EINE WAHRE GESCHICHTE MIT FALSCHEN NAMEN

Heute möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die höchst brisant und gleichzeitig top secret ist. Eine Anekdote, die gar nicht an die Öffentlichkeit darf, und die so geheim ist, dass eigentlich alle, die diese Story hier lesen, vorgängig ein NDA (Non-Disclosure Agreement) abzuschliessen hätten.

Doch ich habe einen sicheren Weg für alle gefunden, der es mir ermöglicht, die Geschichte ohne spätere Konsequenzen zu veröffentlichen: Ich ersetze ganz einfach alle wichtigen Personennamen durch Fantasienamen.

Ich befand mich 1994 irgendwo über dem Atlantik auf 10’000 Metern Höhe, in einer Jumbo-Boeing 747-300 – die einer dazumal sehr berühmten Fluggesellschaft gehörte, bevor ihr die Luft ausging und sie resp. ihr name für immer vom Fliegerhimmel verschwand, als plötzlich der Maitre de Cabine (kurz: MC) neben mir stand und fragte, ob alles zu meiner Zufriedenheit sei. ¨Ahm, ich war angenehm angetan, weniger vom äusseren des MC als von seiner mir geschenkten Aufmerksamkeit, stutzte aber gleichwohl kurz: Warum fragte er von über 300 Passagieren ausgerechnet mich? Ich sass schliesslich irgendwo zwischen der reihe 45 und dem Abteil „Ichstinke- nach-Zigarettenqualm“ (ja ja, junge Leserinnen und Leser, früher wurde im Flieger geraucht! Und das bei geschlossenen Fenstern!). Zögernd nickte ich und meinte (nach noch etwas mehr Aufmerksamkeit heischend): „Ja, schon, habe aber ein bisschen – Flugangst.“

Nun, ich leide nun gottlob wirklich nicht unter Flugangst – aber dafür meine damals neben mir sitzende Freundin Sissi1, der steht der Schrecken bei jedem Start, bei jeder Landung und noch während des ganzen 8-stündigen Fluges ins Gesicht geschrieben. Der MC meinte dann, ich solle mir doch mal das Cockpit von innen ansehen, das beruhige mich sicher. KLAR! Während Sissi mich mit furchtverzerrtem Gesicht anstarrte, folgte ich gespannt dem MC die Treppen hoch ins Pilotenhäuschen. ( Ja ja, junge Leserinnen und Leser, früher konnte man noch ins Cockpit, sogar ohne anzuklopfen!)

Der Captain, nennen wir ihn John Doe(1), mit Schnauz (ja ja, junge Leserinnen und junge Leser, früher war Mann ohne Bart, dafür mit Schnauz ein Hipster), der Copilot Pete Miller1 und der Techniker Mike Smith1 begrüssten mich herzlich. Der MC stellte mich als Frölein Camenzind vor, die „schampar“ Flugangst hat. Na toll, dachte ich mir, muss ich jetzt jedes Mal, wenn jemand „Flugzeug“ sagte, noch Zuckungen im Gesicht simulieren, damit ich nicht als im Grunde genommen extrem Flugbegeisterte aufflog.

Doch so weit kam es nicht, denn plötzlich ging alles schnell: Der Co-Pilot stand auf, verliess das Kabäuschen, der Techniker schaute intensiv auf seine Instrumente (ich meine wirklich die Fluginstrumente), und Captain Doe forderte mich auf, auf dem Copilotensitz Platz zu nehmen. In diesem Moment schaltete mein Hirn auf den „Ich höre nur noch alles durch Watte“-Modus. „So, sind Sie schon mal geflogen? Sehen Sie diesen roten Knopf, wo Autopilot drauf steht? Halten Sie das Steuer und drücken Sie den Knopf. Schauen Sie nun auch auf den Horizontkreisel und halten Sie den Flieger gerade. Guuut. Und jetzt ziehen und drehen Sie leicht nach rechts. Guuuut, und jetzt wieder stabilisieren und nach links drehen. Guuut, und jetzt den Flieger ein bisschen hochziehen, guuut, und jetzt wieder ganz langsam runter, guuut.“ Meine schöne hellblaue Bluse war unter den Armen pechschwarz verfärbt, so sehr schwitzte ich in diesen gefühlten 30 Minuten (die vermutlich realiter nur knapp drei Minuten dauerten). Klar und deutlich hörte ich danach den Captain sagen: „Was hier passiert ist, verlässt nicht das Cockpit! Sie haben meinen namen nie gehört! Ah, und kommen Sie kurz bevor wir landen wieder.“

Manchmal ist es das Beste für alle Beteiligten, wenn man sich wichtige und richtige namen nicht mehr merken kann.

*NUR SELBER FLIEGEN IST SCHÖNERJessica Mor ist ein echtes Seefeld-Kind, lebt an der Goldküste, jedoch in der Bronx der Gold-Coast (Meilen Dorf). Bloggerin, Unternehmerin u. a. mit mezze-a-gogo.com und eine Frau mit spitzer Feder.
Dieser Artikel erschien in der LadiesDrive Nr 27. März 2014. Wenn Sie das Magazin bestellen möchten, gehen Sie bitte in unserem Online-Kiosk.


Text: Jessica Mor-Camenzind