Annemarie Illy ist Kaffeeliebhaberin und Unternehmerin. In Cham führt sie seit 2002 die Geschäfte von „Amici Caffè“. Sechs bis acht Espressi dürftens bei der attraktiven Geschäftsfrau schon sein pro Tag. „Ich vertrag den so gut, weil wir Kaffee verarbeiten, der wenig Säure und verhältnismässig wenig Koffein hat“, verrät sie uns, als wir sie in der Galleria Amici in Luzern zum Interview treffen.

Ohne Kaffee geht im Leben der Annemarie Illy tatsächlich gar nichts. Er ist ihr Muntermacher am Morgen – und passionierter Genuss während des Tages. Ohne Kaffee-Passion wäre es wohl auch unmöglich, in dieser Unternehmung tätig zu sein. „Ich habe auch keinen einzigen Mitarbeiter, der nicht gerne Kaffee trinkt“, erzählt uns die Amici-CEO, die eine bewegte Familiengeschichte hinter sich hat. Es war ihr Ex-Mann Francesco Illy, der ihr die Welt des Kaffees eröffnet hatte. Der Liebe wegen kam Francesco in die Schweiz – und baute hierzulande ab 1979 im Auftrag seines Vaters den Markt gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau auf. So lernte Annemarie Illy das Geschäft von der Pieke auf kennen. Damals war Espresso kaum bekannt, war als starkes, bitteres Gebräu verschrien. Francesco Illys kreativen Ideen ist es zu verdanken, dass Espresso hierzulande zum Siegeszug ansetzen konnte.

Heute trinken Herr und Frau Schweizer in drei Viertel aller Fälle einen Espresso. Es waren übrigens markenrechtliche Gründe, die dazu führten, dass im einzigen von heute 150 Ländern, in welchen illycaffè vertrieben wird, eine Namensänderung her musste. Entsprechend ist dieselbe Marke bei uns als Amici Caffè bekannt geworden. 20 Jahre ist es her, als die Familie Illy begann, die besten Kaffeesorten dieser Welt direkt von den Bauern zu erwerben – ein Novum zum damaligen Zeitpunkt. Heute ist man mehr als stolz auf diese Vorreiterrolle, denn man bezahlte den Kaffeebauern vom Weltmarkt unabhängige Preise, und dies mit dem erklärten Ziel, nachhaltig gute Ressourcen fürs eigene Unternehmen zu generieren. „Vor 20 Jahren fiel die Qualität des Kaffees auf dem Weltmarkt derart, dass wir gezwungen waren, nachhaltig zu denken. Mein Schwiegervater Ernesto war überzeugt, dass man beim ersten Glied der Kette, also der Pflanze, ansetzen musste. Entsprechend fand in der Folge ein wichtiger Know-how-Transfer zu den Kaffeebauern statt.“ Er soll auch gesagt haben, es mache wenig Sinn, den Menschen in diesen Ländern Fisch zu kaufen – man müsse ihnen beibringen, Fische zu fangen. Nach ebendiesem Grundsatz wird noch heute Kaffee
eingekauft.
Hier in der Galleria Amici ist Annemarie Illy von Kreationen ihrer Familie umgeben. Sohn Ernesto arbeitet derzeit für das Corporate Design von illycaffè Triest – Dutzende davon stehen in allen Farben des Regenbogens auf wunderschönen weiss glänzenden Tischen. Hinten im Regal findet man die Kaffeetassen Illy Collection – ein Werk ihres oft als Künstler beschriebenen ehemaligen Mannes. Auch Wein und Olivenöl aus seiner Produktion in Italien sind hier zu finden.

20 Jahre ist es her, als die Familie Illy begann, die besten Kaffeesorten dieser Welt direkt von den Bauern zu erwerben .

Doch Annemarie Illy ist längst aus dem langen Schatten Francescos getreten. Nach der Trennung im Jahr 2000 übernahm sie zwei Jahre später die Gesch.ftsführung für die Schweiz, während Francesco sich fortan auf seinem Anwesen in der Toscana zum Winzern zurückzog. Für die damals 49-jährige Annemarie Illy kein leichtes Unterfangen, sich nach zwei Kindern noch einmal mit derart viel Verantwortung ins Arbeitsleben zu stürzen. „Aber mein Ex-Mann, zu dem ich immer noch ein schönes Verhältnis pflege, meinte damals: ‚Du warst doch immer mein Co-Pilot.‘ Ja, und für mich war das Geschäft immer Teil meines Lebens – also habe ich mich dieser neuen Herausforderung gestellt. Herausforderungen sind etwas Gutes im Leben“, ist die Amici-Geschäftsführerin überzeugt und ihre blauen Augen leuchten voller Lebenslust. Als sie die Geschäftsführung übernahm, krempelte sie erst mal die Firma um – ein notwendiger Schritt als Nachfolgerin eines charismatischen Leaders. „Wir sind von Abteilung zu Abteilung gegangen und haben nachgeschaut, was gut läuft, was man verbessern könnte. Das gab wichtige Impulse für einen Neustart, brachte aber auch Ruhe rein“, so die zweifache Mutter heute. In den letzten zehn Jahren wurde das Umfeld für die Pioniere Illy auch aufgrund der übermächtig gewordenen Nestlé zum hart umkämpften Gebiet. Obwohl es die Familie Illy war, die 1980 als erste Kaffeeportionen angeboten hatte. „Damals nahm das erst mal keiner ernst – man dachte immer: Kaffee sicher nicht so!“ Tja – die Geschichte hat uns gezeigt, dass es anders kam. Nespresso empfindet Annemarie Illy derweil vielmehr als Bereicherung, habe Nestlé doch portionierten Kaffee erst salonfähig gemacht. Den Wert der Marke Amici Caffè sieht sie derweil ganz woanders angesiedelt. Es gibt eine grosse Zielgruppe, die es bevorzugt, bei einem Familienunternehmen einzukaufen, welches bezüglich Ethik, Qualität und Respekt anderen Werten verpflichtet ist, als ein Gigant es jemals sein könnte. „Es gibt Menschen, die ein frisches Produkt bevorzugen, ein Produkt eines Familienunternehmens, welchem sie Sympathie entgegenbringen können.“

Der starke Bezug zum Produkt, zur „famiglia“ ist auch bei Annemarie Illy deutlich zu spüren. Qualität geht ihr über alles – da stellt die Unternehmerin auch gerne anstehende Business Opportunities hinten an. „Für uns ist der Endkonsument interessanter – denn im Gastrobereich finden Sie mehrere Parameter, die Sie nicht bis ins Letzte beeinflussen können, auch wenn ihr Rohprodukt perfekt ist.“ Entsprechend fokussiert man bei Amici Caffè vorerst primär auf das B2C-Geschäft. Die unternehmerischen Herausforderungen verortet die Managerin derweil ohnehin in einem anderen Bereich: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie das gesamte Themengebiet der Nachhaltigkeit. „Wir sind gerade dabei, ein neues Konzept zu kreieren, wo es um den Global Footprint geht. Entsprechend haben wir einen Vertrag abgeschlossen, dass in der Wüste Ägyptens Bäume angepflanzt werden, damit dadurch viel mehr CO2 verarbeitet wird“, berichtet sie sichtlich voller Stolz – nippt an einem Espresso. „Wir wollen auch hier etwas beitragen.“ Wo man mithelfen könne, müsse man das tun und die Unternehmerin zeigt sich zunehmend kämpferisch. Wenn das jemand nicht verstehe, was derzeit mit unserer Umwelt geschehe, müsse er entweder verantwortungslos oder dumm sein, urteilt sie mit festem Blick. „Ich kaufe auf dem Markt auch vornehmlich regional ein. Ich finde, diese Produkte schmecken viel besser – und selbst wenn sie teurer sind … ich finde, wir haben auch die Aufgabe, der nächsten Generation noch etwas übrig zu lassen.“

Bei den unternehmerischen Herausforderungen der Amici Caffè will Annemarie Illy derweil versuchen, den Status eines Boutique- Kaffeeanbieters zu halten und nach Möglichkeit etwas auszubauen. Eine Nische – aber eine, die nichtsdestotrotz lohnenswert sein kann. Man brauche innovative Produkte, hohe Qualität – und Menschen mit Visionen, die den Mut haben, Risiken auf sich zu nehmen. Dies bringe dann auch ökonomisch gesehen den Erfolg, auch wenn ihr erst gerade an einem internationalen Meeting in Triest beim Austausch mit Geschäftsführern aus anderen Ländern bewusst wurde, dass sich die wachsenden Märkte wohl eher in Asien und den Emiraten befinden als im alten Europa. Auch Kaffeehersteller sind von diesem globalen Trend nicht ausgenommen. „Ich finde eben, man muss auch den Mut haben, sich in einem globalen Unternehmen für Europa einzusetzen. Man muss nicht nur für wachsende, sondern auch für die bestehenden Märkte arbeiten, Innovationen einführen, sonst muss man sich über die Konsequenzen tatsächlich wenig wundern.“ Annemarie Illy zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt ungläubig den Kopf. In diesem durch und durch weissen Ambiente der Galleria wirkt die CEO wie eine Lichtgestalt mit ihren leuchtend hellen Augen.

Ob sie sich vorstellen könnte, für eine andere Firma zu arbeiten, will ich schliesslich wissen. Sie schüttelt erneut entschlossen den Kopf: „Nein, könnte ich nicht – aber ich wüsste auch nicht, was ich sonst tun würde. Etwas anderes als Selbstständigkeit kenne ich nicht und ich finde es etwas Fantastisches.“ Es sei eine Erfahrung, die sie machen konnte, ohne sie im eigentlichen Sinne gesucht zu haben, gibt sie anschliessend zu bedenken. Reichtum bedeutet der Topmanagerin indes vor allem eines: Zeit für sich und die Familie zu haben. Je älter man werde, desto mehr bedeute dies einem etwas. Als ich sie etwas schüchtern nach ihrem Alter frage, antwortet sie lachend: „61. Tja – ich gehe auf eine Lebensphase zu, in der sich sicher einiges verändern wird. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, nichts zu machen – wenn ich an meine Schwiegermamma denke – die ist 81 Jahre alt und immer noch voll dabei. Ich denke, man muss einfach etwas Gutes tun, das einen erfüllt.“ Wie wahr, denke ich mir. Karriere ist kein Selbstzweck, kein Ziel, es ist vielmehr Erfüllung. Eine Perspektive.

Und gerade die Selbstständigkeit zwingt einen, sich ganz intensiv mit dem zu beschäftigen, was einen antreibt – und man ist gezwungen sich ständig zu hinterfragen, was auch mal schmerzhaft sein kann. Eine Karrieredepression erlebte Annemarie Illy zwar nie – aber auch sie quälen hin und wieder Zweifel: „Ich habe auch solche Momente … wo ich mich frage, ob ich nicht schon längst weiter sein müsste, wo ich mich frage, ob ich das packe. Aber mein Ex-Mann pflegte stets zu sagen: Packe alles auf einen Tisch und beobachte genau, was du hast – und was dir fehlt. Das tue ich noch heute und es hilft mir persönlich sehr.“ Auch eine gestandene Businesslady wie Annemarie Illy durchlebt also dunkle Momente, denke ich mir erleichtert. Das Geheimnis des Erfolges in der Selbstständigkeit – und auch sonst – ist wohl, daran nicht zu verzweifeln, sondern vielmehr die Augen zu schliessen, um sich an einen neuen, unbekannten Ort treiben zu lassen. Irgendwann entdeckt man, dass einem eigentlich gar nicht mal so viel geschehen kann. Aus der Angst wird ein Urvertrauen, dass es irgendwie immer weitergeht. Die Geschäftsfrau Annemarie Illy erdet sich derweil vornehmlich in der Natur – etwas, das sie bereits als Kind stark geprägt hat. „Heute fahre ich Ski, habe neu mit Skitouren begonnen – und ich schwimme gerne im Sommer. Oder ich gehe einfach etwas wandern, fordere den Körper wieder mal. Das gibt mir Zufriedenheit.“

Etwas weniger glücklich machen die Unternehmerin derweil Diskussionen um ihr Alter. „Ich höre das häufig. Quasi, wann willst du aufhören, wie lange willst du denn noch arbeiten, du musst doch gar nicht!“ Aber sie sei eigentlich mit dem Kopf und dem Herzen rund um die Uhr bei der Arbeit, so Annemarie Illy. „Manchmal habe ich allerdings schon das Gefühl, mit dem Alter so etwas wie durchsichtig zu werden. Man wird fast nicht mehr wahrgenommen. Das höre ich auch von anderen Frauen.“ Hm. Tatsache – das geht mir selbst schon so und ich bin mehr als 20 Jahre jünger als die schöne Amici-Caffè-Chefin. Trotzdem hat ja jedes Alter durchaus seine schönen Seiten, wenn man sie denn sehen will. So blickt auch Annemarie Illy voller Zuversicht in die Zukunft. Sie wünscht sich so etwas wie eine Position eines Verwaltungsrates, wo sie ihr reiches Wissen um die Marke noch weitergeben kann. Vielleicht nicht bis sie 81 ist wie ihre Schwiegermutter – aber: „Ich würde schon gerne noch ein paar Jahre dabei bleiben“, spricht sie, steht auf und macht sich einen weiteren Espresso – und mir gleich einen mit. „Das war ein sehr schönes Gespräch“, bedankt sie sich. Ja, wohl wahr, denke ich mir und bin dankbar für ebensolche Momente in meinem Berufsleben. «

Weiterführende Informationen: www.amici.ch    www.illy.com


Text: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Amici Caffè Press/Thomas Studhalter