Jenseits von Gut_Frauenwandernnachrechts_Aikawa Ke_flickrBisher wählten Frauen im Vergleich zu den Männern tendenziell stärker links und grün. Das hat sich nun teilweise geändert: Wo liegen die Gründe für diesen überraschenden Wandel?

Einer der interessantesten gesellschaftlichen Befunde der eidgenössischen Wahlen vom Herbst 2015 lieferte eine Online-Umfrage des Zürcher Tamedia-Konzerns, an der sich über 40 000 Personen beteiligten. Untersucht wurde unter anderem, ob es geschlechtsspezifische Differenzen gibt und wie sich diese in der Zustimmung zu einzelnen Parteien niederschlagen. Bislang war es stets so, dass die Männer eher zu liberalen und konservativen, also zu rechten Positionen neigen, während die Frauen tendenziell links-grün wählten. Je nach Partei betrugen die Unterschiede mehrere Prozentpunkte.

Diesmal aber ergab sich bei der Wahlsiegerin, der Schweizerischen Volkspartei (SVP), ein erstaunliches Ergebnis. Die Geschlechterdifferenz war beinahe aufgehoben. 30 Prozent der Männer wählten die SVP und 29 Prozent der Frauen. Das ist ein schon fast vernachlässigbarer Unterschied – ganz abgesehen davon, dass auch eine gewisse Unterschärfe der Erhebungsmethode vorliegen könnte.

Die politsoziologische Forschung weiss seit längerem, dass Männer anders ticken als Frauen. Die grössten Unterschiede waren und sind nach wie vor bei den Mitteparteien auszumachen, bei den Christdemokraten und den Freisinnigen. Untersuchungen auf lokaler Ebene zeigten, dass die Sektionen dieser Parteien stärker nach links driften, wenn der Frauenanteil steigt. An den Rändern des politischen Spektrums war dies weniger ausgeprägt, dennoch waren die geschlechtsspezifischen Unterschiede auch dort konstant messbar.

Dass nun bei der nationalkonservativen SVP kaum mehr Geschlechtsdifferenzen feststellbar sind, bleibt eine kleine Sensation. Wie erklärt sich dieser Wandel?

Zunächst ist festzuhalten, wofür die 29 Prozent der Schweizerinnen, die ihre Stimme der Volkspartei gaben, votierten: Sie wollen eine freiheitliche Wirtschaftspolitik, einen finanzierbaren Sozialstaat sowie tiefere Steuern und weniger öffentliche Schulden. Das ist die liberale Seite des SVP-Programms. Die andere, die man die konservative nennen könnte, zielt auf die Bewahrung der institutionellen Errungenschaften, welche die Schweiz so erfolgreich gemacht haben: die direkte Demokratie, die bewaffnete Neutralität und den Föderalismus.

Offenbar sind diese rechten Positionen für so viele Wählerinnen die richtigen wie nie zuvor seit Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971. Doch reichen sie aus, um die Popularität der SVP bei den Schweizerinnen zu begründen?

Wohl kaum. Frauen neigen nach wie vor eher zu sozialen Haltungen als Männer. Marktliberale Ansätze strahlen für sie immer noch eine gewisse Kälte aus, auch wenn das letztlich ein Trugschluss wäre – denn sozial ist nicht, wer den Sozialstaat überdehnt; sozial ist, wer Arbeitsplätze schafft.

Es muss also noch einen weiteren Grund dafür geben, dass das weibliche Elektorat nach rechts gewandert ist. Sowohl die Wahlkampagne der SVP wie auch die Ergebnisse früherer Sachabstimmungen legen den Schluss nahe, dass die Migrationspolitik einen entscheidenden Faktor ausmacht. Denn erstens war der Wahlkampf ganz auf dieses Thema ausgerichtet, und zweitens zeigte sich bei ausländerrechtlichen Vorlagen in der Vergangenheit, dass Frauen in solchen Fragen restriktive Lösungen bevorzugen, etwa bei der sogenannten Ausschaffungsinitiative. Das ist auch kein Wunder: Kriminalität und Gewalt waren schon immer vorwiegend Männersache.


Text: Dr. Philipp Gut – stv. Chefredaktor der „Weltwoche“ sowie Buchautor. Kürzlich ist neues neustes Werk „Champagner mit Churchill“ im Stämpfli Verlag erschienen. Bestellen Sie via Mail an [email protected] Ihr handsigniertes Exemplar. Umfangreichere Geschenksets finden Sie unter: www.staempfliverlag.com/geschenke
Foto: Aikawa Ke, flickr cc, unverändert übernommen