Ach, ich bin so oft umgefallen im Leben.

 

Es gibt Menschen, die mir begegnen und denken, dass meine „Karriere“, was auch immer das für jeden bedeuten möge, geradlinig verlief, und zwar immer schön nach oben. Oder sie denken, dass ich nur Glück im Leben hab. Letzterem möchte ich gar nicht widersprechen. Wenn ich eine Sternschnuppe sehe, wünsche ich mir genau dies immer wieder: Glück! Denn selbst wenn einem das schlimmste aller Schicksale treffen möge, man Schmerzen erleiden muss – hat man Glück, ist da immer ein Funken Hoffnung, der mitschwingt.
Ich hab früh gelernt, dass ich wieder aufstehen muss, wenn ich hinfalle. Und ich sage bewusst „gelernt“, weil ich weiss, dass man sich selbst trainieren kann. Hat man es einmal geschafft, fällt es fortan ein klein wenig leichter. Und wenn man das Hinfallen schon gar nicht mehr als Drama sieht, verliert es irgendwie seinen Schrecken, auch wenn Schicksalsschläge, das eigene Versagen, das Hinfallen also nie das Lustigste im Leben sind. Aber man kann auch seinen Geist darauf trainieren, Misserfolgen nicht mehr diese Dunkelheit zu geben. Sondern sie als Opportunität zu begreifen. Als Chance, daran zu wachsen. Denn weshalb sonst sollte uns Schlechtes widerfahren? Weil das Universum schlecht gelaunt oder einfach nur fies ist? Hm … Ich denke nicht

 

Das Umfallen ist immer eine Chance, eine Weggabelung, die einem ermöglicht, etwas anders als zuvor anzupacken, einen anderen Weg zu gehen, Dinge oder Menschen anders zu sehen. In guten Zeiten denken wir selten daran, etwas zu ändern – das ist privat so, aber auch im Geschäftsleben. Geht es „schlecht“, beginnen wir, Dinge zu hinterfragen und womöglich neu zu definieren. Und das, meine Lieben, ist etwas ganz Grossartiges. Eigentlich sollten wir uns wahrlich alle zehn Finger ablecken, wenn wir solche Chancen kriegen, unser Leben zu verändern. Oder möchtet ihr euer Leben lang auf einer Blumenwiese sitzen wie Ferdinand, der Stier? Ich denke nicht.

 

Wenn ich sage, dass man immer das im Leben vorgesetzt bekommt, was einem dabei hilft zu wachsen, werde ich schnell sehr, sehr devot. Und hoffe inständig und umgehend, dass das Leben es gut mit mir meint. Ich nicht noch mehr Verluste hinnehmen muss. Dass meine Liebsten weiterhin an meiner Seite sein dürfen, dass ich gesund bleibe. Für meine eigene Gesundheit kann ich etwas tun. Den Rest muss ich dem Leben überlassen, weil es vermeintlich nicht in meiner Macht steht. Wieso sage ich „vermeintlich“? – Wir prägen mit jedem Atemzug, mit jedem Wort, jedem Lächeln, jeder Handlung, jeder Entscheidung nicht nur unser eigenes Leben, sondern immer und ohne Ausnahme auch das eines anderen Menschen oder sogar einer ganzen Gruppe. Denn wir existieren nicht im Vakuum. Deshalb liebe ich die Menschen um mich herum mit jeder Faser meines Körpers und so echt und tief, wie es nur irgendwie geht. Weil ich mir vorstelle, dass meine wahre und echte Liebe diese Menschen beschützt. Ein frommer Wunsch. Aber es ist das, was ich tun kann für mein Umfeld.
Das Umfallen und Wieder-Aufstehen verbinden wir auch häufig mit dem Wort „Hoffnung“. Damit meinen wir meist: dass das Umfallen nicht „umsonst“ war. Dass das Aufstehen sich „gelohnt“ hat. Dass einen Gott, das Universum nicht einfach so „bestraft“. Die Angst, zu versagen und nicht mehr gemocht zu werden, steckt mehr oder weniger ausgeprägt in uns allen. Denn am Ende des Tages will ein jeder von uns vor allem eines: dass dir jemand die Hand auf die Schulter legt und sagt, dass er dich aus ganzem Herzen liebt, genau so wie du bist. Und in den meisten von uns ist diese Furcht da, dass man umfällt … und keiner merkt’s. Keinen juckt’s. Keiner will es gesehen haben – und man bleibt allein zurück.
So hofft man, dass man nicht ungesehen bleibt, dass man anderen nicht egal ist, und man hofft auch auf Kraft und Hilfe von aussen. Doch auch hier sind wir keine Opfer unserer Umstände. Wir können im Leben jede Menge dafür tun, dass wir anderen nicht egal sind.

 

Was ist also das Fazit …?
Vielleicht dies: dass wir selbst die Quelle für jegliches Glück – oder eben auch Unglück sind.
Ich glaube nicht daran, dass es einen grossen Plan gibt für uns alle. Wieso nicht? Weil wir unserem Leben in jeder Sekunde und mit jeder Entscheidung eine neue Richtung geben können. Wenn wir das wollen. Dazu braucht es am Anfang etwas Mut und Vertrauen.

 

Vertrauen.
In sich.
Das Universum.

 

Und wenn man das Gefühl hat, man schafft es nicht? Man schafft seinen Job nicht? Schafft es nicht, jemanden zu lieben? Schafft es nicht, nach dem Umfallen wieder aufzustehen …?

 

Nun – was tun wir, wenn wir ein Chaos aufzuräumen haben? Wenn wir nicht wissen, wo anzufangen? Dann beginnen wir einfach. Irgendwo! Ganz egal wo. Klein. Und aus dem Klein wird immer mehr. Man braucht also nicht immer eine Strategie. Einen Masterplan, wie man wieder aufsteht und wie es nachher weitergeht. Fangen Sie einfach an, aufzustehen. Geben Sie sich nicht auf und denken Sie nicht an das, was später kommen möge, sondern nur an diesen Moment, in dem Sie beginnen, wieder aufzustehen. Denn Sie tun es für sich. Und ich garantiere Ihnen: Wenn Sie dieses süsse Gefühl des Reüssierens mal gekostet haben, wenn Sie für sich entdeckt haben, wie gut es tut, aufgestanden zu sein, sein Krönchen zu richten und weiterzugehen, werden Sie sich nie mehr so sehr vor dem Umfallen fürchten wie zuvor.

 

Hinfallen.
Hinsehen.
Hingeben.

 

Es ist wie ein Tanz. Genau das ist das Leben.
Einmal mehr aufzustehen, als man hinfällt.

 


Text: Sandra-Stella Triebl    Foto: istock.com/oscarhdez