Noch nie habe ich die beiden Kolleginnen so aufgebracht gesehen. Mit unserem Team genossen wir ein entspanntes Sportwochenende in St. Moritz. Alles stimmte: das Hotel, in dessen Lobby Ladies Drive und Weltwoche auflagen, das prächtige Wetter unter dem lichtvollen Engadiner Himmel, das vielgängige Bündner Spezialmenü und der Wein von Uhwiesen ZH bis zur Mancha in Zentralspanien. Wäre da nur nicht immer wieder dieses Thema gewesen, das die Augen von Brita und Sandra zu schiessschartenartigen Schlitzen verengte. Die ganze Körpersprache der Kolleginnen schrie Empörung. Und erst ihre Worte!

Was war geschehen? Ein Journalistenkollege stimmte in der aktuellen Ausgabe der Weltwoche ein fulminantes Lob auf die russischen Frauen an, auch aus eigener Erfahrung. Der Artikel beschrieb das Phänomen, dass Frauen aus dem Osten sich seit Jahren grosser Beliebtheit auf dem Heiratsmarkt erfreuen. Während viele Häuser noch immer einen Luftschutzbunker aus den Zeiten des Kalten Kriegs eingebaut haben, der bei einem Angriff vor dem Russen Schutz geboten hätte, hat die Russin längst auf friedlichem Weg ihren Siegeszug durch Schweizer Stuben und Schlafzimmer angetreten. Liebesgrüsse aus Moskau. Nachhaltig.

Im Artikel kamen auch Russinnen zu Wort, die mit einem Schweizer verheiratet sind und hier leben. Ohne mit der getuschten Wimper zu zucken und ungeachtet der Codes und Tabuzonen unserer politischen Korrektheit sagten sie Sätze wie: „Wir sind Urfrauen geblieben. Frauen mit einem grossen F. Bei uns dürfen die Männer noch Männer sein.“ Diese Geschlechterphilosophie leben russische Frauen auch im Alltag. Als Beispiel nannte eine von ihnen die folgende, an sich banale Szene: Sie nestelt mehr zum Schein am Verschluss ihrer Mineralwasserflasche herum und reicht sie dann wortlos ihrem Mann rüber. Der spannt unmerklich den Bizeps, dreht den Schraubverschluss auf und schenkt ihr galant ein. Nicht, dass die Frau so hilflos und schwach gewesen wäre, dass sie die Flasche nicht selber hätte öffnen können. „Ich spiele Polo, was meinen Sie, wie viel Kraft ich im Handgelenk habe“, erklärte die Russin. „Aber ich lasse mich eben gern verwöhnen, und dafür habe ich meinen Ehemann.“ Ausserdem verschaffte sie diesem heimlich eines jener Erfolgserlebnisse, die Männer so sehr benötigen, im Grossen wie im Kleinen. „Frauen mit einem grossen F“, das heisst: feminin, gepflegt, geschminkt – und gewohnt, ihre weiblichen Reize wie hochpräzise Lenkwaffen einzusetzen. Aus dieser Selbst-beschreibung der interviewten Russinnen ergab sich als Gegenbild der Typus einer Frau, die ihren Lebensstil und ihr Auftreten im Zuge der Emanzipation und des Gleichheitsstrebens so sehr dem Mann angenähert hat, dass ihre Weiblichkeit bisweilen verschüttet wurde. Die beiden Kolleginnen fühlten sich offensichtlich persönlich beleidigt und attackiert.
Die Aussagen mussten sie tief in ihrem weiblichen Selbstverständnis getroffen haben. Vermutlich ahnten sie, dass sich die Russinnen und die anderen Osteuropäerinnen, die sich erfolgreich als Konkurrentinnen auf dem Marktplatz der Liebe etabliert haben, nicht einfach als tumbe Tussis abtun lassen, die in ewig gestrigen Rollenbildern gefangen sind. Viele von ihnen sind auch im Beruf sehr erfolgreich, haben Mathematik oder Finanzwissenschaften studiert und beeindrucken durch ihre praktische Intelligenz. Vielleicht sind die Russinnen einfach schlauer als manche ihrer Schweizer Geschlechtsgenossinnen: Sie wissen, wie sie die Männer zu nehmen, zu halten und zu lenken haben. Eben mit den überlegenen Waffen der Frau.

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* Philipp Gut ist stv. Chefredaktor der Weltwoche, promovierter Historiker sowie Buchautor.


Text: Philipp Gut
Foto: Nicole Gisi Fotografie