreden verhindern Entwicklung, verhindern die ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen.
Es gibt anstrengende Läufe, nasse, heisse, etc, aber keine schlechten Läufe. Es gibt interessierte, faule, lustige, angenehme Mitarbeiter, aber selten schlechte.

….aber bleibe flexibel

So sehr ich versuche, meinen Trainingsplan einzuhalten – es gibt Situationen, da ist es schlauer und vernünftiger, davon abzuweichen. Sei es, weil eine Verletzung droht, sei es, weil die Familie mehr Zeit braucht oder einfach, weil die Strassen gefroren sind: Dann braucht es Flexibilität (z.B. das Laufband statt der Strasse zu nutzen, den Lauf auf den nächsten Tag zu verschieben oder ihn abzukürzen). Konsistenz ist wichtig und gut, Sturheit ist es nicht.
Auch im Business zahlt es sich aus, wenn man lernt, die Umstände und Hindernisse zu erkennen und zu akzeptieren und sich geschmeidig und fröhlich einen Weg darum herum zu suchen.

Teile Deine Kraft ein

Wie alle Läufer neige ich dazu, die ersten Kilometer zu schnell zu laufen. Ich fühle mich kräftig, ich habe 2 Wochen ausgeruht und zappelig vor Nervosität, ich will in meiner Startgruppe bleiben, ich denke, dass ich Zeitreserven generieren kann. Aber das rächt sich. Der Körper sagt mir spätestens bei Kilometer 35, dass das keine gute Idee war. Manche erleben den „Mann mit dem Hammer“, die Amerikaner kennen das „Hitting the Wall“. Die Kraft geht aus, die Beine laufen einfach nicht mehr. Einen Marathon soll man so laufen, dass die zweite Hälfte etwas schneller als die erste Hälfte ist. Das geht nur, wenn man sich am Anfang zurückhält.
Wenn man eine Firma gründet oder eine neue aufregende Stelle hat, kann das auch passieren. Da wird bis in die Nacht hinein gearbeitet, auf Ferien verzichtet, die Familie vernachlässigt. Und nach Monaten oder Jahren geht die Kraft aus, der Geist verweigert die Arbeit, die Emotionen werden flach.
Auch das Training muss mit Vernunft gestaltet werden. Erhöht man den Trainingsumfangs ad hoc , führt das fast immer zu Verletzungen. Der Körper muss auf die langen Läufe langsam und kontinuierlich vorbereitet werden. Manche Strukturen (z.B. die Sehnen) brauchen mehr Zeit für die Anpassung als andere. Man muss auf die schwächste Komponente Rücksicht nehmen.
Auch Mitarbeiter tut es gut, wenn man sie eher langsam, dafür aber kontinuierlich aufbaut. Mit der Zeit kommt die Intensität.

Habe eine Strategie und lerne von anderen

Das Rennen beginnt nicht mit dem Startschuss. Schon Wochen vorher schaue ich mir den Kurs an, prüfe, wo es Steigungen hat, wo es Essen und Trinken gibt, wo Musikkapellen spielen, welche Sehenswürdigkeiten an welchen Kilometerpunkten stehen.
Und Tage vorher beginne ich darüber nachzudenken, wie ich meinen Marathon einteile. Derzeit habe ich die 6×7 Strategie: Ich laufe 6 Blöcke a 7 km und nach jedem Block esse oder trinke ich etwas. Ausserdem widme ich jedem Block einem Thema oder einem Menschen. Zu Beginn sind es mehr körperliche Themen: Zum Beispiel achte ich einen Kilometer lang nur auf meine Atmung oder auf meine Haltung. Am Ende – wenn die Denkleistung nachlässt – werden die Themen emotionaler: Ich denke zum Beispiel jeden Kilometer an einen anderen Menschen, der mir wichtig ist. Es gibt ein bonmot, das sagt: Die erste Hälfte des Marathons läuft man mit den Beinen, die zweite mit dem Kopf.
Am Tag vor dem Marathon male ich mir aus, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen werden. Was ich tun werde, wenn die Beine nicht mehr laufen wollen und der Wunsch nach Pause übermächtig ist. Ein guter Trick ist dann, immer nur den nächsten Kilometer zu laufen und alles andere auszublenden.

Auch im Business macht es Sinn, sich kleine Arbeitsblöcke zu machen. Immer nur an den nächsten Block zu denken. Dabei hartnäckig und konsequent zu bleiben. Nichts auf „ein anderes Mal“ zu verschieben. Fokussiert zu bleiben. Sich nicht vertrösten zu lassen. Klar zu bleiben.
Ähnlich wie beim Marathon ist Vorbereitung super wichtig: Wer sind meine Kunden, welche Probleme könnte es geben und wie gehe ich mit diesen um? Und auch im Geschäftsleben ist man nicht der erste, der Verhandlungen führt und mit schwierigen Mitarbeitern zu tun hat: Man kann schauen, was andere in ähnlichen Situationen tun und von diesen lernen.

Warum Du Marathon laufen solltest

Ein Unternehmen zu führen oder im Management zu arbeiten, ist sicher schwieriger als einen Marathon zu laufen: Manchmal ist man gerade im Ziel angekommen, da steht schon das nächste Rennen auf dem Programm. Oder die Zeit für das Training war zu kurz und man muss dennoch loslaufen.
Aber als Marathonläuferin kommt man damit wahrscheinlich besser zurecht. Und wenn nicht, gibt es andere Vorteile:
Man wird fitter. Der Körper wird stärker und kann Stress und Arbeit besser aushalten. Der Schlaf wird besser. Der Geist wird klarer. Der Neuropsychologe Manfred Spitzer aus Ulm sagt, Ausdauersport führe dazu, dass wir unser Gehirn effektiver nutzen könnten. Vor allem die Bereiche Stimmung, Konzentrationsfähigkeit und visuell-räumliches Gedächtnis würden stark positiv beeinflusst.

Noch mehr Vorteile : Man kann mehr Businessdinners verkraften ohne zuzunehmen.
Und Laufen kann man immer und überall, auf Dienstreisen, in den Ferien, vor der Arbeit, auch nachts. Laufen kann man mit Freunden oder alleine, es braucht keine Ausrüstung und es braucht keine Vorbereitung.

Aber: Marathonlaufen ist kein Allheilmittel. Ich bin weit davon entfernt, alle Businessladies zu Marathonläuferinnen machen zu wollen. Es gibt viele andere Wege zu Gesundheit, Ausgeglichenheit und Glück.

Das Ziel

Paris, im Frühjahr 2017. Kilometer 42, noch wenige Meter, der Arc de Triomphe ist in Sichtweite. Die letzten Kilometer haben sich mein zunehmend müder werdender Körper und mein Gehirn um jeden Schritt gestritten. Aber ich habe das Tempo gehalten und habe noch Reserven für einen kleinen Endspurt und ein Lächeln für den Fotografen im Ziel. Als ich über die Ziellinie laufe, höre ich den Sprecher meinen Namen sagen, das Glück bahnt sich den Weg durch meinen Körper und ich fühle eine unbändige Kraft in mir aufsteigen. Ein Blick auf die Uhr: 3 Stunden 17 Minuten. Ich lasse mir die Medaille um den Hals hängen, schnappe mir eine Banane und ein Getränk und laufe zum Ausgang, wo meine Familie wartet. Der Tag strahlt.
Und am nächsten Tag versuche ich, das, was ich in Paris gelernt habe, ein wenig bei meiner Arbeit einzubringen. Ich habe ja plötzlich Zeit – Die Ruhe nach dem Sturm, die Pause nach dem Marathon – bis alles wieder von vorne losgeht. Frankfurt wartet.

 

* Tanja Volm ist Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Palliativmedizin – aber auch Unternehmerin und Business Coach. Seit 12 Jahren ist sie Direktorin der EVO Consult (Spitalberatung und Doc-Cert, Zerfitizierungsunternehmen). Die gebürtige Deutsche wohnt mit Mann und zwei Söhnen im Kanton Appenzell Ausserrhoden.


Text: Tanja Volm
Fotos: Klaus Bauer (Studiobild) & Privat (Marathonbild)