Es ist der 18. Mai 2019 und die Medien gehen steil. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat mitgeteilt, er werde eine eigene Cryptowährung lancieren. Weltweit sind ziemlich sicher für eine geschlagene Sekunde in allen Banken, allen Börsen, allen Private Equity Offices und wo auch sonst noch mit Geld gedealt wird die Finger über den Tastaturen gestockt.

Von Finanzen habe ich genau so viel Ahnung, dass ich ein Minus auf meinem Konto von einem Plus unterscheiden kann. Als am 18. Mai Mark Zuckerberg Libra verkündete, dachte ich spontan: Waage? Der Mann ist doch im Mai geboren? Scherz. Der grad nächste Gedanke war: Wie genial! Ein sehr sehr logischer Schachzug. Mark Zuckerberg macht sich die Welt, seine Welt, wie es ihm gefällt und sorgt dafür, dass die Menschen, die sich in den von ihm geschaffenen (Social Media) Universum bewegen, auch darin ihr Geld ausgeben. Das Internet des Geldes, des Geldes Internet. Natürlich ist die Währung nicht nur dafür gedacht, über facebook, Instagram, Messenger und WhatsApp einzukaufen. Da wäre der Kreis schnell überschaubar, sind ja nur 2.7 Milliarden Menschen weltweit. Nein, man will eigentlich alle und peilt dafür die Zahl von 100 Mitgliedern einer sogenannten Libra Association an, von der facebook nur ein Mitglied mit gleichen Rechten sein soll. Die Regeln stellt natürlich der Chef auf (eigentlich hatte ein Mitarbeiter die Idee, David Marcus), bis dato sind 28 Firmen auf den Hype aufgesprungen, jeder soll 10 Millionen Dollar investieren, um den (die? das?) Libra auf den Weg zu bringen. Die Association sitzt, dreimal dürfen wir raten, in Genf in der Schweiz. Und jeder, der will, kann Funding Member werden, wenn sie oder er die Kriterien erfüllt (1 Milliarde Marktwert der Firma zum Beispiel…).

 

Eine typische Maschinerie

Jetzt passiert genau das, was mit allen neuen Errungenschaften passiert. Es gibt wohlwollend nickende Befürworter, es gibt die, die den Weltuntergang mit Libra praktisch schon bezahlt sehen, oder die mit den Librazeichen in den Augen, die unermesslichen Reichtum wittern, ähnlich wie bei den First Achievern im Bitcoin Rausch und es gar nicht abwarten können, ihre Dollars/Euros in Libras umzutauschen. Zuckerberg mache das alles völlig uneigennützig, schwärmen Medien (Quelle: wired.com**). Ein Philantroph (ja, er hat Unmengen schon gespendet, Danke schön). Er wird unfassbar viel mehr Geld machen mit dieser Idee. Alle werden dabei sein wollen (ausser non-facebook names wie Apple, Google und so, die basteln an ihrer eigenen Währung) und auch wenn angeblich der Kurs 1:1 (im Moment sind das Dollar, geht schon los) sein soll, wird nicht verhindert werden können, das mit Libra spekuliert und gedealt wird, obwohl die Cryptowährung unlimitiert sein soll, also nicht wie Bitcoin nur in begrenzte Anzahl zur Verfügung steht, was ja den Bitcoin-Hype ausgelöst hatte. Wird die Libra Association die neue Weltbank? Dann ist der Geldmarkt in den Händen von Ebay, Spotify, Uber, aber auch mastercard, Visa und PayPal, denn natürlich interessieren sich Banken und Geldinstitute für diese neue Zahlungsplattform (die genannten sind schon provisorischer Teil der Libra Association). Besser mit den Wölfen heulen?

 

Tausche ein Monopol gegen ein anderes

Grundsätzlich – und das hat mir ein Finanzmarkt-Insider verraten – ist Libra ja nur ein Versuch von unendlich vielen. Die nur möglich sind, weil uns eigentlich auf der ganzen Welt das Vertrauen in die angestammten National- und Zentralbanken langsam bachab geht. Und Vertrauen sei das Keyword, habe ich gelernt: Jeder Versuch, die Monopolstellungen dieser Zentral- und Nationalbanken zu schwächen, steht und fällt mit dem Vertrauen, dass man in die Währung und das Institut oder den Währungserfinder hat. Wie man vertrauen aufbaut, das zumindest weiss man inzwischen auf den virtuellen Kanälen.

 

Vertrauen ist gut

Wie gesagt, ich habe kein Wirtschafts- oder Finanzstudium genossen. Aber ich ahne, wenn Geldgier und damit Macht im Spiel ist. Das war es bisher immer und das ist nicht gut gekommen. Geldgier heisst mehr und das heisst Wachstum und das heisst von allem zuviel, wo eh schon Überfluss herrscht. Ob Libra ein ähnliches Schicksal erwartet wie schon andere Cryptowährungen, die gehypt wurden, entzieht sich meiner Beurteilungsfähigkeit. Ein paar dieser früheren Versuche haben tierisch gut Geld gemacht, dann stürzte jeweils das Konstrukt ein und hat sich im besten Fall normalisiert. Wie gesagt: Es wird sich zeigen, ob der User genug Libra-Vertrauen aufbauen kann.

 

Jeder will dabei sein

Niemand wird diese Entwicklung stoppen. Und macht es Herr Zuckerberg nicht mit Facebook & Co., machen es die anderen, bzw. sind schon dran, das Geld des Internets ist eine logische Entwicklung. Derzeit in den Händen von Diensten und Weltwirtschaftsunternehmen, die sich bisher nicht mit Ruhm bekleckert haben. Alle sind an Daten interessiert (ein weiteres Kriterium, um in die Libra Association aufgenommen zu werden, ist der Nachweis, dass man multinational mehr als 20 Millionen Menschen pro Jahr erreicht), den Daten, die man beim Transfer im Netz unweigerlich hinterlässt (facebook hat bereits eine eigene Wallet, Calibra, und schwört Stein und Bein, dass sie dort die Daten nicht abgreifen werden…). Man prophezeit 1000 Transaktionen per Sekunde. 1000 Transaktionen per Sekunde. Für den Anfang. Nochmal? Eintausend Transaktionen pro Sekunde. 24/7 (ich rechne für Sie: 604 800 000 pro Woche). Einkäufe und sonstige Geldverschiebungen. Uns ist echt nicht mehr zu helfen. Kauf weniger sieht anders aus.

 

PS: Der Name. Tatsächlich soll es ein Mix sein aus «libre», frei, die römische Masseinheit Pfund und die Assoziation mit Gerechtigkeit, eben doch die Waage der Justitia. Auf der einen Waagschale sitzt facebook mit 99 Freunden. Und auf der anderen?

 

*Sollte man jetzt vielleicht lesen: Libre toujours, ein packender Roman des Schweizers Jean-Marc Pasquet, in dem es um Voodoo auf Haïti geht und neben kulturellen und romantischen Seiten auch die Grausamkeiten schildert, die passieren, wenn man einem Dämon verfällt.

**https://www.wired.com/story/ambitious-plan-behind-facebooks-cryptocurrency-libra/


Text: Dörte Welti   Foto: istock.com/CHENG FENG CHIANG