FRANZISKA GSELL, CEO FOGAL

Wir treffen die charmante CEo des zur Gaydoul Gruppe gehörenden Unternehmens Fogal in ihrem Büro am Talacker Zürich. Auffallend viele engagierte, gut gelaunte Menschen begegnen uns im Flur auf dem Weg in ihr office. Ein nachgebauter Fogal-Shop leuchtet in fröhlichen Farben und wir werfen beim Vorbeigehen einen schnellen Blick auf all die hochwertigen Begehrlichkeiten, die hier geschmackvoll drapiert sind.

Ich habe bereits an einem runden weissen Tisch Platz genommen, als Franziska Gsell den schlicht möblierten Raum betritt – elegant in ein dunkles, leicht figurbetontes Kleid gehüllt, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, kaum geschminkt und dennoch einnehmend schön, begrüsst sie mich äusserst wohlwollend und mit strahlendem Lächeln.

„Soll ich das Fenster schliessen, ist das schlecht für Ihre Aufnahme?“, fragt Franziska Gsell besorgt, als ich mein Aufnahmegerät aus der Tasche krame. Das ist ein erstes Indiz für die Wärme und Fürsorge der neuen Fogal CEo, die uns im Laufe des Gesprächs noch viel deutlicher begegnen werden.

„Es ist grossartig, Sie im Rahmen unserer League of Leading Ladies im Herbst begrüssen zu dürfen“, bedanke ich mich für ihre Zusage. „Nun, mich interessiert das Potenzial der Frauen“, entgegnet sie mir, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Schon in den ersten Augenblicken unseres Kennenlernens kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, eine ausgesprochen smarte Lady vis-à-vis zu haben.

„Sie sind nun 43, Mutter eines kleinen Sohnes – und seit oktober 2012 erstmals in Ihrer Karriere an der Spitze eines Unternehmens – wie fühlte sich das beim Amtsantritt an, und wie ist es jetzt für Sie, CEo zu sein?“, möchte ich neugierig erfahren. Franziska Gsell muss nicht lange überlegen. „Es fühlt sich gut an. Und stimmig. Fogal ist in meinen Augen eine der emotional wertvollsten Schweizer Marken und eine Zieldestination, die ich mir genau so gewünscht hatte.“ An ihren leuchtenden Augen ist abzulesen, wie glücklich die neue Fogal Chefin hier ist. „Das Produkt ist subtil sinnlich und die Marke kann gerade deshalb gut von einer Frau geleitet werden.“

Subtile Sinnlichkeit – ja, das trifft in der Tat auch auf sie selbst zu. So richtig bis ins Detail geplant hat Franziska Gsell ihre Karriere derweil nicht und irgendwie würde diese Strenge auch so gar nicht zu ihrem intuitiven Wesen passen. Sie wolle sich in erster Linie treu bleiben, immer im Fluss bleiben und fordernde Projekte angehen. Das beschreibt die Geschäftsführerin des Luxusstrumpf-Herstellers derweil als die treibende Kraft hinter ihrer Karriere. Es seien die Herausforderungen, an denen sie sich die Zähne ausbeissen und wachsen kann, die sie inspirieren. „Das war im Studium so und hat sich bis heute erfüllt.“ Auf ihre wichtigsten Karriereentscheide angesprochen folgt eine ebenso klare Antwort: „In einem ersten Schritt wollte ich Verkaufserfahrung sammeln und in der Folge eine Marketing- Laufbahn antreten. Es ist für mich absolut wichtig zu wissen, wie herausfordernd sich die Zielerreichung im Verkauf gestalten kann. Dieses Wissen ist hilfreich bei der Gewichtung und dem Einsatz der richtigen Marketinginstrumente. Abgesehen davon unterstützt diese Erfahrung im Verkauf die interne Glaubwürdigkeit!“

Ein Vermittler habe ihr ganz zu Beginn ihrer Laufbahn die Wechselwirkung dieser beiden zentralen Disziplinen – auch hinsichtlich einer späteren General Management Aufgabe – aufgezeigt, und so war es für die studierte Betriebsökonomin logisch, entsprechend beides abzudecken.
Obwohl klar wird, dass Franziska Gsell durchaus eine Karriere anstrebte, ging es der 43-Jährigen nie um einen Titel oder den damit verbundenen Status. Vielmehr sei es ihr zentrales Anliegen, ihre Zeit gewinnbringend einzusetzen und etwas bewegen zu können, erzählt sie uns begeistert. „Mein Titel stand da nie im Vordergrund, sondern vielmehr, dass ich mich weiterentwickeln konnte. Jede Karrierestufe hat mich motiviert, mein Bestes zu geben. Zufälle gibt es nicht – es sind die Dinge, die einem zufallen …“.

Aber selbst mit den Dingen, die einem zufallen, muss man etwas anzufangen wissen, meine ich. Und das hat Franziska Gsell auf eder Stufe bewiesen – sei es als Area Sales Manager der IC Companys A/S, eines der international führenden Bekleidungsproduzenten in Dänemark, im Kader der Feldschlösschen Getränke Gruppe, als Marketing Director bei Lindt & Sprüngli oder als International Marketing Director bei Navyboot – ihrer letzten Position vor der Berufung auf den Chefsessel von Fogal. Sie hat sich ihre Sporen im sehr kurzlebigen Fast Moving Consumer Goods-Bereich verdient und kommentiert ihren Weg folgendermassen: „Es sieht glanzvoll aus, und mein Weg ist es auch, aber es war extrem harte Arbeit. Ich habe immer geliebt, was ich tat, und ich glaube, das ist der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.“ Ihr Wille, konsequent hart zu arbeiten und stetig dazuzulernen, neugierig und offen zu sein, hat sie nun an die Spitze einer Traditionsmarke gehievt.

Und erneut wurde ihre beharrliche und passionierte Art belohnt – wieder fielen ihr Dinge zu – vor Kurzem eine Anfrage aus Hollywood. Die Kostümdesignerin Catherine Martin, die in der Neuverfilmung von „The Great Gatsby“ die 1920er-Jahre mit Leonardo di Caprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan wieder aufleben lassen durfte, erwählte neben Prada, Tiffany oder Moët auch Fogal zu ihren Wunschkandidaten für die Ausstattung des Films. „Die 1920er-Jahre – das war die Gründungszeit von Fogal – wir feiern in diesem Jahr ja unser 90-jähriges Jubiläum. Für uns ist dieser Film natürlich eine perfekte Möglichkeit, einmal mehr zu zeigen, wie Weiblichkeit mit Legwear betont werden kann. Die Kostümdesignerin hat gut recherchiert – denn wir waren damals die einzige internationale Marke, die existierte. Also rief sie uns an.“

Die gebürtige Schweizerin ist durch und durch ein Marketingprofi. Für eine kleine, feine Marke aus der Schweiz stellt „The Great Gatsby“ selbstredend eine fantastische Möglichkeit dar, sich als Marke auf ihre Tradition und Geschichte zu berufen. „Es ist ja kein Product Placement, für das wir bezahlt haben! Wir durften eine authentische Strumpfkollektion entwickeln und zur Verfügung stellen.“ Und selbstverständlich kann man eben diese Kollektion zumindest in Teilen nun auch in den Fogal Shops erwerben. Eine Steilvorlage für Franziska Gsell, die sich übrigens selbst ganz aktiv beim Design mit einbringt: „Das Produkt ist die Seele des Unternehmens und auch der kommerzielle Wachstumsmotor, so betrachtet ist es logisch, dass ich mich hier einbringe, wie übrigens auch das gesamte Management-Team. Die Kreativität soll fliessen, jedoch immer mit klaren Leitplanken und Rollenzuteilungen.“s

Allmählich wird mir im Gespräch klar, wie fokussiert Franziska Gsell in ihrer Arbeit und wohl auch in ihrer Führungsfunktion ist. Noch nicht mal ein Jahr ist vergangen seit ihrem Amtsantritt bei Fogal letzten oktober und dennoch spürt man ihre Willenskraft und ihren Drive schon in jeder Ecke des Unternehmens. Wir wollen wissen, wie fordernd es ist, eine Marke mit Tradition weiterzuentwickeln. Die Fogal-Chefin weiss auch hier, was sie will: „Eine Marke mit langer Tradition hat viele Facetten, tiefe Wurzeln und prägende Geschichten. Zentral ist, der Vergangenheit mit Respekt und Sorgfalt zu begegnen. Zu verstehen, warum und wofür eine Marke von den Konsumenten geschätzt wird.“ – Entsprechend würden tragende Elemente nun nur ganz behutsam weiterentwickelt, berichtet sie uns in ihrer gewohnt souveränen Art und Weise: „Innovationen sollten sich aus dem vertrauten Markenkern ableiten und dennoch überraschen“, ist Franziska Gsell überzeugt. Es ist wohl genau der richtige Weg, auf Traditionen und Bewährtes zu bauen und auf diesem fruchtbaren Boden Neues entstehen zu lassen. Ich bin tief beeindruckt von ihren Plänen, denn nur allzu oft hört man von den neuen Besen, die besser kehren sollen als die alten, von Managern, die in Windeseile alles auf den Kopf stellen, was der Vorgänger in derselben Position auf den Weg gebracht hat – nur um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Doch Franziska Gsell versucht es mit weniger Ego-Performance und einem Mehr an weiblichem Geschick: „Fogal steht seit 90 Jahren für Legwear-Kompetenz. Das soll auch in 90 Jahren noch so sein! Unsere Leidenschaft und Passion gehört der Inszenierung des Beins. Die Besinnung auf unsere Kernkompetenz ist gerade aktuell ein zentrales Thema für mich. Genau festzulegen, welche Rolle welcher Kategorie auch in Zukunft zugeschrieben werden soll, gehört aktuell zu meinen wichtigsten Aufgaben.“ Immer wieder ist deutlich spürbar, mit wie viel Bedacht Franziska Gsell ihre Worte wählt – und auch berufliche Entscheidungen trifft. Und wie sehr die Aufgabe bei Fogal die Erfüllung ihres persönlichen Traums darstellt. Darüber lässt sie keine Zweifel aufkommen. Und selbstverständlich will die neue Frau an der Spitze die Marktpräsenz der Marke weiter ausbauen. Die starke Basis in der Schweiz soll gehalten, weitere Märkte im Ausland besetzt werden. „Wir haben einen unterschiedlichen Reifegrad in den Ländern, in denen wir aktiv sind. Das macht meine Arbeit fordernd und komplex. Wir produzieren ja für ganz unterschiedliche Konsumentinnen mit unterschiedlichen Gewohnheiten. Entsprechend müssen die Kollektionen zu den jeweiligen Situationen, den kulturellen und klimaabhängigen Gepflogenheiten des Landes passen. Unsere Produkte sollen inspirieren und verführen sowie jedem Anlass gerecht werden.“ Man dürfe trotz der schnelllebigen, dynamischen und immer globaleren Märkte seine eigene Handschrift nicht verlieren, das sei man der Marke schuldig, argumentiert die ökonomin.

Herausforderungen wie diesen begegnet die junge Mutter mit erstaunlicher, in sich ruhender Gelassenheit. Sie könne sich schnell in eine Aufgabe oder auch in andere Menschen hineinversetzen. Im Vergleich zu früheren Tätigkeiten habe sich nur eines geändert: der Fokus auf die eigene Person. „An der Spitze sagt einem niemand mehr, wie man etwas machen soll. Das war zu Anfang neu für mich. Mir half das Selbstvertrauen aus vergangenen Jobs, in denen ich oft ein wenig zu grosse Schuhe trug. Ich wusste, dass ich mich auf meine eigenen Talente verlassen kann“, erzählt sie uns gewohnt charmant. Genau diese Kombination ist es auch, die ich persönlich an dieser neuen Generation weiblicher Führungskräfte so umwerfend finde. Es sind Frauen, die gerne Frauen sind und ihre Weiblichkeit leben – und dies in perfekter Liaison mit ihrem klugen, wachen Verstand und einnehmendem Charme.

Bei Franziska Gsell sind es die Zutaten Disziplin, Leidenschaft und Commitment, welche die Basis für diese tolle Karriere legten. Sie habe gelernt, mit dem Druck, den sie sich bisweilen selbst auferlege, umzugehen: „Ich trete einen Schritt zurück, um die Spitze des Berges wieder zu sehen. Abgesehen davon habe ich das Glück, einen Mann an meiner Seite zu haben, der mich absolut und uneingeschränkt unterstützt“, sagt sie und ein verschmitztes Lächeln huscht über ihr Gesicht. In der Tat sind selbstbewusste Männer an der Seite von erfolgreichen Frauen keine Selbstverständlichkeit. Dessen ist sich auch die junge Mutter bewusst. „Mein Sohn ist zweijährig – da muss man schon darüber reden, wer welche Rolle bereit ist einzunehmen“, erzählt sie bereitwillig und fügt mit geschärftem Blick an: „Wir Frauen stehen uns schon häufig auch selbst im Weg und zwar in puncto Rollenteilung. Es ist doch nicht nur unser Umfeld, es sind auch wir selbst. Wir sind meist anders erzogen worden und müssen unseren Weg entsprechend alleine definieren und finden.“ Dies aus dem Munde einer Business-Mum zu hören, tut, ehrlich gesagt, richtig gut. Sich dabei gegenseitig zu unterstützen, könnte uns wohl noch einmal etwas weiter bringen. Wir diskutieren eine Weile über die Strukturen in der Schweiz, die es vielen Müttern so schwer machen, Kind und Karriere zu verbinden, weil vielerorts Krippenplätze rar und Tagesschulen kostenintensiv sind. Gleichzeitig appelliert Franziska Gsell an die Frauen: „Man muss bereit sein, trotz Familie ein hohes Arbeitspensum zu leisten. Darüber muss man sich im Klaren sein.“ Als wir über das gegenseitige Sich-Unterstützen, über die Solidarität unter Frauen sprechen, möchte ich abschliessend wissen, was die erfolgreiche Businesslady denn anderen Frauen raten möchte in puncto Karriere. Und ihre Antwort soll anderen Frauen Mut machen: „Talente bleiben nicht unentdeckt. Davon bin ich absolut überzeugt. Wer hart, ehrlich und engagiert arbeitet und liebt, was er tut, kann viel bewegen, etwas erreichen und andere begeistern.“ Es ist definitiv ihr persönlicher Schlüssel zum Erfolg – und für ihre spürbare Zufriedenheit. „Ich habe nie am übernächsten Karriereschritt herumstudiert. Ich füllte mein Tun mit Passion und Leidenschaft. Ich hatte nie das Gefühl in meinem Leben, am falschen ort zu sein.“ Gsells positive Worte hallen noch lange in meinem Kopf nach. Sie habe sich als Frau in einer Führungsposition auch nie als Exot gefühlt oder gar benachteiligt. Nein – die opferrolle würde definitiv nicht gut zu ihr passen. Es sei doch eher ein Vorteil, als Frau Karriere zu machen, ist sie überzeugt und erzählt ganz trocken: „Es ist nicht immer einfach als Frau. Wenn man in einer Sitzung die einzige Frau ist, dann stören Sie in dieser Männerrunde. Aber ich hab immer scharf beobachtet und daraus gelernt. Ich glaube definitiv an das Zeitalter der Frauen. Auch wenn es noch eine halbe oder ganze Generation braucht, bis Frauen in Top-Positionen etwas Normales darstellen, dürfen wir nicht verbittert sein. Vielmehr sollten wir unsere weiblichen Talente einsetzen – und ich spreche hier nicht von den weiblichen Reizen!“ – Verbissen und verbittert ist diese Frau definitiv nicht – und ich möchte anfügen: Das ist auch ganz wunderbar so – es wäre schön, es gäbe noch viel mehr Ladies mit diesem gesunden Selbstvertrauen. Aber vielleicht helfen auch Berichte wie dieser ein klein wenig dabei, dies zu erreichen. Weil solch positive Beispiele wie diese einem Mut geben – und durchaus Flügel verleihen können.

Franziska Gsell ist definitiv eine bewundernswerte Frau. Jemand der spontan ist und gerne und immer lacht, auch wenn es hektisch zu- und hergeht. „Man hat doch immer eine Wahl, wie man die Dinge anpacken möchte. Ich hab mich schon in jungen Jahren entschieden, dass ich alles erst mal positiv betrachte. Und ich bin überzeugt, dass man immer das im Leben bekommt, was einen etwas lehrt und letztendlich auch weiterbringt. Das sage ich mir auch in jenen Momenten, wo es nicht so einfach ist.“ Die Frage, die sich ihr vielmehr dabei stelle, sei, wie man auch negativen Erfahrungen etwas Positives abgewinnen könne. „Es gelingt mir nicht immer, aber ich versuche mich zu disziplinieren“, gibt sie unumwunden zu.

Als das Aufnahmegerät bereits wieder in meiner Tasche verschwunden ist, ergänzt sie gedankenversunken: „Wissen Sie, meine Mutter sagte immer, man soll sich jeden Tag über etwas freuen. Und das versuche ich.“

Weiterführende Informationen: www.fogal.com www.leagueofleadingladies.com


Text: Sandra-Stella Triebl