Wir treffen den kreativen Kopf an der Spitze von Givenchy zum Interview – noch vor Corona. Der Grund: Sephora holt die Kultmarke Givenchy Beauty wieder ins Sortiment. Hätten wir Nicolas Degennes heute getroffen, hätten wir ihn wohl darüber befragt, wie man sich schnell ein gutes Online-Video-Call-Makeup zaubert…aber seine unglaubliche, 20jährige Karriere als Art Director bot uns auch so jede Menge Gesprächsstoff.

Ladies Drive: Was ist der Duft Deiner Kindheit?
Nicolas Degennes: Das ist einfach: La poudre de riz!

Oh wie schön! Ich erinnere mich an den Zitronenkuchen meiner Grossmutter. Ach, ist das lange her! Apropos: Ist es schwierig, sich nach 20 Jahren in dieser Position inspirieren zu lassen?
Nein, ich werde immer wieder von Neuem inspiriert. Die Frauen, denen ich täglich begegne, durch sie selbst werde ich inspiriert, sei es an Events, auf der Strasse, irgendwo. Man könnte denken, dass dieser Prozess sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, aber nein, ich hatte genau gestern eine Begegnung, die mich zu etwas Neuem inspiriert hat. Alles was ich bisher erreicht habe, habe ich geschafft, weil ich meinem Traum gefolgt bin. Schon als Kind habe ich davon geträumt, dass man sich gut und wohl fühlen sollte bei dem was man macht… in seiner Arbeit, mit dem was man tut, aber auch, was man anderen geben kann, damit sie sich besser fühlen. Ich konnte beispielsweise Frauen in schwierigen Zeiten helfen, sich besser zu fühlen und tue es noch heute, das erfüllt mich und macht mich sehr stolz. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Gestern an einem Pariser Event bemerkte ich eine Frau, die ich kenne, ich weiss, welche Foundation sie benutzt. Sie sah wunderschön aus. Diese Frau hatte einst ihr Vertrauen in sich und die Welt verloren. Ihr wunderschöner Ausdruck jetzt hat mich in meiner Arbeit bestätigt. Wenn ich ihr damit helfen konnte, dann bin ich der stolzeste Mann auf Erde. Das ist genau das, was ich an meinem Job liebe und mich weiterhin inspiriert. Wenn ich jemandem das geben kann, was er braucht, wow, dann bin ich überglücklich.

Ich wusste schon immer, dass ich in der Beautywelt arbeiten will. Schönheit fasziniert mich. Seit jeher liebe ich alles was mit Schönheit zu tun hat, ich liebe die Frauen, die Schönheit der Frauen, die Schönheit, die einer Familie inne wohnt, die Schönheit, die Freunde vermitteln können…. Schönheit liegt in so vielen Dingen. Wenn man einen Blick für das Schöne hat, dann kann man das mit allen teilen und weitergeben, und somit auch Menschen dabei helfen, sich besser zu fühlen.

Und was hat sich in den letzten 10-20 Jahren verändert?
Die Frau hat sich verändert. Die Vision, die man von Frauen hat, hat sich verändert. Und die Vision betreffend der Typen. Wenn man von Frauen spricht, spricht man ganz profan vom Geschlecht. Ich habe aber Lust, über Genres und Styles zu sprechen, über das was man sein will… ich habe Lust über das zu sprechen, welchen Typ man kultivieren will und wie man genau das anderen Menschen übermitteln kann.

Das Extra meiner Arbeit, das Plus an meinen Produkten, der Benefit von MORGEN kann nicht einfach durch ein Geschlecht definiert werden. Gestern erst habe ich mich mit einem Projekt beschäftigt, das für das kommende Jahr bestimmt ist, ein Projekt, das ich in den vergangenen Jahren so nie hätte realisieren können. Ich wollte mich übertreffen… ich wollte einen Schritt weiter gehen. Ich wollte mich selbst sein, wollte mir treu bleiben indem ich das tue, was mir gefällt, was mich erfüllt, was ich Lust hatte zu machen. Der interessante Teil an so einer Entwicklung ist, zu verstehen was man nicht mag und warum man das Detail nicht mag. Dann stellt man sich die Frage: Kann ich dieses Detail ändern? Oder könnte man Elemente finden, welche uns dazu führen würden, es dann doch zu mögen oder zu lieben. Das klingt sehr philosophisch, oder? Ich will damit erklären, dass es möglich ist, etwas, was man früher nicht gern hatte, heute zu lieben. Und wieso ist das so? Weil das Handeln oder die Erziehung der Frauen sich verändert hat. Wer hat es verändert? Die Frauen selbst haben es verändert. Wir selbst haben uns verändert. Weil ihr auch mich verändert habt und Ihr seid mich und ich bin euch und weil wir alle eins sind. Was ich gestern nicht gemocht habe kann ich heute lieben. Ein Beispiel: Ich konnte früher den Künstler Picasso nicht verstehen und mochte ihn auch nicht. Ich habe mir seine Ausstellungen angeschaut, war in Museen, habe nicht verstanden wie er auf einmal so bekannt und beliebt werden konnte. Eines Tages hatte ich einen Flash. Auf einmal konnte ich ihn verstehen. Er konnte eine Kultur bewahren über die Dinge, die er sich anschaute. Er hat an einer eigenen Identität gearbeitet, die er sich für uns ausgedacht hat und schaffte somit ein Image, welches ihn ausmacht. Damals konnte ich diese Elemente nicht sehen, nicht erkennen. Also gefielen sie mir nicht. Heute hingegen liebe ich es und möchte verstehen, wieso er sich so ausdruckte. So etwas passiert aber eben durch die Veränderung von einem selbst, die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit, die Erziehung etc.

Du wirkst so beseelt von dem, was Du tust. Aber ich hab gelesen, dass du die ersten Jahre Deiner Karriere gehasst hast. Was ist damals passiert?
(Lacht) Ich fühlte mich am falschen Ort. Ich war vor mir selbst weit entfernt. Ich stand neben mir und fühlte nicht, was ich machte. Arbeiten, die sich damals ergeben haben, in die ich eingetaucht bin, die mir aber nicht wirklich gefielen. Trotzdem bewegte sich alles in die Richtung meines heutigen Berufes. Mir wurde in dieser Zeit klar, dass mein Leben durch mich bestimmt werden musste und ich nur das machen werde, was ich liebe und mir Spass macht. In diesem Moment kam Givenchy. Die Produkte, welche sie gleich entdecken werden… das bin ich, das ist das was mir gefällt, mich ausmacht. Diese Entwicklungen sind das Ergebnis meiner langjährigen Karriere, meiner Träume, die Frauen, welche mich stets inspirieren und mit welchen ich meine Produkte teilen möchte.

Wenn wir schon über den Beginn deiner Karriere sprechen – hattest Du je ein Vorbild?
Ich werde Dir keinen Namen nennen. Doch ich bin einst einer sehr bekannten Sängerin begegnet, welche ich schminken durfte und sie sagt mir: «Ich möchte einen Eyeliner, dies, das, etc.». Ich schaute sie an und sagte ihr, ich würde frei schminken und sie müsse sich jetzt auf diesem Stuhl setzen und es täte mir leid, aber ich würde sie nicht so schminken, wie sie es gesagt hat. Sie schaute mich erneut an und fragt mich: «Was würden sie denn tun?» Ich antworte: «Lassen Sie mir eine Carte blanche?» An dem Tag kreierte ich eine Persönlichkeit, welche heute noch so existiert. Sie ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten. Diese Zusammenarbeit war eine echte Bereicherung und hat mir gezeigt, dass ich in meiner Karriere, in meinem Beruf nicht Angst haben muss, sprich, ich habe keine Angst auch der grössten Berühmtheiten der Welt NEIN zu sagen, wenn ich nicht dahinter stehen kann, wenn es mir nicht gefällt, wenn ich nicht einverstanden bin. Ich habe die Demut und die Bescheidenheit ihr zu sagen, dass ich dass nicht machen kann, weil das nicht meiner Vorstellung, meinem Image entspricht, denn ich sehe sie ganz anders. Ich sage ihr also: «Ich habe Ideen, sie werden Ihnen gefallen, Sie werden Spass daran haben.»

In ihrer Frage steckt etwas, was ich extrem interessant finde. GIVENCHY hatte eine Make up-Linie, die so niemand mehr mochte und nie mehr tragen würde. Die Erkenntnis war, dass man alles ändern kann, dass ich es bin, der das ändern kann und wenn es jemanden gibt, der Sachen verändern kann, WOW!!! Was für eine Gewichtung, was für eine Stärke, was für eine Macht… Man kann sich dadurch wieder und immer wieder von Neuem erfinden. Und genau darum habe ich den Job bei Givenchy angenommen. Mein Traum war, dass sich jede Frau tagtäglich wieder neu erfinden kann, für sich sorgt und auf sich schaut, sich Gutes tut, an sich denkt. Es ist wunderschön zu sehen, wie sich die Frauen dadurch tagtäglich neu erfinden und entdecken. Der Traum birgt auch eine gewisse Freiheit, sich wieder zu erfinden aber auch zu erfahren, was man nicht mag. Wir wissen was wir mögen, aber was mögen wir nicht?

Ich weiss genau, was ich nicht möchte. Ich wusste das eigentlich immer besser als das Gegenteil (lacht)….was ich auch nicht mag – und was uns zu einem sehr ernsten Thema führt ist, wenn Frauen als Ware behandelt, wenn Menschen nur oberflächlich betrachtet werden, wenn man Schwächere missbraucht und für die Erreichung seiner Ziele ausnutzt. Deine Branche lebt von der Schönheit junger Frauen. Wie hast Du denn die Me-Too-Bewegung erlebt und was denkst Du darüber?
Ich möchte diesen Frauen sagen, dass das viel früher hätte ans Licht kommen sollen. Es ist nicht so, dass niemand was davon wusste. Es musste ein für allemal raus. Man muss darüber sprechen. All die Personen, welche reagiert haben und so reagiert haben wie sie es getan haben – alle waren über diese Vorfälle im Bilde und man hat nie darüber gesprochen. Doch auf einmal löste sich da was auf, auf einmal ergab sich endlich diese Chance und es musste gesagt werden. Jeder hat das Recht, zu sprechen, alles ans Licht zu bringen, sich auszudrücken, sich mitzuteilen, das Schweigen zu brechen.

Wenn sie roten Lippenstift tragen und jemand schaut sie an, sollte nicht die Wahl der Farbe der Grund der Anmache sein. Die Farbe hat die Frau gewählt und drückt damit den eigenen Charakter, die eigene Leidenschaft, den eigene Wille, Kraft, etc. aus. Man will und kann sich über die Farben ausdrücken. Ich möchte den Frauen sagen: Habt keine Angst vor Farben, vor euch selbst… Seid frei, habt Freude daran und bleibt euch selbst, auch mit einem roten Lippenstift!

 

Weiterführende Informationen:
Sephora Online Store Schweiz
Givenchy Beauty Website International

_________________________________________________________________________________________________

Interview: Sandra-Stella Triebl & Angela Meleti
Übersetzung: Angela Meleti
Bearbeitung: Dörte Welti
Fotos: Sephora Press & Givenchy Press

Die Fotos entstanden während eines Presse-Events von Sephora in Zürich – vor Corona.