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RISIKEN DER ZUKUNFT 4

Risiken Der Zukunft DIE KATASTROPHE IN JAPAN. ÜBER DIE LEHREN, SCHADENVERHÜTUNG UND RISIKOWAHRNEHMUNG.

Die Katastrophe in Japan zeigte, wie schnell uns die im WEF-Global Risk Report beschriebenen Gefahren im Jetzt und Hier einholen und zur realen Bedrohung werden können. Doch welche Lehren kann man heute schon aus den tragischen Ereignissen ziehen? Ladies Drive im Gespräch mit Dr. Reto Schneider, Leiter des Emerging Risk Teams bei Swiss Re.

Ladies Drive: Hatte der Global Risk Report des WEF atomare Risiken sowie Flutkatastrophen auf seinem Radar?

Dr. Reto Schneider: Naturgefahren stehen ganz oben auf der Liste des Global Risk Report – dazu gehören auch Tsunamis. Daneben gibt es die sogenannten Infrastrukturrisiken – darunter fallen sicherlich auch Kernkraftwerke. Dabei waren weltweit die Unterhaltsmängel und die notwendigen Investitionen in die Verbesserung der öffentlichen Infrastrukturen ein Thema – auch wurde vor den Konsequenzen im Falle eines Systemzusammenbruchs gewarnt.

Katastrophen beschäftigen Rückversicherer stets in hohem Masse. Wie wird diese Katastrophe bei Swiss Re eingeordnet?

Wir sehen die Ursache in einer Naturkatastrophe und beobachten, welche Schadensbilder sich daraus ergeben. Uns interessieren die Auswirkungen auf die globale Supply Chain und wir versuchen zu verstehen, wie und wo die Warenflüsse fliessen und wo sich nun Engpässe ergeben werden. Im Nachgang zu dieser gewaltigen Katastrophe wird es sicherlich zu Problemen bei der Beschaffung von Komponenten führen und wir werden wohl noch die eine oder andere Überraschung erleben.

WIR WERDEN MOMENTAN ZEUGEN EINER SCHLIMMEN HUMANEN UND WIRTSCHAFTLICHEN KATASTROPHE.

Woran denken Sie konkret?

Auf Grund der verbreiteten „just in time“-Produktion und den knappen Lagerbeständen muss man mit dem Fehlen von Einzelteilen rechnen. Konkret könnten gewisse Teile für die Autobauer ausbleiben, wobei man die Autoproduktion nicht einfach stoppen kann. Entweder können alternative Beschaffungsquellen erschlossen werden oder man muss die Fahrzeuge zu einem späteren Zeitpunkt nachbessern respektive diese zurückrufen, um diese Teile nachträglich einzubauen. Aus meiner Sicht ist hier jedoch nicht nur die Automobilindustrie, sondern die gesamte produzierende Industrie betroffen. Voraussichtlich wird man erst diesen Sommer zu spüren bekommen, welche Lieferengpässe tatsächlich eintreten werden.

Inwiefern könnt ihr in eurer Emerging-Risk-Abteilung bereits Lehren aus dieser Katastrophe ziehen? Oder ist das noch zu früh?

Nein, es ist nicht zu früh, wir werden momentan Zeugen einer schlimmen humanen und wirtschaftlichen Katastrophe, die wieder einmal unsere Vorstellungskraft überstiegen hat. Die zunehmende Grösse von Schadenereignissen thematisieren wir von Seiten der Risikoforschung schon seit Jahren. Die Schäden werden nicht primär grösser, weil es mehr und heftigere Unwetter oder Stürme gibt, sondern aufgrund einer stetig zunehmenden Wertekonzentration. Megacities wie zum Beispiel Shanghai sind ein gutes Beispiel, wo sich auf immer kleinerem Raum immer mehr Menschen, Gebäude und Infrastruktureinrichtungen ansammeln.

Müssen wir denn künftig dasitzen und hoffen, dass solche Ereignisse nicht mehr eintreten – oder gibt es auch Lehren, die wir daraus ziehen können, gerade auch aus jenem in Japan?

Es gibt solche Ansätze, man spricht hier von „Resilience Engineering“. Dabei geht es um Folgendes: Wenn ein System aus seinem Gleichgewicht gebracht wird, fragt man sich, wie sich dieses nach einer Katastrophe, einem Störfall wieder selbst normalisieren kann. Wird das System aber „überfordert“, kann es kippen und ein Retourpendeln in den Normalzustand wird verunmöglicht. Ist das System nun eine grössere Stadt oder gar eine Region, können die notwendigen öffentlichen Dienste für lange Zeit ausfallen. Das Leben in der zerstörten Region wird für lange Zeit erschwert oder gar verunmöglicht. Das Resilience-Engineering ist ein Versuch, die Folgen von Katastrophen zu verringern oder Möglichkeiten zu schaffen, die Folgen möglichst rasch und vollständig wieder rückgängig zu machen.

Wird das beispielsweise in der Schweiz in dieser Art betrieben?

Ja, durchaus. Nur nannte man es früher nicht so. Mir kommt dabei Bern in den Sinn: Dort gab es beispielsweise bereits im Mittelalter Gesetze, die vorschrieben, dass Getreide nur im Obergeschoss gelagert werden durfte und nicht im Parterre. So konnten die regelmässigen Überflutungen durch die Aare dem Vorrat in den Kornspeichern wenig anhaben. Eigentlich eine sinnvolle Massnahme zur Schadenverminderung. Im Bereich der Stromversorgung sorgt man für Redundanzen, baut Puffer ein und legt Leitungen parallel aus. Oder die Rückhaltebecken für Löschwasser bei Chemieanlagen. Hier wird von einem möglichen Unfall ausgegangen, die Folgen werden aber durch diese konstruktiven Massnahmen eingeschränkt.

ES REICHT NICHT, EIN KERNKRAFTWERK SO ZU DIMENSIONIEREN, DASS ES EIN ERDBEBEN EINER GEWISSEN STÄRKE ÜBERSTEHT.

Ich möchte noch einmal zurück zu den Lehren, die die Risikoforschung aus Japan zieht. Welche sind dies in Bezug auf Fukushima?

Wohl eine zentrale Erkenntnis ist die, dass man die Systemgrenzen für die Risikobeurteilung von Kernanlagen weiter als bisher angenommen ziehen muss. Das heisst: Es reicht nicht, ein Kernkraftwerk so zu dimensionieren, dass es ein Erdbeben einer gewissen Stärke übersteht. Man muss auch die gesamte Infrastruktur, die zu einem Kernkraftwerk gehört, mit einbeziehen und entsprechend auslegen. Das System hört nicht bei der Wand des Reaktors auf. Wenn schon die Kühlung eine zentrale Rolle spielt, muss man sich fragen, was es für eine garantierte Kühlung über mehrere Wochen braucht. Dazu gehören Reservesysteme, Pumpen, Strom und Kühlmittel. Beispiele solcher Fragen sind:

• Woher nehme ich das Kühlwasser, wie komme ich zu Notstrom?
• Womit betreibe ich die Notstromanlagen?
• Wie lange habe ich genügend Diesel?
• Woher kommt der Nachschub, wo liegen die Dieseltanks und durch welche Ereignisse könnten diese Ausfallen, kann ich einem solchen Szenario vorbeugen?
• Was braucht es für Massnahmen und was kosten diese.

Ich vermute, dass die Analyse der Tragödie in Japan wichtige Erkenntnisse schaffen wird, aufgrund derer die Aufsichtsbehörden verschärfte Auflagen erlassen werden. Durch die Ausweitung der Systemgrenzen bei der Beurteilung von Anlagerisiken werden sich die Risikoprofile und deren Beherrschung wohl nachhaltig ändern müssen. Dies betrifft genauso den Bau und den Betrieb eines Flughafens, einer Staumauer, eines Tunnels oder eines Windparks.

WIR MÜSSEN ABER AUCH SEHEN, DASS WOHL NOCH NIE SO VIELE MENSCHEN IN EINER SO SICHEREN ZEIT WIE MOMENTAN GELEBT HABEN.

Weshalb ist es aber immer noch so, dass auch bei solchen Katastrophen wie in Fukushima Menschen vor Ort sein müssen, um das Schlimmste zu verhindern, um zu löschen zum Beispiel?

Man weiss doch eigentlich, wie gefährlich es ist im Schadenfall … Nun, so hart dies klingen mag, es ist eine relativ neue Praxis, den Menschen als einzelnes Individuum zu betrachten und seine individuelle Integrität zu schützen. Geschichtlich gesehen wurden Menschen eher als Teil einer Gesellschaft/Gemeinschaft, denn als Individuum wahrgenommen. Bei vielen grossen Bauwerken der Geschichte, von den Pyramiden bis hin zum Bau des Suez- oder Panamakanals, oder dem Bau etlicher Tunnels – gab es unzählige Tote. Nun werden Hunderte oder gar Tausende ihr Leben lassen müssen bei den Aufräumarbeiten für diesen Kernkraftwerk-Super- GAU. Diese Gewissheit ist für uns Zeitgenossen beinahe unerträglich. Wir müssen aber auch sehen, dass wohl noch nie so viele Menschen in einer so sicheren Zeit wie momentan gelebt haben. Je sicherer das Leben wird, desto weniger Risikotoleranz zeigen wir gegenüber tragischen Ereignissen. Das hat jedoch mit der Risikowahrnehmung der Menschen zu tun. Im Strassenverkehr sterben weltweit täglich tausende von Menschen – dies nehmen wir jedoch in Kauf, ohne uns gross darüber aufzuregen, es gehört eben zu unserer Mobilität. Ich wage deshalb kaum die Frage zu stellen, wie viele Menschen wir denn für unseren Energiebedarf zu opfern bereit sind.

Welchem Forschungsbereich widmen Sie sich aufgrund der aktuellen Ereignisse nun in besonderem Masse?

Dem Bereich der Risikoökonomie. Sich schützen hat seinen Preis. Der Zusammenhang zwischen Risiko und Nutzen existiert, wird aber nicht gerne öffentlich diskutiert. Sich zu schützen, koste es, was es wolle, das gibt es leider nicht. Denn am Ende muss immer jemand die Kosten dafür übernehmen. Wenn wir wissen, dass ein Tsunami zwanzig Meter hohe Wellen generieren kann, ist es natürlich möglich, entsprechende Mauern zu bauen. Doch irgendjemand muss diesen Bau finanzieren. Nun stellt sich die Frage: Wo sollen allenfalls neue Kernkraftwerke gebaut werden. Wieder in unmittelbarer Küstennähe? Sollen Milliarden in den Bau neuer Tsunami-Schutzmauern investiert werden oder soll das Geld dafür ausgegeben werden, die hungernde Weltbevölkerung zu ernähren? Eigentlich wäre es doch sinnvoller, das Geld für Letzteres auszugeben, doch das müsste ein politischer Entscheid sein. Zugegebenermassen ist so etwas nicht gerade ein populäres Wahlkampf-Thema. Man muss sich immer wieder gewahr werden: Wir leben in einer äusserst komplexen Welt – deshalb gibt es keine einfachen Lösungen, vor allem, wenn es um globale Probleme geht.

Welchen Beitrag leistet die Swiss Re für die Linderung der Not in Japan?

Bezüglich Japan werden wir uns an unsere vertraglichen Versicherungsvereinbarungen halten. Für künftige andere ähnliche Ereignisse können wir jedoch neue Produkte, sogenannte parametrische Deckungen anbieten. Dies bedeutet, dass Staaten, die eine solche Versicherungslösung kaufen, unmittelbar nach einer (im Vorfeld vertraglich vereinbarten) Naturkatastrophe Geld bekommen. Das Geld wird unabhängig von den entstandenen Schäden bezahlt und steht unmittelbar zur Verfügung, um Not zu lindern. Dabei entscheidet beispielsweise einzig die Stärke eines Erdbebens, ob Geld ausbezahlt wird oder nicht. Auf diese Weise könnte man künftig andernorts schnell und unkompliziert grössere Mittel bereitstellen.

Wird Kernenergie im nächsten Global Risk Report mehr Beachtung finden aufgrund der aktuellen Berichterstattung?

Ich denke schon. Weil sich die mediale Berichterstattung in der Risikowahrnehmung der Menschen niederschlägt. Ich persönlich glaube aber nicht, dass Fukushima längerfristig betrachtet bei uns in der Schweiz einen Gesinnungswandel auslösen wird. Spätestens wenn man sich selber einschränken müsste, wird man sich auf den Standpunkt stellen, dass bei uns ohnehin alles besser ist. Die Einschätzung, ob dem tatsächlich so ist, sei jedem wachen Bürger selber überlassen. «

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