„Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“*

Wieso sprechen wir überhaupt darüber, ist das Konzept von Vertrauen doch so schwer zu fassen und nuancenreich? Nun, wir sprechen u.a.auch in der Ladies Drive-Printausgabe Vol.44 vom 3.12.18 schwerpunktmässig darüber, weil ich behaupten möchte, dass die meisten Probleme unserer Zeit von einem nie dagewesenen und massiven Vertrauensverlust in nahezu alles und jeden geprägt sind. Damit Vertrauen existieren kann, bedarf es einer Grundlage, quasi eines Nährbodens – da sind sich die Forscher einig. Doch was geschieht, wenn wir dieser Grundlage zunehmendermassen beraubt werden?

Wir misstrauen der Politik und strafen sie an der Urne ab, die Politik misstraut den Medien und schimpft über Fake News und Lügenpresse, der Literaturnobelpreis fällt wegen #MeToo aus, genauer gesagt nicht wegen des Social-Media-Hashtags, sondern vielmehr wegen massiver Belästigungs- und Korruptionsvorwürfe, den Banken vertrauen wir seit Lehman Brothers nicht mehr und den Immobilienmogulen … ach, dito! Den Cryptocurrencies wie Bitcoin vertrauen wir aber auch nicht, ebenso wenig den USA (zeigen zumal Umfragen), den Autoherstellern natürlich auch nicht (seit Diesel-Gate), Facebook mussten wir seit Cambridge Analytica das Vertrauen entziehen, und Google beäugen wir seit den Offenbarungen der Gründer ebenso argwöhnisch wie Artificial Intelligence im Allgemeinen, und da auch Fussballspiele und Weltmeisterschaften „gekauft“ werden … was bleibt da eigentlich noch über? Wem oder was vertrauen wir noch?

Fakt ist: Die Skandale der letzten Jahre haben gezeigt, dass es nicht nur Gutmenschen auf diesem Planeten gibt und selbst Ärzte raffgierig sein können und Abrechnungen fälschen, um mehr Geld zu kassieren. Haben wir uns täuschen lassen? Waren wir zu naiv? Wollten wir es vielleicht gar nicht so genau wissen? Haben wir uns womöglich allzu lange nur mit unserem eigenen, persönlichen Fortkommen und dem Anhäufen von Vermögen und Dingen beschäftigt und dabei verpasst, dass nicht nur wir auf Kosten anderer reicher werden, sondern auch andere auf Kosten von uns immer mächtiger werden? Für mich waren die Geständnisse der Gründerväter um Facebook, Instagram oder Snapchat etwas, das mich wirklich bewegt hat: „Wir wussten, was wir taten. Und wir taten es trotzdem!“
Tristan Harris (Time Well Spent) bilanziert: Es reicht heute nicht mehr, dass wir ein Produkt oder einen Service cool finden. Wir sollen davon abhängig sein. Und wir werden über geschickte Massnahmen tatsächlich in eine Abhängigkeit gelenkt.

Wie soll das genau passieren? Jemand hat wohl im Psychologieunterricht richtig gut aufgepasst. Wie bringt man Menschen also dazu, eine Plattform wie etwa Facebook nicht einfach nur cool zu finden, sondern möglichst viel seiner täglichen Zeit damit zu verbringen? Indem man das, was wir „short-term, dopamine-driven feedback loops“ nennen, erschafft. Einen „Like“, auf den wir sehnlichst warten, wenn wir ein Bild gepostet haben. Eine Bestätigung, dass wir etwas Wert sind. Ein Excitement, das wir spüren, wenn wir auf das Icon der App klicken, und das Kribbeln, das wir empfinden, die Aufregung in den paar Sekunden, bis wir sehen, was auf unserem Social-Media-Profil grad so abgeht. Tja. Diese Wartezeit ist zum einen programmiert und gewollt. Sie soll uns „dranbleiben“ lassen. Bloss nicht wegzappen und woanders draufklicken war die Devise der Programmierer. Das haben die schon mal ganz gut geschafft. Dann warten wir gespannt wie ein Flitzebogen auf jedes „Daumen hoch“, auf jeden Kommentar, auf jedes Herzilein. Das konsumiert Unmengen unserer doch eigentlich so wertvollen und raren Zeit! Und ganz nebenbei schüttet unser Gehirn, wartend auf einen Like oder einen Kommentar, ein bisschen Dopamin aus. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der – etwas verkürzt erklärt – uns ein gutes Gefühl gibt. Wie wenn man den ersten Bissen zu sich nimmt, wenn man hungrig ist. Je mehr wir das tun, desto mehr laufen wir (wie bei allen Dingen, die wir in grosser Häufigkeit tun) Gefahr, süchtig zu werden. Wir erleben Unruhe, Aggression oder sogar Angstzustände, wenn wir dieses Gefühl nicht kriegen. Und genau das passiert auf den Social-Media-Plattformen. Sie machen uns süchtig. Ausgeplaudert hat das der 38-jährige Facebook-Gründungspräsident Sean Parker während eines Talks in Philadelphia im November 2017: „The social network was founded not to unite us, but to distract us.“ Was die Gründer wie Sean Parker ausgenützt haben, war die Verwundbarkeit der menschlichen Psyche.

Und Artificial Intelligence treibt das ganze Spiel nun auf die Spitze: Es werden u. a. über Social-Media-Kanäle Daten über uns gesammelt, die wir ansonsten freiwillig im Zuge der DSGVO niemandem zur Verfügung stellen würden. So wird unsere Sucht quasi „tailor made“. Tataaa! Ist das nicht fast schon ein kleines bisschen pervers? Simon Parkin vom „Guardian“ wagt sogar zu sagen: „Silicon Valley is keen to exploit the brain chemical credited with keeping us tapping on apps and social media.“

Die Vorgänge um die Programmierung, die den Dopaminausstoss und somit eine potenzielle Sucht hervorbringen, können an dieser Stelle nur angedeutet werden – Ihr findet derweil in den weiterführenden Informationen mehr dazu.
Genau diese Beichten, wie jene von Sean Parker oder noch viel mehr jene von Chamath Palihapitiya, dem früheren Vizepräsidenten von Facebook für den Bereich „user growth“, sind es, die das Vertrauen in die hochgelobte Technologie, in die viel geliebten sozialen Medien für mich zerstörten. Denn Chamath war es, der es wagte, Folgendes auszusprechen: „Social media is ripping society apart.“ Im November 2017 sprach er erstmals öffentlich aus, dass er es zutiefst bedaure und er unaussprechliche Schuld fühle. Wieso Insta und Co. die Gesellschaft auseinanderreissen? – „No civil discourse, no cooperation, misinformation, mistruth.“ Genau das werde über die sozialen Medien kreiert, und es sei Zeit, sich von der kindlichen Freude und Naivität über die sozialen Medien zu verabschieden.
Als ich Chamaths Statement während eines Talks an der Stanford Business School gesehen hab (finden Sie auf Youtube), hab ich mich sofort gefragt: Und wieso kommen jetzt die Gründerväter von Social Media plötzlich so gleichzeitig drauf, öffentlich zu Kreuze zu kriechen? Ich misstraute also der Quelle, die mir gerade beigebracht hatte, dass man den sozialen Medien sowie vielen Apps und AI nicht vertrauen dürfe.

Wenn wir Vertrauen verlieren, geschieht Folgendes: Verlorenes Vertrauen schürt Angst. Misstrauen. Beides Gefühle, die kein guter Begleiter fürs Leben sind. Und es erinnert mich arg an „divide et impera“ – teile und herrsche. Denn Angst bringt Menschen dazu, sich leichter leiten und managen zu lassen. Es ist, und das zeigen uns einige Beispiele der Menschheitsgeschichte, offenbar „leichter“, verängstigte Menschen zu führen (und zu unterdrücken) als Menschen, die voller Liebe und Vertrauen in den Mitmenschen sind und somit voller Selbstvertrauen. Solch eine Masse ist viel zu kritisch. Zu kritisch, um sie leicht manipulieren zu können. Es ist wohl wieder Rausschmiss aus dem Paradies: In dem Moment, wo einem Menschen das Urvertrauen ins, nennen wir es mal „gerechte Universum“ entzogen wird, fällt das menschliche Gehirn in einen Überlebensmodus und agiert nach dem Angst-Prinzip. Angst wiederum bewirkt Stress, und Letzteres ist die unbekannte Grösse in fast allen Erkrankungen – von der Migräne über Bluthochdruck bis zu Krebserkrankungen. Nicht, dass ich sagen will, dass Angst, Verunsicherung respektive Stress allein für sämtliche Übel dieses Planeten zuständig sind. Aber achten Sie mal auf mögliche Ursachen von Erkrankungen. Fast in allen Fällen steht irgendwo auch „Stress“ als einer der verursachenden Faktoren. Weil Stress beispielsweise unsere Hormone durcheinanderwirbelt. Unseren Schlaf-Wach- Rhythmus stört. Die Aufnahme von Vitaminen. Unsere Wahrnehmung trübt. Das sind nur ein paar wenige Beispiele.

Und so kommen wir wieder zum Thema Vertrauen zurück: Je mehr Skandale (und natürlich auch Gewalt oder Terror) wir erleben und noch erleben werden, desto mehr ist unser Vertrauen in Dritte (wer diese Dritten auch immer sein mögen, Institutionen oder Personen) erschüttert, desto mehr macht sich in uns selbst, in jedem einzelnen, Verunsicherung breit, mit der Verunsicherung erwächst Angst, mit der Angst kommt der Stress, mit dem Stress eine Vielzahl von Störungen und Krankheiten. Und wer will das alles denn? Wer will in einer Welt leben, die von Angst geprägt ist? Wollen wir ein Zusammenleben voller Misstrauen? – Diese Fragen implizieren, dass wir eine Wahl haben. Und ja, die haben wir. Wir alle sind, was wir denken. Wir kreieren unsere eigene Welt, unseren eigenen Mikrokosmos täglich aufs Neue mit unseren Worten, die wir schreiben und aussprechen, und mit den Gedanken, die daraus entspringen.
Wir können ja durchaus weiterhin auf Facebook rumschwirren und unsere Zeit verbringen, sollten uns aber gewahr werden, welcher Mechanismus dahintersteckt, anstatt die sozialen Medien allzu idealisiert und romantisiert wahrzunehmen. Wir können Nachrichten im TV (oder auf Youtube) anschauen, müssen es aber nicht zwangsweise gleich mit der Angst bekommen, Opfer eines Terroranschlags zu werden.

Was wir in Zeiten wie diesen unbedingt brauchen ist Selbstvertrauen. Das Vertrauen in uns. Das Urvertrauen. In unsere Fähigkeiten und unseren wachen Geist, in all das Gute, was in uns steckt – und in anderen. Vertrauen lässt sich nicht delegieren und nicht externalisieren. Das müssen wir schon selbst erschaffen. Erst mal in uns. Und dann um uns herum. Denn wie soll es einem Menschen, der sich selbst nicht vertraut und nichts zutraut, gelingen, anderen Menschen zu vertrauen, geschweige denn anonymen Organisationen, Parteien oder Firmen?

So sollte ein jeder sein eigenes „trusted brand“ kreieren, um mal wieder in den Marketing-Wortschatz einzutauchen. Das tut man, indem man sich selbst, aber auch anderen mit Respekt, Ehrlichkeit, Loyalität, Konsistenz, Hingebung (Commitment) und Verlässlichkeit begegnet. Und indem man andere Menschen berührt. Berührung als sinnliche Erfahrung schafft Vertrauen. Dies hat nur Bestand, solange man authentisch und ehrlich ist. Damit Authentizität kein Schlagwort ist, welches wie eine Worthülse sterbend darniederliegt, ohne Seele und ohne Bedeutung, bedarf es Taten, die im Einklang mit unseren Worten sind.

Meine indische Freundin sagte mir derweil unlängst: „Ich vertraue dir, auch wenn ich dich nicht kenne. Das ist unsere Philosophie. Jemandem zu vertrauen, bis er uns das Gegenteil beweist.“ Unsere europäische Sicht auf die Dinge ist derweil genau umgekehrt: „Ich misstraue dir, bis du mir das Gegenteil beweist.“ Somit müssen wir also last but not least auch bedenken, dass die Grundlage von Vertrauen kulturell und/oder religiös bedingt höchst unterschiedlich sein kann. Wieso sollten wir denn in Sachen Vertrauen also, wie meine indische Freundin, jemandem einen Vertrauensvorschuss geben? Weil wir fähig sind, in uns selbst zu vertrauen.

Wer sich selbst vertraut, kann anderen meist selbstsicherer begegnen.
Was kann also ein jeder von uns tun? Nun, entscheiden Sie selbst, in welcher Welt Sie lieber leben möchten. Was Sie selbst dafür tun wollen. Mit welchen Gedanken Sie durch die Gegend laufen. Und welche Worte Sie wählen, um diesen Gedanken wiederum Ausdruck zu verleihen.

Vertrauen beginnt bei Euch und in Euch und mit Euch!

 

Quellen:
How Evil is Tech? – New York Times. David Brooks.
Addiction by Design – New York University. Prof. Natasha Dow Schüll. Time Well Spent – Center for Humane Technology. Tristan Harris.
Has dopamine got us hooked on tech? – The Guardian. Simon Parkin.

*OSTERLOH, M., WEIBEL, A. (2006), INVESTITION VERTRAUEN. PROZESSE DER VERTRAUENSENTWICKLUNG IN ORGANISATIONEN, GABLER: WIESBADEN.


Text & Foto: Sandra-Stella Triebl