BENITA FERRERO-WALDNERGrosse namen sind immer so eine Sache. Einerseits schillern sie verlockend, öffnen Türen, die den Müllers und Meiers verschlossen bleiben, und umgeben ihre Trägerin mit einer gewissen Aura der Unerreichbarkeit. Andererseits meint wirklich jeder, eine Meinung, meistens keine sehr profunde, dazu haben zu müssen, und beurteilt den Menschen dahinter nur nach dem namen davor.

Viel wurde schon geschrieben über Bürde und Verantwortung, Vorteile und Begünstigungen, die man mit einem grossen namen erbt oder erheiratet. Einiges davon ist spekulativ und gehört eher in die Yellow Press. Ladies Drive hat in den vergangenen Wochen alles daran gesetzt, mit Frauen zu sprechen, die einen grossen namen tragen und doch ihren ganz eigenen Weg gegangen sind. Wir durften mit der Grande Dame der Uhrenbranche, Jasmine Audemars, darüber sprechen, was es bedeutet, die Zeit im Griff zu haben. Claire Williams erzählte uns davon, dass es in einer männerdominierten Welt ganz egal ist, welchen namen man trägt – da zählt nur Leistung. Und schliesslich plauderte die ehemalige Spitzenpolitikerin und Diplomatin Benita Ferrero-Waldner über die Hürden, die Frauen in der Politik überwinden müssen. Ganz egal, wie sie heissen.


FRAUEN BRAUCHEN FREIRÄUME, UM SICH ZU ENTFALTEN

Ein Gespräch mit der ehemaligen Spitzenpolitikerin und Diplomatin Dr. Benita Ferrero-Waldner

Ich muss zugeben, ich hatte mich sehr auf das Gespräch mit Dr. Benita Ferrero-Waldner gefreut. Die gebürtige Österreicherin ist eine beeindruckende Persönlichkeit und blickt auf eine grosse Karriere als Diplomatin und Politikerin zurück. Das Interview mit der vielbeschäftigten ehemaligen Diplomatin, Aussenministerin und EU-Kommissarin für Aussenbeziehungen führe ich am Telefon. Sie hat ihren Lebensmittelpunkt nach Madrid verlegt, wo sie mit ihrem Mann lebt und ihre vielfältigen, oft ehrenamtlichen Aufgaben erledigt. Auch übers Telefon spürt man sofort ihre herzliche und offene Art und ihr ehrliches Interesse an dem Gespräch.

So erzählt sie frisch von der Leber weg, dass es für sie als junges Mädchen eigentlich immer klar war, ärztin zu werden: „Mein Vater war Dentist und die Medizin war bei uns zu Hause immer Gesprächsthema. Ich habe mich stets für den medizinischen Beruf interessiert. Etwas, das bis heute angehalten hat“, und sie führt lachend weiter aus: „Bei uns in der Familie bin ich auch heute noch die Enfermera – die Krankenschwester für alle.“ Es sollte dann aber doch keine Karriere als Medizinerin werden. Ausgerechnet eine hochgeschätzte Kunstprofessorin brachte sie auf ihre wahre Leidenschaft. Die einfache Aussage „du bist doch die geborene Diplomatin“ hatte enorme Wirkkraft. Nach einiger Bedenkzeit offenbarte die junge Frau ihren Wunsch dem Vater. Der habe zwar nicht begeistert, aber großzügig reagiert: „O.k., aber du musst es auch fertig machen“, damit war er der erste und wohl auch einer der wichtigsten Männer, die ihre Karriere unterstützten.

Nach dem Studium der rechtswissenschaften in Salzburg und einem Umweg von 13 Jahren über die Privatwirtschaft startete sie ihre Karriere in der Diplomatie. Durch Glück und Fleiss konnte die engagierte Frau nach den bestandenen Prüfungen zum höheren auswärtigen Dienst – wie die offizielle Bezeichnung lautet – einen Posten im Aussenministerium in Wien ergattern: „Als ich endlich dort war, war ich, obwohl ich in meiner beruflichen Karriere eigentlich wieder bei null anfangen musste,wirklich sehr glücklich.“ Dass sie ihr ursprüngliches Ziel, österreichische Botschafterin in Madrid oder Argentinien zu werden, nicht erreicht hat, sieht die Kosmopolitin mit ein wenig Wehmut. Aber ihr Weg führte die Frau mit dem berühmtesten Lächeln in der Politik bis in die Vereinten nationen in New York, wo sie unter UNO-Generalsekretär Boutros-Ghali zur Protokollchefin aufstieg. Als sie der ruf aus der Heimat erreichte, zögerte sie nur kurz und ging wieder nach Wien, diesmal als Staatssekretärin im Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten. Im Jahr 2000 wurde Benita Ferrero-Waldner dann als erste weibliche Aussenministerin Österreichs angelobt. Sie übernahm das Amt in schwierigen Zeiten. Damals war Österreich aufgrund des politischen rechtsrucks international ins Kreuzfeuer geraten und hatte mit diversen Sanktionen zu kämpfen. Dank ihres Charmes, bester internationaler Kontakte und ihrer langjährigen Erfahrung auf dem diplomatischen Parkett konnte sie den ruf Österreichs jedoch wiederherstellen und „Gegner zu Freunden machen“. Ein Erfolg, der auch ihren schärfsten Kritikern respekt abverlangte.

Weit weniger erfreulich war dann leider die niederlage beim Präsidentschaftswahlkampf 2004. Eigentlich war sie siegessicher, unterlag dann aber doch, wenn auch nur äusserst knapp, dem männlichen Gegenkandidaten: „Das war ein harter Schlag für mich, ich dachte wirklich, ich kann gewinnen. Es war eine so positive Bewegung im Land. Eine Stimmung, die mich enorm motiviert hat.“ Sie sucht nach einer Erklärung für die Schlappe: „Viele waren wahrscheinlich dann doch der Meinung, sie (Ferrero-Waldner, Anm. d. red.) ist eine Frau, sie ist viel zu jung, zu unabhängig … und so hat man, wie es in der Politik eben ist, eine Kampagne gegen mich geführt.“ Man hört, dass das ein einschneidendes Erlebnis für die sonst so starke Frau war. Doch für jemand, der immer nach vorne blickt und der sich sogar bei negativen Erlebnissen lieber nur an die positiven Erfahrungen hält, kann es nur vorwärts gehen. Und es lagen ja auch noch grosse Aufgaben vor ihr.

Noch im selben Jahr dieser persönlichen und beruflichen niederlage wurde das Multitalent, einmal mehr als erste Frau in diesem Amt, zur EU-Kommissarin für Aussenbeziehungen und europäische nachbarschaftspolitik berufen. In dieser Funktion prägte sie die europäische Aussenpolitik massgeblich mit. Darüber hinaus schuf sie die Basis dafür, dieses Amt mit mehr Macht auszustatten. Dank der Vorarbeit der toughen Politikerin sind seit 2009 nun der Posten des Hohen Vertreters der EU für Aussen- und Sicherheitspolitik und die Funktion des Vizepräsidenten der Europäischen Kommission zusammengefasst. Besonders gerne erinnert sich Ferrero-Waldner an ihre Erfolge bei internationalen Vermittlungen in Krisensituationen und ihre Beteiligung an der Befreiung von Geiseln. Für die erfolgreiche Intervention gegen die Vollstreckung der Todesurteile, die über fünf bulgarische Krankenschwestern in Libyen verhängt worden waren, sowie deren Enthaftung und rückkehr nach Sofia erhielt sie sogar die höchste bulgarische Auszeichnung, den Orden „Stara Planina“. Erfolge, auf die Ferrero-Waldner zu recht heute noch stolz ist. Aber was macht eine Frau in so heiklen Missionen eigentlich erfolgreich? „Ich mag Menschen, ich bin wirklich an ihnen interessiert. Das ist auch der Grund, warum ich immer noch viele Funktionen innehabe, weil ich gerne in Kontakt mit Menschen bin und weil ich gerne etwas für sie tue.“ Auch dass sie den Menschen stets mit Einfühlungsvermögen und auf Augenhöhe begegnet und aufrichtig das persönliche Gespräch sucht, sind Elemente des Erfolgs der Vollblutdiplomatin. natürlich auch das richtige Fingerspitzengefühl für netzwerke – diese zu pflegen und dann auch zu nutzen, ist Teil ihrer erfolgreichen politischen Arbeit.

„DIE ENTWICKLUNG DER FRAUEN STAGNIERT – FRAUEN MÜSSEN FRAUEN MEHR UNTERSTÜTZEN.“
–   BENITA FERRERO-WALDNER

Was die ehemalige EU-Kommissarin zur aktuellen Suche nach  Frauen für diese Spitzenpositionen in der EU sagt? „Für Kommissarinnen und überhaupt für hohe Positionen in der Politik braucht es Personen, die auch über die entsprechende internationale Anerkennung verfügen. Leider gibt es unter den Frauen zu wenige, die das bieten können.“ Woran das liegt? Davon hat Benita Ferrero-Waldner eine sehr klare Vorstellung: „Generell ist es schwierig, an entsprechende Posten zu kommen, und eine Karriere bedeutet auch, Opfer zu bringen. Privatleben gibt es kaum und der Partner muss auch mitmachen.“ Kritisch fügt sie noch an: „Frauen trauen sich aber auch oft selbst viel zu wenig zu und wollen ihre Familien nicht im Stich lassen.“ Letztlich ist es aber auch eine Sache von günstigen Gelegenheiten: „Frauen müssen überhaupt einmal die Chance zu so einer Karriere erhalten.“ Sich selbst sieht sie als Glückskind: „Ich persönlich habe immer viel Glück und Grosszügigkeit erlebt und konnte so meinen Weg gehen. Mein Vater hat mich schon früh gefordert und gefördert, mein Mann hat mich bedingungslos unterstützt und oft zurückgesteckt. Ich selbst wurde von einem Mann in die Politik geholt und von vielen Männern unterstützt.“

Die Zukunft der rolle der Frauen in der Politik sieht die Vielbeschäftigte positiv: „Wir sollten jede Position übernehmen können. Frauen stellen mehr als 50 % der Gesellschaft, und das sollte sich auch in Politik und Wirtschaft abbilden.“ Dass dafür aber, besonders im deutschsprachigen raum, noch die gesellschaftlichen rahmenbedingungen verbessert werden müssen, etwa durch genügend gute Kinderbetreuungsplätze, ist für Ferrero-Waldner auch klar. Denn eines ist für die Frau, die tatsächlich einmal von sich behauptet hat, keine Feministin zu sein, sicher: „Wenn eine Frau genug Freiräume hat, kann sie sich auch entwickeln und weitergehen, sie kann ihre Ambitionenausleben. Egal ob beruflich oder privat.“ Hier drängt sich die Frage auf, wie sie es denn eigentlich geschafft hat, nicht vom Weg abzukommen und sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Die Antwort kommt prompt: „Ich wollte mich immer selber im Spiegel anschauen können, und ausserdem hatte ich stets tolle Sparring-Partner in meinen Teams. Mit denen konnte ich Meinungen austauschen und verlor so nie den Blick auf die realität.“

Die erfahrene Politikerin blickt auf eine grosse Karriere zurück, hat aber den Blick nach vorne gerichtet. Sie ist unter anderem als ehrenamtliche Präsidentin der EU-LAC-Stiftung, einer Stiftung zur Stärkung der Beziehungen zwischen der EU und den lateinamerikanischen Ländern, viel in Mittel- und Südamerika unterwegs und führt auf höchster Ebene Gespräche, die das gegenseitige Verständnis fördern sollen: „Das ist eine Aufgabe, die ich mir selber ausgesucht habe. Mir liegt die Annäherung unserer Kulturkreise sehr am Herzen.“ Ein besonderes Anliegen ist ihr auch die Arbeit bei der Bertelsmann-Stiftung in Spanien. Als „Predigerin in der Wüste“ setzt sie dort alles daran, die Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen und das Berufsbildungssystem in Spanien zu reformieren. Als Lösungsansatz sieht die Vielbeschäftigte das gut funktionierende Berufsschulsystem in Mitteleuropa. In ihrer Funktion im Vorstand der Munich re – einer der grössten rückversicherungsgesellschaften – konnte sie dazu beitragen, dass zwei weitere Frauen in den Vorstand geholt wurden, und sie betont, wie wertvoll diese kleine Solidargemeinschaft für sie ist. Aber da sind noch viel mehr ämter und Aufgaben, die Benita Ferrero-Waldner innehat. Auf die Frage, ob eine Frau wie sie denn auch mal an den ruhestand denkt, lacht das Energiebündel. Eigentlich könne sie sich das nicht vorstellen. Ein bisschen mehr Zeit für Kunst und Kultur hätte sie allerdings schon gerne: „Ich möchte mehr in die Oper gehen, mehr lesen. Ich habe noch so viele Bücher, die auf mich warten.“

Abschliessend gibt die charismatische Frau noch zu: „Was mich glücklich macht? noch da sein zu können, auch Anerkennung zu erhalten, Harmonie um mich herum. Ich musste in meinem Leben so viel kämpfen, ich bin glücklich, wenn ich das nun nicht mehr muss.“


Text: Angela Eichler
Fotos: Dr. Benita Ferrero-Waldner

Dieser Artikel erschien in der Ladies Drive No. 27 im März 2014. Wenn Sie das Magazin bestellen möchten, gehen Sie bitte in unseren Online-Kiosk.