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FRAUENKARRIEREN IN NPOs

Was bewegt Frauen, ihre Karriere bei einer Non-Profit- (NPO) oder Nichtregierungs-Organisation (NGO) zu beschreiten? Wie führen sie? Inwieweit muss eine NPO wie ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen geleitet werden? „NPO heisst eben Non-Profit und keineswegs nicht professionell“, betont Max-Havelaar-CEO Nadja Lang.

In den Spitzenpositionen vieler NGOs und NPOs findet man Männer – aber in zunehmendem Masse auch immer mehr Frauen. So besetzt beispielsweise bei Unicef Schweiz mit Elsbeth Müller eine Frau den CEO-Posten. Ebenso bei Iamaneh Schweiz, Pro Infirmis, der Kinderkrebshilfe, Swissaid, Visoparents oder der MS-Gesellschaft.

Wir sprachen mit drei aussergewöhnlichen Frauen über ihren Weg aus der Wirtschaft und mitten hinein in eine Non-Profit-Organisation: Nadja Lang, CEO Max Havelaar, Regula Straub, CEO Schweizer Berghilfe, und Manon Schick, CEO der Schweizer Sektion von Amnesty International.

 

 

 

„Eine NGO tickt wie ein Unternehmen“

Nadja Lang wurde im Alter von 38 Jahren Geschäftsleiterin der Max-Havelaar -Stiftung Schweiz . Zuvor hatte sie sieben Jahre lang die Geschicke der Stiftung im Bereich Marktstrategie und Verkauf geprägt . Ihre beruflichen Stationen führten sie über General Mills und Coca -Cola zum weltweit tätigen NGO. Die Preisträgerin des Netzwerks „Generation CEO“ von Heiner Thorborg hätte sich auch für eine ganz andere Karriere entscheiden können .
Wir trafen die zweifache Mutter zum Kaffee in Zürich. Nicht in irgendeinem Café. Nadja Lang lag es am Herzen, sich an einem Ort zu treffen, wo auch Fairtrade-Produkte angeboten werden. Also gabs ein Treffen im Café Noir Zürich.
Nadja Lang wirkt unkompliziert, engagiert und visionär, auch wenn sie garantiert mit beiden Füssen fest auf dem Boden steht. Wenn sie spricht, tut sie es mit viel Überzeugung und Tiefgang. Die CEO der Max-Havelaar-Stiftung weiss haargenau, was sie will. Und daran lässt sie in keiner Sekunde unseres Gesprächs Zweifel aufkommen. Sie gibt auch klar zu verstehen, dass eine Stiftung eine Höchstleistung bringen muss, da macht sie keinen Unterschied zur Privatwirtschaft.

Ladies Drive: War Max Havelaar, sprich eine NGO, ein bewusster Karriereschritt für dich?

Nadja Lang: Nein – es war nie mein erklärtes Karriereziel, zu einer NGO zu gehen. Du hast das nicht als sinnstiftende Massnahme gemacht? Nun, mein Weg führte mich ja über den Detailhandel, die Konsumgüterindustrie, zu einer NGO. Ich war früher bereits häufig auf Reisen in Entwicklungsländern unterwegs, habe mich schon immer für das Thema globale Gerechtigkeit im Handel interessiert. Was man dort sieht, unter welch schwierigen Umständen die Menschen Genussprodukte für unsere Märkte produzieren, das hat mich sensibilisiert. Max Havelaar war deshalb ein logischer Schritt. Zudem fand ich es äusserst herausfordernd, über einen marktwirtschaftlichen Ansatz dazu beitragen zu können, die Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern nachhaltig zu verbessern.

Aber wie wichtig war das Thema Sinnstiftung im weitesten Sinn?

Sinnstiftung ist für mich relativ. Angenommen, jemand ist ein guter Vorgesetzter in einer Grossfirma, führt dort, sagen wir mal, 1’000 Mitarbeiter und fördert ein sehr positives Arbeitsklima. Seine Leute tragen das wiederum mit nach Hause – das ist doch auch wertvoll. Sozialer als jemand, der einsam und frustriert bei einer NGO arbeitet. Ich möchte aber etwas ergänzen: Es ist für mich wichtig, einen entwicklungspolitischen Beitrag zu leisten, aber was mich ebenfalls begeistert in meinem Job, ist die Zusammenarbeit mit ganz verschiedenen Akteuren aus der Privatwirtschaft, den Produzentenländern, aus NGOs, der Politik und so weiter. Die Grenzen werden immer durchlässiger. Ich freue mich, wenn ein Mitarbeiter von uns in einen guten Job in der Privatwirtschaft wechselt und natürlich umgekehrt. Auch schätze ich es, wenn Leute aus der Privatwirtschaft bei uns im Stiftungsrat Verantwortung übernehmen, genauso wichtig finde ich, wenn die NGOs ihre Sichtweisen beispielsweise in Verwaltungsräte in der Privatwirtschaft einfliessen lassen. Wir müssen diesbezüglich noch viel mehr Berührungsängste abbauen, denn so können wir die grossen Herausforderungen auf dieser Welt anpacken.

Ist es ein Vorteil, dass du die Privatwirtschaft so gut kennst?

Das ist mit Sicherheit so. Ich verstehe und kenne die Bedürfnisse der Industrie, des Handels, der Gastronomie, ich weiss wie sie sich positionieren, welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen. So kann ich mit meinem in den bisherigen Jobs erworbenen Know-how auf alle Partner zugehen.

Wenn ich dich richtig verstehe, bist du in einem permanenten Austausch mit deinen Partnern?

Absolut! Nur gemeinsam können wir Fairtrade weiterentwickeln und grösser machen. Wir haben die Produktepalette in den letzten fünf Jahren verdoppelt – von 800 Produkten auf 1’600 Produkte, alleine auf dem Schweizer Markt. Der nächste Schritt ist nun, diese Produkte noch bekannter zu machen, damit sie noch besser verkauft werden. Ebenfalls setzen wir darauf, dass wir statt einzelner Produkte ganze Sortimente umstellen möchten, damit Fairtrade noch mehr zum Normalfall wird. Dies bedeutet: Es geht uns nicht mehr primär darum, noch ein weiteres Schoggistängeli auf den Markt zu bringen – sondern vielmehr darum, dass existierende Produkte, die sich gut verkaufen, weil sie die Leute mögen, auf Fairtrade umgestellt werden. Weiter suchen wir auch neue Verkaufskanäle.

Welche Kanäle könnten dies sein?

Allen voran die Gastronomie. Mein Ziel ist, dass ich überall, wo ich gerade unterwegs bin, einen Fairtrade-Kafi geniessen kann, ohne lange zu suchen. Fairtrade-Produkte in der Gastronomie machten noch vor fünf Jahren bei Max Havelaar 3 %, heute bereits 11 % des Gesamtumsatzes aus. Ein wichtiger Wachstumsmarkt also. Und eine gute Kommunikationsplattform, um mit dem Kunden in den Dialog zu treten. In einem Moment, wo man Zeit hat, Musse, wo man geniesst. Es ist ein Augenblick, wo man das Produkt sinnlich wahrnehmen kann. Noch perfekter wäre es, wenn zu jedem Fairtrade- Kaffee in einem Restaurant ein entsprechender Hinweis platziert werden könnte, welcher den Konsumenten Auskunft gibt, von welcher Bauernfamilie der Kaffee stammt. Wir kreieren somit ein positives Produkteerlebnis. Genuss und Fairtrade sollen sich ja nicht ausschliessen – im Gegenteil.

Du bist an der Spitze einer NGO. Hast du das Gefühl, man nimmt dich seit der Berufung anders wahr? Hat man andere Erwartungen in dich, wie du dich kleidest, wie du lebst, wie du auftrittst?

(zögernd) …nun, so einfach ist das nicht zu beantworten. Es ist klar, dass wenn ich in der Geschäftsleitung von Max Havelaar sitze, man auch erwartet, dass ich zu Hause Fairtrade-Bananen habe und vielleicht auch Bio-Äpfel, das ist für mich selbstverständlich.

Denkst du, eine Frau wird nochmals anders gemessen an ihrenTaten?

Nein, vom Grundsatz her nicht. Was indes klar ist: Es gibt Geschlechterunterschiede bei den Kaufentscheiden. Rund 80 % der Konsumentscheidungen werden von Frauen gefällt. Entsprechend habe ich als Frau – in meiner Position als Geschäftsleiterin genauso wie als Privatperson und Mutter – vermutlich einen entsprechend intensiveren Dialog mit unserer Zielgruppe. Sei es auf dem Spielplatz (lacht) sei es im Kindergarten, im Gespräch mit anderen Eltern. Das ist ja durchaus ein Vorteil.

Wie sieht solch eine Interaktion aus …?   Hast du uns ein Beispiel?

Nun – wenn Frauen in meinem Bekanntenkreis beispielsweise finden, dass das Fairtrade-Etikett an den Blumen schwierig zu entfernen sei, bekomme ich viele Rückmeldungen. Wenn ich ein Mann wäre, würde ein solcher Austausch vermutlich weniger stattfinden. Ich bin näher an unserer Kundschaft, was für die Stiftung sicher ein Vorteil ist.

Geniesst du die mediale Aufmerksamkeit auch, die dir jetzt zuteil wird?

Für mich steht klar im Vordergrund, dass es immer um Max Havelaar respektive den fairen Handel geht – und möglichst wenig um mich. Max Havelaar ist eine ganz starke Idee und sehr wertvoll. Und es wird auch nicht alleine von mir vertreten, sondern von einem weltumspannenden Team. Ich möchte eine Botschafterin oder Vermittlerin sein, kein Aushängeschild.

Du bist also keine Weltverbesserin?

Nein. Ich sehe mich vielmehr als eine Person, die hoffentlich eine bescheidene Vermittlerrolle spielen kann. Aber es ist klar – wir haben ein grosses entwicklungspolitisches Ziel und ein ganz spezifisches Businessmodell, das im Übrigen von unseren Handelspartnern ein grosses Engagement verlangt. Das Bild von der angeblich „bösen“ Privatwirtschaft und den „netten“ NGOs stimmt ja so auch nicht. (lacht). Ich bin täglich mit ganz vielen Menschen in der Privatwirtschaft in Kontakt, die sehr positive Absichten haben und das ist etwas, das sich in Zukunft noch verstärken wird, da bin ich überzeugt.

Also dich nervt eben auch das Gutmenschentum, welches man ein bisschen mit den NGOs verbindet?

Wir haben genauso eine Business-Planung, wir haben genauso eine Finanzplanung, wir haben genauso ambitionierte Zielsetzungen. Und wir haben einen hohen Grad an Verantwortung unseren vielen Partnern gegenüber. NPO heisst eben nicht non-professional, sondern non-profit. Wobei auch wir profitabel sein müssen (lacht)… – jedoch nicht für die Shareholder, sondern für die Menschen im globalen Süden.

Gelten bei einer NGO eigentlich andere Karriere-Regeln?

Das ist ein interessanter Aspekt auch in Bezug auf das Thema Leadership. In der Privatwirtschaft hast du in der Führung andere Regeln zur Verfügung, das heisst, du hast bessere Möglichkeiten, den Mitarbeitenden Karriereschritte zu bieten und finanzielle Anreize zu schaffen. Und das hast du in einer NGO weniger. Das heisst, du hast eine andere Mitarbeitermotivation und dies bedingt wiederum andere Führungsmechanismen. Je weniger die Leute über monetäre Aspekte motiviert sind, desto mehr erwarten sie ein gewisses Recht auf Mitsprache. Die Führungsaufgabe in einer NGO ist insofern anspruchsvoll.

… das heisst, du musst bei Max Havelaar auch anders führen?

Teilweise schon. Die Identifikation der Mitarbeitenden ist wie gesagt enorm hoch, die Erwartung an die Mitsprache auch, was ein grosser Vorteil ist. Man muss aber Gefässe finden, um dieser Mitsprache Rechnung tragen zu können, den Mitarbeitenden Wertschätzung entgegenzubringen und auch mit zum Teil kritischen Voten konstruktiv umgehen zu können. Wir haben bei Max Havelaar beispielsweise eingeführt, nach wichtigen Geschäftsleitungssitzungen mit den Mitarbeitenden einen Kaffee zu trinken und Auskunft über die Entscheide und besprochenen Themen zu geben. Unweigerlich höre ich bei diesen Meetings Feedbacks und Anregungen. Und das sind substantiell gute Gedanken und Inputs. Das sind Instrumente, die ich mittlerweile auch in der Privatwirtschaft anwenden würde.

Das hiesse, es ist eigentlich eine gute Schule, in einer NGO eine Führungsposition zu haben?

Dieser Wechsel gehört zu den wertvollsten Erfahrungen, die ich machen konnte. Ich bin überzeugt, ich kann dies in verschiedenen Kontexten wieder anwenden.

Versuchst du mit deiner Arbeit bei Max Havelaar dem Thema Fair Trade auch ein bisschen Sexyness zu verleihen …?

Meiner Ansicht nach muss ein Produkt alle Aspekte erfüllen, das heisst, es muss die perfekte Packung haben, ein attraktives Design, einen ausgezeichneten Geschmack. Dann kann Fairtrade noch das i-Tüpfchen sein. Ein minderwertiges Produkt mit dem Fairtrade-Label wird sich nicht verkaufen, nur weil es einen Aufkleber besitzt. Fairtrade kann insofern immer nur ein Zusatznutzen sein. Aber es erweitert ein Produkt um den inneren Wert, weil man weiss, wer es wo unter guten Bedingungen angebaut hat.

Du hast vorher von globaler Gerechtigkeit im Handel geredet, das ist kein leicht verdauliches Thema …

Nun, wir bieten mit unserem Label eine ganz konkrete Handlungsoption, die jeder im Alltag umsetzen kann. Die Menschen können mit dem Einkaufskorb abstimmen und mit dem Kauf eines Fairtrade-Produkts ein Zeichen setzen für mehr Gerechtigkeit im Welthandel, einen Entscheid fällen für eine bessere Welt. Das Label ermöglicht die Kommunikation über die oft schwierigen und ungerechten Handelsbedingungen, mit denen die Bauern in Entwicklungsländern konfrontiert sind.

Trotzdem sind die Zusammenhänge nicht leicht zu erklären …

Das ist korrekt. Aber im Zentrum steht neben den entwicklungspolitischen Themen heute auch immer mehr das Thema Rohstoffknappheit. Die Situation ist ganz anders als noch vor einigen Jahren. Ein Grossteil der Akteure ist sich einig, dass die Bauern für Rohstoffe wie Kaffee oder Kakao genügend Erträge generieren müssen, damit ein menschenwürdiges Leben möglich ist und damit es auch für zukünftige Generationen attraktiv ist, diese Produkte anzubauen. Nur über eine grundsätzliche Verbesserung der Lebensbedingungen lassen sich auch strukturell tiefer liegende Probleme wie Kinderarbeit langfristig reduzieren, weil damit das Übel an der Wurzel bekämpft wird.

Wie wichtig ist dir eigentlich deine persönliche Karriere? NGO hin oder her …?

Ich habe wiederholt die Möglichkeit erhalten, mehr Verantwortung zu übernehmen– das war das Spannende für mich. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, übernehme gerne Verantwortung – ob bei einer NGO oder anderswo. Bei Max Havelaar hat sich die Chance gegeben, in sehr jungen Jahren Verantwortung zu tragen. Für mich war dies der ausschlaggebende Punkt. Mir geht es dabei nicht um Karriere – sondern darum, adäquat Verantwortung übernehmen und gestalten zu können.

Ist es eigentlich für eine Frau leichter, eine Karriere bei einer NGO zu machen?

Was klar ist bei uns NGOs: Weil wir bei den Löhnen nicht so kompetitiv sind, müssen wir mit anderen „assets“ punkten, um die besten Leute zu bekommen. Dafür bieten wir z. B. flexible Arbeitszeitmodelle. Dies ist insbesondere auch für Mitarbeitende mit Kindern attraktiv. Ich würde meinen, wir sind der Privatwirtschaft diesbezüglich voraus. Das ist unser USP auf dem Arbeitsmarkt. Nur so kommen auch wir an die besten Talente. Wir sehen übrigens, dass dies auch immer mehr Männern sehr entgegenkommt.

Wie ist das für deine Kinder, eine Working Mum in solch einer Position zu haben?

Meine Kinder sind vier und sieben Jahre alt. Nun – ich meine, sie glauben, ihr Mami verkauft Bananen und Schoggi (lacht) und schaut, dass es den Bauern gut geht. Es kommt auch mal vor, dass sie ihrer Grossmutter sagen, dass dies ja wohl kein guter Orangensaft sei, weil das Max-Havelaar-Fairtrade-Zeichen nicht drauf ist. Sie kennen es und finden es irgendwie lässig. Es wäre wohl schwieriger, wenn ich mit strukturierten Produkten arbeiten würde … sie nehmen es wahr, weil wir ja auch gemeinsam zum Einkaufen gehen. Aber ich predige ihnen nicht, dass Fairtrade etwas Besseres ist.

Wie siehst du dich mit … sagen wir mal 50? Machst du dir darüber Gedanken, was mal sein möge?

Das wüsste ich manchmal auch gerne.

Du hast also keine Ambitionen, eine Kaffeeplantage zu übernehmen?

Nein, lieber eine Schokoladen-Firma … (lacht)

Weiterführende Informationen: www.maxhavelaar.ch

 

 

„Menschenrechte bilden die Basis unserer Demokratie“

Manon Schick ist seit 2011 Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz und blickt mit ihren 38 Jahren bereits auf eine langjährige Karriere bei Amnesty zurück . Seit ihrem 22. Lebens jahr engagie rt sie sich be reits für diese Organisation – erst als Freiwillige neben Studium und Arbeit , ab 2004 als Mediensprecherin und sieben Jahre später übernahm sie die Geschäftsführung .

Manon Schick studierte an der Universität Lausanne Geisteswissenschaften und ihre beruflichen Stationen führten Sie als Journalistin zur Wochenzeitung L’Illustré und zum Radio Acidule in Lausanne. 2003 reiste sie als Freiwillige mit Peace Brigades International nach Kolumbien, wo sie lokale Menschenrechtsorganisationen begleitet.

Die Themen von Amnesty International sind vielfältig und reichen von politischer Lobbyarbeit im Bundeshaus, wenn es zum Beispiel um die Revision des Asylgesetzes geht, über die Begnadigung von zum Tode Verurteilten in den USA oder über die Freilassungsforderung der burmesischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die kürzlich die Schweiz besuchte. Auch in der Schweiz gibt es einiges zu tun. So möchte sich Manon Schick vermehrt die Menschenrechtsbildung fördern. Wir trafen Manon Schick in ihrem Büro bei Amnesty International in Bern, wo rund 50 Mitarbeitende arbeiten, vis-à-vis ist das Haus der Kantone und das Bundeshaus ist in wenigen Minuten erreichbar.

Ladies Drive: Sie arbeiten, seit Sie 22 sind, für Amnesty International. Wussten Sie immer, was Sie möchten?

Manon Schick: Nein, das war überhaupt nicht so klar für mich. Ich habe mich ja erst als Freiwillige engagiert, aber das war neben dem Studium und neben meinem Hauptberuf, ich war Journalistin. Mein Traum war es erst, für das IKRK zu arbeiten, aber ich war damals noch zu jung. Ich habe mich bei Amnesty International auf eine Stellenausschreibung beworben. Dass ich bereits als Freiwillige für die Organisation gearbeitet habe, war nützlich, aber kein Teil des Karriereplans.

Stand mehr das Thema Menschenrechte im Vordergrund oder für eine NGO zu arbeiten? 

Beides. Als ich aus Kolumbien zurückkam, war für mich klar, dass ich für eine NGO arbeiten möchte, eher zum Thema Menschenrechte, aber das hätte auch eine kleinere Organisation sein können. Das Thema Menschenrechte lag mir immer am Herzen, deshalb habe ich mich auch zuvor als Freiwillige engagiert.

Aber der Entscheid, für eine NGO zu arbeiten, war schon ein bewusster Entscheid?

Ja, das war für mich klar, wenn ich meinen Job als Journalistin aufgebe, muss es für etwas sein, wo ich die Werte wirklich tragen kann, und das war auch für meine Rolle als Mediensprecherin wichtig. Ich wusste, dass ich mich nicht auf die gleiche Weise für ein Produkt, eine Bank oder eine Pharmafirma engagieren und damit identifizieren kann.

Also das Sinnstiftende ist entscheidend?

Ja, wichtig nicht nur für mich, auch für die Glaubwürdigkeit einer Organisation. Es ist nicht wichtig, wer vorher wo gearbeitet hat, wir haben auch Freiwillige, die bei Banken arbeiten, aber wichtig ist, dass wir die Werte gemeinsam tragen.

Sie kommen aus der Basis und haben als Volontärin gearbeitet, ist das ein Vorteil für Ihre Arbeit heute als Geschäftsführer?

Ja, ich denke schon. Ich pflege enge Kontakte mit den Freiwilligen in der Schweiz und verstehe sehr gut, was man verlangen kann und was vielleicht zu viel ist.

Fehlt Ihnen diese Basisarbeit?

Nein, nicht sehr, ich habe das lange Jahre gemacht und musste das nun auch trennen. Anfangs habe ich mich weiterhin in meiner Freiwilligengruppe engagiert und daneben gearbeitet. Das ging aber dann nicht mehr, weil mein Beruf nicht gleichzeitig meine Freizeit sein kann. Das konnten auch alle verstehen.

Wie haben Sie den Übergang intern von der Mediensprecherin zur Geschaftsführerin erlebt?

In meinem Fall war es recht einfach. Ich war vorher schon Mitglied der Geschäftsleitung. Ich habe die Abteilung Medien und Lobbying geführt und kannte die Arbeit dieses Gremiums. Ich bin auch der Meinung, dass ich nicht alles wissen muss. Ich habe eine Geschäftsleitung mit Spezialisten für Zahlen oder Personelles und diese Menschen sind für mich sehr wichtig, weil ich nicht alles alleine bewältigen kann. Ich denke, mein Vorstand hat mich nicht gewählt, weil ich eine super Managerin bin. Ich wurde gewählt, weil ich eine Person bin, die Kommunikation beherrscht, die eine Vision hat für die Organisation und motivationsfähig ist. Geschaftsführung ist in dieser Funktion nur ein Teil, es geht auch viel um Politik, Lobbying …

Was für eine Vision haben Sie für Ihre Tätigkeit?

Für mich ist die Arbeit in der Schweiz wichtig. Es gibt derzeit eine Tendenz, die Menschenrechte auf eine negative, feindliche Art und Weise darzustellen. Das Thema wurde von einigen Parteien auch immer wieder instrumentalisiert; Menschenrechte würden die Rechte der Bevölkerung beschneiden. Hier ist es wichtig, Gegensteuer zu geben. Darum haben wir den Bereich Menschrechtsbildung ausgebaut, um hier langfristig mehr Einfluss und Gewicht zu haben und auch bei jungen Menschen etwas bewirken zu können. Es bereitet mir grosse Sorgen, wenn Menschenrechte verfremdet dargestellt werden, weil Menschenrechte sind zugleich Grundrechte und bilden die Basis unserer Demokratie. Demokratie und Menschenrechte sind eng miteinander verknüpft.

International gesehen muss Amnesty International noch stärker präsent werden in südlichen und östlichen Ländern. Wir müssen dort stärker präsent sein, wo Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Gerade auch in Ländern wie Indien oder Brasilien, dort müssen wir Präsenz zeigen, um Einfluss auf diese neuen Mächte ausüben zu können.

Menschenrechtsbildung, wie findet das statt?

Wir haben unsere Kampagnen und auch Programme mit Schulen. Dies möchten wir nun auch auf Berufsschulen ausweiten. So haben wir die Möglichkeit, mit den jungen Menschen direkt in einen Dialog zu treten und mit Ihnen über die Bedeutung von Grundrechten zu sprechen.

Stichwort Leadership – welches ist Ihr Anspruch an die Führung von Amnesty International? 

Für mich ist Leadership etwas, was im Team entwickelt wird. Meine Rolle ist es, Verantwortung zu delegieren und die Leute zu ermutigen, die Verantwortung zu tragen. Manchmal bin ich enttäuscht zu sehen, dass Frauen Mühe haben, diese Verantwortung zu übernehmen. Sie haben Zweifel über ihre Kompetenzen oder ihr Können. Als Frau in einer Leitungsfunktion habe ich auch die Aufgabe, anderen Frauen zu zeigen, dass wir sehr wohl Verantwortung übernehmen können. Mir ist es wichtig, in dieser Funktion ein Vorbild zu sein.

Aber gerade in NGOs arbeiten sehr viele Frauen, warum ist das so? 

Das stimmt auch für uns. In der Geschäftsleitung sind wir inzwischen mehr Frauen als Männer, vor einigen Jahren war das noch nicht so. Wir haben dann ganz bewusst entschieden, dies anzugleichen. In Afrika zum Beispiel arbeiten mehr Männer für uns, das ist regional unterschiedlich. Ich denke, viele Frauen arbeiten in NGOs, weil sie eher bereit sind, weniger zu verdienen, wenn sie die Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit sehen.

Sie sind an der Spitze einer NGO. Nimmt man Sie seither anders wahr?

(lacht) Ja, ich denke schon – also ich bin jung, aber nicht so jung, jedoch sehe ich jung aus und wenn ich an ein Treffen mit einer Bundesrätin gehe, dann muss ich natürlich meine Kleidung anpassen, damit ich auch etwas älter wirke. Aber das sind allgemeine Regeln, die man respektieren muss, das ist völlig okay. Ich merke, dass es Erwartungen gibt, dass eine Führungsperson alles entscheiden muss. Ich zeige den Leuten jeweils, dass die selbst Entscheidungsfreiräume haben. Denn wenn ich als Chefin entscheide, gibt es immer auch Leute, die nicht einverstanden sind, das gehört dazu. Ich weiss, dass ich auch unbeliebte Entscheidungen treffen muss. Ich mag es nicht, Entscheidungen lange hinauszuzögern.

Welche künftigen Karrierepläne hegen Sie?

Bis jetzt habe ich nichts geplant. Ich weiss, dass ich dieselbe Position nicht noch 25 Jahre ausüben werde, das wäre nicht gut. Ich kann mir vorstellen, später, in 5 bis 10 Jahren, vielleicht in eine andere Organisation zu wechseln, wo ich etwas bewegen kann, in die Verwaltung oder wieder länger ins Ausland zu gehen. Sie kritisieren oft andere, konfrontieren Sie sich auch persönlich? Es gehört zur Aufgabe von Amnesty International, Regierungen und Konzerne zu kritisieren. Da sind wir auch sehr streng und nehmen unsere Rolle wahr. Es gehört auf jeden Fall zu meinen Aufgaben, sei es in den Medien, mit Politikern oder in bilateralen Gesprächen, oft auch gemeinsam mit anderen Personen und Organisationen die konkreten Themen anzusprechen. Mir geht es immer darum, dies möglichst pragmatisch rüberzubringen und unsere Grundprinzipien zu vermitteln.

Menschenrechte, Armut, Todesstrafe, Folter, Frauenrechte, Asyl – keine leicht verdaulichen Themen, wie füllen Sie Ihre Ressourcen, wo holen Sie Ihre Motivation?

Ich bin eine Optimistin, manchmal bin ich ein wenig utopisch und denke, wir können die Welt ändern (lacht). Das hilft bei der Arbeit, denn es gibt viele Rückschläge. Letztes Jahr wurde Troy Davis, ein Gefangener in den USA hingerichtet, für dessen Begnadigung wir uns mehrere Jahre eingesetzt hatten. Das war sehr schlimm. Ich habe seine Schwester getroffen, die auf beeindruckende Art und Weise für ihren Bruder gekämpft hat. Sie ist dann übrigens kurz nach ihrem Bruder gestorben, weil sie einfach keine Kraft mehr hatte und sehr krank wurde. Dies war schwierig zu ertragen. Dann gibt es die guten Nachrichten – zum Beispiel durften wir im Juni die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi treffen. Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf hat die NGOs eingeladen, um sie bei ihrem Besuch in der Schweiz zu treffen und das war unglaublich emotional und berührend. Wir haben jahrelang für ihre Freilassung gearbeitet und sie nun zu sehen, war sehr schön. Und sie hat sich auch bei uns bedankt und gesagt, dass sie auch aufgrund des Engagements der NGOs frei ist und sehr dankbar sei. Diese Momente geben uns wieder Mut und Hoffnung, weiterzuarbeiten und nicht aufzugeben.

Wie bringen Sie Ihr Privatleben und Ihren fordernden Job unter einen Hut? 

Ich arbeite gerne und viel, kann aber auch Distanz nehmen und ein Wochenende lang keine E-Mails lesen (lacht). Dann verbringe ich einen schönen Abend mit Freunden oder mache eine Bergtour. Aber wenn es brennt, darf man mich anrufen, das gehört zu meiner Funktion. Ich merke meistens selber, wenn ich zu viel arbeite, das kriege ich auch schon mal von meinen Mitarbeitenden zu hören. Bei unserer Arbeit engagieren sich die Leute oft sehr und manchmal muss ich auch „Stopp“ sagen; wenn ich sehe, dass die Leute sich zu sehr verausgaben, muss ich eingreifen, so wichtig die Arbeit auch ist. Wenn wir müde und ausgebrannt sind, nützt es niemandem.

Und gehen Sie noch in die Ferien? 

Ja, und zwar ohne Telefon und richtig als Touristin!

Können Sie dann die Menschenrechtsverletzungen in den Ferien ausblenden?

In viele Länder dürfte man ja eigentlich nicht reisen, und ich würde auch nicht in jedes Land einreisen dürfen, weil ich gar kein Visum erhalten würde. In anderen Ländern ist die Lage zwar auch nicht gut, zum Beispiel in Thailand, aber ich versuche dann mit meiner Haltung als Touristin darauf zu achten, dass ich nichts unterstütze, wo Menschen ausgebeutet werden. Zum Beispiel gibt es in Burma Hotels und Strassen, die von Zwangsarbeitern gebaut wurden. Das möchte ich nicht unterstützen, indem ich in einem solchen Hotel Ferien mache. Ich versuche jeweils mit den Leuten vor Ort zu sprechen, es ist mir wichtig, von der Lage der lokalen Bevölkerung mehr zu erfahren.

 

Weiterführende Informationen: www.amnesty.ch

 

 

 

 

„Man beneidet mich für meinen Handlungsspielraum“

Regula Straub ist eine wunderschöne Frau . 52. Und seit letztem Sommer Gesch.ftsführerin der Schweizer Berghilfe . Dass sie mal an der Spitze einer NPO landen würde, hätte sie wohl selbst nicht gedacht . Denn ihre Karriere in der Privatwirtschaft hätte durchaus weitergehen können . Nach einem Studium der Anglistik und Germanistik in Basel und Berkele y avancierte sie zur Head Global Network and Telecom Operations bei UBS Network Services , bevor sie über verschiedene CEO-Posten in der Privatwirtschaft als Head of Group Client Management zur Swisscom kam. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern steht seit Sommer 2011 in den Diensten einer Non-Profit – Organisation .

Wir treffen die 52-jährige Powerfrau mit dem strahlenden Lachen beim Zürcher Opernhaus und sind schon nach kurzer Zeit hin und weg von ihrem Charisma.

 

Ladies Drive: Zu welchem Zeitpunkt in deinem Leben hast du begonnen, deine Karriere zu hinterfragen?

Regula Straub: Ich glaube, das war so Mitte 40. Ich war damals bei der Swisscom tätig und hing an meinem Job, den ich als spannend und abwechslungsreich empfand. Trotzdem regte sich der Gedanke in mir, mal etwas zu machen, wo andere Werte dahinterstehen. So ein vages Bedürfnis, mich für Menschen einzusetzen, etwas zu verändern und zu verbessern. Werte, die du in einem Job in der Privatwirtschaft nicht in dieser Weise finden kannst.

 

Haben dich die angesprochenen Werte zuvor weniger stark bewegt – oder stand einfach die Karriere im Vordergrund?

Die Karriere war mir wichtiger. Technologie, Informatik, die Welt der Netzwerke – das fasziniert mich noch heute. Aber irgendwann fragte ich mich: Was ändere ich überhaupt auf dieser Welt? Was bewege ich mit meinem Job? Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich einsehen, dass ich eigentlich nur wenig bewegen konnte.

Aber woher kam die Motivation, dieser Gedanke, etwas bewegen zu wollen, wenn es doch zuvor nicht im Vordergrund stand?

Im Leben gibt es Phasen, wo unterschiedliche Dinge eine wichtige Rolle spielen: den beruflichen Weg finden, eine Familie aufbauen … Ich bin sicher, dass der Wunsch nach einer sinnstiftenden Tätigkeit schon immer in mir schlummerte – aber der Job und die Befriedigung daraus dominierten damals. Ich hatte einen klaren Drang, Karriere zu machen und gewisse Ziele zu erreichen. Aber irgendwann sind diese Ziele erreicht, das Bedürfnis ist gestillt. So begann sich meine Wahrnehmung zu verschieben. Ich habe realisiert, dass ich eingeengte, begrenzte Handlungsspielräume hatte und Projekte aufgrund interner, machtpolitischer Überlegungen nicht realisieren konnte. Das war sehr frustrierend. Ich begann nach einer Veränderung zu suchen und wollte eine neue Herausforderung, in eine neue Lebensphase eintreten. Es war dann Glück und Zufall, dass ich von der Aufgabe bei der Schweizer Berghilfe erfahren habe.

Was geschah, nachdem du deinen inneren Entschluss zur Veränderung gefasst hattest?

Ich wollte zunächst einfach nur Zeit für mich. Ich habe mir ein Timeout von einem halben Jahr genommen. Nach meinem intensiven Berufsleben war das ebenfalls eine ganz neue Erfahrung. Ich war auf Reisen, habe Gegenden, Orte, Kulturen dieser Welt gesehen. Und, ich habe sehr viel Zeit mit meinen Kindern verbracht. Ich war beispielsweise mit meiner Tochter in Kanada, mit dem mittleren Sohn in New York und mit meinem jüngsten in der Toscana – das war absolut herrlich! Es war eine Zeit, die ich sehr geschätzt und in der ich besonders intensiv gelebt habe.

Gab es Menschen in deinem Umfeld, die den Job bei der Schweizer Berghilfe als Karriereabstieg wahrgenommen haben?

Nein, eigentlich überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich spürte eher Bewunderung! Man beneidet mich für den Freiraum, für meinen grossen Handlungsspielraum. Jeder weiss doch, dass man selbst im Top-Management einer Grossunternehmung nur ein kleines Rädchen ist. Das ist ganz anders bei der Schweizer Berghilfe, dort ist jede und jeder wichtig für das Ganze; man hat sehr viele Möglichkeiten, sich einzubringen und weiterzuentwickeln. Es war das erklärte Ziel unseres Stiftungsrates, eine Gesch.ftsführerin zu engagieren, die unternehmerisch denkt, professionell ist und Prozesse steuern kann; und natürlich gewillt ist, Neues anzupacken. Also keine Rede von Abstieg, mittlerweile ist es gar so, dass mein Umfeld meinen Entschluss als Glücksfall taxiert und sich denkt: Wow, das ist toll – jetzt kann sie das bewegen, was ihr wirklich am Herzen liegt.

Empfindest du den Druck bei der Berghilfe geringer, als früher in der Privatwirtschaft?

Nun, ich muss sagen, ich habe den Druck im Management damals nie als solchen empfunden. Was mich allerdings störte, war der Einsatz der Ellenbogen. Eine Zeitlang habe ich das auch durchaus mitgemacht …

… du hast auch selbst mal die Ellenbogen eingesetzt? Vielleicht nicht im selben Ausmass wie andere, aber ja, natürlich. Männer tun dies häufig ganz locker und sportlich. Aber für mich war das alles andere als locker, sondern vielmehr sehr anstrengend.

Warum?

Ich erinnere mich beispielsweise an meine erste grosse Sitzung bei der UBS – da war ich noch neu im 15-köpfigen Führungsgremium – als einzige Frau auf weiter Flur. Nun, die Männer fielen einander ganz natürlich ins Wort, aber mit meiner deutlich zarteren Stimme wurde ich schlicht und ergreifend nicht gehört. Mit der Zeit habe ich zwar gelernt, mir Gehör zu verschaffen, doch es hat mich immer all meine Überwindung gekostet, mitten in einer Sitzung mal kräftig auf den Tisch zu hauen – oder einfach aufzustehen und laut weiterzusprechen. In jenen Momenten hatte ich dann allerdings auch alle Aufmerksamkeit (lacht). Ich konnte so meine Meinung ungestört kundtun.

Es hat dich offensichtlich Überwindung gekostet …

Ja. Man kann dieses Verhalten durchaus erlernen – aber wie gesagt, es kostet immer viel Energie. Ich war durchaus stolz, dass ich mich überwinden konnte. Aber es gab auch genügend andere Situationen, wo ich dachte: Ach, ich bin jetzt einfach ruhig und lass die anderen reden. In jüngeren Jahren war es mir wichtig, genau das zu bekommen, was ich wollte. Das war immer eine wichtige Triebfeder in meiner Karriere. Später wog ich immer mehr ab, ob sich der Aufwand für ein Ziel lohnt oder nicht. Also musste ich beginnen, etwas an meinem Leben zu ändern. Aber man darf das nicht so schwarz-weiss sehen. Gerade in meinen Zeiten bei UBS und Swisscom gab es zahlreiche Projekte, die ich einbringen und auch umsetzen konnte. So zum Beispiel als ich damals für die UBS in Singapur und New York ein Control Center für den Betrieb der weltweiten Netzwerke aufbauen konnte. Das war eine wundervolle Zeit! Ich möchte also nicht den Eindruck erwecken, früher nichts umgesetzt haben zu können.

Triffst du bei den NPOs mehr Frauen oder Männer in Spitzenpositionen?

Es sind mehrheitlich Männer – auch an den Spitzen der NPOs. Das heisst, wir haben eigentlich das gleiche „Problem“ wie überall. Frauen treten in NPOs ein, weil sie ihre eigenen Werte mit jenen ihrer Arbeit in Einklang bringen wollen. Aber gleichzeitig verliert man die Frauen wieder, wenn es um Spitzenpositionen geht. Erstaunlicherweise ist das so.

Hast du eine Erklärung dafür?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich denke, das traditionelle Familienbild in der Schweiz zeigt halt immer noch den Mann als Hauptfigur. Das ist wohl sehr in unserer Kultur verankert.

Kann man das ändern?

Das kann man auf alle Fälle ändern. Es braucht einfach Zeit. Was am meisten dazu beiträgt, sind Vorbilder. Zu sehen, dass es funktioniert. Werte von Frauen und Männern ergänzen sich doch sehr gut. Und man sollte Frauen nachziehen und fördern.

Tust du dies selbst auch …?

Ich habe schon früher im Bereich der Telekommunikation versucht, Frauen nachzuziehen – aber es gab kaum welche. Seit ich bei der Berghilfe bin, haben wir vier Personen eingestellt – drei davon sind Frauen. Der Frauenanteil liegt bei uns etwas über 50 Prozent. Ich empfinde das Verhältnis Frau/Mann hier als ausgeglichen und sehr angenehm. Aber ich bin froh, auch weibliche Sparringpartner zu haben, denn manchmal tut es einfach gut zu wissen, dass da eine Frau in deiner Nähe ist, die ähnlich denkt, die anders hinter dir steht, als ein Mann. Aber ich muss gestehen, es hat auch Vorteile, wenn du als einzige Frau Einsitz in ein Gremium nimmst, wenngleich es einige Stolpersteine gibt. Ich habe beispielsweise beobachtet, dass Frauen gelegentlich das Gefühl haben, zu jedem Thema ihren Senf dazugeben zu müssen, einfach nur weil sie als Führungsfrauen mit im Boot sind, statt nur dann etwas zu sagen, wenn sie auch etwas Substantielles beizutragen haben.

Was würdest du mit einer Frau besprechen, was du mit einem Mann nicht kannst?

Zum Beispiel personelle Angelegenheiten. Da gibt es durchaus Konstellationen, wo ich mich lieber mit Frauen austausche. Bezüglich Fundraising, Unterstützungsmöglichkeiten oder anderer Themen kann ich derweil bestens auch mit männlichen Kollegen diskutieren.

Du bist bei der Schweizer Berghilfe, weil du etwas bewegen willst. Was sind für dich die schönsten Momente in deiner täglichen Arbeit?

Die Berghilfe unterstützt mit dem Grundgedanken „Hilfe zur Selbsthilfe“ die Schweizer Bergbevölkerung, wenn diese ihre Investitionsprojekte nicht aus eigener Kraft finanzieren kann. Diese Projekte sind ganz unterschiedlicher Natur. Manchmal unterstützen wir Einzelpersonen, andere Male helfen wir Familien, kleinen Gruppen oder Genossenschaften. Zudem entstammen die Projekte unterschiedlichsten Bereichen wie zum Beispiel der Landwirtschaft, dem Gewerbe oder dem Tourismus. Viele Projekte besuche ich persönlich. Der Kontakt mit diesen Menschen, zu beobachten, wie spannend sich ganz konkrete Projekte entwickeln, wie viel Initiative und Mut diese Menschen an den Tag legen – das erfüllt mich mit ganz grosser Bewunderung. Es fasziniert mich und bestätigt mich darin, wie richtig und wichtig das ist, was wir tun. Wir können unglaublich viel bewegen. Aber nur, weil unzählige Menschen – hauptsächlich aus urbanen Gegenden – der Berghilfe Geld spenden. Diese grosse Solidarität hautnah zu spüren und gleichzeitig zu sehen, was sie wirklich bewirkt, ist sehr schön. Es gibt mir das Gefühl von Glück und Zufriedenheit.

Was möchtest du konkret bewegen bei der Schweizer Berghilfe?

Es geht darum, die Berggebiete belebt zu halten. Dass jene, die dort leben wollen und dort verwurzelt sind, auch in ihrer Heimat bleiben können. Das Berggebiet ist nur schon aufgrund der Topografie benachteiligt. Wir sind in der Lage, mit unserer Unterstützung die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen etwas zu verbessern. Für mich haben unsere Berge und die Menschen dort viel mit unserer Kultur zu tun. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass sich diese Kultur weiterentwickeln kann.

Hattest du schon früher einen Bezug zu den Schweizer Bergen und den Menschen, die dort leben?

Ich habe die Berge schon immer geliebt. Und ich klettere seit Jahren. Doch nun sehe ich in den Bergen plötzlich auch persönliche Geschichten und Schicksale. Ich muss aber auch betonen, dass es nicht nur einen Typus der Schweizer Bergbevölkerung gibt. Die Menschen und ihre Herausforderungen sind unglaublich verschieden und sehr spannend.

Wenn jetzt ein Job-Offer hereinpurzeln würde: Führungsjob in einer Privatbank mit doppelt so viel Salär. Was würdest du dazu sagen?

Dann müsste ich lachen und sagen: Ja, das freut mich sehr. Danke für das Angebot, aber no way (lacht).

Einfach no way, kein Geld könnte dich locken und verführen?

Nein – meiner Familie und mir geht es auch ohne einen unverhältnismässig hohen Lohn richtig gut.

Wie unternehmerisch muss man bei einer NPO denken und agieren?

Die Schweizer Berghilfe ist ein völlig normales KMU, wie viele andere auch. Wir sind keine geschützte Werkstätte. Die Berghilfe setzt pro Jahr 25 bis 30 Millionen Franken um. Das sind alles Spendengelder, nur schon deswegen muss alles gut und sorgfältig organisiert sein und abgewickelt werden. Wir arbeiten absolut strukturiert, mit einem Prozessmodell, mit Jahreszielen und einer klaren Zielorientierung. Es existieren Merkblätter, Projektaufträge mit Zieldefinitionen, Meilensteine und so weiter und so fort. Wir arbeiten wie in jedem anderen Betrieb auch. Auf der anderen Seite sind wir ein Hilfswerk, das Menschen hilft. Der Mensch muss deshalb einen wichtigen Platz haben. Nur wenn die beiden Pole sich die Waage halten, kann sich eine NPO auch weiterentwickeln.

Wenn du vergleichst, welche Bereiche kamen neu auf dich zu?

Etwas völlig Neues war für mich die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen. Bei der Berghilfe prüfen ehrenamtliche Expertinnen und Experten alle Unterstützungsantr.ge vor Ort im Berggebiet und entscheiden dann nach klar definierten Grundsätzen, wer welchen Beitrag bekommt. Es sind also Freiwillige, die unentgeltlich arbeiten, aber eine zentrale operative Tätigkeit ausüben. Selbstredend kann man diese Menschen nicht führen wie zum Beispiel die Mitarbeitenden bei der Swisscom.

Wie führt man denn Ehrenamtliche?

Wenn ich etwas freiwillig tue, dann tue ich es grundsätzlich nur aus Überzeugung. Das heisst, man muss noch mehr Überzeugungsarbeit leisten als sonst. Einfach „nur“ führen geht da nicht. Man muss sich viel mehr ehrlich und persönlich einbringen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? Auf einer Alp?

Nein, dazu wäre ich nicht der Typ. Vielleicht denke ich in zehn Jahren schon langsam an die Pensionierung, obwohl ich mir das heute überhaupt nicht vorstellen kann! Im Ernst, um im Berggebiet langfristig etwas zu bewirken, braucht es Kontinuität und Stabilität. Gewisse Dinge brauchen eben ihre Zeit. Insofern wäre es schön, wenn ich in zehn Jahren noch immer mit der gleichen Freude bei der Schweizer Berghilfe wäre …

 

Weiterführende Informationen: www.berghilfe.ch

Text: Caroline Guggisberg, Sandra-Stella Triebl, Ladies Drive (Regula Straub), Markus Mallaun (Nadja Lang) und Amnesty International Press (Manon Schick)

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