Oder: wieso Mindfulness total falsch ist
Es war Bestseller-Autor Eckart Tolle, der mir folgendes beigebracht hat: „Mindfulness“ ist zwar das grosse Modewort unserer Zeit, aber eigentlich ein absolut falsches Konzept! Denn der englische Ausdruck „Mindfulness“ heisst ja „Your mind is full“. Und wer will schon einen vollen Kopf haben? Denn mit vollem Kopf fühlt man sich ja meist alles andere als gut. Also was ist es denn, was uns „Wellbeing“ ins Leben zaubert?

Vor Jahren hab ich begonnen von der Bibel, über den Koran, den Lehren des Hermes, des Yoga Sutra bis zur Baghavad Gita, den Veden oder dem Tao Te King alles zu lesen, was mit „heiligen Schriften“ oder „Lehren der Waisen“ aus verschiedenen Kulturen und Jahrhunderten zu tun hat. Wieso? – Weils mir nicht gut ging. Ich fühlte mich fehl am Platz im Job, meine Talente nicht am richtigen Ort einsetzend, immer auf der Suche nach meiner wahren Bestimmung oder nach jemand der mich aus meinem kleinen Elend erretten kann. Kleines Elend nenne ich es, weils mir ja nicht wirklich schlecht ging. Ganz im Gegenteil. Ich hatte nach Aussen hin alles, was man sich vorstellt. Eine IWC am Handgelenkt, einen Porsche, ein grosses Haus. Aber Innen fühlte ich mich beruflich nicht ausgefüllt und immer irgendwie nicht so ganz 100% „richtig“.

Nun, über das Lesen dieser Schriften hab ich einiges gelernt oder verstanden – aber es war das Leben, das mir schlussendlich beigebracht hat, was wirklich wichtig ist. Nämlich sich weniger Gedanken zu machen um das „Was“ – und viel mehr über das „Wie“ nachzudenken, also wie man einer Arbeit nachgeht, wie man jemanden liebt. Ich erklär euch, wie ich das meine:
Es gibt eine ganz wunderbare Langzeitstudie der Harvard University zum Thema „Glück“. Man hat junge Männer seit den 1940er Jahren über Jahrzehnte befragt, was das Glück ihres Lebens sei. Spannenderweise zeigt diese Studie folgendes: Wenn wir jung sind, definiert Glück jeder anders. Der eine fühlt Glück weil er beruflich erfolgreich ist, der andere weil er sich viel leisten kann (Kleider zum Beispiel, einen Porsche, eine tolle Uhr, teure Ferien…) und der nächste ist happy, weil er die Frau seines Lebens gefunden hat. Doch am Ende eines Lebens antworteten die Teilnehmer der Studie unisono dies: Glücklich ist man, wenn man tragfähige und liebevolle Beziehungen hat. Ich bin zwar noch nicht 80 sondern erst 46, aber ich verstehe ganz genau, weshalb es tragfähige, glückliche Beziehungen sind, die uns wahrlich glücklich und beseelt fühlen lassen: Als ich nach dem Studium bei Zurich Financial Services meinen ersten Job ergatterte, wollte ich möglichst schnell möglichst weit kommen, war ambitioniert und (wohlmöglich rückblickend betrachtet) etwas übermotiviert. Ich wollte was erreichen, was man mir zu verdanken hat. Ich hab 18 Stunden gearbeitet, 6 Tage die Woche, hab alles hinten angestellt, auch meine Familie und Freunde. Ich wurde immer erfolgreicher – aber auch immer einsamer. Die Freunde, die nachvollziehen konnten, weshalb ich denn so viel arbeitete waren plötzlich rar gesäht. Mein Leben war die Arbeit – und die Arbeit mein Leben. Aber wohl gefühlt hab ich mich dabei je länger je weniger. Nach den vielen Jahren, in denen ich meinen Körper bewusst ausgezehrt habe, immer über meine Grenzen gegangen bin, mir kaum Ruhepausen gegönnt hab, hat mein Körper begonnen mir zu zeigen, dass er das…naja, sagen wir mal nicht so arg gut findet. Ich hatte starke Kopf- und Rückenschmerzen, dann fühlte ich mich leer, ausgebrannt, müde, genervt. Ich hab mir fast täglich neue Klamotten gekauft. Weil ich es mir leisten konnte – aber vielmehr weil ich mich belohnen wollte für die viele Arbeit – oder für unangenehme Meetings, unangenehme Menschen…ach zum Shoppen gibts immer irgendeinen Grund 😉 .

Gut gefühlt hab ich mich…ähm…? Vielleicht 5 Minuten. Und je länger das so ging, desto mehr spürte ich: Da läuft was falsch. Aber ich konnte den Kern des Übels nicht finden. Ich hab all diese schlauen Bücher gelesen und wusste doch nicht, wie ich das in der Praxis, in meinem Leben, im Alltag, hinkriegen soll.

Und dann hatte ich einen Drehschwindel. Alles stand Kopf – und ich war zum ersten Mal in meinem Leben an einem Punkt, wo ich nicht mal mehr mit meinem starken Willen dagegen steuern konnte. Doch irgendwie hab ich genau an diesem Punkt auch etwas anderes verstanden: Dein Körper ist nicht dein Feind. Er ist jetzt nicht „gemein“ zu dir. Sondern er will dir helfen, dir was zeigen. Und ich hab mich gefragt, was mir eigentlich die ganze Zeit den Boden unter den Füssen wegzieht.

Ich hab mich meinen Abgründen gestellt, meinen Ängsten – und mich auch gefragt, woher die eigentlich kommen. Es war eine tiefe Reise in mich selbst, die wohl ewig andauern wird. Und plötzlich war mir klar: wenn ich Dinge jeden Tag genau gleich tue und nur denke, dass sich was ändern muss, bleibt alles gleich. Es ändert sich nur dann etwas, wenn wir heute eine andere Entscheidung treffen als gestern. Und ich hab begriffen, dass ich mich täglich aufs Neue entscheiden kann – noch bevor ich aus dem Bett steige – wer ich sein möchte, welche Entscheidungen ich treffen mag, wie ich mich fühlen möchte. Und so hab ich mir antrainiert, mir genau diese Fragen jeden Morgen zu stellen und erst dann aufzustehen, wenn ich mir eine Antwort geben kann. Jeden Abend vor dem Schlafen, fühle ich tiefe Dankbarkeit. Auch wenns mir schwer fällt, weil mein Tag echt hart und unangenehm, jenseits von meiner Komfortzone, war. Ich zwinge mich dazu, Dankbarkeit und Liebe zu fühlen.

Seither ist mein Leben echt cool! Wisst ihr – „Wellbeing“, sich gut fühlen, heisst ja nicht, dass man 24 Stunden 7 Tage die Woche mit einem Lächeln durch die Gegend läuft, alles super findet, jedem Streit aus dem Weg geht und ständig irgendwie Glücks-High ist und auf Wolke 7 wandelt. Sich gut fühlen ist ein Weg, den man einschlägt. Der steinig sein kann. Der auch kein Ziel hat! Denn das Leben ist weder Marathon nocht Sprint. Sondern ein Weg. Sich gut fühlen bedeutet auch physisch und psychisch, im Körper wie im Geiste, gesund zu sein. Und Gesundheit fällt einem nicht in den Schoss. Ich sehe meinen Geist als meinen grössten Schatz. Und meinen Körper als ein Vehikel, meinen Geist rumzutragen. Aber auch in den Körper investiere ich gern, weil ich frei und unabhängig sein möchte – möglichst lange und bis ins hohe Alter. Das kann ich nur, wenn ich auch zu mir selbst schaue und sozusagen auch ab und zu lieb zu mir bin. Ich füttere mich also mit Dingen, die mich gut fühlen lassen. Ich spreche mit Menschen, die mir Energie geben und sie mir nicht rauben. Ich tue Dinge, bei denen ich die Zeit vergesse, weil ich liebe, was und wie ich etwas tue. Wie das schreiben. Yoga machen, meditieren, kochen, mit dem Hund spazieren…sich gut zu fühlen, sich glücklich fühlen muss nicht „fancy“ sein. Manchmal ist das Glück ganz klein und ungemein unprätentiös.

Also kann ich euch nur auffordern: Macht euch die Welt, so wie sie euch gefällt.

Fällt Entscheidungen nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit und Liebe. Und entscheidet jeden Morgen, wer um alles in der Welt ihr heute sein wollt. Das ist doch eigentlich grosses Kino! – Und? Wer wollt ihr morgen sein?


Text: Sandra-Stella Triebl – Foto: Markus Mallaun – Outfit: by BestSecret (Escada) & www.iStock.com/Axel2001 (Grafik oben)