Na, bravo. Ein kleines Virus stellt alles, was wir geplant und gedacht hatten, auf den Kopf und führt zu einer nie da gewesenen Katharsis. Wir lösen uns von zum Scheitern verurteilten Beziehungen, überdenken unsere Werte und unser Tun. Zudem beginnen wir, das äussere auf das innere Wachstum zu verlegen. Wir lernen neue Dinge, erleben neue Realitäten. Uns hat zwar keiner gefragt, ob wir dazu überhaupt Lust haben, aber nun werden wir aus der schokoladenüberzogenen Komfort­ zone in die Unsicherheit reingeschleudert in ein Leben, das uns vor allem eines abverlangt: Flexibilität. Körperliche und vor allem geistige.

Nun, was sagt Roger Federer, wenn er den Ball mal nicht so trifft, wie er sich das gedacht hatte? − Er sagt: „Ja!“ Er flucht nicht rum wie ein Rumpelstilzchen und ärgert sich darüber, dass der Ball nicht im Feld gelandet ist, sondern er trainiert mitunter auch seinen Geist, positiv und fokussiert zu bleiben. Und das machen wir heute doch mal in dieser Ausgabe.

Wir sagen einfach mal Ja.

Ja, ganz offensichtlich braucht es eine neue, starke Leader­Generation, die nun ans Ruder kommen muss, um die anstehenden Herausforderungen adäquat zu meistern. Wenn wir uns jahrelang Menschen an die Spitze von Firmen setzen, die als oberstes Ziel ausschliesslichdasWort„Gewinnmaximierung“ im Kopf haben, müssen wir uns nicht wundern, dass uns eben diese Leader nicht ruhig und sicher durch die Krise manövrieren können. Viele von uns, auch ich selbst, haben von diesen CEOs und Unternehmensinhabern mit dieser Art von Mindset in der Vergangenheit profitiert. Doch diese Zeiten sind vorbei. Nun braucht es talentierte Kommunikatoren, empathische Mediatoren, kreative Visionäre und mutige Querdenker an der Spitze unserer Unternehmen.

Heute sind im Board aber auch auf C­Level gänzlich andere Talente gefragt und andere Fragestellungen im Vordergrund wie etwa Risikominimierung. Erhaltung von Arbeits­ plätzen. Cashflowanagement. Effiziente, agile, adaptive Problemlösungsstrategien. Wenn eine Firma überleben will, wird sie sich einen ande­ ren Typus Leader an die Spitze setzen.

Ja, wir brauchen mehr Visionäre, die uns Perspektiven aufzeigen können, wie ein Leben nach und mit Corona aussehen kann und wie wir uns auf die nächste Pandemie, die aller Voraussicht ja kommen wird, vorbereiten können. Alles also genauso wie vor der Krise machen? − Das wird nicht gehen, weil von der Fluggesellschaft über die Supply Chain bis zu den Finanzmärkten alle Verknüpfungen und delikaten Verbindungen durchgeschüttelt und disruptiert worden sind. Wohlmöglich waren wir uns bisher gar nicht darüber im Klaren, wie filigran und verletzlich all unsere Verbindungen in diese Welt tatsächlich sind. Und welche Abhängigkeiten wir selbst generiert haben.

Ja, wir werden weniger haben. Aber die meisten von uns haben immer noch genug. Und mehr als andere.

Ja, ich denke, wir sind an einer historischen Schwelle. An einer Schwelle, wo jede und jeder gleichermassen gefordert ist. Zurücklehnen war mal. Heute ist jeder gefragt, Entscheidungen zu treffen.

Es braucht eine internationale Solidar­ gemeinschaft, wo der Einzelne, der etwas mehr hat, bereit ist, ein bisschen davon abzugeben, damit der, der weniger hat, auch nach der Krise ein würdiges Menschenleben führen kann.

Ja. Ich bin bereit, etwas abzugeben, damit andere ein bisschen mehr haben.

Und ja, wir unterstützen nach wie vor das lokale Gewerbe, so wie wir es immer getan haben. Denn wir haben unsere Produktion nicht ausgelagert, drucken nicht auf billigem Papier oder in irgendeiner ausländischen Druckerei, nur um eine bessere Marge zu haben. Wir drucken seit vielen Jahren auf

zertifiziertem Papier in einer Schweizer Druckerei und waren stets stolz darauf.
Aber ich werde nicht aufhören, auch Menschen in anderen Ländern zu unterstützen, die unsere Umsätze nun dringend brauchen. Ein Beispiel ist die Ladies Drive­T­Shirt­Kollektion „Made in Bangladesh“. Wir haben ein Sozialprojekt gefunden, welches uns garantiert, dass die Frauen in diesem Projekt fair bezahlt werden. Zudem wird mit Bio­Baumwolle und Bio­ Modal produziert.

Ebenso werde ich die Bio­Kaffeebauern aus Äthiopien weiterhin unterstützen oder die Dattelfarmer im Iran. Auch das ist Teil der Solidarität, wie ich sie verstehe.

Ja, Solidarität endet nicht an den Grenzen unseres Heimatlandes oder unserer Wohnortgemeinde.

Ich freue mich auf alles, was da kommen möge. Es wird schwer werden. Aber es wird irgendwie weitergehen. Und man kann zum Leben einfach nur „ Ja“ sagen, aber nicht „ Ja, aber!“.

Keiner hat sich ein fieses Virus gewünscht, das Menschen vor ihrer Zeit aus unserer Mitte reisst.
Wohlmöglich haben wir aber dennoch in der Konsequenz der Auswirkungen dieser Pandemie genau das bekommen, was viele von uns sich insgeheim gewünscht haben: eine weniger schnelle Welt, die nachhaltiger ist, weniger von Konsum geprägt, wo wir besser zu uns selbst finden können, eine Welt, die immer noch vernetzt ist, in der aber andere Werte zum Zuge kommen.

Ja, es liegt an jedem von uns zu entscheiden, welche Richtung unser Leben nun nehmen möge. Wenn wir nicht jetzt darüber nachdenken, wann dann?−Wenn wir uns nicht jetzt aus den Schubladen befreien, in die wir gesteckt wurden, wann dann?

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Text: Sandra-Stella Triebl   Fotos: Tomek Gola