Les Chalets de Philippe

Zu Gast in der sinnlichen Natur-Oase der „Chalets de Philippe“

Wenn es einen Ort gibt, an welchen wir all unsere Leser am liebsten einladen würden, dann dieser. Le Levancher. Genauer gesagt „Les Chalets de Philippe“. Weil wir es jedem gönnen würden, diesen friedlich-lukullischen Ort voller Seele einmal mit eigenen Augen zu sehen.

Ich sitze im Auto an der Tankstelle. Draussen regnet es Bindfäden. Dunkle Wolken wölben sich über den Horizont und die Tropfen prasseln klatschend aufs Autodach, sanft trommelnd. Plötzlich lichtet sich der Himmel. Erst ein kleiner Strahl, dann immer mehr, immer heller. Bis ein Stück einer milchigen Sonne erkennbar wird, während es unnachgiebig weiterregnet. Ich blinzle ins Licht. Als wir auf die Autobahn fahren, erblicken wir vor den gewaltig erscheinenden, dunkelblauen Wolkentürmen einen märchenhaften Regenbogen, während die Landschaft dampfend und schlummernd vor uns liegt. So begann sie, unsere Reise zu den Chalets de Philippe. Ein paar Stunden zuvor hatte ich Philippe bereits telefonisch gesprochen, um unseren „late check-in“ schon mal anzukündigen. Es hatte sich, wie fast immer, noch dies und das in unsere Agenda gequängelt. „Oh, kein problème“, entgegnete mir Philippe und reichte mich sogleich weiter an den chef de cuisine, der uns kulinarisch noch etwas Gutes tun wollte, bevor wir uns zur Ruhe betten würden. „Was für ein charmanter Service“, dachte ich mir und reiste in meinen Gedanken durch die Zeit nach vorne, nach Chamonix. Ein paar Stunden später hatten wir unser Ziel, Le Levancher, dann tatsächlich erreicht.

Les Chalets de Philippe„Ooooooh, welcome“, haucht uns ein etwas verschlafen dreinblickender Mann mit weissem Haar, grauem Bart und deutlich hörbarem französischem Akzent entgegen. Es ist kurz vor Mitternacht, als wir die in blaues Licht gehüllten Chalets oberhalb des französischen Skiortes Chamonix, unterhalb des majestätischen Mont-Blanc- Gletschers, inmitten der Savoyen erreichen. „Isch bin Philippe.“ Etwas peinlich war es uns schon, dass wir den Chef selbst bis in die Nachtstunden wach gehalten haben. „Unser Chef hat euch noch etwas zu Essen präpariert.“

So lotste man uns über kleine Steinwege in unser Chalet „Les Trolles“, wo bereits eine Flasche Wein, Wasser und ein herrlich nach frischen Kräutern duftendes Essen auf uns wartete. „Gute Nacht – ich zeige euch morgen alles“, verabschiedete sich der Patron winkend. Ohne dass wir das Chalet genauer unter die Lupe nahmen, fielen wir müde in ein schmales, hölzernes Himmelbett mit karierter Bettwäsche und kleinen, süssen Fenstern, von wo aus man in den Sternenhimmel blicken konnte.

„Schade, man hört die Autobahn“, so Sebastian am ersten Morgen. Tatsächlich vernahm man ein konstantes Rauschen. Wie sehr uns unsere städtischen Ohren täuschten, würden wir erst später an diesem Tag erfahren. Beim Frühstück wurde uns das erste Mal bewusst, in welchem Paradies wir hier gelandet waren. Vor uns und um uns herum erblickten wir eine Reihe von unterschiedlich grossen, alten Holz-Chalets, die allesamt aussahen, als kämen sie aus einem Märchenland hinter den sieben Bergen. Die Sonne wärmte uns auf der Terrasse, der Blick wanderte von den mächtigen Tannenspitzen über das in der Ferne stumm daliegende Chamonix zum schneebedeckten Mont-Blanc-Massiv. „Was wollt ihr zum Frühstück? Worauf habt ihr Lust?“, fragte uns ein herbeieilender Angestellter von Philippe, der uns im Pyjama auf der Veranda entdeckt hatte. Ach so ist das hier. Man sagt, was man will und ehe man es sich versieht, werden alle kulinarischen Wünsche erfüllt. Na, so könnte doch eigentlich jeder Tag beginnen! So deckte sich in Windeseile unser Frühstückstisch wie von Geisterhand. Mit einem herrlich luftigen Omelette, frischem Fruchtsalat im Glas, einer Käseplatte und verführerisch duftendem Baguette, selbst gemachter Marmelade, Honig und Butter. Ich atmete tief durch. Die kühle Bergluft, der gedeckte Tisch, dieser Ausblick und diese Stille. Ich lächelte. Es gin gar nicht anders.

Les Chalets de Philippe„Am besten, ihr erkundet mal etwas die Umgebung“, riet uns Philippe kurze Zeit später an der Rezeption. „Wir haben noch genug Zeit, uns alles anzusehen.“ Er kritzelte eine Wegbeschreibung auf einen zerknüllten weissen Zettel, den er beflissen glattstrich und verabschiedete uns mit den Worten: „Verlauft euch nicht. Bei uns gibts auch Wölfe!“, und verschwand kichernd in seinem Büro.

Also machten wir uns auf den Weg zu den verschiedenen Aussichtspunkten und betraten schon nach einigen Hundert Metern den savoyischen Wald mit seinen angeblichen Wölfen, schlängelten uns auf dem weichen, von Tannennadeln übersaÅNten Waldboden über glatte Granitfelsen hoch durch die Baumreihen, immer den handgemalten Wegbeschrieb im Augenwinkel. Ich erinnerte mich zurück an meine Kindheit. An Hänsel und Gretel. Ja. Genau so hatte ich mir diesen Wald immer vorgestellt, in welchem die beiden Kinder sich verliefen. Mit bis in den Himmel ragenden Tannen und mächtigen Laubbäumen, wo man zwischen den Wipfeln ihrer im Wind wiegenden Kronen den blauen Himmel und die vorbeiziehenden Wolken erspähen kann. Und ein Waldboden, über und über bewachsen mit Farnen, Büschen, mit Moos bedeckten grauen Felsen, die wie Rücken eines Nilpferdes aus dem Boden ragen.

Als wir die felsige Aussichtsplattform, die uns Philippe als Erstes eingezeichnet hatte, erreichten, wurde uns augenscheinlich klar, was wir fälschlicherweise als Autobahn identifiziert hatten: Ein mächtiger Fluss schoss von hoch oben durch die Felsritzen hinunter nach Chamonix und sein Tosen hallte an den steilen und kahlen Felsen wider, die er glatt geschliffen hinterlässt.

Nach einer weiteren Stunde Aufstieg hatten wir es unter bereits einsetzender Schnappatmung geschafft. Bereits oberhalb der Baumgrenze erspähten wir das ans Bergmassiv geschmiegte Restaurant „Le Chapeau“, wo man uns in der Folge mit einem Blick auf Chamonix und zuckersüssem Heidelbeer-Sirup mit Pain Perdu und frischen Früchten verwöhnte. Wer ansonsten seinen Körper im Fitnessstudio oder mit Kniebeugen fit hält, kommt hier auf seine Kosten, insbesondere beim Abstieg zurück zu Philippes Chalets.

Les Chalets de PhilippeNass geschwitzt kehrten wir in der Abendsonne zurück nach Hause in unser „Les Trolles“. Entspannung findet man an dieser Stelle übrigens in einem der zahlreichen Jacuzzi, welche, wild sprudelnd, die Muskeln wieder auflockern, ebenso die Stimmung und das Gemüt, denn der Blick ins Tal, auf den eisigen Gletscher des Mont-Blanc, dessen Gletscherspalten selbst auf diese grosse Distanz noch immer als dunkle Furchen zu erkennen sind, wird garantiert auch in weniger naturverliebten Seelen eine Regung hervorrufen. Mit jedem Atemzug dieser reinen, klaren Luft tankten wir neue Energie.

Hervé, Damian, Alex und Küchenchef Deniz lasen uns fortan jeden Wunsch von den Augen ab. Noch ein frischer Fruchtsalat zum Frühstück? – Etwas frischen Fisch oder ein Linsengericht mit selbst gemachtem Sejtan zum Dinner? – Alles kein Problem! Man diniert auf der Terrasse „seines“ Chalets und lässt sich von der märchenhaften Abendstimmung einlullen, trinkt Ayse, einen wunderbaren Schaumwein aus dem Nachbartal, der nur in kleinsten Mengen abgefüllt wird und besser mundet als jeder noch so teure Champagner. Man ist zuhause. An einem Ort, der nicht aussieht wie irgendein anderes Plätzchen auf dieser Erde. Es ist kein modernes Designhotel, in welchem man nicht mal mehr einen Teller oder ein Glas findet, erklärt uns Philippe, der sich an diesem Abend zu uns gesellt. Diesen Ort gibt es nur einmal. Und er gehört Philippe Courtines. Sein früheres Leben als Presseleiter der Cannes-Filmfestspiele hatte ihn in viele schöne, edle und elegante Bling-Bling-Hotels geführt, wie er selbst sagt. Doch wer all dies einmal gesehen und erlebt hat, schätzt die urchige und erdige Atmosphäre umso mehr. So geht es offenbar auch seinen Gästen mit den wohlklingenden Namen wie Monsieur Le President, Kylie Minogue, Céline Dion, Robert De Niro, Arnold Schwarzenegger. Zudem geniessen hier auch viele Modezaren aus Milano oder ganze Vorstände von international agierenden Firmen die Aussicht.

Ein wichtiger und triftiger Grund, sich bei Philippe wie eine Göttin zu fühlen, ist die Küche von Deniz. Ein Mensch, der viele Talente in sich vereint. Belesen, grossherzig, passioniert und eine mit Liebe erfüllte Seele. Denn ohne diese Liebe, so erzählt er uns, sei es nicht möglich, gut zu kochen. Drei Monate im Jahr ist der junge Mann mit den blitzenden, aufmerksamen Augen und dem schüchternen Blick auf Reisen. Georgien, Indien, wo immer er neue Menschen treffen und klettern kann. Dann pflegt er jeweils etwas wehmütig zurückzukommen, um hier den Gaumen seiner Gäste wieder aufs Neue zu entzücken. Und zu überraschen – wie uns am zweiten Abend mit einem Dessert aus Geranien-Mousse, welches auf dem Gaumen eine dezent feine Rosennote entfaltet. „Eine Freundin, die Naturärztin, hat erzählt, dass die essentiellen Geranienöle wunderbar duften. Also hab ich das mal ausprobiert und tatsächlich: Es schmeckt hervorragend und überraschend!“, so der 33-jährige Spitzenkoch schmunzelnd. Philippe baut seinem Schützling nun übrigens ein eigenes Restaurant. „Das macht mir etwas Angst“, gibt Deniz gewohnt schüchtern zu. Denn Karriere – ach … er weiss nur zu gut, dass ihm Erfolg und Karriere nicht das Glück verheissen, welches er ersehnt. Der gebürtige Elsässer ist neugierig, feinsinnig – und das macht ihn zu einem der wohl talentiertesten Gourmetkünstler, die wir auf unseren Reisen bisher kennenlernen durften.

Les Chalets de Philippe CuisineWenn Sie also die Küche eines Menschen kennenlernen wollen, der seine Gäste liebt, dann gibt es nur einen, den wir Ihnen empfehlen könnten: Deniz Flota! Gault-Millau und die Michelin-Sterne-Vergabe stehen derzeit offiziell an – Gerüchten zufolge sollen beide Bewertungen auf dem absoluten Top-Niveau sein.

Zufall ist hier irgendwie alles – und doch so gar nichts. Wie er diesen schönen Platz denn überhaupt entdeckt hat, wollen wir nach einem der zahlreichen Ausflüge während unseres Aufenthalts wissen. „Ach, das war eigentlich Zufall. Ich habe mich mal nach dem Skifahren hier im Tal etwas umgesehen und plötzlich erblickte ich ein Zu-verkaufen- Schild am heutigen Chalet Les Trolles. Und ich wusste: Das will ich. Also hab ich die Immobilienfirma unten in Chamonix angerufen. Es war schon Freitagabend, kurz vor Feierabend. Und die sagten mir, ich solle doch in der neuen Woche wieder anrufen. Ich aber wollte sofort den Kaufvertrag. Das konnte gar keiner glauben. Mich hat nicht interessiert, wie das von innen aussieht. Ich wusste nur: Das will ich haben!“ Seither hat sich einiges getan. Aus einem Chalet wurden nun deren zehn, die Philippe allesamt in den Nachbartälern kauft, demontieren und hier fein säuberlich wieder aufbauen lässt. Ein Panorama-Restaurant, ein Bach fürs Rotwild, ein kleiner See und weitere Chalets, das ist derweil seine Zukunftsvision. Bis Weihnachten 2013 soll es so weit sein.

Und wo man ihm derweil etwas Spezielles, Antikes anbietet, schlägt er zu und dekoriert damit seine Häuser. Hier ein Lavabo aus einem Schloss in Chamonix, dort eine antike Kaffeereibe. In allen zehn Chalets überraschen einen an jeder Ecke irgendwelche Gegenstände aus alten Zeiten. Jedes erzählt seine eigene Geschichte, als würde es von seiner Epoche erzählen und vor sich hin murmeln. Sie alle geben diesem Platz seinen unvergleichlichen Zauber.

Als uns Hervé, einer von Philippes langjährigen Angestellten, durch die Chalets führt, tauchen wir in jedem in eine eigene Welt ein. Ein Chalet für Nannys oder Schwiegermütter (das winzige Le Marmotton), ein anderes für Konzernvorstände mit Platz für bis zu zwölf Personen. Ein eigens für die aufwändigen Holzarbeiten angestellter Tischler aus Chamonix setzt die Ideen von Philippe um. Dessen Frau bemalt die Schnitzereien, die ganz besonders in der Suite Baroque mit all ihren Engeln und den typischen barocken Farben Indigoblau, Grün, Rot und Gold zu sehen sind.

„Häufig buchen die Gäste jedes Jahr ein anderes Chalet“, erzählt uns Hervé voller Stolz.

ChamonixAls wir uns alle Chalets angesehen hatten und bei einem Kräutertee auf unserer Terrasse sassen, hatten wir irgendwie das Gefühl, als seien wir in einem Tortenstück des Paradieses wieder aufgewacht und als könne man sich, wie in einem Bienenstock, von dessen Süsse des Lebens ernähren. Und vor allem genossen wir es, dass uns hier keine Wespe, keine Mücke störte. Genau das mag Philippe übrigens so sehr. Dafür kennt man nach einem Besuch in Le Levancher mindestens zwei Dutzend verschiedene GrüntoÅNne. Und wenn man in einer der klaren Nächte über die Dächer der antiken Hütten blickte hat man irgendwie das Gefühl, als würde sich ein Zwerglein hinter einer der alten Tannen verstecken und in der nächsten Sekunde um die Ecke schielen.

„Unser“ Chalet war eines der schönsten, wie wir fanden, auch nach dem Rundgang durch alle derzeit verfügbaren Häuser. Les Trolles ist ein kleines Heimatmuseum mit allerlei Preziosen wie etwa einem bunt bemalten Teufel von Bessan, einem urchigen Kamin, einer langen Holztafel und bietet seinen Besuchern das wohl romantischste Bett, welches wir je erblickt hatten – und die weichsten Decken, in denen wir unser Haupt je zum Schlafe legten, wobei man betonen muss, dass die Bettwäsche hier aus antikem, exquisitem Leinen besteht und von Hand bestickt wird.

Am dritten Tag fragte uns Philippe, ob er uns eine Pizza aus Chamonix mitbringen dürfe. Er habe Deniz freigegeben, weil der gestern so müde war. Und jetzt würde er mit seinem kleinen, weissen Panda für alle, die wollen, Pizza beschaffen. Einem Frauenauto, lacht er. „Das leihe ich den nicht skifahrenden Frauen aus, die bei Karl Lagerfeld in der Chanel-Boutique in Chamonix unten ein Glas Champagner trinken wollen.“ Monsieur Courtines weiss, wie er seine Gäste glücklich macht, ganz egal, wie diese gestrickt sein mögen, denken wir uns. Als der 66-jährige Philippe am letzten Abend mit uns dinierte, spürten wir, dass er durchaus ein Lebemann gewesen sein muss. Seit mittlerweile 16 Jahren hat sich der weit gereiste Philippe jedoch mit Haut und Haar seinen Chalets verschrieben. Urlaub? Braucht er nicht. Das sei genau die richtige Höhe für ihn. Nicht zu trocken, nicht zu feucht – 1’200 Meter seien das Optimum, erzählt er uns schmunzelnd. „Ausserdem sieht der Mont-Blanc jeden Tag ein bisschen anders aus.“ Und als wir bis in die Nachtstunden hinein sprachen, wanderte der zunehmende Mond hinter den Granit- Fingerkuppen des Mont-Blanc-Massivs entlang, während der Chef des Hauses immer wieder bewundernd in die Nacht murmelte: „Look at this moon.“

Les Chalets de Philippe mit Sandra Stella Triebl

So etwas habe er noch nie gesehen. „Das ist fantastique!“ Philippe, der in Frankreich auch mehrere Hundert Konzerte produzierte, erzählte uns amüsiert die unglaublichsten Stories über Liz Taylor, Catherine Deneuve oder Kylie Minogue, bis ihm die Augen zufielen. Philippe ist ein wahrer Gastgeber, ein Gentleman – und ein guter Geschichtenerzähler. Ein Mann, der abends gerne noch einen Verveine-Tee trinkt. Die Teeblätter dazu wachsen hinter seinem Chalet. Ja, so ungefähr kann man sich das Leben des Philippe Courtines vorstellen.

Nach vier herrlich entspannten Tagen konnten wir uns nur schwer von diesem Idyll, der ausnahmslos exzellenten Küche und dem grossen Herzen des Patrons trennen. Die beiden Jack Russel Terrier, die das Königreich von Philippe wie zwei kleine Drachen bewachen, wedelten stumm vor sich hin, als wir unsere Koffer sowie einen Karton des köstlichen Ayse im Auto verstauten. Ach. Ich bin sicher, wenn Gott in Frankreich wohnt, dann wohl irgendwo hier in dieser zauberhaften Gegend. Auf jeden Fall macht er bestimmt bei Philippe Urlaub. «

Weiterführende Informationen: www.chaletsphilippe.com


Text: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Sandra-Stella & Sebastian Triebl