Ganz ehrlich: Ich bin ratlos. Ratlos, wenn ich lese, dass mehr als die Hälfte der Frauen unzufrieden mit ihrer beruflichen Situation ist. Und ratlos, wenn ich weiter erfahre, warum das so ist. Ratlos, weil die Gründe ebenso real wie vielschichtig sind. Zu real und vielschichtig, als dass ich mich in der Lage fühlte, dieses Thema hier mit der geforderten Vollständigkeit zu behandeln.

Ratlos auch, weil ich feststelle, dass ich als Mutter und Vollzeitberufsfrau enorm viel Glück habe – mehr, als mir manchmal bewusst ist.

Ich arbeite in einem Unternehmen, in dem Mütter in verantwortungsvollen Positionen gut repräsentiert sind. (Und dennoch ist auffällig, dass mehr Frauen aus nichtdeutschsprachigen Kulturkreisen diese Positionen besetzen. Das liegt jedoch kaum an den Unternehmen. Eher an uns selbst!)

Ich habe das Glück, dass meine Vorgesetzte selber Mutter ist und dass ich mir – im Rahmen der Eigenverantwortung – meine Zeit selber einteilen kann. Das mag lapidar klingen – dennoch behaupte ich, dass genau diese Selbstverantwortung im Umgang mit Zeit oft nur in der Theorie eingeräumt wird.

Nicht dass ich deshalb insgesamt weniger arbeiten würde. Aber ich kann auch mal das Büro verlassen, um meinen Sohn aus der Krippe zu holen oder ein Meeting auf eine Zeit zu verschieben, die mir dies ermöglicht, ohne dass mir das Steine in den (Karriere-)Weg legen würde.

Freilich bedeutet das des Öfteren Nach(t)arbeit, und natürlich gibt es auch Meetings, die ich weder verschieben kann noch will. Aber die Freiheit, Kind und Beruf unter einen Hut bringen zu können, macht für mich persönlich den Preis, den ich dafür zahlen muss, um ein Vielfaches wett. Ich betone: für mich persönlich.

Das mag denn auch der Grund sein, warum ich mich oft nicht qualifiziert fühle, mich in die allgemeine Debatte zur Benachteiligung von Frauen in der Berufswelt einzuklinken, sofern diese „Debatte“ nicht ein ganz konkreter Fall ist, der mir gegenübersitzt.

Solange ich nicht das ganze Bild kenne, fühle ich mich ausserstande, einen Beitrag zu leisten, der über das hinausgeht, was in den Artikeln steht, die auch Sie bestimmt schon mehrfach gelesen haben. Damit will ich deren Inhalt nicht entwerten, sondern vielmehr sagen, dass wir alle (die diese Artikel lesen und schreiben) die Antworten kennen und teilen, jedoch offenbar selber wenig zur Veränderung beitragen …

Ich kann es verstehen, wenn Frauen sich frustriert, erschöpft oder verletzt aus Systemen zurückziehen, wo Mutterschaft bisweilen sehr offensichtlich zum Showstopper in der Karriere wird. Ich kann es nachvollziehen, dass manche Karriere banaler Wer-verdient-gerademehr- Mathematik zum Opfer fällt, und ich kann verstehen, dass diese Umstände einfach nur – nerven!

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich kann es auch verstehen, wenn Frauen im Zweifelsfall der Familie den Vorzug geben, weil sie sich als schlechte Mütter fühlen würden, wenn sie ihr Kind fünf Tage pro Woche fremdbetreuen liessen.

Was ich allerdings weniger verstehe, ist, dass einige (mit ihrer beruflichen Situation unzufriedene) Frauen es nicht wenigstens einmal ausprobiert haben möchten: Um ihrer Selbst, ihrer (ehemaligen) Ziele und Ideale willen. Denn vielleicht hätten sie ja – wie ich – das Glück, sich unversehens in einer Situation zu finden, die sich nicht nur für sie, sondern auch für alle anderen Beteiligten gut und richtig anfühlt.

Nur Mut!
Herzlich
Ihre Ariane Mellenthin


Text: Ariane Mellenthin