Die Spanierin Nuria Perez-Cullell wurde im Sommer 2018 zur globalen CEO von Pierre Fabre Dermo-Cosmetics am Hauptsitz in Frankreich berufen und führt somit weltweit bekannte Marken wie Eau Thermale Avène, Klorane oder René Furterer. Die 46jährige Pharmakologin tritt in der Öffentlichkeit nur zurückhaltend in Erscheinung und scheint sich vornehmlich aufs Business zu fokussieren. Dazu gehört unter anderem auch die globale Produktentwicklung.

Ich treffe Nuria am Schweizer Hauptsitz von Pierre Fabre in Basel und bin erstaunt wie modern die Werte des traditionsreichen Unternehmen doch sind.

Ladies Drive: Ich habe eine Lieblingsfrage, mit der ich gerne Interviews starte: Wonach duftet Ihre Kindheit?
Nuria Perez-Cullell: Hm (überlegt)…also…Schirm-Kiefer! Ich stamme aus Barcelona. Wir lebten nahe den Bergen in einem Gebiet, wo es hauptsächlich Pinienbäume gab, die einen sehr würzigen Geruch verströmen. Das ist das erste Mal, das mich jemand das fragt! Wir haben sogar die Pinienfrüchte des Baumes gegessen. Das wäre in dem Fall der Duft meiner Kindheit.

Sie strahlen, wenn Sie dieses Erlebnis mit uns teilen…
(Lächelt) Ich habe an diese Zeit eine Menge wunderschöner Erinnerungen, weil ich damals sehr viel bei meinem Grossvater war. Meine Eltern haben beide in einem Krankenhaus gearbeitet, weswegen ich eine Menge Zeit mit ihm verbrachte. Mein Vater war ein Doktor und meine Mutter eine Krankenschwester. Ich weiss noch genau, dass wir mit meinem Grossvater immer draussen waren. Sommerzeit kommt mir dabei in den Sinn, herrliche Tage und eine gewisse Leichtigkeit. Der Duft ist demnach für mich mit einem Glücksgefühl verbunden.

Versuchen Sie, dieses Gefühl von Leichtigkeit in Ihr tägliches Leben als Erwachsene zu integrieren?
Solche persönlichen Momente helfen mir, mich zu regenerieren, wenn ich an sie denke, aber ich mache das eher für mich alleine…

Das ist ein grosses Thema für viele Menschen in Führungspositionen…wie schaffen sie das? Wie laden Sie Ihre Batterien auf?
Zum Einen liebe ich es, draussen Laufen zu gehen. Niemals drinnen. Wenn ich laufe, versuche ich, die täglichen To Do’s auszuschalten. Ich fordere mich einfach nur heraus und denke über nichts anderes nach. Und zum Zweiten habe ich zwei Töchter, die sind 16 und 13 Jahre alt. Sobald ich mit Ihnen zusammen sein kann, helfen Sie mir, alles andere zu vergessen, einfach nur Liebe zu spüren, Bücher zu lesen, gemeinsam Fernsehen zu schauen. Das alles hilft mir, mein Leben zwischen Familie und Beruf auszubalancieren. Ich habe so ein Glück, zwei unkomplizierte Teenager zu haben! Sie helfen viel zuhause. Sie waren es gewöhnt, eine Mutter zu haben, die viel reist, also mussten sie viele Dinge mit sich selbst abmachen und alleine organisieren.

Fühlen Sie sich als weibliche Führungskraft eigentlich angegriffen wenn man Sie nach Ihren Kindern fragt? Ich kenne eine ganze Reihe von Managerinnen, die ihre Familiengeschichten niemals in einem Magazin abgedruckt sehen wollen würden, obwohl ich männliche Kaderleute auch immer genau das Gleiche frage. Für mich sind Persönlichkeiten Menschen und nicht Statushalter. Manchmal ist es viel spannender zu erfahren, wie das Privatleben einer Führungskraft aussieht, als wenn man eine typische Businessstory zu hören bekommt…
Es stimmt, dass Journalisten mich immer fragen, wie ich denn Familienleben und eine erfolgreiche Karriere unter einen Hut bekomme. Und ich bin eigentlich sicher, dass man mir diese Frage nie stellen würde, wenn ich ein Mann wäre. Aber ich erzähle gerne von meinen Kindern, weil sie mich sehr stolz machen. Und weil sie mich meinen Stress vergessen lassen und mir helfen, das Leben zu geniessen. Es geht doch im Prinzip nur darum, wie man die richtige Balance findet in allem was man macht, ob man jetzt Kinder hat oder nicht. Wenn ich mit dem CEO der Gruppe reise und wir gemeinsam ein Interview haben, stellt ihm nie jemand diese Frage (lacht). Er hat zwei junge Kids, genau wie ich! Und wenn man mich dann fragt, wie ich es anstelle, sage ich immer: Genau so wie er!

Ein anderes Vorurteil über Frauen, die es an die Spitze geschafft haben, ist, dass sie unglaublich hart für ihren Erfolg haben arbeiten müssen. Und dass sie sehr viel besser sein müssen als Männer, damit man sie wahrnimmt.
Ich habe in dieser Firma 1998 begonnen, also vor 21 Jahren. Und man hat mir alle fünf Jahre neue Positionen, neue Rollen angeboten. Innerhalb von Pierre Fabre war es deshalb für eine Frau nicht schwieriger als für einen Mann, in die oberen Etagen zu gelangen. Ich musste hart arbeiten, ja, aber das müssen alle! Die Company geht sehr bewusst mit Gender Diversity um, auf allen Ebenen. Wir haben deswegen auf dem C-Level 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer. Eine Karriere ist immer ein hartes Stück Arbeit und ich habe nie Diskriminierungen innerhalb des Unternehmens erlebt. Die Wertschätzung des Menschen ist dieser Firma sehr wichtig. Das ist mit ein Grund, warum jeder bei uns die gleichen Rechte und die gleichen Chancen hat. Wir versuchen, für eine Stelle immer die beste Persönlichkeit zu finden.

Sie sagen, Sie haben innerhalb der Firma niemals Diskriminierung erlebt. Und ausserhalb? Ich will nicht über Frauen als Opfer sprechen, ich bin lediglich neugierig zu erfahren, wie Sie solche Situationen handeln.
Nein, nicht wirklich. Ich habe immer versucht, meine Begeisterung zu teilen. In asiatischen Ländern ist das manchmal eine Herausforderung. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Sache in Korea. Bevor wir unseren eigenen Vertrieb dort hatten, sind wir dorthin gereist. Ich war zu der Zeit Global Marketing Manager von Avène und ich ging in dieses Meeting mit meinem Boss, einem Mann. Er bat mich, die Präsentation zu halten, weil ich die ganze Arbeit damit gehabt habe. Während der gesamten Präsentation haben mich die vier Koreaner nicht einmal direkt angesprochen und etwas gefragt. Ich habe meinem Boss die Antwort gesagt und er hat sie der koreanischen Delegation weitergegeben (lacht). Das hat mich ziemlich irritiert. Zwei Jahre später haben wir uns entscheiden, einen eigenen Vertrieb in Korea aufzubauen und der General Manager ist eine Frau. Das war ein mutiger Schachzug. In den ersten Jahren haben uns die Journalisten immer wieder gefragt, warum wir eine Frau an dieser Stelle positioniert haben. Sie ist ein grossartiges Vorbild. Aber es war nicht leicht. Ebenso wie in Japan, einer sehr stark traditionellen und von Männern dominierten Gesellschaft. Je mehr Frauen wir an solche Stellen setzen können, desto mehr könne wir zeigen, dass Frauen genau das Gleiche leisten können wie die Männer. Wir müssen das Momentum für Frauen im Sinne einer ausgewogeneren Gesellschaft nutzen. Wir brauchen Männer und Frauen, die bereit sind, sich die Verantwortung teilen. Gender ist nicht wichtig. Ich bin froh, an dieser Position zu sitzen, dass ich dazu beitragen kann.

Sie erwähnten bereits, dass Sie seit 21 Jahren bei Pierre Fabre sind. Die Beauty-Industrie ist ganz schön heftig durchgeschüttelt worden durch die Digitalisierung, die Online-Märkte und diese Dinge. Wie begegnen Sie dieser Challenge?
Wir investieren viel in die digitalen Kanäle und Absatzmärkte. Als das Unternehmen gegründet wurde, haben wir eng mit Experten aus der Gesundheitsbranche wie Ärzten und Pharmazeuten zusammengearbeitet. Das haben wir auf der ganzen Welt so gehandhabt. Durch sie haben wir den Kontakt zum Kunden aufgebaut. Jetzt investieren wir sehr viel darin, diesen Kontakt mit unseren Kunden in der digitalen Welt zu behalten. Wir sind auf allen Online-Kommunikationskanälen aktiv, pflegen enge Beziehungen zu Bloggern, mit Verbraucherverbänden, um Fragen zu beantworten, die die Verbraucher haben. Und das sind viele heutzutage, sie haben mehr und mehr Fragen, wollen alles genau über die Inhaltstoffe wissen, wie wir produzieren. Und sie wollen die Antworten schnell, sofortiges Feedback. Wir haben unsere digitale Stategie dahingehend ausgerichtet, dass wir unsere medizinischen Wurzeln pflegen. In der Dermokosmetik hat Natur und Wissenschaft einen grossen Stellenwert und darauf wollen wir weiter fokussieren. Also investieren wir sehr viel in die digitalen Kanäle.

Hat es Sie wie so viele andere hart getroffen, dass das digitale Angebot dermassen angewachsen ist?
Ende 2018 ist Pierre Fabre, genauer die Dermokosmetik innerhalb des Unternehmens, um 3 Prozent gewachsen während das internationale Geschäft der gleichen Sparte 8 Prozent zugelegt hat. Wir gehören in Europa mit Eau Thermale Avène noch immer zu den Marktführern. Aber es ist wahnsinnig kompetitiv geworden, und der Markt ist ziemlich gesättigt. Sie finden heute Angebote von grossen globalen Players, nationalen Anbietern, solchen, die rein digital anbieten, und dann gibt es auch noch die Angebote im Bereich natürliche und Bio-Produkte. Es kommen immer mehr dazu – und so wird es auch für uns immer fordernder ein Herausstellungsmerkmal zu entwickeln. Aber ich bleibe zuversichtlich, weil wir von Grund auf starke Marken im Portfolio haben und zwar weil sie eine perfekte Balance haben zwischen: Medizinisch wirksam aber mit natürlichen Bio-Ingredenzien.

Der Markt ist nervös und instabil…
Richtig. Es ist nicht leicht. Wie sollen wir damit umgehen? Wir haben effiziente Produkte entwickelt, mit einer guten Verträglichkeit und kosmetischer Wirkung, inspiriert von der Natur. Unser Kunde bekommt von uns Transparenz. Wir haben und wir werden jederzeit nachhaltig und umsichtig mit der Natur agieren und mit den Menschen, die mit unserer Marke in Kontakt kommen, egal auf welche Art und Weise. Wir sind deshalb bestrebt, unsere Philosophie zu stärken und zu behalten angesichts des wirklich extremen Konkurrenzkampfes auf dem Markt. Aber gleichzeitig müssen wir uns mehr bewegen. Wir können nicht wie ein schwerfälliger Global Player agieren. Wir müssen auf lokalem Level schnell reagieren können. Bei alldem müssen wir aufpassen, unsere Wurzeln nicht zu verlieren. Ich bin davon überzeugt, dass viele Konsumenten zu uns zurückkehren werden genau wegen dieser authentischen Werte.

Ist es schwierig, die DNA zu bewahren und trotzdem innovativ und agil zu sein?
Unser Gründer Pierre Fabre hat sich entschlossen, diese Firma im Einklang mit der Natur und eng mit Experten aus der Gesundheitsbranche aufzubauen. Die Kunden suchen heute nach effizienten Produkten, die aber organisch sein sollen, natürlich, und bestenfalls auch noch nachhaltig produziert, fair gehandelt – und wo die Arbeiter auf den Farmen auch fair bezahlt werden. Von Anfang an hatten wir diese Werte und diese Inhaltstoffe, haben Rücksicht auf die Umwelt genommen und sozial agiert. Heute müssen wir genau das dem Verbraucher erklären: dass wir die Marke einst auf diesen Werten gegründet haben, das wir bereits lange damit arbeiten und dass wir deswegen so gut sind. Die Herausforderung ist, dass die Kunden vergessen haben, dass wir natürliche, organische Inhaltsstoffe verwenden (lächelt)…

Die Kunden wollen den Sofort-Effekt, denn keiner hat mehr Zeit heute, auch nicht zum schön werden. Und jeder spricht vom „instant glow“. Wie bringen Sie das zusammen mit organischen und natürlichen Inhaltstoffen, ohne die Natur auszubeuten?
Genau so ist es, sie wollen Effizienz, den „instant glow“ und organische Inhaltstoffe, eine nachhaltige Produktion – es ist nicht leicht. Aber gerade weil unsere Firma auf diesen Prinzipien gegründet wurde sind die Prozesse der Infrastruktur bereits auf dieses Ziel ausgerichtet. Ein Beispiel: Wir haben die letzten 8 Jahre an einer neuen hundertprozentig natürlichen Methode gearbeitet, die aktiven Inhaltsstoffe zu extrahieren. Wir nehmen frische Pflanzen, setzen Sie einem hohen Grad an Druck und Temperatur aus und die Zellen platzen. Das Wasser, welches bei diesem Prozedere frei wird, kann als Lösemittel genutzt werden. Das Resultat ist, dass man einen vollständigen und hundertprozentig natürlichen Extrakt erhält.

Aber durch die Hitze verändert man die Enzyme…
Wir haben ein Patent auf die Methode, die die Enzyme daran hindert, die aktiven Inhaltstoffe zu zerstören und trotzdem im gleichen Moment die Zellen zum Platzen bringt und das Wasser frei setzt. Das ist beachtlich. Wir haben gerade das erste Produkt auf den Markt gebracht, bei dem wir die diese Extrahierungsmethode aktiver Inhaltstoffe angewendet haben, die Klorane Mint Range.

Und ich kann mir vorstellen, dass Sie weniger Inhaltstoffe brauchen.
Stimmt.

Verraten Sie uns, an welchen Innovationen Sie derzeit noch arbeiten?
Eine der wichtigsten Innovationen, die wir kürzlich lanciert haben, war die Neuformulierung unserer Sonnenprodukte in 2013, um den negativen Einfluss zu minimieren, den sie auf das Ecosystem der Wasserwelt haben. Innerhalb eines Jahres, werden wir ein weiteres Produkt mit diesem Approach lancieren. Das wird ein revolutionäres Produkt sein.

Meine letzte Frage dreht sich um das übergeordnete Thema unserer Herbstausgabe: Spiritualität im Business. Ist das ein No Go für Sie oder ein anderer, ein neuer Approach für eine nachhaltigere Wirtschaftswelt?
Pierre Fabre gehört tatsächlich zu einer Foundation, die die Ärmsten dieser Welt mit medizinischer Hilfe versorgt, beispielsweise in Südostasien und Afrika. In unserer Firma haben wir diesen spirituellen Approach. Natürlich sind wir auch Profit orientiert, aber unser Gewinn wird in die Foundation reinvestiert. Ich denke, dass jeder, der bei Pierre Fabre arbeitet, diese Philosophie teilt. Wir alle wissen dass Dank dieser Stiftung Menschen, die Hilfe brauchen, auch Hilfe bekommen. Das ist ein wichtiger Teil der Spiritualität unserer Firma. Sinnvolles zu kreieren. Der Gesellschaft etwas zurückgeben. Der Leitspruch unserer Firma ist: «Sich kümmern, besser leben.» Jedes Mal, wenn wir uns um einen einzelnen Menschen kümmern, machen wir die Welt ein kleines Stückchen besser. Und das ist uns sehr wichtig. Das sage ich auch meinen Mitarbeitern, wenn das Business mal wieder besonders streng ist: Wir haben eine Aufgabe. Das ist es, was wirklich zählt.

Zusätzliche Informationen:

www.pierre-fabre.com

www.pierre-fabre-dermatologie.ch

www.foundationpierrefabre.org


Text: Sandra-Stella Triebl    Fotos: Pierre Fabre Press