„Zur Steuerung eines komplexen Systems braucht es ein mindestens ebenso komplexes System“, warnt unser Experte für Unternehmenskultur Christian Ott.*

Diese Gesetzmässigkeit beschrieb der Kybernetiker W. R. Ashby vor gut 60 Jahren. Sie gilt in sozialen Systemen wie der Gesellschaft und Unternehmen. Unsere Welt ist hochkomplex, vernetzt, unberechenbar und verändert sich schnell. Dementsprechend haben es Unternehmen mit einer komplexen, vernetzten und agilen Umwelt zu tun. Sie benötigen mindestens so komplexe, vernetzte und agile Organisationen, um mit der Umwelt umzugehen. Doch in vielen Unternehmen ist das nicht Realität.

Das männliche Konzept – ein Auslaufmodell!
Heute sind fast alle Firmen institutionell organisiert. Das heisst hierarchisch, in Fachbereiche strukturiert, mit einer zentralen Steuerungsintelligenz an ihrer Spitze. Aufgrund der hohen Affinität zu männlichen Ressourcen kann diese Organisationsform als männliches Konzept bezeichnet werden. Dieses Konzept bildet eine Pyramidenstruktur mit klaren Grenzen und wenigen, kontrollierten Schnittstellen zur Umwelt. Zentral gesteuerte Strukturen sind in ihrer Anpassungsfähigkeit beschränkt. Das führt zu Schwierigkeiten im Umgang mit einer agilen, komplexen Umwelt. Tatsache ist, dass die Struktur einer Institution nie komplexer sein kann als die Komplexität ihrer Steuerungsintelligenz an der Spitze.

Um dieser Einschränkung zu begegnen, wird die Hierarchie zu verflacht und Ablaufprozesse oder Matrixorganisationen werden eingeführt. Das führt zu Effizienzgewinnen, aber nicht zu besserer Anpassungsfähigkeit, da keine dieser Bemühungen die Grundprämisse der zentralen Steuerung in Frage stellt. Aufgrund dieser Gegebenheiten ist diese Organisationsform für die Anpassung an die Komplexität der Umwelt unzureichend.

Was ist das ideale Konzept?
In einer sich schnell verändernden, unberechenbaren Umwelt ist eine selbstlernende, sich selbst modifizierende Organisation ideal. Sie nimmt die Umwelt auf allen Ebenen wahr. Die Informationen werden unmittelbar zu Entscheiden verdichtet und die Organisation passt sich organisch an die neue Realität an. Das wäre das Ideal, bleibt aber Vision.

Das weibliche Konzept – die vernetzte Organisation!
Wir verfügen bereits heute über ein Konzept der vernetzten, kollaborativen Organisation, basierend auf einer offenen Netzwerkstruktur aus Beziehungen. Aufgrund der hohen Affinität zu weiblichen Ressourcen kann diese Organisationsform als das weibliche Konzept bezeichnet werden.

Über diese Beziehungen fliessen ungehindert Informationen durch das Netzwerk. Diese Informationen werden jeweils aufgrund der Beziehungsqualität bewertet, über welche sie empfangen werden. Solche Netzwerkstrukturen haben unscharfe und offene Grenzen. Damit können sie jederzeit Wissen von anderen Netzwerken beziehen oder sich mit ihnen zu temporären Clustern verbinden. Zum Beispiel mit Kunden, Lieferanten, Kooperationspartnern.

Die vernetzte Organisationsform bietet ein offenes Grundkonzept von Beziehungsorientierung, Kollaboration und durchlässigen Aussengrenzen und ermöglicht zudem die Integration von Institutionen. Der Kitt, der eine Netzwerkorganisation zusammenhält, ist der gemeinsame Werteraum, den sie aufspannt. Die Lenkung von vernetzten Strukturen geschieht über die Gestaltung des Werteraums und der kollektiven Ziele. Das Lenken entspricht dabei mehr einer Art beziehungsorientierter Moderation, anstatt einer Steuerung über Anordnungen im Sinne einer Institution.

Fragen Sie sich selbst. Steuern Sie noch oder lenken Sie schon? Haben Sie Anregungen oder Fragen an unseren neuen Autor? Schreiben Sie Christian Ott unter [email protected].

 

*Christian Ott ist Unternehmer und Inhaber der Altervision GmbH. Der gelernte Elektroniker sammelte in seiner spannenden Vita u. a. bei Telekurs oder Six Group Services Erfahrungen, bevor er 2010 als CEO von Altervision in die Gefilde der Organisationsberatung einstieg. Seit 2013 ist Christian Ott unser neuer Gast-Kolumnist.


Text: Christian Ott