Dieses Jahr war mein Bedürfnis nach Aufregung und Reisen an spektakuläre Orte mikroskopisch klein, um nicht zu sagen überhaupt nicht vorhanden. Ich wollte nur eines: eine gepflegte Sommerpause. Die Aussicht auf 14-Tage-Wochenendmodus mit überschaubarer Routine zu Hause fühlte sich völlig korrekt an.

Ich hatte es mir in meinem Kopf schon recht gemütlich eingerichtet – in unserem Sommerloch. (Dass die eigene Wohnung dabei manchmal so bezeichnet werden könnte, ist dabei ein hinzunehmendes Übel mit Kindern des Temperaments meines Sohnes.)

Bis Freitag der ersten Urlaubswoche schien der Plan aufzugehen, und wir liessen uns gemütlich durch die heissen Tage treiben, ohne die üblichen Anpassungsschwierigkeiten oder vergessene I-As und dergleichen. Mein Plan hatte Potenzial zum „best advice“.

Bis … ja, bis Freitag, 7.30 Uhr. Wahrscheinlich rechtzeitig, bevor wir vollständig ins Nirvana des Sommerlochs eintauchen konnten, sprang Sohnemann kopfvoran in sein neues (kinderfreundliches!) Bett. Einer der Augenblicke, in denen man hilflos zusieht und das Ende bereits in Zeitlupe vor Augen hat: die erste (wenn auch wenig überraschende) Platzwunde, die ihrem Namen alle Ehre machte.

Nach hektischer und von aussen betrachtet ganz sicher comedyreifer Erstversorgung (Mama klebt Kind Pflaster erst mal ordentlich ins Haar. Schere her, neuer Versuch!) sitzen wir im Auto gen Kinderspital. Sohnemann, der sich mittlerweile bereits wieder gefangen hat (vielleicht ist es auch der Schock) sitzt mit blutender Stirn auf dem Rücksitz und telefoniert mit Oma Lisa (aka „Lila“, bis er sich kürzlich ein „S“ gekauft hat).

Im Spital angekommen, bot sich das Bild zweier ungewaschener Erwachsener (mit blutigem Hals) und einem Kind im zusammengewürfelten Pyjama mit etwas Frühstücksverzierung vom Vortag. Nicht dass ich glaube, wir wären die einzigen, die bisher so im Spital aufgekreuzt wären. Nur sah man es den anderen Eltern dann auf jeden Fall nicht so an wie uns …

An jenem Tag der Kopfstürze also (in der Tat haben wir noch mehr als nur eine imposante Beule in der Notaufnahme ankommen sehen) fanden wir uns irgendwann im kleinen „OP“ des Kinderspitals wieder, wo wir leider vergeblich auf die sedierende Wirkung des Beruhigungsmittels warteten. Mehr mit Hilfe moderner Technik (eine Folge „Barbapapa“ auf dem iPhone) stellte sich so weit Entspannung ein, dass die Ärztin die Nadel zücken konnte.

Zu Hause angekommen, waren die Eltern erschlagen und das Kind quietschfidel. Nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte. Schlimmer noch, war nun auch die geliebte Badi für eine ganze Zeit passé. Etwas ruhiger sollen wir es die nächsten Tage angehen lassen … Kaum vom Schreck erholt (und das hat keine zwei Stunden gedauert), hatte ich nicht das Gefühl, dass der Bettsturz prägenden Eindruck geschweige denn Lernerfolge hinterlassen hatte. Nein, unserem Kind war mit frisch genähter Stirnnarbe bereits wieder nach Purzelbäumen.

In meiner Verzweiflung habe ich die ultimative Waffe gezückt, die zuverlässig sicherstellt, dass wir es wenigstens einen Tag etwas langsamer angehen lassen können: die Glotze (und Ähnliches). Nachdem ich den Tag vorsorglich zum Ausnahmetag erklärt und uns obendrein Chips und Gummibärchen spendiert hatte, fügte sich die Szene dann auch wieder lückenlos ins Bild der ungewaschenen Familie im Kinderspital.

Abgesehen davon hält das Internet auch noch ganz besondere Schmankerl für Eltern bereit, deren Kinder noch nicht lesen können: völlig korrekte Kindergeschichten mit korrekt-subversiven Untertiteln für Eltern wie mich nach einem Tag wie diesem.

Wenn Sie also auch einst mit einem Sommerloch wie ich zu tun haben, denken Sie bitte wenigstens daran, Ihrem Kind Schuhe anzuziehen. Die hatten wir nämlich auch vergessen. Man weiss ja nie, wohin die Reise noch geht.

Es winkt Ihnen zu
Ihre Ariane Mellenthin


Text: Ariane Mellenthin