Gabriella Scarpa ist für mich der Inbegriff einer schönen, erfolgreichen Italienerin. Seit 22 Jahren ist sie bei LVMH, seit 2003 als CEO und Präsidentin der Kultmarke „Acqua di Parma“ und seit 2006 auch als CEO bei Italia Dior Couture. Und wenn jemand beruflich in derart sinnlichen Gefilden beheimatet ist, erwartet man sich … genauso eine Persönlichkeit wie die von Gabriella Scarpa.

58 Jahre alt und immer noch voller Energie, Ideen, Zukunftsvisionen und Drive: Gabriella Scarpa, CEO und Präsidentin von Acqua di Parma.

Wir treffen die Acqua-di-Parma-Chefin in der grössten und exklusivsten Boutique der Marke im Herzen von Mailand. Wir betreten einen kostbar gestalteten Raum, der sich von einem eleganten italienischen Anwesen inspiriert zeigt, und finden uns zwischen den mittlerweile zur Ikone gewordenen Flakons von Colonia und Blu Mediterraneo sowie den unnachahmlichen Verpackungen in Parma- Gelb und dem verführerischen Duft eines echt handgemachten Parfums wieder. Sofort erinnere ich mich an Patrick Süskinds Meisterwerk, schliesse die Augen. Iris, Oud (das neue Eau de Cologne für den Mann), Bergamotto, Arancia. Für einen Moment wähne ich mich inmitten von Jasminfeldern und Orangenplantagen unter der warmen Sonne Italiens. Einen Augenblick später führt man uns erst mal durch die zauberhafte Boutique, die nach allen Regeln italienischer Handwerkskunst ausgestattet wurde – mit filigranen, schillernden Mosaiken und feinstem Kaschmir, mit dem ein Teil der Wände im Barber-Shop bezogen wurde. Und dann natürlich die exklusiven Remakes der Ledersessel aus den 1930er-Jahren, Poltrona Frau. Als wir es uns dann gerade bei einem Espresso gemütlich machen, betritt Gabriella Scarpa den Raum. In ein dunkelblaues, knielanges Dior-Kleid aus fliessendem, schmeichelhaftem Material gehüllt, schmettert sie uns ein herzliches „Buongiorno“ entgegen. Mit ihren blau und türkis geschminkten graublauen Augen, die um die Iris herum einen zauberhaft grünlichen Schimmer aufweisen, strahlt sie uns an. Ihr Blick ist hellwach und eindringlich. Präsent. Konzentriert.

„Haben Sie die Boutique schon gesehen oder soll ich sie Ihnen zeigen? Schön nicht?“, sprudelt sie hervor, ohne auf meine Antwort zu warten. Denn noch während sie spricht, nicke ich bewundernd. Ihre Lippen öffnen sich zu einem breiten Lächeln.

„Schön, was Sie mit Ladies Drive und weiblicher Intuition geschaffen haben.“ Gabriella Scarpa nickt zustimmend. „Sie lieben, was Sie tun – das sieht man Ihnen an.“ Sie lächelt und nippt an ihrem Mineralwasser. „Sie haben einen spannenden Lebenslauf.“ Gabriella Scarpa hat ein absolut faszinierendes Leben. In den 1970er-Jahren begann ihre Karriere in einem industriellen Betrieb, der sich unter anderem auf die Dämmung von Häusern spezialisiert hatte. Es folgte ein Abstecher zu einem japanischen Motorradhersteller, bevor sie über die Uhrenindustrie (Swatch) zu Dior kam. Im Alter von 36 Jahren wurde sie CEO bei Parfums Christian Dior, die damals schon zur Gruppe LVMH gehörten. Infolge machte man sie zum Country General Manager von LVMH P&C Italy, wo sie für den gesamten Bereich Düfte und Kosmetik zuständig ist. Neben Christian Dior umfasst die Division auch die Marken Givenchy, Guerlain, Kenzo, Loewe und Fendi. Im Jahr 2003 übernahm Gabriella Scarpa als Präsidentin die Führung.

„Was lieben Sie?“, will ich neugierig erfahren. Ihre Antwort kommt prompt: „Ich liebe das Leben. Weil es alles beinhaltet – Leidenschaft, Schönheit, Emotionen. Alles Dinge, die ich mag.“ Gabriella Scarpa beschreibt sich dabei selbst als Optimistin, die stets die positiven Seiten sieht, auch im Business und selbst dann, wenn Ratio gefragt ist. Gabriella Scarpa liebt das Kochen, zur Zerstreuung, denn die Zeit für Sport ist in ihrem Leben rar geworden. Reisen, Sitzungen. Also wird der Kochtopf hin und wieder zum eigentlichen Hobby. Die Businesslady trennt Privates und Berufliches nicht – für sie ist alles gleichermassen Teil ihrer Leidenschaft und ihres Lebens. Sie empfindet es als grosses Geschenk, Familie und Karriere erlebt haben zu dürfen. Urlaub und Entspannung sind ihr hingegen fast langweilig. Ferientage empfindet sie als Unterbrechung ihres Arbeitsrhythmus. „Einfach am Strand rumliegen? Das ist nichts für mich!“, urteilt sie nüchtern. „Wenn man so viel Befriedigung findet, in dem, was man tut, braucht man einfach keinen Urlaub. Ich hatte tatsächlich jahrelang keinen einzigen Ferientag, war aber trotzdem kein bisschen burnoutgefährdet.“ Obwohl sie für einen weltweit tätigen Konzern arbeitet, liegt es in ihrer Hand Entscheidungen zu treffen, ganz so als wäre sie selbst die Unternehmerin. Genau das scheint ihr zu liegen. Gabriella Scarpa ist die geborene Leaderin, die gerne an der Spitze steht, egal, wie viel Verantwortung sie dabei zu tragen hat, unabhängig davon, wie viel Gegenwind ihr ins Gesicht bläst. Auch wenn sie zu bedenken gibt, das es für sie als Frau ein Lernprozess war: „In der Gesellschaft waren Männer die natürlichen Leader. In der Familie, im Berufsleben. Frauen haben zwar dieselben Fähigkeiten, wenn wir von „leadership by competence“ sprechen, aber man muss diese entwickeln und hart an sich arbeiten. Ich muss sagen, dass ein Grossteil der neuen Generation heutzutage in einem Kokon aufgewachsen ist und deshalb weniger Führungsqualitäten an den Tag legt – dies gilt gleichermassen auch für die Männer.“ Männer seien weiblicher, Frauen etwas männlicher geworden. In puncto Leadership ist diese Entwicklung absolut spannend. Das patriarchale Modell betrachtet Gabriella Scarpa als absolut antiquiert. „Erfolg ist nie eine Einzelleistung, sondern immer das Resultat aus guter Teamarbeit. Dessen wurde man sich in den letzten Jahren bewusst – und das ist auch gut so.“ Früher war der Manager das Wichtigste, heute ist es vielmehr das Team, urteilt die elegante Italienerin.

Langsam beginnen wir das Wesen von Gabriella Scarpa zu begreifen. Wir sprechen eine ganze Weile über Vorbilder, wobei wir erfahren, dass sie überaus bewundernd zu Bill Gates aufblickt und dass in Italien eine immer stärker werdende weibliche Elite entsteht. So sind Traditionsunternehmen, wie jene der Familien Frescobaldi oder Antinori, nun in den Händen der weiblichen Nachkommen. „Diese Frauen sind sehr erfolgreich, bringen die Firmen weltweit voran. Das ist beachtlich. Ich tausche mich hin und wieder auch mit ihnen aus“, verrät sie uns folglich. Starke Frauen gibt es in der Tat eine ganze Menge – schade ist nur, dass es die wenigsten in die mediale Öffentlichkeit schaffen.

Sich an der Spitze messen zu müssen, ist für Gabriella Scarpa einfach „Teil des Spiels“. Offenbar hat sie es geschafft, dass man ihrem Gespür und ihren Ideen vertraut. Viel von ihrem feinen Sinn fürs Geschäft hat sie vom Vater geerbt, selbst Manager eines grossen Unternehmens. „Von ihm habe ich den Respekt für die Menschen und ihre Arbeit gelernt“, sagt sie heute. Obwohl die Mutter zuhause über die Familie wachte, ermutigte sie ihre Töchter auf eigenen Füssen zu stehen – und dabei vor allem unabhängig von einem Mann zu sein. „Meine Mutter fühlte, dass sich die Gesellschaft im Wandel befand und es für ihre Töchter künftig wichtig sein würde, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.“ 

Als ich sie frage, ob sie rückblickend denkt, etwas geopfert zu haben, lächelt sie mich verschmitzt an. „Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich glaube das unter keinen Umständen. Auch wenn ich nicht dasselbe Familienleben führen konnte wie andere und nicht so viel Urlaub hatte wie sonst üblich. Es ist jedem selbst überlassen, die Dinge in einem positiven Licht zu sehen – oder sich als Opfer zu betrachten. Aber klar – für meine Karriere musste ich viel und hart arbeiten, wie ein Mann, und oft musste ich auch wie ein Mann denken und handeln.“

Wenn ich diese überaus attraktive Frau so betrachte, scheint sie mir indes nicht zu denen zu gehören, die ihre Weiblichkeit versteckt halten, nur weil sie im Business taff sein müssen. Vielmehr ist sie ein schönes Vorbild. Als gesellschaftliches Role Model will die ehrgeizige Managerin jedoch nicht unbedingt gesehen werden: „Nun, für einige Frauen bin ich dies vielleicht, für andere kann ich es nie werden. Ich will kein Vorbild sein. Ich bin einfach ich und repräsentiere, was ich bin.“ Jeder muss seinen eigenen Platz im Leben finden, so ihre tiefe Überzeugung. Jeder hat seine eigenen Ambitionen, seine Bestimmung – und wenn es beispielsweise für manche Frau eine tiefe Befriedigung darstellt, sich aufopfernd um ihre Kinder zu kümmern, dann ist dies etwas ganz Kostbares.

Gabriella Scarpa beschäftigen derzeit insbesondere die gegenwärtigen gesellschaftlichen und unternehmerischen Herausforderungen. Als wir über Italiens Banken und das Finanzsystem zu diskutieren beginnen, wird ihr Blick schärfer als zuvor. „Wir müssen das Handeln der letzten zwanzig, dreissig Jahre endlich überdenken. Es ging nur darum, Geld zu machen. Egal um welchen Preis.“ Als Chefin von Acqua di Parma hat sie nun durchaus die Macht etwas zu ändern – und tut dies auch. Begeistert erzählt sie vom Aufbau der Plantagen, vom Schutz der Ressourcen und der Natur, die die Basis für die Düfte und Kreationen des Hauses Acqua di Parma darstellen. So gab es beispielsweise in Italien keine Anbaugebiete für Jasmin mehr, der einen wichtigen Bestandteil von Qualitätsdüften und Eau de Cologne darstellt. Kurzum begann man damit, diesen kostbaren Rohstoff in Kalabrien wieder anzubauen und zu ernten, wodurch einer regionalen Besonderheit erneut eine wichtige Rolle zukam. Entsprechend dazu wurden zur Errichtung der neuen Boutique Acqua di Parma ausschliesslich die Kreationen italienischer Handwerkskünstler verwendet. Kleine Betriebe mit hoher Wertschöpfungskette und regionaler Verankerung liegen Gabriella Scarpa ganz offensichtlich am Herzen: „Es sind Werte, die zu dir zurückkehren. Und es gibt in diesem Land so viele wundervolle kreative Fähigkeiten, die wir lange Zeit über nicht genügend geschätzt haben. Das ist eine wahre Mission für mich geworden.“

Italianità, italienische DNA, Lifestyle und Handwerk sind deshalb die Grundwerte der Marke Acqua di Parma.

Ein besonders glücklicher Moment in Scarpas Berufsleben ist die Kreation eines neuen Parfums, in dessen Entstehung die CEO stark involviert ist. Je nach Komplexität tüftelt man bei Acqua di Parma zwischen drei und vier Jahren an neuen Düften. Wenn der Öffentlichkeit dann endlich etwas Neues vorgestellt wird, ist es stets ein aussergewöhnlich emotionaler Augenblick: „Ich erkundige mich ständig nach dem neuen Duft. Wie läuft‘s? Mögen ihn die Konsumenten? Wenn’s klappt, ist das für mich das Grösste!“

Ihr persönliches Lieblingsparfum ist „Iris Nobile“. Eine Kreation, die stark ihrem eigenen Geschmack entspricht und in der man viel von ihr selbst entdecken kann, wie sie lachend zugibt. „Nun steht Iris Nobile Sublime kurz vor der Markteinführung – dieser Duft ist der höchste Ausdruck seiner einzelnen Inhaltsstoffe. Pur. Und überaus nobel!“ Ihre Augen beginnen zu funkeln, als wäre sie fünf Jahre alt und stehe zum ersten Mal vor einem reich geschmückten Weihnachtsbaum. Ihre Leidenschaft, von der sie eingangs gesprochen hat, wird deutlich spürbar, wenn sie spricht.

Der Blick zurück ist indes nicht typisch für Gabriella Scarpa. Als ich wissen möchte, wo sie sich in zehn Jahren sieht, zögert sie jedoch keine Sekunde mir zu antworten: „Also, ich hoffe immer noch in demselben Konzern – aber mit mehr Verantwortung. Jedes Jahr bringt neue Herausforderungen und Überraschungen, vor allem in diesen Jahren der Krise. Aber Marken wie unsere haben nie gelitten – denn vor allem in Krisenzeiten suchen die Menschen nach wahren Werten, nach Beständigkeit!“

Tatsächlich ist Acqua di Parma eine Marke mit langer Geschichte und Gabriella Scarpa hat diese Marke im Einklang mit deren DNA in die Moderne geholt. Acqua di Parma gilt als Quintessenz italienischer Eleganz – damals wie heute, wobei sie einer alten Handwerkskunst aber bewusst treu blieb. 1916 kreierte Acqua di Parma mit seinem „Colonia“ die italienische Antwort auf das französische „Eau de Cologne“. In einer Zeit, in der berühmte Düfte aus Deutschland oder Frankreich stammten, schuf Acqua di Parma einen frischen und raffinierten Duft, der sich sofort als das italienische Eau de Cologne schlechthin durchsetzte. Ein absolutes Novum zu jener Zeit. In den 1930er-Jahren war das Produkt aus der Emilia-Romagna bereits über die Landesgrenzen hinaus bekannt und erfreute sich in der High Society überaus grosser Beliebtheit. Als die grossen Hollywoodstars dann für ihre Dreharbeiten nach Italien kamen und Colonia in den berühmten italienischen Schneiderateliers entdeckten, war auch der internationale Erfolg besiegelt. An der Rezeptur von Colonia wurde seit damals nichts geändert, ebenso sind Sorgfalt und Aufmerksamkeit für Qualität bei jedem einzelnen Duft seit jeher gleich geblieben. Nichts wird dem Zufall überlassen. Dies gilt für alle Produkte aus dem Hause Acqua di Parma, wie Lederartikel und Wohnaccessoires, Kerzen, Kosmetikprodukte und Frotteeartikel. 

Ich hake nach und möchte abschliessend wissen, ob sie sich ein Leben auf einer der Jasmin-Plantagen von Acqua di Parma als Lebensabend nicht genauso gut vorstellen könnte. Doch sie lacht schallend auf und winkt ab: „Ich? Auf dem Land? Nein! Ich bin ein Stadtkind. Ich muss reisen, brauche Rhythmus, Kommunikation, Abwechslung. Das ist wie eine Droge! Mein Mann sagt immer: Wieso setzt du dich nicht auch mal hin? Und meine Masseurin meint: Sie sind nicht entspannt! Aber ich muss mich nicht entspannen, brauch mich nicht hinzusetzen. Ich bin immer in Bewegung …“

Wie perfekt, denke ich mir. Wieder mal eine Lady mit Drive gefunden zu haben, erfreut mein Herz. Mit einem Iris Nobile Sublime in der Tasche, das auch mich ganz in seinen Bann gezogen hat, reise ich wieder in die helvetische Heimat. Und jedes Mal, wenn der zarte Hauch dieses Duftes mir wieder ins Bewusstsein gezaubert wird, denke ich daran, wie schön es ist, ein Produkt zu besitzen, das mit Leidenschaft als kleines Kunstwerk kreiert wurde. «


Text: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Acqua di Parma