Was ist Geld eigentlich? Und wieso haben wir das Gefühl von Sicherheit, wenn wir welches besitzen? Peter Koenig forscht seit mehr als 30 Jahren zum Thema Geld und seinen Einfluss auf Mensch, Organisationen und Gesellschaft. Der 71-jährige britische Geldexperte ist der festen überzeugung, dass wir uns sicher fühlen können – auch ohne Geld. Wie soll das funktionieren?

Ladies Drive: Peter, wir sind hier in der „Fame Gallery“ in Zürich. Sie sagen, guter Umgang mit Geld ist auch eine Kunst. Wie ist das zu verstehen?
Peter Koenig: Es hat nichts mit Kunst zu tun, Geld zu machen. Die meisten Leute wollen mehr Geld machen oder sparen bzw. weniger Schulden haben. Aber dass Geld eine Freude seinkann,wennesfliesst,istunsfremd.Ich nenne den Zweck meiner sogenannten Geldarbeit seit über 30 Jahren „to create love in business“. Hierbei dürfen wir unsere Beziehung zu Geld nicht ignorieren. Denn Geld wird fliessen. Die Frage ist: Fliesst hier eine Liebesbeziehung? Oder ist der Geldfluss nur für einen von uns inspirierend und für den anderen eine Last?

Woran liegt es, dass wir so wenig über Geld lernen? Warum reden Firmen nur über Geld, wenn sie müssen? Warum reden wir mit Freundinnen und Kolle- ginnen über intimste Details – aber nicht über Geld? Ist Geld das letzte Tabu?
Um diese Frage beantworten zu können, muss man zuerst einer anderen Frage nachgehen, einer Frage, die nie gestellt wird; deswegen ist für viele Leute die Geldbeziehung problematisch. Die Frage lautet: Was ist Geld überhaupt? Wir sind nicht darüber unterrichtet, was Geld eigentlich ist und wie es funktioniert in der Welt. Ohne es zu wissen, übernimmt es gewisse Rollen mit Konsequenzen, die für jeden von uns ein bisschen anders sind. Unbewusst ist bei fast jedem von uns die Geldbeziehung zu einem Ort geworden, wo wir die tiefsten Schatten unseres Charakters verstecken. Unabhängig davon, ob wir zu viel Geld haben oder zu wenig, ob wir Schulden oder Vermögen haben, schämen wir uns. Deshalb ist Geld zu einem Tabu geworden. Besser nicht darüber sprechen und auf keinen Fall anderen sagen, wie viel Geld ich habe oder nicht oder wie es mir wirklich damit geht.

Über Geld spricht man nicht.
Dieser Satz stammt von Jean Paul Getty, dem damals reichsten Mann der Welt. Und er fügte an: „Man hat es“ (lacht).

Idealerweise. Aber woher kommt das Unbehagen, sobald es um Geld geht?
Das Unbehagen kommt von der eigenen Angst oder Scham vor unserem eigenen Zustand mit Geld. Das hat damit zu tun, wie ich Geld sehe; der Teil von mir, den ich nach aussen projiziert habe und über den ich sage: „Dieser Teil bin nicht ich.“ Wenn ich zum Beispiel sage, dass Geld schmutzig ist, dann bin ich sauber und das Geld ist schmutzig. Wenn ich aber irgendwo Geld habe, fühle ich mich schmutzigdamit.Undniemandsollwissen, dass ich dieses „schmutzige Geld“ habe. Wenn ich sage, Geld ist eine Sicherheit, dann habe ich meine eigene Sicherheit ausgelagert und verknüpft mit Geld. Das macht mich ständig unsicher. Ich kann ein reicher Mann sein, aber wenn ich mein Geld ausgeben soll, dann fühle ich mich unsicher – und ich will nicht, dass jemand sieht, wie unsicher ich wirklich bin. Deshalb ist es besser, nicht darüber zu sprechen.

Sind die Gedanken über Geld anerzogene, antrainierte Muster, die wir unbewusst mit uns herumtragen?
Ja (nickt heftig).


Wie lassen sich diese durchbrechen?
Diese Muster hängen mit der Entstehung unseres Geldsystems vor 350 Jahren zusammen. Damals waren sie unglaublich wichtig für unseren Erfolg als Industriegesell- schaft und unsere Produktionswelt. Es ist in uns durch unsere Eltern und Vorfahren sehr tief konditioniert worden. Der Gedanke dahinter: Ich muss arbeiten, schwer arbeiten, normalerweise einer nicht so schönen Arbeit nachgehen, alles hart erkämpfen. Für unsere Grosseltern hat das funktioniert. Was sie wollten, war ein Fernseher, ein Auto – alles Materielle. Nach den 1960er- und 70er- Jahren sind die Bedingungen anders geworden. Wir haben eine Fülle an materiel- len Gütern. Die Bedürfnisse von uns Menschen haben sich indes geändert, vom Materiellen hin zum Immateriellen. Menschen jeden Alters wünschen sich heute Sicherheit, Frieden, Glück, Freiheit. Mit dem alten System, das wir nach 350 Jahren immer noch praktizieren, schaffen wir es nicht, diese immateriellen Bedürfnisse zu befriedigen. Wir befinden uns in einem tiefen Wandel, und erst langsam erkennen wir, dass das alte System nicht mehr funktioniert. Wir müssen andere Mittel und Vorgehensweisen finden – mit, aber auch ohne Geld.

Und wie machen wir das?
Das ist, wenn Sie so möchten, mein Forschungsschwerpunkt: Wie können wir unsere Beziehung zu Geld verändern, damit wir unsere Sehnsucht nach Sicherheit, Frieden, Freude, Glück, Freiheit stillen können? Das erfordert einen Bewusst- seinsprozess: Zuerst muss ich prüfen, was ich in Geld hineinprojiziert habe, was ich unbewusst über Geld sage und denke. Wenn ich zum Beispiel sage: „Geld ist Glück, Reichtum, Freiheit, Sicherheit“, und ich nehme an, dass das die Wahrheit ist, schaffe ich mit meinen Gedanken einen Teufelskreis, der mich noch stärker antreibt, dem Geld hinterherzurennen. Aber es funktioniert nicht mit einer zweiten Yacht in Monaco oder einem zehnten Porsche. Ich muss unabhängig vom Geld diese innere Freiheit und innere Sicherheit in mir finden. Das nenne ich in meiner Arbeit einen „Rücknahmeprozess“. Nicht Geld ist Freiheit und Sicherheit. Sondern die Leute sind frei und sicher – mit Geld und auch ohne Geld. Indem ich meinem Verstand diese Lüge vorsetze, treffe ich eine viel tiefere Wahrheit – denn es gibt kein Wesen auf der Welt, kein Tier, das hinter dem Geld herrennen muss, um frei oder sicher zu sein. Wir Menschen haben diesen Glauben mit unserem Industriesystem geschaffen, damit wir produktiv werden. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, aber eigentlich ist es unnatürlich. Ich nutze Worte, um Menschen dabei zu helfen, zu ihrer Natur zurückzufinden und ihre natürliche Energie durch ihren Körper fliessen zu lassen. Es ist eine Körperarbeit, damit Menschen und ihr gesamtes genetisches System zurückfinden zu der Erkenntnis, dass wir sicher sind. Mit Geld, aber auch ohne Geld.

Und das funktioniert?
Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, dass sie ohne Geld sicher sein könnten, besonders hier in der Schweiz. Deshalb reicht es nicht, es einfach zu sagen. Wir müssen auch in die Interpolarität gehen. Die gleichen Leute müssen dann auch sagen: Ich bin unsicher, und ich darf es sein. Ich darf es sogar geniessen, unsicher zu sein. Ich darf meine Unsicherheit als Tugend erleben. Es macht mir sogar riesige Freude – es macht mich abenteuerlich. Und das ist geil (lacht)! Verstehen Sie? Wenn ich meine Unsicherheit geniesse und keine Angst mehr habe vor der Unsicherheit,führt mich das dazu,dass meine Sicherheit überhaupt nichts mit Geld zu tun hat.Dann kann ich meinen Sicherheitsdrang, der mich dazu zwingt, dem Geld hinterherzurennen, abhaken – es hat sich gelöst.

Was bleibt dann übrig? Wie wird Geld dann wahrgenommen, wenn man diesen Knoten in sich selbst gelöst hat?
Wenn wir alle Knoten gelöst haben,und ich meine damit wirklich alle, dann brauchen wir kein Geld mehr. Aber das ist ein Langzeitprozess, die Rücknahme von einer Qualität nach der anderen. Was bleibt, ist, dass ich freier bin und freudvoll Geld nutzen kann, wofür auch immer. Je mehr Knoten ich habe, desto mehr wird Geld ein Problem. Aber wenn ich es schaffen will, in der Welt meinen Urzweck, meine Berufung auszuleben, soll Geld als Facilitator dienen – und nicht im Weg stehen. Mit unserer Arbeit räumen wir einen Stolperstein nach dem anderen aus dem Weg, damit Geld zu einem Facilitator und einer Freude wird für jede Person, die unternehmerisch etwas realisieren will – ihre Berufung oder ihren Lebenszweck. Es gibt Menschen, die haben eine ganz klare Idee, glauben aber, nicht anfangen zu können, weil sie noch nicht genügend Geld haben. Ich habe in den letzten 30 Jahren keine Person kennengelernt, die mit einer solchen Einstellung je anfängt. In meinen Geldseminaren wird die Person unmittelbar loslegen. Denn wir sehen, welche Stolpersteine in Form von Gedanken, Vermutungen und Annahmen im Weg liegen, und neutralisieren diese mit dem System der Rücknahme.

Das klingt so, als könnte jeder davon profitieren. Und Sie haben ja tatsächlich auch ein Buch geschrieben über die 30 dreisten Lügen über Geld. Wollen Sie die schwerwiegendste Lüge mit uns teilen?
Ich würde einen kleinen Schritt zurückgehen. Könnte das wirklich jeder nutzen? Vermutlich nicht. Man muss, bis man diese 30 Lügen annehmen kann, eine gewisse Bewusstseinsebene erreicht haben. Denn Geld ist ein Bewusstseinsprozess. Die Leute, die in mein Seminar kommen oder mein Buch lesen, sind noch nicht interessiert an Geld. Sie interessieren sich für ihre Beziehung oder Ernährung, machen Yoga, forschen in ihrer Sexualität. Geld kommt immer am Ende. Man denkt, man ist spirituell, kann meditieren – das wird mich vor meinem lästigen Chef schonen. Aber es reicht nicht, und erst dann kommt Geld auf das Radar – eigentlich die grösste Entwicklung von allen. Deshalb bin ich bei diesem Thema Geld geblieben, weil es eine Beschleunigung von unserem Potenzial bewirkt, wenn wir unsere Beziehung zu Geld anschauen. Das wiederum beschleunigt Dinge viel schneller als alles andere.

Von den 30 dreisten Lügen über Geld – welche ist die schwerwiegendste?
Vor allem in der Schweiz ist es die Sicherheitsfrage. Viele Leute sind angestellt, haben eine Vision, entwickeln eine gewisse Leiden- schaft, versuchen, diese zuerst innerhalb der Firma als Intrapreneur zu realisieren, stossen an ihre Grenzen. Dann denken sie: Wenn ich wirklich mein Leben leben will, muss ich raus aus dem Unternehmen. Dann kommt plötzlich die Angst: Wie werde ich leben? Werde ich genügend Geld haben? Dann fangen sie an zu rechnen und sehen: Es wird nicht funktionieren. Was darunterliegt, ist diese Unsicherheit. Sie gehen vorwärts, fühlen sich dann aber nicht sicher genug und machen einen Rückzieher. Dann bleiben sie – oft angewidert – in der Firma, bis der nächste Versuch kommt. Das kann über Monate oder Jahre gehen. Und plötzlich sind sie reif zu springen. Geld und Sicherheit sind ihnen auf einmal völlig egal! Sie machen den ersten Schritt – und dann klappt es auch. Diese Prozesse beschleunigen wir.

Was ist denn Geld nun eigentlich? Ist Geld etwas Natürliches? Was ist die Natur von Geld? Sie sagen, es ist eigentlich ein Bewusstseinsthema. Ist es denn überhaupt real?
Nein. In einer gewissen Weise ist es eine Illusion (lacht). Ich frage in meinen Kursen oder Vorträgen, was ist Geld,aber ich frage auch und am liebsten Bankiers: Wo ist das Geld? Die meisten Menschen haben sich diese Frage nie gestellt. Sie sind völlig schockiert, weil sie darauf keine Antwort haben. Sie wissen, es ist nicht unter der Bank, nicht in ihren Taschen, es ist irgendwo in einer Buchhaltung, aber wo ist dieBuchhaltung?

In der Cloud!
Und wo ist die Cloud? Aber es gibt eine logische Antwort: Geld ist in Ihrem Kopf. Das ist der einzige Ort, wo es gelagert ist. Und wenn Sie das verstehen, macht das vielleicht zuerst schwindlig. Aber es ist der einzige Ort, den Sie anschauen können, und wenn Sie die Konsequenzen verstehen, dann können Sie wirklich etwas daraus machen. Für Ihr Leben und Ihren Lebensweg,für Ihre Ziele und Leidenschaften. Deswegen ist dieses Thema für mich so wesentlich.

Wenn Sie sagen, Geld ist eine Kopfsache, heisst das auch, es findet im Kopf statt, ob wir zu mehr Geld kommen, Geld machen und dieses Geld dann auch behalten können?
(nickt energisch) Ja! Geld ist leicht zu machen.Ich hatte es mit 33.Wenn man den Fokus auf etwas richtet, bekommt man es. „Creating love in business“ ist viel schwieriger, als einfach nur Geld zu machen. Jeder kann Geld kreieren. Das wird auch getan. Geldinstrumente werden aus dem Nichts geschaffen, von Menschen, die verstehen, dass sie das tun können.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, was die Beziehung zu bzw. den Umgang mit Geld betrifft? Wie können wir frauenspezifische Knoten im Kopf lösen?
(lacht) Eigentlich ist der Titel meines Buches „30 dreiste Lügen über Geld“ eine Lüge, denn es enthält 31 Lügen. Und diese 31. Lüge befasst sich mit diesem Thema. Natürlich haben Frauen eine bessere Beziehung zu Geld als Männer. Männer fokussieren sich auf Investitionen, und das erweckt den Eindruck, dass sie sich mehr für Geld interessierten und eine lang- fristige Sicht verfolgten. Aber das täuscht, denn sie sind ständig am Handeln, und das ist eine kurzfristige Haltung. Frauen sind viel mehr auf dem Boden als die Männer, agieren ökonomisch viel langfristiger.
Dennoch verdienen Frauen immer noch weniger als Männer. Eine meiner Kolleginnen hat das untersucht und herausgefunden, dass Frauen mehr Mühe haben mit dem Thema Abhängigkeit. Sie streben viel stärker als Männer danach, unabhängig zu werden. Dadurch sind sie bereit, für einen Posten finanziell kürzerzutreten. Viele Frauen denken: „Die Stelle ist mir wichtiger als das Geld.“ Sie dient als Beweis ihrer Unabhängigkeit. Auch hier: Es ist alles eine Bewusst- seinsfrage. Je bewusster man wird, desto eher werden all diese Unterschiede verschwinden.

Was bedeutet Ihnen ganz persönlich Geld?
Ich sehe Geld als Gold – im Sinne der Entwicklung des individuellen sowie des kollektiven Bewusstseins. Die ganze politische, ökonomische, ökologische Welt ist durchstrickt mit Problemen, die mit dem Thema Geld in Verbindung stehen und die wir ohne Geldbewusstsein nicht lösen können.

Wäre eine Welt oder eine Gesellschaft ohne Geld eine bessere Gesellschaft?
Es gibt Idealisten mit einer solchen Vision. Bis dahin wird es Geld geben. Ich denke, man sollte das Beste tun, um Freude mit diesem Geld zu haben – und Freude zu bringen.

 

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN FÜR EUCH:
https://peterkoenig.typepad.com/de/
www.leagueofleadingladies.com/lll2020

P.S.: Peter Koenig gehört zu den Keynote Speakern unserer League of Leading Ladies Conference vom 7.&8.5.2020 in Interlaken. Er wird im Rahmen der Konferenz nebst seinem Vortrag auch einen 2-stündigen Workshop abhalten. Jetzt eines der limitierten Tickets für die LLL 2020 sichern.


Text: Claudia Gabler Fotos: Steve Marshall