DIE FRAU MIT DER LIZENZ, MENSCHEN ZU INSPIRIEREN, IN WORTEN UND TATEN: INGA BEALE SCHRIEB ALS JUNGE FRAU DEN NIKE CLAIM AUF EIN BLATT PAPIER UND HÄNGTE DIESES GUT SICHTBAR AUF. HEUTE ERMUTIGT DIE ERFOLGREICHE VERSICHERUNGSFRONTFRAU SELBST FRAUEN AUF DEM WEG NACH OBEN.
LADIES DRIVE

Als Inga Beale die Lounge des Park Hyatt in Zürich betritt, ist sofort klar: Hier kommt kein Nobody. Mit ihrer Natürlichkeit und ihrem offenen Blick zieht sie die Menschen sofort in ihren Bann. Entschlossener Händedruck, eine feste und doch warmherzige Stimme: Inga Beale ist ein charismatischer Profi mit Herz. 2006 wurde sie bei Converium die erste Vorstandsvorsitzende der Schweizer Versicherungsindustrie. Zwei Jahre später holte sie die Zurich Insurance Group als Geschäftsleitungsmitglied und Global Chief Underwriting officer an Bord. 2012 ging die passionierte Führungskraft zurück nach London, wo sie CEO des Rückversicherers Canopius wurde. Seither pendelt sie zwischen London, wo ihre Arbeit, und Zürich, wo ihre Familie auf sie wartet. Für Ladies Drive reservierte sie eine Stunde ihrer kostbaren Zeit, um mit uns ihre Gedanken zur Arbeit, zum Leben, zum Sport, zu Vorbildern, Quotenfrauen und Abzockern zu teilen. Nach dieser Stunde wissen wir genau: Ein bisschen mehr Inga, und die Arbeitswelt wäre ein besserer ort – für Frauen und Männer.

LADIES DRIVE: Inga, Sie halten der Versicherungsindustrie seit 1982 die Treue. Was hat Sie bereits als junge Frau an dem Thema interessiert?
INGA BEALE: Häufig landen Menschen in der Versicherungsindustrie, ohne sich bewusst für das Thema zu entscheiden. So erging es auch mir. Heute bin ich froh, dass ich schon so früh mit dem Versicherungsvirus infiziert worden bin. Schon als sehr junge Frau kam ich mit globalen Problemen wie Aufruhr in Afrika, Hurrikans in Amerika, Erdbeben in Australien und Naturkatastrophen in Asien in Berührung. In dieser Zeit lernte ich viel über andere Länder. Ausserdem bietet die Branche tolle Karrieremöglichkeiten. Ich bemerkte auch, wie wichtig Versicherungen für unser tägliches Leben sind. Flugzeuge würden nicht fliegen, Züge und Autos würden nicht fahren, Urlaube würden nicht gebucht, wenn es keine Versicherungen gäbe. Der Unfall kürzlich in der Kleiderfabrik in Bangladesch beispielsweise wird von Versicherungen gedeckt. Wo auch immer es einen Tsunami, ein Erdbeben oder sonst ein Desaster gibt, sind wir da und helfen den Menschen, wieder auf die Beine zu kommen. So gesehen erlebe ich die Versicherungsbranche als sehr wertvoll für unsere Gesellschaft.

Welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?
Ich wollte gerne Ärztin werden. Doch schon bald bemerkte ich meine Vorliebe für Zahlen – und bei der Versicherung dreht sich alles um Zahlen und Daten.

Sie waren die erste weibliche CeO in der Schweizer Versicherungsbranche. Branchenkollegen sagen, Sie seien nicht nur sehr erfahren, sondern auch sehr durchsetzungsstark – ist das Ihre grosse Stärke?
Durchsetzungsvermögen ist etwas, das man entwickeln muss. Das galt auch für mich. Als mir die erste Führungsposition angeboten wurde, lehnte ich ab. Mir fehlte das Selbstvertrauen. Das ist typisch weiblich. Wir denken oft, dass wir nicht gut genug sind. Und wenn wir Jobangebote bekommen, haben wir Angst zu versagen. Männer hingegen sagen sofort: „Selbstverständlich kann ich das!“ In meinen Coachings und Mentorings ermutige ich Frauen und sage ihnen: Deine Firma vertraut dir, also musst auch du dir vertrauen! Ich hatte damals das Glück, dass die Senior Managerin zu mir kam und mich fragte, ob ich verrückt sei, den Job abzulehnen. Sie war davon überzeugt, dass ich das Zeug dafür hatte, und empfahl mir ein Durchsetzungskraft- Training. An einem Wochenende wurden wir in einer kleinen Gruppe von acht Personen gecoacht. Am Montag ging ich zurück in die Firma und sagte zu meinem Boss: „Ich will den Job!“ – und ich bekam ihn. Seither habe ich nie wieder zurückgeschaut. Ich glaube an das Mentoring anderer Frauen. Mit erfahrenen Menschen zu sprechen kann einem helfen, über die Selbstzweifel hinwegzukommen.

Hatten Sie selbst auch eine mentorin?
Annette Sadolin war meine Mentorin. Ich traf sie bei der GE Insurance Group. Sie war eine wichtige Inspiration für mich.

Welche eigenschaft muss man für eine Topmanagement-Position neben der Durchsetzungskraft noch mitbringen?
Man muss gewinnen wollen und den Wettbewerb lieben – ich meine das in einem guten Sinn. Ich war immer sehr sportlich und mochte Wettkämpfe. Ich habe gerudert und zwölf Jahre Rugby gespielt, eine raue Sportart, die mich viel über Teamwork gelehrt hat. Man kann nur mit einem Team erfolgreich sein, ohne dein Team kannst du nicht überleben. Deshalb engagiere ich nur die besten Mitarbeiter. Ich fühle mich von ihnen niemals bedroht. Vielmehr weiss ich, je besser und diverser mein Team ist, desto besser ist das für das Unternehmen und für mich.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer CEO-Position?
Ich liebe es, Entscheidungen zu treffen. Selbst in einem Restaurant entscheide ich mich innerhalb von Sekunden für ein Menü. Viele Menschen scheitern dabei, gute Führungskräfte zu sein, weil ihnen der Mut fehlt, Entscheidungen zu treffen. Aber man muss Entscheidungen treffen – auch wenn es nicht immer die richtigen sind. Andernfalls kommt ein Unternehmen nicht vorwärts. Und ich mag es, Mitarbeiter zu entwickeln und Talente zu fördern. Meine grösste Freude ist es, Menschen wachsen zu sehen. Ihr Erfolg erfüllt mich. CEo zu sein, hat eine starke menschliche Komponente. Genau das liebe ich!

Von aussen betrachtet, sieht Ihre Laufbahn wie eine Bilderbuchkarriere aus – gab es auch Rückschläge?
… (denkt nach) Meine berufliche Entwicklung besteht aus zwei Teilen. In den ersten 14 Jahren hat sich alles um den Sport gedreht; die Karriere war mir nicht so wichtig. Meine erste Führungsposition hat mein Leben verändert. Von da an ging alles in die richtige Richtung. Ich bekam wundervolle Möglichkeiten und hatte den Mut zuzugreifen. Wenn sich etwas gut anfühlt, sollte man unbedingt zuschlagen, auch wenn es einem zu Beginn Angst einjagt. Ich war im Frontline Marketing in London tätig, als mir eine Senior Back office Rolle in den USA angeboten wurde. Ich habe ja gesagt. Es war eine grosse Herausforderung und riss mich aus meiner Londoner Komfortzone, aber ich zog innerhalb von zwei Monaten in die USA. Das braucht Flexibilität und Mut. Auch Jobangebote in Paris, München und Zürich habe ich angenommen. Es gibt nichts Spannenderes, als in einem anderen Land zu leben. Es öffnet den Geist und lässt uns Menschen, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse viel klarer verstehen. Als CEo kann ich besser lenken und auf einzelne Mitarbeiter besser eingehen. Die Auslandsaufenthalte haben eine gereifte Führungspersönlichkeit aus mir gemacht. Heute achte ich auf Auslandserfahrungen, wenn ich neue Mitarbeiter einstelle.

Die Versicherungsbranche ist für ihre guten Gehälter bekannt. Was halten Sie von der Abzocker-Initiative in der Schweiz?
… (wirkt nachdenklich) Vor vielen Jahren wollte jeder in die Schweiz kommen. Es gab so viele Vorteile für Betriebsansiedelungen, wie sehr gut ausgebildete und flexible Arbeitskräfte, keine rigiden Gewerkschaften, hoher Lebensstandard, gute Arbeitsethik, die steuerliche Situation, die Erreichbarkeit, die Sprachen und vieles mehr. Ich fürchte, die letzte Initiative könnte Unternehmen davon abhalten, in die Schweiz zu kommen. Aber wie bei jeder neuen Regelung, wird auch diese die Menschen inspirieren, alternative Lösungen zu finden und innovativ zu sein. In Bezug auf exzessive Gehälter … als CEo eines grossen Rückversicherers bin ich diejenige, die in das Gefängnis geht, wenn etwas schiefläuft. Ich habe eine Endverantwortung, nicht nur für mich, sondern für alles, was meine Tausenden von Mitarbeitern tun. Ich finde, das ist ein Risiko, das bezahlt werden muss. Meiner Erfahrung nach sind Frauen allerdings generell weniger gierig. Es könnte also gut sein, dass sich diese Initiative sogar positiv für die Frauen auswirkt. Uns treibt nicht das Geld an. Wir wollen erfolgreich sein und einen guten Job machen!

Und wie stehen Sie zum Thema Frauenquote?
Meine Mutter kommt aus Norwegen, einem Land, das vor ein paar Jahren die Quote auf Board-Level erfolgreich eingeführt hat. Nach 31 Jahren in der Versicherungsindustrie sehe ich kaum eine andere Frau an der Spitze einer Versicherungsgruppe – da läuft doch etwas schief! Ich unterstütze Quotenregelung, weil sie uns hilft, etwas in Bewegung zu bringen, das dann zur Norm wird (lacht). Vor nicht allzu langer Zeit bekamen Frauen keine tollen Jobangebote und wir hatten eine 100-Prozent-Männerquote!

Was bedeutet Leadership für Sie?
Leadership ist meine grosse Leidenschaft. Für mich bedeutet Leadership, eine Vision und eine klare Strategie zu haben und sicherzustellen, dass die Leute dir folgen. Denn noch mal: ohne Team kann niemand erfolgreich sein. Ich kommuniziere viel und bin ein sehr erfolgreicher Kommunikator, sowohl in der Gruppe als auch im 1:1. Das bedeutet nicht, mit jemandem zu sprechen, sondern zuzuhören. Es ist absolut entscheidend, den Menschen und der organisation zuzuhören. Ich nenne meinen Stil „Inclusive Leadership“, das bedeutet, ich involviere die Menschen und befähige sie, Mehrwert in das Unternehmen einzubringen und der Company zu helfen, sich in die richtige Richtung zu entwickeln. Das braucht Mut, und die Menschen müssen sehen, dass du absolut überzeugt bist. Denn wenn sie sehen, dass du schwach bist, werden sie dir nicht folgen. Das ist wie in der Welt des Sports, der Captain des Teams ist die inspirierende Persönlichkeit, zu der jeder aufschaut. Es ist also auch Teil des Jobs als CEo, diese Sicherheit und Zuversicht auszustrahlen. Wenn jemand müde, besorgt oder gestresst aussieht, verliert er das Vertrauen seiner Leute.

Wie gehen Sie mit herausforderungen im unternehmen und im Branchenumfeld um?
Was mir den Schlaf raubt, sind nicht die beruflichen Herausforderungen. Ich weiss, ich habe die richtigen Leute, die unsere Themen gut meistern und die richtigen Lösungen finden werden. Was mich beschäftigt, sind die Menschen in meinem Team. Alle anderen Themen lassen sich kontrollieren.

Was inspiriert Sie?
Ich bin sehr stolz auf das, was ich geschaffen habe. Ich könnte weder mich selbst noch mein Team enttäuschen, indem ich nicht erfolgreich bin. Ich habe eine Verpflichtung meinem Team gegenüber – schliesslich bekomme ich auch viel von meinen Mitarbeitern zurück. Ich brauche den direkten Kontakt zu meinem Team. Seine Motivation und sein Enthusiasmus inspirieren mich. Auch gebe ich mein Bestes, um Frauen so gut als möglich zu unterstützen. Ich will ein ermutigendes Vorbild sein für andere.

Was bedeutet erfolg für Sie? haben Sie mehr aus erfolgen oder misserfolgen gelernt?
Erfolg bedeutet aktuell für mich, Canopius zum Top-Performer in der Branche zu entwickeln. Misserfolg wäre, hierbei die Kontrolle zu verlieren. Meine Zeit bei Converium war gewiss eine der lehrreichsten in meinem Leben. Die feindliche Übernahme fühlte sich wie ein grosser Misserfolg an. Aber rückblickend hatte dieser Abschnitt seine guten Seiten. Gute Leute konnten ihre Jobs behalten, das Unternehmen ist erfolgreich, die Kunden und Investoren sind glücklich. Ich habe in dieser Zeit viel über menschliches Verhalten, Loyalität und Vertrauen gelernt. Und ich habe erfahren, wie stark Frauen in Krisenzeiten sein können. Ich bin davon überzeugt: Wären mehr Frauen in Führungspositionen gewesen, wäre es auch mit der Finanzkrise nie so weit gekommen. Wir haben eine natürliche Gabe, Krisen zu bewältigen. Wie eine Mutter, die niemals krank wird, haben wir Business-Frauen eine unbändige Kraft, schwierige Situationen zu meistern.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Familie und Business?
Ich habe von Anfang an klar gemacht, dass ich am Wochenende nicht arbeite. Wenn ich von London nach Zürich zu meiner Familie fliege, bin ich ganz für meine Liebsten da. Der einzige Wermutstropfen: Ich habe das Gefühl, dass ich zu wenig Zeit für meine Freunde habe. Das vermisse ich am meisten. Wenn ich durchgehend hier wäre, wäre es einfacher. Ich wusste das, als ich den Job annahm, aber ich würde es niemandem empfehlen.

Sie sind Keynote Referentin der League of Leading Ladies vom 26. bis 28. September im Grand Resort Bad Ragaz. In diesem Rahmen werden Sie Ihre Gedanken zu den Schlüsselmomenten in Ihrer Karriere teilen. Welche waren diese Schlüsselmomente?
Die Schlüssel zum Erfolg sind Selbstvertrauen und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Ich habe als Keynote-Thema den Songtitel „It’s My Life“ gewählt. Er sagt genau das aus, was mir so wichtig ist: Es ist mein Leben. Ich habe die Kontrolle und kann jederzeit entscheiden, in welche Richtung es geht!

Sie sind sehr beschäftigt und viel unterwegs. Dennoch haben Sie die einladung zur League of Leading Ladies angenommen. Warum?
Es ist mir sehr wichtig, Frauen zu unterstützen und zu ermutigen – vor allem in der Schweiz. Ich erlebe das Umfeld hier als nicht besonders förderlich für Frauen. Meine Aufgabe ist es, Frauen dabei zu helfen, Selbstvertrauen zu gewinnen, um vorwärts zu kommen. Und natürlich freue ich mich darauf, andere sehr erfolgreiche Frauen kennenzulernen und von ihnen zu lernen!

Weiterführende Informationen:
Seien auch Sie Teil unseres Netzwerks der „League of Leading Ladies“ und besuchen Sie unseren zweitägigen Workshop im Grand Resort Bad Ragaz vom 26.-28.9.2013. Die Teilnehmerzahl ist auf 100 Personen limitiert. Informationen zur Agenda sowie Anmeldung unter: www.leagueofleadingladies.com

Weitere Informationen zum Unternehmen von Inga Beale finden Sie unter: www.canopius.com


Text: Claudia Gabler
Fotos: Canopius Press