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BEWUSSTSEIN 4.0

14_Kuenzle.jpg_14_Kuenzle„Wir können die Probleme nicht mit dem gleichen Bewusstsein lösen, mit dem wir sie geschaffen haben“ Dieses Zitat von Albert Einstein ist so typisch für unsere Zeit wie nie zuvor. Die brennendsten Probleme, mit welchen wir zurzeit konfrontiert sind, fühlen sich an wie Black Boxes: Wir haben keine Ahnung, wie sie anzugehen sind. Oder doch?

Viele Missstände, welche uns das Leben schwer machen – Klimaprobleme, kriegerische Auseinandersetzungen, Religionsfanatiker oder ökonomische Tur-bulenzen haben wir mit unserem (gesunden?) Egoismus selbst verursacht oder zumindest nicht verhindert, weil wir uns zwar sehr gewissenhaft um unser Wohlergehen kümmern, Stakeholder, mit welchen wir keine direkten Interessen teilen, jedoch völlig ausblenden. Doch eine Welt, in welcher es in erster Linie um einen selbst geht, ist schlussendlich für keinen mehr lebenswert.

Alle für einen, aber nicht einer für alle!

Wussten Sie, dass 1 % der Weltbevölkerung über 50 % der Gesamtressourcen besitzt und kontrolliert, während den „untersten“ 90 % lediglich 1 % der Welt-ressourcen gehört? Dass dieses eine Prozent alles daran setzen wird, in absehba-rer Zeit 95 % der Weltressourcen zu kontrollieren, dürfte klar sein. Kürzlich wurde eine Bilanz veröffentlicht, die besagt, dass im Jahr 2014 die 300 Reichs-ten der Schweiz pro Person um 80 Millionen Franken zugelegt haben, während die Durchschnittslöhne einmal mehr gesunken sind. Kinder, Tiere und Unterpri-vilegierte können sich keine Lobbyisten leisten und werden so immer mehr zu Verlierern. Terrorismus, Kriege und Unruhen sind Ausdruck blinder Wut aus Hilflosigkeit – aber auch hier sind die Beweggründe egoistisch: Jede und jeder möchte, dass es ihm/ihr besser geht.

Die Entwicklung des Bewusstseins von 1.0 bis 4.0

Otto Scharmer und Katrin Kaufer haben in ihrem wunderbaren Buch „Leading from the emerging future“ die Evolution durch vier verschiedene Bewusstseins-zustände und deren Auswirkungen auf die verschiedenen Lebenssysteme unter-sucht und die Entwicklung aufgezeigt.

1) Instinkt und Anarchie: das Leben nach dem Lustprinzip

In einer ersten Phase des Bewusstseins – nennen wir es 1.0 – sind die Menschen nur darauf ausgerichtet, ihre tägliche Nahrung zu beschaffen und einen sicheren Ort zum Leben zu haben. Gemeinschaften sind von Anarchie geprägt – der Stär-kere hat die Oberhand und isst zuerst. Was übrig bleibt, wird an den Nächststär-keren weitergereicht und so weiter, der Schwächste überlebt nicht. Es wird we-der geplant, noch Verantwortung übernommen. Erste kleine Gruppen schliessen sich zusammen, entwickeln gewisse Regeln, wer sich nicht daran hält, wird verstossen.

2) Macht und Egoismus pur

In grösseren Verbänden geht das nicht mehr und es kommt zur Bildung von Klassen und Spezialisierungen. Damit entsteht das Bewusstsein 2.0. Strukturen werden entwickelt, in denen sich nur die Mächtigen behaupten können und wo die Anderen unterworfen werden. Die Interessen der Starken werden systema-tisch durch Gesetze und Philosophien abgesichert, welche einigen wenigen Vor-teile verschaffen und die Kosten auf die Mehrheit übertragen. Die meisten feu-dalen Systeme beruhen auf Bewusstsein 2.0: Wer sich gegen diese Systeme auf-lehnt, wird verfolgt, gestraft und ausgegrenzt. Das Paradigma lautet: „Wenn je-der für sich sorgt, dann ist für alle gesorgt.“

3) Sozialisierung

Irgendwann werden die Auswüchse dieser Denkweise und dieses Handelns un-erträglich. Es entstehen Hilfsorganisationen, Stiftungen und Regeln, welche da-für sorgen, dass es den Randständigen nicht ganz so arg geht und sie etwas ab-bekommen vom Reichtum und den Rechten der Wohlhabenden. Das Bewusst-sein 3.0 ist zwar immer noch egoistisch, aber hat etwas weichere Konturen. Die Systeme sind erträglicher, weil in Härtefällen geholfen wird. Die meisten euro-päischen Staaten leben 3.0 mit einem gewissen Einbezug weiterer Kreise von Stakeholdern, doch gegeben wird lediglich aus dem Überfluss, ohne wirklich zu teilen. Ausserdem bleiben auch im Bewusstsein 3.0 grosse Teile des Ökosys-tems unberücksichtigt.

4) Ganzheitliches Denken und Verantwortung

Hier setzt die grundlegende Veränderung des Bewusstseins an: Erst wenn wir in unserem Denken, Fühlen, Sprechen und Agieren die Gesamtheit unseres Plane-ten mit einbeziehen, werden wir es schaffen, neue Lösungen zu generieren. Das heisst, dass im Bewusstsein 4.0 sämtliche fühlenden Wesen wie auch der Planet selber jederzeit in unserem Herzen und in unserem Kopf präsent sind. Dann ist es uns nicht mehr möglich, Dinge, Pflanzen, Tiere oder Menschen schlecht zu behandeln, weil uns ihr Schmerz genau so berührt, wie unser eigener. Im Sinne allumfassenden Bewusstseins können wir nur noch weise und liebevoll sein, weil wir im Innersten spüren, dass wir keinen Schritt weiterkommen, wenn wir nicht das ganze System einbeziehen. In jedem Moment und überall wird uns dieser Zustand des ganzheitlichen Bewusstseins begleiten.

Was bringt mir das?

Falsche Frage! Sie zeigt, dass Sie immer noch im Bewusstsein 2.0 zuhause sind. Denn durch Ihr Zutun kann die Welt ein kleines bisschen besser werden, oder zumindest nicht schlechter. Wo immer Sie vorbeikommen, geht es den Men-schen, Tieren und Pflanzen etwas besser, weil Sie ihnen aus Ihrem Bewusstsein heraus Gutes tun. Ihnen bringt es die Gewissheit, dass Sie Ihren Teil dazu beige-tragen haben, dass unser Planet mit allem, was in diesem Ökosystem existiert, eine grössere Chance hat, zu überleben. In dieser schicksalhaften Zeit geht es genau darum.

Veränderung fängt im Innersten an

Was für die Gesellschaft gilt, gilt auch für jede(n) Einzelnen: Im Bewusstsein 1.0 leben wir einfach instinktiv und nach dem gegenwärtigen Lustprinzip: Gut ist, was Befriedigung verschafft. Im Bewusstsein 2.0 gestalten und optimieren wir unser Leben: Gut ist, was uns hilft und stärkt. Wir verwirklichen uns und sichern unsere Pfründe. Auf Stufe 3.0 beziehen wir unsere Familie und Freunde ein, lassen also einige Stakeholder an unserem Wohlstand teilhaben. Erst im Bewusstsein 4.0 werden wir für alle präsent sein und mit allen liebevoll und achtsam umgehen. So wird es allen Wesen und Dingen in unserem Einflussbe-reich besser gehen.
Kleine Dinge: Menschen anlächeln, aufmuntern, trösten und unterstützen. Lieb sein zu Tieren und spüren, was sie brauchen. Pflanzen pflegen, Abfall wegräu-men, Wasser sparen, achtsam einkaufen. Grosse Dinge: Zusammenhänge ver-stehen, Verständnis wecken, Empathie zeigen, sich für ganzheitliche Systeme unter Berücksichtigung aller Stakeholder einsetzen, Schwache schützen … es gibt viele Möglichkeiten, die Welt zu einem schöneren und besseren Ort zu ma-chen. So helfen wir alle einander, ein besseres, gesünderes und freudigeres Le-ben zu schaffen und plötzlich ist das Boot nicht mehr ganz so voll, dafür ist das Leben etwas reicher an Freude, an Interesse und an Zuneigung.

Leider gibt es dafür keinen 5-Punkte-Plan, denn das ist fundamentale, minutiöse tägliche Arbeit an unserem Bewusstsein, an unserer Achtsamkeit und an unserer Persönlichkeit. Diese Entwicklung kann nicht verlangt werden, sondern nur aus einem inneren tiefen Bedürfnis heraus geschehen.

 

Autorin: Christina Kuenzle*
Foto Christina Kuenzle: Günter Bolzern, www.bolzern.tv
Foto Path of Consciousness: Jami Dwyer, flickr.com/Creative Commons, unverändert übernommen

 

* Christina Kuenzle ist Veränderungspsychologin und Executive coach. sie war Unternehmerin, Personalleitern, Leiterin einer Beratungsfirma, Mitglied der Konzernleitung eines grossen Schweizer Industrieunternehmens und ist heute wieder als Executive und Business Coach in ihrer eigenen Firma choice ltd. als Unternehmerin tätig. www.choice-ltd.com

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