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VERWALTUNGSRÄTINNEN

Sita-MazumderIHRE MACHT, IHR ASSET, IHR MEHRWERT.

Wenn man etwas genauer schaut, findet man sie – und zwar eine ganze Menge. Verwaltungsrätinnen, die es mit einer Portion Selbstvertrauen, viel Know-how und Erfahrung – und ohne Quote – in die Teppichetage geschafft haben. Meist liest man nur vereinzelt über „eine“ oder „die“ Verwaltungsrätinnen. Doch wie ticken sie? Was war ihr Karriereweg ganz nach oben? Wie viel Macht haben sie wirklich – und welchen Mehrwert können sie bieten? – Wir haben nachgefragt. Bei drei sehr unterschiedlichen Frauen: Clara Streit – eine ehemalige deutsche McKinsey-Managerin, die seit 2011 im Verwaltungsrat der Privatbank Vontobel sitzt – Prof. Dr. Sita Mazumder, u.a. seit 2011 Verwaltungsrätin der Coutts Bank sowie Chantal Balet, die im obersten Strategiegremium des Bauriesen Implenia Einsitz hat.

HINTERGRUND: Firmen mit drei oder mehr Frauen im Verwaltungsrat sind gemäss Studie von Get Diversity u.a. die Nestlé AG, die UBS oder BKW Energie AG. Zu den Unternehmen ohne weibliche Vertretung im VR gehören derweil u.a. die Alpiq Holding AG, Clariant International Ltd., die Graubündner Kantonalbank oder die STraumann Holding AG. Gemäss Michèle Etienne, die Mitte 2013 alle 229 börsennotierten Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz analysierte (lesen Sie dazu Ladies Drive No. 24), konstatiert ein breites Spektrum. Immerhin: Von diesen Unternehmen haben 41% eine Frau im Verwaltungsrat. Von über 1’500 VR-Sitzen dieser börsenkotierten Unternehmen entfallen jedoch nur 9% auf eine Frau.

Gemäss dem schillingreport 2013 und den untersuchten 119 Unternehmen aus der Schweiz wird der Frauenanteil im Verwaltungsrat mit 12% beziffert, bei den SMI-Unternehmen liegt er bei 14%. Was hoffen lässt: Wird ein Mandat neu besetzt, haben Frauen eine deutlich höhere Chance, zum Zug zu kommen, und dies sehr markant.

Clara-Streit„MAN BRAUCHT EINE MISCHUNG AUS IGNORANZ UND CHUZPE!“

Die 45jährige, dreifache Mutter Clara Streit ist eine Frau der klaren Worte – und der klaren Linie. Die selbstbewusste Beraterin schaffte es als erste Frau bei McKinsey Deutschland in die oberste Führungsebene und blickt heute noch stolz und mit lachendem Auge auf ihre Zeit als Senior Partner und ihre Karriere im deutschen Finanzzentrum Frankfurt zurück.

Mittlerweile hat Clara Streit seit 2011 ein Verwaltungsratsmandat bei der Bank Vontobel inne – und geniesst den Alltag in Lissabon und ihren Lehrauftrag für Management an den Universitäten Nova und Católica. Weiter ist sie Aufsichtsrätin bei Delta Loyd NV in Amsterdam sowie bei der Deutschen Annington Immobilien SE in Bochum; und sie ist im Stiftungsrat der Bundesstiftung Kinderhospiz in Deutschland.

Im Gespräch fällt uns auf, dass Clara Streit Dinge mit einer grossen und beeindruckenden Selbstverständlichkeit anzugehen scheint und wahrlich auch gerne und viel lacht. Die Ökonomin über Frauen in der Teppichetage und Karrieren, die nicht geplant, sondern gelebt werden.

Ladies Drive: Frau Streit, Sie haben eine beeindruckende Karriere. War das alles geplant?
Nein, ich bin nicht der Typ, der irgendwo aussergewöhnlich begabt ist – aber ich bin auch nirgends richtig schlecht (lacht). Nach meinem Studienabschluss in BWL an der HSG mit 22 Jahren habe ich mir einfach gesagt: „Lass mich die besten Optionen als Erstes probieren.“ Ich bin zu McKinsey, weil ich die Jobinterviews damals so interessant fand – und über 20 Jahre geblieben. Bei McKinsey gilt „up or out“ – man macht Karriere oder man geht. Meine Tätigkeit hat mich erfüllt, und das Umfeld stimmte einfach. In dieser Beziehung bin ich ein konservativer Mensch. Ich ändere Dinge nicht, die ich mag, denn es ist nicht einfach, eine berufliche Herausforderung zu finden, die wirklich Spass macht. Als Unternehmensberaterin hatte ich genügend Einblick in andere Unternehmen, aber ich habe keines gesehen, das mir besser gefallen hätte.

Was hat Ihnen bei McKinsey so gut gefallen, dass Sie 20 Jahre geblieben sind?
Am wichtigsten ist mir das persönliche Umfeld. Das gibt meinem Leben eine enorme Qualität. Da gehört die Einstellung der Kollegen dazu, das Arbeitsklima, ein konstruktives Zusammensein, bei dem Politik und Ellenbogen keine Rolle spielen.

Es heisst ja häufig, Männer seien leidensfähiger, was die ellenbogengesellschaft und den Kampf um einen Platz in der Teppichetage angeht. Wie sehen Sie das?
Ach, ich kenne viele Männer, die das auch nicht mögen. Ab einem gewissen Karrierelevel gehört das aber offensichtlich gerade bei Grossunternehmen ein Stück weit dazu.

Lassen Sie uns doch über Ihre Mandate sprechen: Wie sind Sie Verwaltungsrätin bei Vontobel geworden? Ich hatte eine solche Tätigkeit schon immer im Hinterkopf, quasi als Option für eine zweite Phase der Karriere. Ich hätte bloss nicht gedacht, dass sich die Möglichkeit so schnell anbietet. Ich war gerade im Mutterschaftsurlaub, als ich angesprochen wurde, und dachte mir, das will ich mir genauer anschauen. Das Mandat hat mich überzeugt. Das Umfeld, das Kollegium, die Branche – alles stimmte für mich. Das bedeutete aber auch das Ausscheiden bei McKinsey, um Interessenskonflikte zu vermeiden.

Sie sind mit einem kleinen Kind zuhause in die zweite Phase Ihrer Karriere gestartet. Mittlerweile haben Sie drei eigene und eine Stieftocher – ihre Zwillinge sind erst drei. Wie bekommen Sie Kinder und Karriere unter einen Hut?
Ich kann nur für mich sprechen und möchte nicht verallgemeinern. Aber sicher ist, dass es schwierig wird, sobald mit der eigenen oder der Gesundheit der Kinder etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man das Glück hat und alle fit und munter sind, sind Familie und Karriere prinzipiell vereinbar. Man braucht aber auf alle Fälle ein unterstützendes Umfeld und einen starken Willen. Es ist nicht einfach – man muss es wirklich wollen. Und wenn Mütter glücklich und erfüllt sind, kann das nicht schlecht sein fürs Kind. Ich finde es ausserdem leichter, Kinder in südlichen Gefilden aufzuziehen. Mein Mann ist Portugiese, und ich lebe mit meiner Familie in Lissabon – es ist ein grosses Privileg, die Kinder hier aufwachsen lassen zu dürfen. Als Mutter ist man zumal für eine gewisse Zeit die klare Chefin – ist die Tätigkeit als Verwaltungsrätin aus Ihrer Sicht mit viel Macht verbunden? In der Sache ist das nicht unbedingt richtig – korrekt ist, dass Verwaltungsräte in der Schweiz eine im Grundsatz grössere Macht innehaben als Aufsichtsräte in Deutschland. Aber auch als Verwaltungsrat ist man primär ein Aufsichtsgremium, beaufsichtigt und begleitet also das Management in einer eher mittelbaren Rolle. Natürlich trifft man Strukturentscheide, auch personelle Entscheidungen, aber man ist nicht jeden Tag da. Das heisst, wir haben eher Einfluss als Macht. Medial klingt „Macht“ natürlich plakativ – ist aber in der Sache verklärt wie bei Harry Potter, wenn man sich vorstellt, dass die Manager und Verwaltungsräte in irgendwelchen geheimen Kammern Pläne schmieden und entsprechende Netzwerke pflegen. Das hat wenig mit der Realität gemein.

Und sind Frauen aus Ihrer Sicht ein Mehrwert für solche Gremien?
Women matter – das stimmt auf jeden Fall. Jedes Gremium und jedes Team profitiert von Diversität. Sehen Sie, wir fällen im Geschäftsleben immer Entscheidungen unter Unsicherheiten. Wenn Sie nun in einem Gremium möglichst unterschiedliche Erfahrungen vereinen, Menschen mit unterschiedlichem Know-how, wird jeder Entscheid eines solchen divers aufgestellten Gremiums von höherer Qualität sein. Genau darum geht es bei Diversität. Gender ist dabei ein Faktor, genauso wie Alter, Herkunft oder Ausbildung. Diversität bringt also bessere Entscheidungen. Das ist ein Fakt.

Man hört in den Medien immer wieder vom Kampf der Alphatiere unter Alphatieren in solchen Gremien – wie wurden Sie empfangen bei Vontobel?
Nun, ich bin ja nicht aus der Los-Trommel gezogen worden (lacht). Man wollte mich ja und man lernt sich in diesem Prozess auch kennen und schätzen. Für mich war das eine extrem positive Erfahrung. Die drei Gremien, in denen ich tätig bin, sind sehr unterschiedlich – aber man begegnet sich immer sehr respektvoll (Anmerkung der Redaktion: Gemeint sind bei diesen drei Gremien die Vontobel Bank, Delta Loyd NV in Amsterdam und die Deutsche Annington Immobilien SE). Und es ist ja auch nicht wie in einem Linienjob. Sie sehen sich als Verwaltungsoder Aufsichtsrat vielleicht einmal im Monat. Wenn Sie also nicht gerade ein schrecklicher Mensch sind, ist es schwierig, sich nicht zu verstehen.

Wie verfolgen Sie die derzeitigen Aktivitäten in vielen Ländern, Frauen in solche entscheidungsgremien zu bringen?
Ich finde es richtig und wichtig, Frauen zu fördern. In der Gesellschaft und in Unternehmen muss es einfach eine normale Sache sein, dass eine Frau eine Kaderposition anstrebt. Auch die mediale Darstellung spielt hier eine grosse Rolle. Ich möchte Ihnen nur ein Beispiel nennen: Ein schwuler Fussballer zu sein, ist heute immer noch ein Thema, ein schwuler Politiker zu sein, hingegen nicht. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass Frauen immer noch unterrepräsentiert sind. Wenn Sie weder in der Geschäftsleitung noch im Verwaltungsrat Frauen haben, dann haben es auch die Frauen in den unteren Managementstufen nicht einfach. Das ist einfach so. Wir müssen aufzeigen, dass Frauen im Management ein Mehrwert sind, und auf breiter Ebene ein entsprechendes Bewusstsein dafür schaffen. Das belegen ja mittlerweile diverse Studien, die besagen, dass Volkswirtschaften mit einer höheren Partizipation von Frauen in der Arbeitswelt stärker wachsen.

Gut – wie können wir denn die „Old-boys-Netzwerke“ aufbrechen, aus denen so häufig Verwaltungs- und Aufsichtsräte generiert werden?
Ich würde meinen, man braucht eine Mischung aus Ignoranz und Chuzpe, um es in Toppositionen zu schaffen. Und man soll sich als Frau nicht ständig verfolgt fühlen – das meine ich mit Ignoranz. Die meisten Männer, die ich kenne, arbeiten übrigens lieber in gemischtgeschlechtlichen Formationen.

Und wie steht’s um die gläserne Decke? Auch ein Mythos?
Ich kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, glaube aber schon, dass es die gibt. Machen wir uns nichts vor. Vorbehalte im mittleren und oberen Management bezüglich Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind eine Realität. Entsprechend werden auf diesen Stufen Frauen „benachteiligt“. Aber ich habe auch gesehen, dass Frauen es leider nicht mal versucht haben. Ich will das Problem keinesfalls auf die Frauen abwälzen. Dennoch meine ich, würde Frau es versuchen, würde sie vermutlich realisieren, dass die gläserne Decke gar nicht so dick ist.

Oft heisst es auch, dass Frauen auf Weiblichkeit verzichten müssen, damit sie beruflich aufsteigen. Ist das ein Cliché?
Ich halte das für Quatsch. Ich glaube, dass es für alle Beteiligten in einem beruflichen Umfeld angenehm ist, wenn sich Personen natürlich verhalten. Freundliche und unaufdringliche Menschen machen das Arbeitsverhältnis einfacher. Dazu gehört auch, seine Sexualität nicht aggressiv zur Schau zu stellen – das gilt für Männer und Frauen gleichermassen. Ich habe den Eindruck, dass Männer lieber mit Frauen zusammenarbeiten, die natürlich weiblich sind. Aber ich verstehe, dass man hin und wieder auch den Mut braucht, so zu sein, wie man ist. Für mich hat das mit Selbstvertrauen zu tun. Die Weiblichkeit abzugeben, wäre ein trauriger und unsicherer Schritt auf dem Weg nach oben.

Welchen Tipp möchten Sie Frauen mitgeben, die in den Verwaltungsrat wollen?
Mein Eindruck ist, dass man diesen Karriereschritt nicht forcieren kann. Solche Entwicklungen haben ihre eigene Dynamik. Am Anfang steht immer eine Vakanz und die Bereitschaft, eine Frau zu portieren. Und im Gegenzug findet sich idealerweise eine Protagonistin, die sich eine solche Aufgabe zutraut.

Und wie kommt es, dass Ihnen so viel zufliegt?
Internationale weibliche Profile sind derzeit sehr gefragt. Wenn sich Frauen in Spitzenpositionen beruflich etabliert haben, führt in der Regel das eine zum anderen. Aber ich hatte auch viel Glück und bin ein ewiger Optimist. Vielleicht passieren mir deswegen immer gute Dinge.

Chantal-Balet-Emery„VORAUSSETZUNG IST EIN SYSTEMISCHES VERSTÄNDNIS VON GROSSUNTERNEHMEN“

Das erste Mal hören wir von Chantal Balet Emery während eines Gesprächs mit SRG-SSR-Präsident Raymond Loretan. „Wenn Sie mal eine Lady mit Drive aus der Romandie portraitieren wollen – Chantal ist eine grossartige Frau!“, schwärmte er. Die 62jährige Juristin betreibt gemeinsam mit Loretan als Partnerin des „Cabinet Conseil Fasel, Balet, Loretan, d’Arenberg (FBLA)“ das Büro in Sion. Wer ihre Vita betrachtet, ist geplättet – vom vielseitigen Engagement der gebürtigen Walliserin und den zahlreichen Mandaten. Sie ist Präsidentin des internationalen Musikfestivals in Sion, war neun Jahre lang Parlamentarierin für die ehemalige LPS im Walliser Grossrat, leitete die Geschäfte von economiesuisse als Direktionsmitglied in der Westschweiz, präsidierte die Fédération romande pour l’énergie und ist Co-Präsidentin des Forums Gesundheit Schweiz. Vor 14 Jahren wird die Notarin erstmals in einen Verwaltungsrat gewählt. Mittlerweile sind einige Mandate, darunter auch Stiftungsratsmandate, dazugekommen: Chantal Balet Emery ist Verwaltungsrätin der Robert Gilliard SA Vins, Sitten, der Walliser Kantonalbank und der Vaudoise Versicherungen. 2013 wurde sie neu in den Verwaltungsrat von Implenia, dem führenden Bau- und Baudienstleistungsunternehmen der Schweiz, gewählt, welches auf seiner Homepage stolz mit seinem Verwaltungsrat und dessen „ausgewogenen Expertise“ wirbt.

Im Alter von 48 Jahren ereilte Chantal Balet Emery also erstmals der Ruf eines Verwaltungsrates – den Schritt schaffte sie über eine Empfehlung eines austretenden Mitglieds: „Ich war damals Direktionsmitglied von economiesuisse in der Romandie, kannte die Vaudoise Versicherungen und auch fast alle Mitglieder des Verwaltungsrates persönlich. Meine breite Erfahrung, auch als Richterin, hat sicher dabei geholfen, dass der Verwaltungsrat meine Kandidatur berücksichtigt hat“, so die charismatische Unternehmerin. Im Jahr 2000 waren weibliche Verwaltungsrätinnen noch seltener, als sie es heute sind. Aber Chantal Balet verlebte einen Grossteil ihrer Karriere in einer Männerdomäne, sei es in der Politik oder als Notarin. „In meiner Generation war das natürlich noch so. Aber hin und wieder sind Klienten schon erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich Verwaltungsrätin bin – und dies unter anderem auch in börsenkotierten Unternehmen.“

„MAN MUSS BEWEISEN, DASS MAN EINEN KONSTRUKTIV-KRITISCHEN ESPRIT HAT GEGENÜBER DEN VORSCHLÄGEN DER DIREKTION. ABER DIES IN EINEM ABSOLUT GUTEN SINNE!“ Chantal Balet Emery

Auch Chantal Balet lebte ihre Karriere und machte sich wenig Sorgen und Gedanken darüber, was andere über ihr Engagement denken mögen. Dennoch ist sie sich gewahr über ihre weibliche Rolle, die sie in solch einem Gremium einnimmt: „Als Frau muss man immer vorsichtig sein – vor allem zu Beginn eines Mandats – bis man seinen Platz gefunden hat“, erzählt sie zurückhaltend und bleibt in der Formulierung gekonnt diplomatisch. In welchen Facetten beobachtet die erfahrene Verwaltungsrätin den Geschlechterunterschied? – „Im Unterschied zu den meisten Männern sind wir Frauen doch eindeutig konsensueller orientiert, gleichzeitig geht es uns weniger darum, seine Macht zeigen zu wollen. Und diese Haltung ist äusserst hilfreich beim Finden und Erarbeiten von Lösungen.“ Somit ist für die Juristin auch glasklar, wo der weibliche Mehrwert liegt.

Apropos Macht und Einfluss: Balet konstatiert seit Beginn ihres ersten VR-Mandats im Jahre 2000 grosse Veränderungen in diesem Zusammenhang. „Mit den Governance-Regeln, die heute viel besser ausgearbeitet sind als früher, rückt auch das Thema Verantwortung und Macht stärker in den Fokus.“ Mit Rechten erwachsen normalerweise eben auch Pflichten. Gemäss Artikel 754 OR haftet ein Verwaltungsrat persönlich und ist somit an eine Sorgfaltspflicht gebunden (welche im OR 717 I gesetzlich geregelt wird). Die Liste der Pflichten ist für einen Verwaltungsrat ohnehin lang – und reicht von Treuepflichten, über Verschwiegenheits-, Gleichbehandlungs-, Auskunftspflicht bis zur Pflicht zur Gewinnstrebigkeit. Das heisst: Als Verwaltungsrat ist man gemäss demselben Artikel im OR verpflichtet, sich zu bemühen, den Wert der AG und damit den Wert der Aktien nachhaltig zu maximieren. Doch auch der Schutz der Gläubiger und Aktionäre im Falle eines Kapitalverlusts oder einer Überschuldung ist u.a. zu beachten. Die Liste der Rechte ist da etwas kürzer (ein schöner Überblick bietet Prof. Peter V. Kunz von der Universität Bern in seiner Publikationen).

Doch was braucht es denn – unabhängig vom Geschlecht – um einem Verwaltungsrat ein Mehrwert zu sein? – Chantal Balet hat hierzu eine klare Meinung: „Man muss beweisen, dass man einen konstruktiv-kritischen Esprit hat gegenüber den Vorschlägen der Direktion. Aber dies in einem absolut guten Sinne!“, und sie vergleicht diese Situation mit der distanziert wohlwollenden Haltung eines Anwalts gegenüber seinen Klienten. Vermutlich sei dies auch der Grund, weshalb viele Juristen in solchen Aufsichtsgremien zu finden seien, analysiert Balet, denn diese seien sich dieser Haltung bewusst und daran gewohnt. Woran sie sich kaum gewöhnen kann, sind die Machtspiele unter männlichen Alphatieren, denen man unter anderem auch im Verwaltungsrat begegnen kann. „Ach, da sollte man sich als Frau einfach zurücklehnen und bloss nicht das Gefühl haben, mitspielen und mitkämpfen zu müssen.“ Manchmal lässt Erfahrung einen ruhig und gelassen werden – so dürfte es wohl auch bei Chantal Balet sein und sie fügt beschwichtigend hinzu: „Zum Glück gibt es viele, viele schöne Ausnahmen – es gibt nicht nur Alphatiere in diesen Gremien!“ Mühe bereitet ihr allerdings schon die Tendenz gewisser männlicher VR-Kollegen, Dinge zu repetieren, die schon gesagt wurden, Hauptsache man habe sich zu Wort gemeldet. „Zum Glück ist auch das selten“, ergänzt sie augenzwinkernd. Weshalb wurde Chantal Balet zur Verwaltungsrätin gewählt? – Ganz abgesehen von der selbstverständlichen Erfahrung und Expertise nach ihren eigenen Worten insbesondere aufgrund ihres systemischen Verständnisses grosser Unternehmen.

 

 

Sita-Mazumder„ES HILFT, NIEDERLAGEN DURCHLEBT ZU HABEN, UM REIF FÜR SOLCH EIN AMT ZU SEIN“

Sita Mazumder ist Professorin, Verwaltungsrätin, Stiftungsrätin, Unternehmerin, Kolumnistin, gut aussehend und erfolgreich. Die 43jährige Wirtschaftsexpertin hat insgesamt sieben Mandate in Strategiegremien – zu den prestigeträchtigsten gehört wohl ihr Einsitz im Verwaltungsrat der Privatbank Coutts & Co Ltd. Und so jung das Jahr noch ist: 2014 kam noch ein weiterer Verwaltungsratssitz bei Hiltl AG dazu. Die Tochter einer schweizerisch-französischen Mutter und eines indischen Vaters sieht ihre Verwaltungsratsmandate indes nicht als Krönung ihrer Karriere. Vielmehr als Erweiterung. Und die Professorin der Hochschule Luzern ist überzeugt: Wer Erfolg und Misserfolg kennt, ist richtig bereit für solche Mandate.

LADIES DRIVE: Wenn man deine Karriere anschaut, hat man ehrlich gesagt Mühe, Misserfolge zu sehen – dein CV ist einfach beachtlich!
Prof. Dr. Sita Mazumder: Ich habe immer wieder mal Niederlagen erlebt, grössere und kleinere. Das gehört zum Leben dazu und daran bin ich als Mensch gewachsen. Es ist nicht immer alles so gekommen, wie ich es geplant oder in die Wege geleitet habe, ich habe nicht jedes Projekt so abgeschlossen, wie ich es mir vorgenommen hatte, hätte mir privat manchmal andere Ereignisse gewünscht und habe beruflich nicht immer die Wege erhofft, die eingetreten sind. Wir haben stets Erwartungshaltungen an uns selbst und an andere und wenn diese nicht erfüllt werden, sprechen wir schnell von Misserfolg oder Niederlagen – gerade wenn es uns selbst betrifft. Ob das von aussen betrachtet jeweils auch so wahrgenommen wird, ist eine andere Geschichte. So mag man vielleicht hinter meinem offiziellen Lebenslauf wenige Misserfolge vermuten, aber die gab es natürlich.
Was lernt man aus deiner Sicht aus Misserfolgen, oder wie muss man mit ihnen umgehen, um daran reifen zu können?
Wenn wir hinfallen, müssen wir lernen, wieder aufzustehen und unsere Lehren daraus zu ziehen, weshalb wir hingefallen sind. Idealerweise tun wir das mit einer gewissen Effizienz. Ganz genau so ist es mit Misserfolgen. Oft lernen wir in solchen Situationen einiges über uns selbst. Was kann ich verkraften? Wo sind meine Grenzen? Wie reagiere ich in einer derartigen Situation? Natürlich, Misserfolge sind im Moment kein Highlight, aber sie sind Teil unseres Wegs und wenn wir daraus lernen, dann haben diese auch ihre wichtigen Aspekte.

In den kommerziell und boulevardesk orientierten Medien ist man entweder der gefallene engel – oder ein Star…
Ich glaube, die Wahrheit, die Realität spielt sich dazwischen ab. Ich kenne niemanden, wo alles perfekt lief, und niemanden, wo es nur Pleiten, Pech und Pannen gab. Vielleicht sind die ganz normalen Wege, die Hochs und Tiefs beinhalten, für die Medien zu konform, zu uninteressant nach dem Ansatz, das Extreme interessiert mehr?

Möchte nicht jeder aus der grauen Suppe der Mittelmässigkeit herausragen? Ist das nicht auch für viele ein Karriereantrieb?
Die Frage ist, wie man Mittelmässigkeit definiert. Ich glaube beispielsweise, dass Authentizität etwas Herausragendes ist. Authentische Personen gibt es überall in der Normalverteilung, in der grossen Mitte und in den extremen Seiten. Trotzdem ist für mich auch die authentische Person in der grossen Mitte nicht Mittelmass.

Wie schaffst du das? – Du bist wiederholt in den Medien. Du bist eine schöne Frau, ein attraktives Gesamtpaket, wenn man das mal in Bohlens RTL-Deutsch ausdrücken möchte …
Ich beginne jetzt aber nicht zu singen, denn dann hab ich echt gerade jetzt einen Misserfolg (lacht).

Wie schafft man es, authentisch zu bleiben, wie wird man allen gerecht in diesen verschiedenen Welten, in denen du dich bewegst?
Ich glaube fest daran, dass wenn man sich selbst treu bleibt, sich auch die richtigen Türen öffnen und sich die unpassenden schliessen. Das mag platt klingen, aber habe ich schon früh gelernt, dass ich nie everybody’s darling sein kann, dass Wohlwollen und Ablehnung Teil des Lebens sind und dass ich am glücklichsten bin – und es bleibe – wenn ich authentisch bin. Eine Rolle zu spielen, kommt nicht gut an und ist darüber hinaus auch noch unnötig anstrengend.

Aber trotzdem zerrt jeder an einem. Je weiter man nach oben kommt, desto einsamer ist man.
Das ist in mancher Hinsicht schon so. Und ja, umso „extremer“ der Weg ist oder wird, umso mehr scheiden sich auch die Gemüter. Die einen rufen „Hui!“, die anderen schreien „Pfui!“ Damit musste ich auch lernen umzugehen und dazu war und ist es aus meiner Sicht wichtig, dass ich ein schönes, solides Umfeld unterschiedlicher und ehrlicher Menschen um mich habe, allen voran mein Partner Ronny Alder. Das ist der Anker, der mich bewältigen lässt.

Was erntest du da zum Beispiel für negative Reaktionen in Bezug auf deine VR-Tätigkeit?
Da gibt es manchmal Reaktionen der Natur: „Die ist sicher nur in einem Bankverwaltungsrat, weil sie nett ist.“ Oder: „Momentan werden halt Frauen gesucht und bevorzugt.“

Wie bist du zu deinen Verwaltungsratsmandaten gekommen?
Ich hab mich einige Jahre im Start-up-Bereich engagiert und da auch in Verwaltungsräten. Oft wurden diese Mandate über Mund-zu-Mund-Propaganda an mich herangetragen. Das gab mir ein gutes Grundwerkzeug für den nächsten Schritt, sprich für eine Organisation in einer späteren Phase. Coutts ist über eine Headhunterin gelaufen, eine Person, die ich zuvor nicht kannte, auf dem „offiziellen“ Weg also, was ich gut finde.

Weshalb findest du das wichtig?
Weil ich den Prozess durchlaufen und ihn bestanden habe. Das war für mich selbst wichtig, denn ich stelle mich oft in Frage, und das ist auch gut in Bezug auf die Aussenwahrnehmung, denn ich wurde auf dem offiziellen Weg selektioniert.

Kannst du dich noch an das Telefonat mit der Zusage von der Headhunterin erinnern?
Natürlich. Ich kam gerade nach Hause, als Evelyne Thalmann, die Headhunterin, anrief. Sie selbst hatte auch eine riesige Freude und mir liefen einfach nur die Freudentränen übers Gesicht.

Wie definierst du deine Rolle als VR?
Zum einen gibt es die regulatorischen Anforderungen an einen Verwaltungsrat, was Aufgaben, Rechte und Pflichten sind. Ebenso ist aber auch die Person und Persönlichkeit eines Verwaltungsrates zentral. Leadership – so strapaziert der Begriff ist – rückt wieder zunehmend in den Fokus und der Ruf danach ist laut. Mir persönlich ist das ein grosses Anliegen, womit wir auch wieder beim Thema Authentizität sind. Man will im Topmanagement und auch in den Verwaltungsräten wieder stärker die Menschen und ihre Werte wahrnehmen und spüren, dass sie diese Aufgabe überzeugt, ehrlich und mit Leidenschaft machen.

Wie viel einfluss oder Macht hast du deinem ermessen nach in einem solchen Gremium?
Ich bin kein Fan von Machtkonzepten. Meiner Auffassung nach soll es in einem Verwaltungsrat nicht um Macht gehen, sondern es sollen unterschiedliche Kompetenzen und Persönlichkeiten kombiniert werden. Es geht also vielmehr darum, Impulse zu geben und gemeinsam im Gremium die richtigen Entscheidungen zu treffen. So verstanden ja, ich glaube, ich konnte und kann Impulse geben.

Ist Machtmissbrauch aus deiner Sicht möglich?
Machtmissbrauch ist möglich. Es kommt darauf an, wie ein Gremium zusammengesetzt ist und funktioniert, ob Machtmissbrauch möglich im Sinne von wahrscheinlich ist. Und dann ist da auch immer noch die Frage, wie Machtmissbrauch definiert wird respektive wo die Grenzen gelegt werden. Zum einen gibt es den regulatorischen Rahmen, aber es schwingt immer auch Moral und Ethik mit, und diese ist bekanntlich sehr unterschiedlich.

Was ist dein Asset als Verwaltungsrätin?
Zum einen ein solides Wissensfundament zu Themen wie Strategie, Unternehmenskultur, Human Asset, Generations Management, Recht und Compliance etc. Ergänzt durch meinen Background in Ingenieurwissenschaften und IT ist mein Fachwissen recht breit. Ich lebe ganzheitliche Ansätze und habe keine Probleme mit komplexen Systemen. Die Verknüpfung von unterschiedlichen Gebieten macht mir Spass und ich erachte es in der heutigen vernetzten Zeit als ein Muss und die Kombination von Wissenschaft und Unternehmertum hilft mir sicherlich dabei. Last but not least meine Authentizität: Ich bin, wie ich bin, und sage, was ich zu sagen habe, was manchmal auch unbequem ist.

Man sagt ja immer, Frauen seien etwas unbequeme Verwaltungsräte …
Das ist ein gängiges Rollenbild: Hat man eine Frau dabei, dauern die Sitzungen länger (lacht). In meinen Verwaltungsräten bekomme ich das Feedback, dass das geschätzt wird – aber dort hat man mich ja auch ausgewählt (lacht).

Wenn du merken würdest, dass du in einem Gremium nur dasitzt, weil man sich einfach bspw. eine Frau dazuholen wollte – was würdest du tun?
Das Gremium verlassen. Ich bin zu umtriebig und möchte zu sehr Positives beitragen und bewirken, als dass ich nur dasitzen könnte. Solche Gremien wären auch mit mir nicht glücklich.

Wie empfindest du den Druck, dass man Frauen in die Teppichetage bringen will – teilweise mit momentan sehr intensiv betriebenen Förderprogrammen?
Meiner Auffassung nach ist es richtig, dass wir alle unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Herkunft usw. faire Chancen haben und wir frei entscheiden und entwickeln können. Da spreche ich als Ökonomin, aber auch als Person. Dass wir unökonomische Barrieren abbauen, ist der richtige Weg und ein Teil davon sind auch Gefässe, die uns Unterstützung bieten, ob das nun Netzwerke sind, fachliche Ausbildungen usw. Weshalb also nicht entsprechende Programme für Frauen kreieren? Das ist opportun. Letztendlich soll aber die Person das Rennen machen, welche für eine Stelle die richtige fachliche Qualifikation und die passenden persönlichen Merkmale hat. In den letzten Jahren hat in Bezug auf das Gender-Thema ein ziemlicher Aktivismus eingesetzt und wie immer müssen wir dann aufpassen, dass die Bemühungen nicht ins Gegenteil umschlagen und man das Thema nicht mehr hören kann.

Was empfiehlst du Frauen, die ein VR-Mandat anstreben?
Tipps zu geben, finde ich heikel, da wir alle unterschiedlich sind. Darüber hinaus ist ein Weg als VR schlecht planbar. Ein Faktor, gerade bei Frauen, ist die Visibilität. Sich zu zeigen und auch zu kommunizieren, dass man den nächsten Schritt in der Karriere sucht (wie auch immer jemand Karriere definiert), heisst auch, sich zu exponieren und das löst bei vielen Unbehagen aus. Dieser nächste Schritte kommt aber in aller Regel nicht von alleine, weshalb die eigene Wohlfühlzone zu verlassen, ein wesentlicher Punkt ist. Eine gefestigte Persönlichkeit und ein gesundes Umfeld zu haben, hilft, sich zu exponieren, Situationen, vielleicht auch Spannungen auszuhalten. Einen klaren Fünf-Punkte-Plan für den Weg hin zu einem VR-Mandat gibt es nicht.

Haben dich mehr Frauen oder Männer auf deinem Karriereweg weitergebracht?
Ich habe auf meinem Weg viel Unterstützung von Männern und Frauen erfahren. Und ich hatte ebenso Männer und Frauen, die mir Hürden in den Weg gelegt haben. Insofern hat da nicht das eine oder das andere Geschlecht dominiert. Da ich mehrheitlich in männerdominierten Bereichen tätig bin, habe ich viel Unterstützung von Männern bekommen, aber ich möchte auch die Frauen, die mich auf meinem Weg begleitet haben und es noch tun, auf keinen Fall missen.

Also fassen wir mal zusammen: ein Verwaltungsrat braucht eine starke Persönlichkeit, muss klare Werte haben, eine klare Meinung vertreten und sich nicht einschüchtern lassen. Und Teamplayer sein.
Die Kombination von fachlichem Know-how mit menschlicher Grösse ist gesucht. Idealerweise eine eierlegende, fliegende Wollmilchsau (lacht). Spass beiseite. Es geht in einem Verwaltungsrat um Geben und Nehmen, Zuhören und Reden, Agieren und Reagieren, um Vorausgehen und Hinten-Anstehen, um hitzige Diskussionen und ebenso harmonischen Konsens. Ist ein VR entsprechend zusammengesetzt und funktioniert auf diese Weise, dann entstehen die robustesten Entscheidungen und die innovativsten Lösungen. Und dann haben wir Leadership.

Weiterführende Informationen:
www.schillingreport.ch
www.getdiversity.ch
www.female-board-pool.com
www.elinhurvenes.com (Professional Boards Forum)
www.advance-women.ch
www.diversity-index.ch u.v.m.

Interviews: Sandra-Stella Triebl – Mitarbeit: Jeanne Dutoit, Sandrine Gehriger und Isabel Steinhoff

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