#TRENDSCOUTING MIT JOAN BILLING

Als die Londoner Designerin Ilse Crawford, eine der derzeit international erfolgreichsten Innenarchitektinnen, 2015 die Kooperation mit dem schwedischen Möbelgiganten einging, konnte niemand ahnen, welche Strahlkraft diese Kooperation haben würde. Ihre visuelle Inszenierung
 zeigte eine Atelierstimmung wie in einer Gärtnerei mit Korktischen, Hockern und Bänken. Indoor
 und Outdoor verschmolzen zu einem. Spätestens damit wurde der Trend „Guerilla Gardening“
 definitiv nach innen verlegt, und Pflanzen wurden endgültig zum neuen Interiortrend. „Indoor Gardening“ ist eine Unpluggedversion mit Sustainability-Potenzial, welche für eine neue Entschleunigung sorgt.

WOHNEN IM GRÜNEN – URBAN JUNGLE
Dies ist sicher einer der Auslöser des heutigen „Urban Jungle“- Trends, und plötzlich gedeiht die wildere oder natürlichere Seite in unseren Wohnungen. Nach den schnellen, kühlen, weissen und futuristischen 00er-Jahren suchen wir nun nach einer natürlichen, rauen, Unpluggedversion, nach Echtheit und Authentizität, nach Sustainability, die uns inneren Frieden und Harmonie geben. Die Zimmerpflanzen ziehen sich wie ein grüner Faden durch die ganze Wohnung und machen vor keinem Raum mehr halt. Es geht mittlerweile so weit, dass einige am liebsten ein Mini-Gewächshaus, einen Gemüse- oder Kräutergärten in den eigenen vier Wänden haben möchten. Der „Urban Jungle“-Look verbreitet sich wie Schlingpflanzen. Indoor ist das neue Outdoor.

PFLANZENVIRUS –
VON NEW YORK BIS NACH PARIS

So findet man das neue Pflanzenvirus nicht nur in Blumengeschäften, Gärtnereien und Privatwohnungen wieder, sondern auch in Bars, Restaurants, Hotels und Shops von Los Angeles bis Tokio, von New York bis Berlin. Teilweise weiss man gar nicht mehr, ob man in einem Büchershop, Restaurant oder einem Blumenladen steht. Deswegen entspannen wir uns neu in Bars bei einem grünen Fairtrade-Smoothie oder einem der neu gemixten grünen Matcha-Cocktails, mitten in einem Meer von Pflanzen, wo sie wieder von der Decke hängen. Was einst als Inbegriff der Spiessigkeit galt, ist nun total angesagt. Das Thema nachhaltiger und ressourcenschonender Produkte spielt weiterhin eine zunehmend zentrale Rolle und hat sich inzwischen in all unsere Lebensbereiche ausgebreitet. Vielleicht ist die vegane Bewegung mit ihrer neuen Optik für Shops und Verpackungen ein weiterer Auslöser für dieses flächendeckende Pflanzenvirus.

DIE NEUEN STARS:
MONSTERA, SUKKULENTEN UND KAKTEEN

Es gab eine Zeit, in der Zimmerpflanzen ein klares Statement für Bürgerlichkeit waren. Doch jetzt ist alles definitiv anders, und die grünen Begleiter erleben ein grandioses Comeback. Eine regelrechte Community der Plant Lovers hat sich entwickelt. Der neue botanische Wohnstil mit Vintage-touch und seiner schönen Auswahl an verschiedenen Pflanzen wie Aloe, Sukkulenten, Echevaria, Monstera und Kakteen spiegelt nicht nur eine globale Gemeinschaft von Pflanzenliebhabern wider, sondern auch unsere Zeit, in der wir leben. So wird die architektonische Stilikone Monstera nach den 1960ern-Jahren wieder zu einer neuen Kultpflanze. Ihre ornamentalen Blätter kommen unseren Bestrebungen nach Reduktion entgegen. Dass Pflanzen in unsere Wohnungen und Häuser starken Einzug halten, hängt vielleicht mit dem Umstand zusammen, dass wir vermehrt Zeit drinnen verbringen. Ganz nach dem Motto „Back to Nature“ sind nun die Pflanzenmotive überall auf Tapeten, Fashion, Möbeln, Beauty, Schmuck und sogar auf Kissen zu finden. Die Suche nach Ruhe und Entspannung wird durch ruhige, gedeckte Grüntöne gefördert. So verwundert es nicht, dass die neue Trendfarbe 2017 von Pantone „Greenery“ heisst. Dazu gesellen sich verschiedene gebrochene Pastellgrün und ein tiefdunkles Dschungelgrün für die Interiorwände und auf den Laufstegen dieser Welt. Sie alle erinnern uns an Natur, Wald, Moos und Dschungel. Ergänzend zu diesem Indoortrend kommen auch die handgemachten Macramés 2.0 und die verwaschenen, verblichenen und abgenutzt wirkenden Teppiche zurück, erinnernd an die alte Handwerkskunst der Perserteppiche.

EIN LEBEN IM DSCHUNGEL, MITTEN IN NEW YORK

Ein weiteres schönes Beispiel des „Indoor Jungle“-Trends ist Summer Rayne Oakes. Sie war eines der ersten Öko-Topmodels und eine klare Vorreiterin der Generation Y. In ihrem Brooklyner Apartment von gut 100 Quadratmetern hält sie mehr als 500 verschiedene Pflanzen. Wenn man ihre Wohnung betritt, ist es wie ein herrlicher Spaziergang durch den Wald. Mit diesem Rückzugsort von der Reizüberflutung des Alltags in New York zeigt sie, dass Naturschutz innerhalb der eigenen Wände in einer Grossstadt möglich ist. Sie hat zudem an der Cornell-Universität das Studium in Umweltwissenschaften als Jahresbeste abgeschlossen. Zu ihren Vorbildern gehört Alexander von Humboldt, dessen Forschungen Anfang des 19. Jahrhunderts Charles Darwin beeinflussten und heute noch die Grundlage der Ökologie bilden. Summer Rayne Oakes hält Fachvorträge und Vorlesungen über Nachhaltigkeit und Naturschutz und berät mit der Consulting-Agentur SRO junge Öko-Fashion-Labels. Verschiedene Medien wie „The New York Times“ haben von ihrer Arbeit berichtet, das Magazin „Amica“ zählt sie zu den Top-20-Trendsettern unter 40 Jahren und CNBC zu den zehn besten grünen Unternehmern.

„WOHNEN IN GRÜN“ – DEKORIEREN UND STYLEN MIT PFLANZEN

Als der Münchner Igor Josifovic mit seinem Blog „Happy Interior“ seine persönliche Nische – die Pflanzen – entdeckte, ahnte er nicht, was daraus wachsen würde. Zusammen mit der Pariserin Judith de Graaf gründete er 2013 die Community „Urban Jungle Bloggers“. Sie glaubten, dass es noch mehr Menschen wie sie geben müsste, die ihr Zuhause mit Pflanzen verschönern wollen. Die Idee startet so durch, dass es inzwischen eine Vielzahl an Blogs fr Gleichgesinnte gibt. Drei Jahre lang haben sie Inspirationen gesammelt und geteilt, um Ende 2016 das Handbuch „Wohnen in Grün“ herauszugeben – das Do-it-yourself zum Wohnen mit Pflanzen. Dabei nehmen sie den Leser durch „grüne“ Wohnungen in fünf europäischen Ländern mit und zeigen, wie schön, einzigartig und künstlerisch es sich mit Pflanzen leben lässt. Sie stellen die Zimmerpflanzen wie die schwebende japanische Pflanze Kokedama und deren Pflege im Detail vor und teilen Stylingideen rund um den urbanen Dschungel.


Text: Joan Billing*   Fotos: Susi Bodmer (Autorin), Buch: Restaurant Fäviken, Erik Olsson, eof.se

*Joan Billing ist Trendforscherin und Gastautorin von ladiesdrive.tv und dem gleichnamigen Magazin Ladies Drive. Willst du eine kostenlose Ausgabe unseres Quarterly zum schnuppern? Klicke hier: www.ladiesdrive.tv/shop