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DIE DIRIGENTINNEN

ld_no7_pdfteaser01Was wir von den Berufenen des Herzens lernen können

Text: Sandra Stella Triebl

Die Spanierin Gloria Isabel Ramos Triano, die Schweizerin Graziella Contratto und die Französin Claire Levacher gehören zur Crème de la Crème der internationalen Dirigentinnen-Riege. Zusammen mit der an der Hamburger Staatsoper tätigen Simone Young, der Französin Emmanuelle Haïm oder der Amerikanerin Marin Alsop sorgen sie für neuen Schwung in den Konzertsälen dieser Welt. „Ja, stimmt – es ist eine Männerdomäne. Darüber denke ich nicht nach“, so die in der Schweiz lebende Gloria Isabel Ramos Triano, die demnächst das Londoner Symphonie-Orchester dirigieren wird. „Ich folgte meinem Herzen, meiner inneren Stimme. Nur das war wichtig.“
Vielleicht ist gerade diese Haltung das Erfolgskonzept.

Alle drei Interviews, die wir führten, fanden unter ganz eigenwilligen Umständen statt. Mit Graziella Contratto sprachen wir, während sie in Frankreich mit ihrer sechs Monate alten Tochter Morgane in einem Café sass. Mit Claire Levacher Minuten bevor sie nach Griechenland in Urlaub flog. Und Gloria Isabel Ramos Triano besuchten wir in ihrem Schweizer Zuhause, während Wassermassen ihren Garten überschwemmten. Aber es passte irgendwie.

Drei ungewöhnliche Ladies, drei ungewöhnliche Interviews.

1. Aufzug: Im Hause von Gloria Isabel Ramos Triano

Gloria Isabel Ramos TrianoEigentlich wollten wir uns ja in der Zürcher City treffen – doch die nächtlichen Regenfälle bescherten der engagierten Dirigentin eine schlaflose Nacht, das Wasser drohte ins Haus zu laufen. Nach mehreren Telefonaten schlägt sie vor: „Kommen Sie doch einfach zu mir nach Hause.“ Überrascht mache ich mich auf den Weg ins idyllische Zürcher Weinland.
Direkt angrenzend an die Landwirtschaftszone steht das Haus von Gloria Isabel. Sie winkt bereits aus dem Fenster, als ich auf den Parkplatz einbiege. Als sie mich ins Wohnzimmer bringt, ihr Mann im Stile eines Sean Connery charmant Kaffee zubereitet, ihr beim Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange haucht und mir zuzwinkert: „Sie machen ein Interview mit der tollsten Frau der Welt. Ich geh jetzt mal ins Büro“, wirkt sie angespannt, reserviert. Doch das sollte sich schon bald ändern.
Meine erste Frage nimmt sie verwundert entgegen. Sie lautete: Sehen Sie sich in einer Männerdomäne zu Hause? – „Aha“, antwortet sie leise und sichtlich irritiert. „Ich konnte mich nie mit dieser Frage identifizieren“, ergänzt sie in ihrem charmanten Deutsch mit dem deutlich hörbaren spanischen Akzent. „Ich habe vieles darüber gelesen. Wie Männer agieren und sprechen, die Körpersprache der Geschlechter, wie man bei Männern besser ankommt und sich besser mit ihnen verständigt – und ich habe das auch alles ausprobiert. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Der Erfolg hängt überhaupt nicht davon ab!“ – Die drahtige Frau mit dem hellen Teint und den grossen, dunklen Locken, die vor mir auf dem Sofa sitzt, sprudelt wie ein Wasserfall. Es gäbe doch andere, übergeordnete Faktoren: „Dass ich ein Mensch bin, der etwas in sich trägt, der etwas mitteilen will und spürt, dass die Menschen, die vor mir sitzen, auch etwas zu geben haben, dass wir in Resonanz gehen, in dieselbe Wellenlänge. Das ist nicht nur abhängig davon, ob man ein Mann oder eine Frau ist!“
Als ich sie frage, ob es jemanden gibt, egal ob Mann oder Frau, der sie auf ihrem Weg gefördert hat, wird es still und leise im Raum. „Nein“, sagt sie kaum hörbar. „Ich muss sagen, ich habe meinen Weg alleine gemacht. Schon in der Kindheit und später, als der Moment kam, mich zu entscheiden, Musik zum Lebensinhalt zu machen.“ Die Eltern hatten andere Pläne mit der ehrgeizigen und intelligenten Tochter. Also studierte sie erstmal vier Jahre lang Medizin. Es war ihr Pech, sagt sie, dass sie gute Noten hatte und mit links den Numerus clausus schaffte. „Ich habe sehr viel gelitten in diesen jungen Jahren. Aber es war für mich eine sehr wichtige Erfahrung.“ Für sie war klar, dass sie ihren Weg gehen musste – sonst würde sie nie und nimmer glücklich werden im Leben. Nach vier Jahren Medizinstudium kam das, was kommen musste, wenn der Ruf des Herzens so laut wird, dass man ihn nicht mehr unterdrücken kann.

„Ich bin einfach weg. Ohne Unterstützung. Ohne Geld. Ohne Mentor. Oder irgendein moralisches Fangnetz.

Ich habe einen Job gefunden, gearbeitet, studiert.“ Mit Klavierstunden hielt sie sich fortan über Wasser. Dass ihr Weg sie in die Schweiz führen würde, war Zufall. „Ich hatte von den Schweizern am schnellsten eine konkrete Antwort und die Zusage über ein Bundesstipendium erhalten.“ So machte sie sich als junge Frau alleine, aber mutig wie ein Löwe auf den Weg in die Schweiz, um hier ihr Glück zu suchen.
So energiegeladen wie die Spanierin sich vor uns präsentiert, kann man kaum glauben, dass ihre Karriere ein ständiger Kampf war. „Oh, ich habe viel gekämpft. Ich wusste nicht, wie das ist, zu lernen und dabei eine Unterstützung zu erfahren, wenn einem mit Leichtigkeit etwas in den Schoss fällt.“ Obwohl sich Gloria Isabel Ramos Triano ein überdimensionales Kämpferherz antrainiert hat, so wenig verbissen wirkt sie, so kein bisschen vergrämt dabei. Sie scheint alle negativen Eigenschaften aus dem Wort „kämpfen“ entfernt, es seziert zu haben, um irgendwo im hintersten dunkelsten Eckchen etwas Positives zu finden. Irgendwann habe sie sich gesagt: Ich bin da. Ich kann Vieles geben. Aber wenn ihr es nicht wollt, dann ist es auch gut! „Es war wichtig für mich zu lernen, dass ich das Glück nur in mir drin finde. Dann wird sich alles andere ergeben.“
Man spürt, dies sind keine leeren Worthülsen, dies kommt aus tiefstem Herzen. Kampf muss nicht immer etwas Böses sein, ist sie heute überzeugt: „Kampf muss nicht aggressiv sein – sehen Sie mich an, ich bin eher ein schweigsamer Typ. Gut, beim Musizieren bin ich sehr extrovertiert, sehr ausdrucksvoll und spontan. Aber da muss ich auch nicht kämpfen, fühle ich mich vielmehr wie ein Fisch im Wasser.

Kämpfen verstehe ich im Sinne von hartnäckig sein. Wenn jemand ,Nein‘ sagt, suche ich einen anderen Weg.“

Dies klingt so selbstverständlich und natürlich, als wäre es das Einfachste auf der Welt. Ich verstehe allmählich, wie sie es geschafft hat, ohne elterliche Unterstützung ihren Weg zu meistern.
Als wir in der Folge über ihre erste Erinnerung an Musik in ihrer Kindheit sprechen, an den ersten Moment, in welchem sie gespürt hat, dass sie dies wie nichts anderes im Leben bewegen wird, zeigt sich, wie tief die Liebe zur Musik in der Spanierin steckt. Ausschlaggebend war der erste Besuch eines Orchester-Konzerts: „Ich sass mit meiner Mutter im Parterre und da oben, leicht erhöht, das Podium mit dem Orchester. Und da … ich erlebe es heute noch … ich sitze da und sehe einfach nur Feuerwerk! Mit Farben! Eine Explosion von Farben, Emotionen, Volumen – so wie Musik eben! Ich war vielleicht acht oder neun Jahre alt. Ich war fasziniert!“ – Die heute so erfolgreiche Dirigentin verweilt mit dem Blick an die Decke gerichtet, als könnte sie das Orchester noch immer sehen, ihre Augen leuchten und strahlen überglücklich, wie ich es kaum je gesehen habe, währenddessen über ihre Wangen zwei dicke Tränen kullern, die sie schnell mit einem Taschentuch wegtupft. „Und vor diesem Orchester stand ein Zauberer mit einem Zauberstab. Wirklich … ich sage Ihnen … ich sah Farben! Und ich habe gedacht: Ja, genau – das möchte ich! Das ist das Schönste auf der Welt!“
Dieses Ereignis, obwohl es schon so viele Jahre zurückliegt, ist so wach in ihrem Herzen und beschreibt ihre Berufung so vortrefflich.

Wer seiner Berufung folgt, sei auch bereit, alles, alles zu ertragen, verrät sie, noch immer verzaubert vom eben Geschilderten.

Gloria Isabel Ramos TrianoSo erstaunt es auch keinen Augenblick, dass die Spanierin heute derart erfolgreich ist. Sie spielte schon vor dem Studium Oboe, Cello, Klavier, wandte sich der Komposition zu und absolvierte das Kapellmeisterstudium in der Folge mit Bravour. Nur zwei Wochen nach ihrem Abschluss wurde sie mit dem renommierten Internationalen Preis für junge Orchesterdirigenten in der Kategorie Oper und Oratorium ausgezeichnet. Wenige Wochen später räumte sie in Rumänien bei einem internationalen Dirigentenwettbewerb den Preis des Orchesters ab. Es sollte dies nur der Beginn von einer Reihe von Preisen und Auszeichnungen von internationalem Rang sein. Ihr Debüt feierte sie dann in ihrem Heimatland – mit den Symphonieorchestern von Galicien und Teneriffa. Die grössten Erfolge jedoch sollte sie als Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Orchesters in Cordoba erleben. Innert kürzester Zeit verdoppelten sich die Abonnentenzahlen, die 900 Theaterplätze waren für die meisten Vorstellungen ausverkauft!
Mit ihrer schier grenzenlosen Energie dirigierte sie fortan Orchester auf der ganzen Welt – St. Petersburg, Zürich, Luzern, Wien, Madrid, Lissabon, Bilbao, arbeitete in Mexiko. Zwei eigene Werke fanden mittlerweile ihre Uraufführung und 2010 folgt ihr Debüt mit dem London Symphony Orchestra. Wer ihre Vita liest, weiss kaum, wo er beginnen, wo aufhören soll.
Gloria Isabel Ramos Trianos Stärke liegt eindeutig darin, musikalische Visionen weiterzugeben. Dem Orchester vermittelt sie dies mit den Händen, dem Körper. – „Etwa so …“, und sie lässt ihren Arm in die Höhe fahren, um eine filigrane Bewegung mit dem so zerbrechlich dünn wirkenden Handgelenk zu machen, die elegant wie jene einer Primaballerina wirkt, die so voller Kraft zu sein scheint, dass mir klar wird, dass sich dem wohl kein Orchester so schnell entziehen kann. „Ich arbeite gerne mit Orchestern, die dies mögen. Die sich anstecken lassen. Nicht jedes Orchester ist gleich. Andere wollen, dass man ihnen sagt, mit welchem Bogen sie arbeiten müssen. Ich mag’s aber viel lieber übersinnlich!“, und sie lacht herzlich.
Sie weiss, dass das, was sie jedem Menschen, auch jedem Orchester zu zeigen vermag, authentische ist, sie liebt den Dialog, sieht ihre Berufung als Form der Kunst an, die Freiheit braucht, die Ausdruck der Seele ist. „Wir wollen alle einmalig sein – sind es auch, wenn wir nicht den Kontakt zum Inneren verloren haben.“
Unser Gespräch hat eine Offenheit und Tiefe erlangt, dass ich neugierig wissen will, ob diese Sensibilität, die sie an den Tag legt, nicht auch verletzlich macht. Wir diskutieren eine Weile und mir wird klar, wie glücklich die Spanierin in ihrer Haut ist, wie unerschrocken, obwohl sie bereit ist, in ihrer visionären Art ein Orchester zu dirigieren, die Seele zu öffnen und zuzulassen, dass die Quelle, die in ihr sprudelt, offen zugänglich wird. „Wissen Sie … wenn die Seele offen ist und sich ausdrückt und was von sich preisgibt, ist man angreifbar. Das kann niemand verhindern. Aber dadurch verletzt zu werden, das muss nicht unbedingt passieren. Ich kann mich auf andere einlassen, ohne mich mit ihnen zu identifizieren. Dies erlaubt mir, bei mir selbst zu bleiben. So bin ich unverletzlich.“ – Da ist er wieder, dieser Mut, der mich, gepaart mit Gelassenheit, Leidenschaft, Wille und Hingabe, schon während des gesamten Gesprächs so fasziniert.

Die Welt der Noten und Klänge ist für die gebürtige Spanierin eine Art zusätzlicher Dimension, die sie erhaben und eben unverletzlich erscheinen lässt. Begriffen habe ich das, als sie erzählt, wie sie dies alles erlebt: „Die Musik ist wie etwas, das man streicheln kann. Ein Volumen, Emotionen, Farben, wie ein Meer, in dem man baden kann.

Wenn man während eines Konzertes durchmusiziert, in die Tiefe geht, vergeht die Zeit wie im Fluge. Ich erinnere mich, dass ich mal eine Oper dirigiert hab, die zweieinhalb Stunden dauerte. Und ich dachte, das ist aber lange, vielleicht muss auch mal wer zur Toilette, ein bisschen Wasser trinken. Aber ich muss sagen – es war das Schönste überhaupt! Weil die Welt nicht mehr zu existieren scheint, weil man tiefer und tiefer geht. Es ist so schön … so ein schönes Gefühl! Diese Dinge machen mich sehr glücklich – es sind magische Momente!“
Kein Wunder, muss sich selbst die energiegeladenste Dirigentin nach einem Konzert wieder regenerieren, schlafen. „Wenn man viel ausstrahlt, nimmt man auch viel auf, man nimmt die schlechten Energien der Menschen auf.

Ich denke, deshalb sind die Besucher immer so glücklich nach einem Konzert, weil sie ihre negativen Dinge im Konzertsaal deponiert haben!“

Jeder sucht nach seiner Mission, seiner Bestimmung, fragt sich, ob er auf dem richtigen Weg – oder doch irgendwo unterwegs falsch abgebogen ist. Wenn ich etwas aus diesem Gespräch gelernt habe, dann dass es, will man glücklich sein im Leben, unabdingbar ist, in sich hineinzuhorchen und zu fragen: Was will ich? „Das ist zentral“, betont Gloria Isabel Ramos Triano, bevor wir uns wieder verabschieden. „Nicht, was ist die Statistik, wie gut sind meine Chancen auf einen Job, wo ich mir dann ein teures Auto kaufen kann. Sondern: Was gibt mir Energie? – Ich hatte das von Natur aus. Ich bin Dirigentin. Ich bin ein Mensch. Und Letzteres ist eigentlich das Wichtigste.“
Schöner könnte ein Schlusssatz in einem Interview nicht ausfallen.

2. Aufzug : Telefonisch verbunden mit Graziella Contratto, die gemütlich in einem Café in Frankreich sitzt, mit dabei ihre 6 Monate alte Tochter Morgane.

Graziella ContrattoDas erste Mal sah ich Graziella Contratto am Wort- und Bildfestifall in Dachseln, als sie die Camerata Schweiz dirigierte, welche zusammen mit dem wohl virtuosesten Kontrabassisten unserer Zeit, dem Franzosen Renault Garcia Fons, und der Schweizer Jodlerkönigin Nadja Räss auftrat.
Im Gegensatz zur quirligen Spanierin erscheint Graziella Contratto als Fels in der Brandung, als jemand, der intellektuelle Herausforderungen mag und sie ständig sucht. Sie ist mit ihren ein Meter achtzig eine erhabene Gestalt. Als sie während des Konzerts beim Rheinfall mit wenigen Worten glasklar und deutlich dem Publikum den phrygischen Modus erklärt, entscheide ich mich, sie nach dem Konzert anzusprechen und so verabreden wir uns, nach ihrer Rückkehr zu Mann und Kind nach Frankreich zu telefonieren.
„Kann sein, dass sich meine kleine Morgane ab und zu dazwischenschaltet – ich sitze mit ihr in einem Café“, kündigt 42-jährige Schweizerin gleich zu Beginn an. Apropos Kinder – das war ein guter Einstieg in unser Gespräch. Graziella begann ihre musikalische Karriere im Alter von sechs Jahren – klassischerweise mit Blockflöte.

Weil sie damals noch nicht lesen konnte, verpasste sie den Tönen in ihrer Fantasie eine Farbe und verknüpfte diese später auch mit Personen.

„Blau war eine Freundin, Gelb ein Junge aus meiner Klasse“, erzählt sie schmunzelnd. Mit elf folgte Klavier- und Geigenunterricht. Doch ein schwerer Fahrradunfall schien ihrer noch jungen Musikerkarriere ein jähes Ende zu bereiten. „Ich war wirklich ziemlich schwer verletzt. Und nach diesem Unfall hat mir jemand eine Mozart-Platte geschenkt. Auf dem Cover klebte ein Stoff-Papageno. Ich hab das Bild angeschaut und dann die Musik gehört. So begann ich Verknüpfungen zwischen textiler Malerei und Mozart herzustellen – und verarbeitete so auch das Trauma dieses Unfalls.“

Ihr wurde schnell klar, dass Musik nie für sich alleine stand – sondern immer eine Verbindung zu anderen Dingen darstellte, ein Tor, ein Fenster zu anderen Ebenen öffnete.

Im Vergleich zu Gloria Isabel Ramos Triano erfuhr die Schweizerin durch ihre gestrenge Mutter eine frühe Förderung. „In den 1970er-Jahren gab es diesen Musikschul-Boom. Davon profitierte ich. So war ich zum Beispiel schon ganz jung in einem Jugend-Orchester, welches Auszeichnungen einheimste. Ich hab also eine intensive Laienmusik-Tradition erlebt.“
Die Mutter spürte, dass ihre älteste Tochter eine besonders schnelle Auffassungsgabe in die Wiege gelegt bekam. „Ich hab das selbst aber nie als Talent empfunden“, so die frischgebackene Mama. Sie könne sich nicht mehr erinnern, ob sie dieses Talent wirklich in sich trug oder ob sie einfach der Mutter gefallen wollte. Woran sie sich jedoch noch bestens erinnern kann, ist die Traumwelt, welche die Musik für sie darstellte, und so wurde Beethoven zu einem wichtigen Menschen in der Jugendzeit von Graziella. – Er sprach durch die Molltrübungen in seiner Sonate Pathétique zu ihr wie ein gütiger Lehrer.
„Meine innere Welt war eine andere als meine äussere“, erzählt sie leise, sie habe diese Zuneigung zur Musik lange mit sich selbst ausgemacht. Was sie jedoch spürte, war, dass sie sich reicher fühlte mit jedem neu gelernten Stück, welches zu spielen sie in der Lage war.
Heute sieht sich die mittlerweile 42-Jährige als Berufene des Herzens. „Dirigentin sein bedeutet auch eine Führungsfunktion einzunehmen.“ Der Blick wendet sich vermehrt dem Inhalt zu, man traut sich, den Komponisten ins Zentrum zu rücken, sich selbst zurückzunehmen, lautet die Analyse der erfolgreichen Dirigentin. „Jeder Schlag mit dem Taktstock trägt Jahre an Wissen in sich“, erzählt sie verträumt. „Ich habe es schon früher geahnt, aber erst jetzt richtig verstanden.“
Der Zugang zu Musik, zu ihrer Funktion als Dirigentin könnte im Vergleich zu ihrer ehemaligen Studienkollegin Gloria Isabel anders nicht sein. „Ich dachte früher, ich bündle als Dirigentin die Energien und dann kommt es über mich wie ein Pfingstwunder!

Doch dirigieren besteht aus sehr viel ,Nein‘ und einem einzigen ,Ja‘.

Es ist ein Glück, wenn sich das Werk, das Spiel des Orchesters und der Dirigent in einer Einheit wiederfinden. Erst dann stösst man zum Kern des menschlichen Lebens vor, zum Epizentrum, zur Kunst.“ Ihren Worten entnehme ich einen deutlich analytischeren Zugang, auch wenn sie zu bedenken gibt, dass technische Brillanz oder eine perfekte Leistung mit dieser eben gemachten Kernaussage wenig gemeinsam hat.
„Bis ich dreissig war, pflegte ich sehr kopflastig zu sein“, gibt sie offenmütig zu. „Ich habe es genossen, durch jahrelanges Trimmen eine schnelle Auffassungsgabe zu haben. Ich habe es genossen, einen Geist zu haben, den ich benutzen konnte.“ Das habe vielmehr mit harter Arbeit, denn mit Genialität zu tun, ist sie überzeugt. Graziella Contratto, die gemeinsam mit Gloria Isabel Ramos Triano studierte, spricht in blumigen Worten über die spanische Kollegin. „Bei ihr war das alles ganz anders. Während bei mir das Körperbewusstsein geschärft werden musste, stand sie von Anfang an mit vehement sinnlichem Einsatz vor dem Orchester.“
Graziella Contratto hat sich ihren Erfolg ebenfalls erkämpft – mit viel harter Arbeit. Sie begann zu tanzen, suchte Anleihen im Bereich der Choreografie, um diese Pufferzone zwischen ihrem Ausdruck und ihrem Körper zu beseitigen.

Beim Dirigieren geht es um die Einheit zwischen Körper, Seele und Geist. Wenn diese ‚Trinität‘ in sich schwingt, klingt ein Orchester brillant, geschmeidig, nie steif, die Phrasen fliessen.“

Diese Einheit herzustellen, fiel der gross gewachsenen Schweizerin oft schwer, hat sie zweifeln lassen, wie sie es selbst beschreibt. Doch sie war sich nie zu stolz, etwas zuzugeben, was sie nicht gut konnte. „Schliesslich hab ich mir das mit 25 selbst so ausgesucht. Ich wollte mich selbst weiterbringen. Vorher war ich Kammermusikerin und Konzertpianistin. Ich wusste, dass ich mich durch das Studium zur Kapellmeisterin an meine Grenzen führen würde“, sagt sie heute, fast 20 Jahre später.
Auf das Studium, welches ihr so viel Arbeit mit sich selbst bringen sollte, folgte sogleich eine durchaus erfolgreiche Zeit als Dirigentin. Das Theater Basel, das Lucerne Festival oder das Akademische Orchester in Freiburg sollten nur Zwischenstationen sein. 1996 wurde sie als jüngste Dozentin der Schweiz für Musiktheorie an die Musikhochschule Luzern berufen. 2003 folgte ein weiterer Meilenstein in ihrer Karriere, als sie als erste Frau eines staatlichen Orchesters in Frankreich, des Orchestre des Pays de Savoi, engagiert wurde. Darauf angesprochen, scheint sie fast peinlich berührt. Dass der Frauenanteil an Dirigenten weltweit so marginal ist, erstaunt sie kaum:

Man muss sich gewahr werden, dass der Job des Dirigenten ein sehr junger Beruf ist, einer, der militärische Ursprünge hat, der durch die monumentalen Entwicklungen im 19. Jahrhundert in erster Linie Koordination einer Masse bedeutete. Das Schamanische, Magische gehörte aber von Anfang dazu – der romantische Übermensch, der andere dazu bringt, Grosses zu leisten. Aber es ist genau die Mischung, die mich von jeher faszinierte.“

Graziella ContrattoDie Faszination ist bis heute geblieben. Noch immer gebe es Momente in Konzerten, wo sie spüre, wie visionär Komponisten zu ihren Lebzeiten waren. „Es ist jedes Mal von Neuem ein beglückendes Entdecken der Genialität von anderen.“ Erneut stellt sie ihr eigenes Talent hinten an, bedeckt sich mit Bescheidenheit. Sie spricht viel lieber von ihren Vorbildern als von ihren eigenen Erfolgen.
Chancengleichheit, Männerdomänen – an all dies denkt auch Graziella Contratto kaum. Vielmehr beschäftigt sie ein ganz anderes Thema. Das Alter: „Wir werden derzeit überholt von 20-Jährigen, die mit einem Drive und einer Nonchalance agieren, die wir 40-Jährigen mit unserer selbstreflexiven Art nicht nachvollziehen können. Das ist meine grösste Sorge“, und sie berichtet uns von einem derzeit herrschenden Generationenkonflikt, bei dem die 40-Jährigen, die so viel dafür getan haben, das Publikum zurück in die Säle zu holen, drohen, in ihren Karrieren stecken zu bleiben, nicht mehr vorwärts zu kommen. „Deshalb empfinde ich auch oft eine Art Melancholie.“
Gegen diese Melancholie, die Angst, auf der Strecke zu bleiben, hilft nur Kreativität. Auf die Frage, was sie gegen diese Melancholie zu tun pflege, antwortet sie flugs: „Ich versuche mir noch schönere Projekte auszudenken – wie beispielsweise ein Programm, welches ich mit dem Komikerduo Ursus und Nadeschkin ausgearbeitet habe. Es war ein Projekt, welches für Furore gesorgt hat. Niemand hat erwartet, dass diese Kollision der verschiedenen Welten funktioniert.“
Graziella Contratto, die ihre weiche Seite so analytisch mit ihrem Geist zu verbinden pflegt, sieht entsprechend auch viele Parallelen zwischen der Unternehmensführung und der Arbeit eines Dirigenten. So verwundert es kaum, dass sie Führungspersonen entsprechende Seminare anbietet:

Es geht um Authentizität, Klarheit der Aussagen. Um Sozialkompetenz. Als Tyrann, als einzig alleinwissender, hierarchisch abgehobener Herdentreiber geht es heute nicht mehr voran.

Die in Frankreich lebende Schweizerin, die derzeit als Intendantin das Internationale Davos Festival leitet, gibt ihr reiches Wissen auf diese Weise gerne branchenübergreifend weiter. „Klarheit ist beim Dirigieren und Führen eines Unternehmens die zentrale Botschaft. Es hat nichts mit Liebesentzug zu tun, wenn ich Befehle erteile. Es ist ein normaler Akt des gemeinsamen Konstruierens“, weiss sie zu berichten.
Doch ihr grosser Traum ist ein ganz anderer: „Ich verehre Wagners Opern – Kolosse der Musik- und Geistesgeschichte und für mich doch hochsensible Beziehungsdramen – und würde daher gerne Tristan oder die Götterdämmerung dirigieren. Zudem arbeite ich an einem ,Kinder-Tristan‘. Das kommt vielleicht auch irgendwann – die eitlen Wagnersänger wären im Orchestergraben und die Kinder auf der Bühne. Ach ja, und ich möchte auf dem Vierwaldstättersee ein Opernschiff bauen lassen … das wär auch so etwas. Darüber denke ich seit zehn Jahren nach.“ Ich kann Graziella Contratto in diesem Moment, wo wir über Träume sprechen, nicht sehen, aber ich bin überzeugt, ihre Augen strahlen dabei.
„Was wären Sie, wenn Sie eine Figur aus der Welt der Oper wären?“, will ich abschliessend wissen. Auch hier brauche ich nicht lange auf die Antwort zu warten: „Isolde! Sie ist ja eigentlich eine anstrengende Person, die viel aufarbeitet und der arme Tristan muss so einiges über sich ergehen lassen. Aber sie ist sehr präzise, weiss gerne den Ursprung einer Sache. Und wenn sie zur Geliebten wird, ist sie grenzenlos hingebungsvoll – das ist eigentlich eine tolle Entwicklung für eine Frau. Eine Auflösung in einem anderen Aggregatzustand, das ist doch sehr, sehr schön!“, schwärmt die Schweizer Dirigentin, bevor wir von der eben aufgewachten Morgane unterbrochen werden.
Karriere und Kind, geht das eigentlich als Dirigentin? – „Kann ich nur empfehlen, da man viel Flexibilität in diesem Job hat. Ich habe vier Monate nach der Geburt meiner Tochter wieder dirigiert.

Komischerweise hatte ich das Gefühl, dass ich die Symphonie anders einstudiert hatte als vorher ohne Kind.“

Als ihr Baby unentwegt schreit, legen wir auf. Ich höre nur noch „Entschuldigung! Danke, Danke! Wir hören uns!“

3. und letzter Aufzug: Am Telefon mit Claire Levacher, kurz vor ihrem wohlverdienten Griechenlandurlaub.

Claire LevacherDie 42-jährige Claire Levacher steht mit gepackten Koffern in ihrem Heim in der französischen Hauptstadt Paris, die beiden Kinder, 7- und 11-jährig, sowie ihr Mann stehen abfahrbereit. Trotzdem nimmt sie sich Zeit für ein ausgiebiges Gespräch. Gelassenheit scheint eine verbindende Eigenschaft der Dirigentinnen zu sein.
Als ich sie nach anderen Dirigentinnen frage, die ihr bekannt seien, fallen erneut dieselben Namen. Die weibliche Elite der Dirigentinnen ist klein. Man kennt sich. Es ist wie in den Verwaltungsräten grosser Unternehmen. Die wenigen Ladies, die es gibt, sind einem ein Begriff. „Aber gut dirigieren zu können hat nichts mit dem Geschlecht zu tun“, wirft die Französin sogleich ein. „Interessant sind vielmehr die Interpretationen, die Variationen. Das ist nicht übers Geschlecht konditioniert“, ist sie überzeugt. Über dem Geschlecht stehe die Passion und auch Claire Levacher spricht dabei von einer „grösseren Einheit“.
Wie die beiden Ladies zuvor, hat auch Claire Levacher ihre musikalische Karriere als kleines Kind begonnen. Mit fünf spielte sie Piano und dies obwohl sie, so wie Graziella und Gloria Isabel, aus einer eher unmusikalischen Familie stammte.

Die Entscheidung, Dirigentin zu werden, fällte sich eigenmächtig im Alter von zwölf Jahren.

„Es war wie ein Traum für mich, die Passion war da, das Ziel noch abstrakt, aber vor Augen“, erzählt sie.
„Ich wollte einfach nur Musik machen, doch das war recht schwer zu dieser Zeit.“ Sie blieb der Musik verbunden, absolvierte aber trotzdem brav zuvor einen Master in Philosophie an der Pariser Sorbonne. „Meine Eltern haben immer gesagt, es sei ja so schade, dass ich kein Ingenieur werden würde. Aber ich hatte mich längst entschieden!“
Sie machte sich auf, um im Konservatorium in Paris zu studieren. „Das war harte Arbeit – ich habe sechs, mal auch sieben Stunden pro Tag geübt!“, erzählt Claire Levacher und man hört noch heute am Tonfall in ihrer Stimme, wie anstrengend das damals gewesen sein muss. Das Studium in Frankreich bot der jungen Frau zwar viele Möglichkeiten, doch Paris war ihr eindeutig zu theorielastig. „Ich wollte mehr Praxis!“ Also machte sie sich auf in die USA, wo sie einen Master of Conducting abschliessen konnte. Nach dem Studium hiess ihre nächste Station Wien, es folgte Italien. Eine ungeplante Schwangerschaft führte in der Folge schliesslich eine Wendung in ihrem Karriereplan herbei. Sie kehrte nach Paris zurück, wo sie während eines Wettbewerbs einem Mitglied der Jury ins Auge stach. „Ich hatte den Final zwar nicht für mich entscheiden können – aber er hat mir im Nachgang einen Job am Konservatorium in Paris angeboten. Und das habe ich dann auch fünf Jahre lang gemacht.“
Mittlerweile sind die Kinder etwas grösser, die Freiräume zu dirigieren ebenso, deshalb steht in der nächsten Spielsaison auch ein Engagement bei den Beethoven Festspielen in Bonn sowie ein weiteres in Berlin an.
Wer die Energie bei einem Konzert gespürt hat, wird dieses Gefühl allzu schnell nicht mehr los, sehnt sich danach, wünscht es sich zurück. So ergeht es auch Claire Levacher. „Im Rücken hast du das Publikum, vor dir das Orchester. Du bist wie ein Transmitter. Manchmal trägst du die Rolle eines Beschützers, mal die eines stimulierenden Elements. Man taucht ein, kreiert einen Ton, eine Motivation, ein Gefühl.

Dirigieren ist für mich die Konzentration an einen Gedanken, die Quelle entdeckend. Es ist eine Art der Projektion!

Claire LevacherSie fragt höflich nach, ob ich weiss, was sie ausdrücken möchte. „Sie fühlen sich als Katalysator der Musik, hab ich richtig verstanden?“ – Am anderen Ende der Leitung höre ich nur ein zustimmendes Lachen. „Was so faszinierend ist an dieser Arbeit, ist die Transmission, die man fühlen kann“, so die Französin weiter. Es sei eine Fusion mit dem Orchester, die man einzugehen habe. „Wenn ich ein Klavierkonzert selbst spiele, ist der Ton in mir drin, in meinem Kopf. Beim Dirigieren ist das komplett anders.“
Was klar wird: Claire Levacher fühlt, dass ihre Arbeit in diesem Moment alle Sinne umschliesst, ihr ein fundamentales Erleben ermöglicht, welches so zentral ist wie jeder Atemzug selbst. Sie nennt es „existentiell“, eine Vitalfunktion. Gleichsam sieht sie sich als Dirigentin in einer Funktion von Leadership.
Ein Satz von Claire Levacher bleibt noch lange in meinem Gedächtnis haften. Er könnte auch von Graziella Contratto oder Gloria Isabel Ramos Triano stammen. Er würde in gleichem Mass für sie alle gelten. Es war folgender:

Man übernimmt Verantwortung. Man führt. Aber es ist das Erfüllendste, was ich mir vorstellen kann.

Genau an diesem Punkt können wir alle noch eine Menge von diesen Berufenen des Herzens lernen. Sich mit Haut und Haar seiner inneren Stimme zu verschreiben, ihr zu folgen, auch wenn es in harte Arbeit ausartet. Sich nicht vom Weg abbringen zu lassen, ihn mutig, aber gelassen und gleichsam besonnen zu gehen. Denn am Ende steht die Verschmelzung mit seinen Träumen. Leadership als Erfüllung. Würden wir uns dies nicht für jeden Top-Manager wünschen?

Weiterführende Informationen über die portraitierten Dirigentinnen und die nächste Gelegenheit, diese live zu erleben, finden Sie unter nachstehenden Links:

www.graziellacontratto.com
www.ramostriano.org
www.cnsmdp.fr

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