Kaum gelandet, sitze ich in einem luxuriös ausgestatteten Mercedes-Van, der mich mit monegassischem Nummernschild ausgestattet und mit McLaren-Logo-Branding beklebt vom Flughafen Rom in das ziemlich „italienische“ Cavalieri Waldorf Astoria gleich ums Eck vom Vatikan bringen soll. Und keine weiteren zwei Minuten später wähnen wir uns statt auf der Autostrada zum Hotel bereits
auf der Rennstrecke. Kleine Fiats, Alfas und Lancias kämpfen mit uns um jeden Zentimeter Asphalt, schneiden uns, drängen uns ab, und das bei gut 150 km/h. „Welcome to Italy“, schallt es mir, mit einem sehr breiten, britischen Akzent, vom Fahrersitz entgegen. Und da wären wir schon beim Thema: die Bella Macchina, Italien und die Rennstrecke.

Ich bin hier, um die neueste Generation des noch sehr jungen britischen Autobauers McLaren auf der Rennstrecke zu fahren. Und nur, um hier keine Missverständnisse wegen der oben genannten Kleinwagen aufkommen zu lassen, wir bewegen uns im sogenannten „Hyper- car“-Bereich, der dafür bekannt ist, Superlative öfters mal zu umrunden und die Latte höherzustecken. Allerdings in diesem Fall nicht mit 720 „Cavalli“ unter der Haube (ich bemerke gerade, wie passend der Name des Hotels für diese Veranstaltung gewählt war) und einem neuen Lufteinlass an den Türen, der sich auf den Seiten zwischen Seitenscheiben und „Türgriff“ ca. 15 Zentimeter breit öffnet, was dem Motor im Heck Luft verschafft, ohne die aufregend designte Seitenlinie durch die üblichen „Air Intakes“ zu durchbrechen. Zum ersten Mal wirkt dadurch ein McLaren auf mich nicht nur sportlich, sondern auch elegant.

Nein, was sich die Ingenieure in Surrey, dem Hauptsitz von McLaren, hier ausgedacht haben, ist durchaus alltagstauglich, … ja, okay … „alltagstauglicher“, … ja, ist in Ordnung … der 720S ist zumindest „Grand Tour“-tauglich. Einmal davon abgesehen, dass man das Fahrzeug je nach Bedarf in einer sportlichen oder luxuriösen Variante ordern kann, ist die Tatsache, dass man auch in Absprache mit den Damen
und Herren der McLaren Special Operations im Rahmen des Bespoke-Programms eine 100.000-US-Dollar-Speziallackierung oben drauf bekommt, die sage und schreibe 300 Arbeitsstunden in Anspruch nimmt, um sie aufzutragen, zwar beeindruckend, aber in diesem Preisbereich noch nicht die ganz grosse Kunst. Doch durch gutes Aussen- und Innenraumdesign ist das Fahrzeug im Vergleich zu anderen Monstern aus dieser Liga absolut übersichtlich. Und das verblüfft mich nun wirklich. Man thront quasi in einer Glaskuppel, die oben auf das Chassi gepackt wurde und die sehr viel Licht in den Innenraum lässt. Man schaut in den Rückspiegel und sieht dabei tatsächlich die Carspotter, die hinter einem ein Bild nach dem anderen für ihren Instagram-Account schiessen, und nicht nur den V8-Motor. Und dann kann man damit sogar rückwärtsfahren (ja, Sie werden lachen, aber versuchen Sie das mal in einem anderem Super- oder Hypercar ihrer Wahl). Wenn Sie mögen, bekommen Sie dazu noch Sensoren und Kameras rund ums Fahrzeug, die Ihnen das Einparken dann so einfach machen, als sässen Sie in einem Volvo. Apropos Kameras, davon gibt’s auf Wunsch noch ein paar mehr. Dieses System zeichnet dann die Strecke vor Ihnen und noch dazu Sie beim Fahren auf derselben auf. Dies inklusive sämtlicher Telemetriedaten, die Sie dann wahlweise mit Ihrem Fahrinstruktor, oder, wenn’s sein muss, dem Verkehrsrichter besprechen können. Die Daten helfen Ihnen in jedem Fall beim Verbessern der Rundenzeiten oder bringen Ihnen zumindest mehr Fans auf YouTube. Den Soundtrack hierzu bekommen Sie aus einer High-End- Bowers-&-Wilkins-Anlage.
Die Flügeltüren des 720S ermöglichen Ihnen einen höchstdramatischen Auftritt, wo immer Sie auch vorfahren mögen (gefolgt von einem Ausstiegs-Szenario, das geübt sein will, um elegant zu wirken). Sie brauchen damit aber in keinem Fall mehr als einen regulären Parkplatz. Viele Kunden der Marke leben in Städten, dadurch müssen diese Türen unbedingt auch praktisch sein.
Als wir mit dem 720S in einem kleinen Bergdorf auf den Hügeln Roms halten, parke ich meine Flunder in Azores Orange direkt am Hauptplatz zwischen ein paar zerbeulten Kleinwagen, und schon bald bildet sich eine Traube aus Kids (und später auch ihren Eltern) um uns, die mehr erfahren wollen. Allerdings möchten sie vor allem eins … Selfies machen. Dass sie sich, wenn sie wollten, gern auch kurz mal reinsetzen dürften, müssen wir ihnen nicht zweimal anbieten … Dank der sich weit öffnenden Flügeltüren spielt die halbe Schule aus dem Dorf zehn Minuten lang Reise nach Jerusalem in unserem Auto.

EIN PAAR STUNDEN SPÄTER IST MEIN BLUT DURCHTRÄNKT MIT ADRENALIN.

Auf der Piste des Autodromo Vallelunga kommen mir die Kurven, nachdem ich mich wieder einmal wie Hieronymus Carl Friedrich Baron von Münchhausen in 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h aus der Kanone geschossen habe, plötzlich etwas sehr schnell entgegen. Die Fliehkräfte lassen den Sturzhelm auf meinem Kopf gleich ein paar Kilo schwerer werden. Bei jedem Einbremsen vor einer Kehre trainiere ich meine Nackenmuskulatur oder kultiviere mein Schleudertrauma … Da bin ich mir noch nicht so sicher. Doch immer wieder wandern meine Mundwinkel deutlich nach oben. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, doch „Driften“, also das Auto in der Kurve durch abrupte Gaswegnahme quer zu stellen (für uns Männer vielleicht der Ersatz für ein noch archaischeres Balzverhalten), Driften also, kann glücklich machen. Und auch hier hilft uns der McLaren weiter wie bisher kein anderer. Denn die Kunst des Driftens ist nicht unbedingt eine einfache. Es kann schon ein halbes Jahr regelmässiges Training vergehen, bis man sich auf der Suche nach dem Glück, gleichermassen sinnbefreit und langsam (ja, Driften dient keines Falls dem schnelleren Vorankommen), endlich quer durch die Kurve bewegen kann. Auch wenn McLaren hier keinen Zauberknopf geschaffen hat, kann man nun erst mal einstellen, wie weit sich das Heck nach Achtern bewegen darf und ab wann man sanft aufgefangen werden will.
Dem Glück nun ein wenig näher, sitze ich mit breitem Grinsen da und drehe noch ein paar Runden im 720S, bevor die Sonne hinter den Hügeln Roms untergeht.

Weitere Informationen: www.cars.mclaren.com


Text: Sebastian Triebl
Fotos: McLaren