Kann man Empathie lernen? – Gute Manieren, ja. Man kann auch das Dienen durchaus lernen. Man kann lernen, Emotionen im Gesicht seines Gegenüber zu lesen, seine Mimik und Gestik zu analysieren. Das hat aber mit Empathie, so wie ich sie verstehe, nichts zu tun. Es bedeutet: fühlen, was ein anderer fühlt, ohne es selbst zwingendermassen erlebt haben zu müssen. Sehen und verstehen, was ein anderer sieht, und antizipieren können, was es dem Gegenüber bedeutet. Empathie hat also eine Ebene des Erkennens und des Verstehens. Und: Auch Mörder sind empathisch. Auch sie können sich einfühlen, auch sie erkennen und verstehen. Es ist ihnen nur egal. Gehen wir also mal davon aus, dass wir hier von einer dem Menschen im Guten dienenden Empathie sprechen.
Wenn wir nämlich die Sprache in Zusammenhang mit Empathie in den Medien betrachten, sehen wir schnell, dass es sich um einen sinnlichen Wortschatz handelt – es hat immer mit unseren menschlichen Wahrnehmungsorganen zu tun. Und darin liegen wir ja durchaus richtig. Empathie ist ein sinnlicher Vorgang. Meine Schlussfolgerung lautet deshalb: Je mehr wir uns auf die Sinne verlassen, desto mehr schulen wir unser Empathievermögen. Und wenn wir Empathie als Asset unserer Zeit ansehen, dann sollten wir durchaus interessiert daran sein, dieses Asset zu entwickeln.

Deshalb hier mein selbst erprobter Elf-Punkte-Master-Empathie-Plan – zum Diskutieren, Verwerfen, neu Entwerfen oder Ausprobieren. Doch zwei wichtige Dinge gleich vorneweg: Empathie bedingt Selbst-Empathie – und beides braucht den Faktor Zeit.

1) Geben Sie sich nicht für andere auf. Dann sind Sie als Asset nämlich wertlos, und Ihre Mission, welche auch immer Sie verfolgen mögen, ist obsolet. Klingt simpel, ist in der Umsetzung aber wahrlich ein Akt. Wenn Sie ausgebrannt sind, können Sie niemandem mehr von Diensten sein, nicht mal sich selbst. Und sehen Sie es doch mal so: Wenn Sie sich selbst aufgeben für etwas anderes oder jemand anderes, könnte man das auch dahingehend interpretieren, dass Sie Ihre eigene Existenz verneinen und nicht wertschätzen. Also schätzen Sie sich wert. In jedem Moment – und gerade dann, wenn’s hart ist im Leben.

2) Empathisches Handeln bedarf Zeit! In der Schnelligkeit vergessen wir insbesondere, dass wir jede Menge Zeit haben. Nämlich genauso viel, wie wir uns nehmen! Nehmen Sie sich die Zeit. Für sich – und für andere. Ohne Zeit und im Eilzugtempo gibt es kein Mitfühlen, Mitdenken und Mithandeln. Wenn Sie nie Zeit haben, weder für sich noch für andere, verfügen Sie vermutlich tendenziell weder über Empathie noch Selbst-Empathie. Und was geschieht mit Dingen, um die wir uns nicht kümmern? Sie laufen uns meist aus dem Ruder. Je weniger wir uns also Zeit nehmen, desto mehr läuft sie uns im wahrsten Sinne des Wortes davon.

3) Leben, lieben, arbeiten Sie in vollem Bewusstsein und voller Aufmerksamkeit für den Moment. Wie man es schafft, bewusst zu lieben, leben und arbeiten? Indem man sich beobachtet. Und zwar vor allem in Situationen, in denen Druck herrscht, Streit, Unklarheit, in denen man sich unwohl fühlt. Genau da gehen Sie das nächste Mal rein in den Schmerz und fragen sich: Weshalb fühle ich mich so? Wie kam es zu dieser Situation? – Es geht nicht um Schuld in diesen Fragestellungen. Sondern darum, sich erst mal seiner eigenen Muster (und davon haben wir im Normalfall jede Menge) bewusst zu werden.

4) No more drama! Gehen Sie nicht in den Wettbewerb mit sich – und mit anderen. Das Leben ist kein Sprint, nicht mal ein Marathon. Sondern maximal ein Weg. Dies ist eine bewusste Entscheidung. Schicken Sie das Drama weit, weit weg. Schicken Sie die damit verbundenen Gefühle von Missgunst, Hass, Neid, Beklemmung gleich hinterher, und schaffen Sie somit Platz für Gutes und damit auch die Basis für empathisches Handeln.

5) Mitfühlen, ja. Mitleiden, nein! Machen Sie sich klar, was das für Sie ganz persönlich bedeutet – denn die „Schmerzgrenze“ ist bei jedem anders. Sie leiden dann mit, wenn Sie sich mit Ihrem Gegenüber identifizieren und Sie ein Gespräch nicht mehr loslässt, wenn Sie es anderen weitererzählen müssen. Dies ist ein schmaler Grat – und sicher abhängig von unserer Tagesform.

6) Setzen Sie Grenzen. Nicht um andere abzuwehren, sondern primär, um sich selbst zu beschützen. Sie investieren ja auch nicht Ihr ganzes Vermögen in ein Asset, Sie diversifizieren clever. Selbst-Empathie kommt vor Fremd-Empathie. Im Flugzeug lernen wir auch, dass bei einem Druckabfall Sauerstoffmasken von der Decke fallen und diese zuerst bei sich selbst anzubringen sind, bevor man anderen hilft.

7) Seien Sie nicht empathisch, um von sich selbst abzulenken. Manchmal haben mitfühlende Menschen die Tendenz, sich vornehmlich um andere zu kümmern – damit sie sich nicht mit sich selbst beschäftigen müssen. Wie steht es bei Ihnen? Wann haben Sie das letzte Mal etwas Gutes für sich selbst getan – und nur für sich selbst? Das ist übrigens kein Egoismus, wovon ich spreche, sondern „lieb sein mit sich selbst“.

8) Fahren Sie nicht mit der Achterbahn des Lebens anderer Menschen. Hin und wieder neigt man dazu, das emotionale Auf und Ab anderer mitzugehen. Das ist übrigens nicht empathisch, sondern unklug. Krishna sagt in der „Bhagavad Gita“: „Lieber sein eigenes Ziel unperfekt machen als das Ziel eines anderen perfekt.“ Will heissen: Lassen Sie das Leben zu. Lassen Sie zu, dass es nicht immer perfekt ist. Und gehen Sie Ihren Weg. Nicht den eines anderen. Das gilt für die Erwartungen der Eltern an einen selbst, an seine Ausbildung, die Art zu leben – es gilt aber auch für den Umgang mit Mitarbeitern oder Menschen, die man liebt. Bei Letzteren wird es kompliziert. Aber Sie würden auch nicht automatisch Drogen nehmen, weil eine geliebte Person Drogen nimmt. Hier sagen Sie vermutlich auch mal: „Stopp!“ Bloss kein falsches schlechtes Gewissen bitte! Sagen Sie auch hier: „No more drama!“ Wenn du ein Drama machst, gern, aber ohne mich.

9) Seien Sie empathisch, aber nicht emotional. Das ist eine feine, aber entscheidende Linie, die es zu ziehen gilt. Denn wer dazu tendiert, emotional zu werden, verliert sich häufig in den Dingen und ist nicht mehr in der Lage, klar zu fokussieren. Das kennen Sie, wenn Sie gelernt haben zu meditieren. Denn genau das ist das Ziel des Yoga – und jeder Meditation: die Wellen der Gedanken („citta vrittis“ genannt) zu beruhigen und zum Stillstand zu bringen. Das tut man, indem man fokussiert. Jeder Herzchirurg tut übrigens dasselbe – und Sie in Ihrer Arbeit, wenn Sie hoch konzentriert sind, vermutlich auch. Nur tun wir das häufig unstrukturiert und unterbewusst. Lernen Sie sich zu fokussieren. Indem Sie beispielsweise mal versuchen, sich nur während drei Minuten auf ein Foto eines geliebten Menschen zu konzentrieren, ohne dass ein Gedankenkino stattfindet oder Ihr Kopf grosse Sprünge macht.
Denn es gibt noch einen ganz wichtigen Punkt in diesem Zusammenhang: Wenn Sie emotional werden, sind Sie meist nicht mehr in der Lage, wirklich zu helfen, zu unterstützen oder zu führen. Wenn ein Arzt im Notfall allzu mitfühlend ist, wird er nicht adäquat helfen können. Dasselbe gilt für Notfallsitua- tionen im Business. Auch hier hilft die oben erklärte Mini-Meditation. Und wenn Sie das Wort Meditation nicht mögen, nennen Sie es eben Zen-Atmen, Zen-Fokussieren oder was immer Ihnen näher liegt.

10) Ihr Asset ist Ihr Empathievermögen! Vergessen Sie nicht, dass Wissen mittlerweile ad hoc abrufbereit ist – zumal solange wir Internet haben. Das meiste können Sie heute googeln. Das wahre Asset eines Menschen ist deshalb nicht sein strukturiertes Wissen, sondern sein Empathievermögen. Vermutlich gibt es auch schon bald empathische Artificial Intelligence, sogenannte EI. Doch – und das sagte schon Saint-Exupéry – man sieht nur mit dem Herzen gut. Vergessen Sie doch zwischendurch mal den Kopf, die Vernunft – denn meist steht uns das nur im Wege, und wir agieren verkopft. Konzentrieren Sie sich auf Ihr Bauchgefühl. Es behält immer Recht, wenn Sie den Mut haben, ihm zu folgen.

11) Schaffen Sie Raum in Ihrem Herzen – und in Ihrem Kopf. Damit das Gute und Positive einziehen kann – der Rest darf beruhigt gehen und weiterziehen. Verurteilen Sie sich nicht, wenn Sie „schlechte“ Gedanken haben, wenn Sie sich ärgern oder (obwohl Sie versuchen bewusst zu sein) zwischendurch mal ungerecht agieren. Lassen Sie diese Dinge wieder gehen und halten Sie sie nicht fest. Begegnen Sie auf diese Weise sich selbst und anderen immer wieder frei von Ballast – oder von Karma.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN:
WWW.FOET.ORG (JEREMY RIFKIN)

BUCHTIPPS
Jeremy Rifkin: „The Empathic Civilization: The Race to Global Consciousness in a World in Crisis“. 2009
Mary R. Miyashiro: „The Empathy Factor“. 2011


Text: Sandra-Stella Triebl