IM AN INTERVIEW MIT JANET PARDO, DER INNOVATORIN BEI CLINIQUE

Sie ist 49, gross, schlank, hat braunrote, lange Locken, ein gewinnendes, ansteckendes Lachen, überschäumendes Temperament und eine atemberaubende Ausstrahlung. Die Rede ist von Janet Pardo, die Frau hinter den Produkten der amerikanischen Kosmetikmarke Clinique. Wir trafen die zweifache Mamma am Rande der Lancierung des „Even Better Eyes Dark Circle Correctors“ in München.

„Sie haben 30 Minuten“, mahnt mich die Clinique-Presselady aus den USA mit leiser Stimme, bevor wir die Suite des Hotels am Viktualienmarkt in München betreten. Janet Pardo erhebt sich freudig strahlend vom Sofa, als sie mich erblickt.

Die Senior Vice President Product Development Worldwide, wie ihre Funktionsbezeichnung offiziell lautet, bittet mich warmherzig, Platz zu nehmen. Wenn man die schöne Janet Pardo als „die Frau hinter dem Wunder der Marke Clinique“ bezeichnet, was man hinlänglich in der Presse lesen kann, dann ist ihr das eigentlich etwas „too much“. „Ich sehe mich selbst nicht in diesem Licht“, meint sie bescheiden. Die Marke Clinique steht nach Janet Pardos Worten viel zu sehr für Teamwork und Zusammenarbeit, als dass das Wunder eine einzige Person repräsentieren könnte. Obschon im weiteren Verlauf klar wird, dass schlussendlich sie es ist, die diese enorme Verantwortung als Innovationstreiberin einer weltweiten Marke tragen muss. „That’s huge“, gibt sie unumwunden zu. Aber es gehe nicht um ihr Ego, betont sie im gleichen Atemzug, sondern vielmehr darum, Frauen glücklich zu machen. „Nun gut, wir haben kein Mittel gegen Krebs erfunden. Aber dennoch: Eine Frau steht morgens auf, trägt eine Clinique-Crème oder einen Lippenstift auf, den ich entwickelt habe, und fühlt sich gut dabei – das macht die Welt doch ein kleines bisschen besser, jeden Tag.“

Janet Pardo tut heute genau das, wovon sie schon als Kind geträumt hat. „Ich bin ein Tagträumer und sehr neugierig, habe Dinge stets hinterfragt, das hilft, innovativ sein zu können.“ Die modeaffine Produktentwicklerin wusste demnach schon früh, wohin ihre berufliche Reise hinführen sollte. Im zarten Alter von 17 Jahren startete sie erstmals in die Selbstständigkeit – indem sie ihre eigene Kosmetiklinie anbot, von Haus zu Haus zog und so ihre Kreationen an die Frau brachte. „Ich beklebte die Produkte mit meinem eigenen Logo und hab Freundinnen einen Discount gegeben, wenn sie eine Verkaufsparty in ihrem Haus abhielten“, erzählt die Amerikanerin sichtlich amüsiert. Als sie dann im Collage bei Macy’s Kosmetikabteilung im Verkauf arbeitete, fühlte sie zum ersten Mal, dass sie das Leben eines anderen Menschen verändern kann.

So schien eigentlich klar, dass die Kosmetikindustrie ihr „Zuhause“ werden sollte. Eine andere Branche kam eigentlich nie in Frage – obwohl ein Grossteil ihrer Familie in der Finanzwelt beheimatet ist: „Einzig die Food Industry wäre eine Möglichkeit gewesen. Mich interessierten nur Bereiche, wo der Himmel das Limit ist und dir alles offen steht in puncto Kreativität“, sprudelt die schöne Managerin. Genau dies ist es auch, was bei Clinique ihr Herz erfüllt. „Manchmal albern wir herum im Team, lachen und diskutieren – und ich muss sagen, verlorene Zeit ist etwas absolut Gutes! Weil wenn du Zeit einfach fliessen lässt, befreist du deine Gedanken. Und das macht dich am Ende kreativ“, verrät Janet Pardo begeistert und fährt ohne Punkt und Komma fort: „Ich habe einen grossen Tisch vor meinem Büro – und manchmal plappern wir dort einfach über scheinbar sinnlose Themen. Das erlaubt dir, deine Gedanken zu entwickeln und ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft bei solchen Treffen tolle Ideen für Produkte entstanden sind!“ Ich komme kaum dazu, der passionierten Kosmetiklady eine Frage zu stellen, denn sie liebt es, über die Art und Weise zu sprechen, wie bei Clinique und unter ihrem Führungsstil Innovationen entstehen.

Für die schöne Amerikanerin ist alles inspirierend – ein Seidenband, ein Bonbonpapier, ein Auto. Zudem entstehen Innovationen bei Clinique ohne Zeitlimit, ohne Druck, zu einem spezifischen Datum ein neues Produkt auf den Markt zu bringen. Das sei absolut wichtig, weil man nur so die Flexibilität habe, Fehler zu machen. „Und manchmal braucht es einfach Jahre, bis wir zum Punkt kommen, wo wir sagen können: We got it!“ – Pardo schnippt mit ihren Fingern und sieht just in jenem Moment fast ein wenig aus wie Wickie, der kleine Wikinger. Selten haben wir offenere und ehrlichere Einblicke in den Innovationsprozess eines so grossen Unternehmens erhalten als bei diesem Gespräch. Und Janet Pardos Businessmodell von flexiblen Innovationsschritten funktioniert ganz offenbar, was ihr wiederum beim Top-Management ein hohes Mass an Freiheiten beschert. Beim „Even Better Clinical Dark Spot Corrector“ dauerte der Entwicklungsprozess von der ersten Idee zum fertigen Produkt beispielsweise Jahre – denn man hatte sich zum Ziel gesetzt, einem Produkt nahe zu kommen, welches normalerweise nur Dermatologen einsetzen dürfen. Entsprechend musste man bei Clinique versuchen, neue Wege zu gehen. „What if“ sowie „Why not“ gehören dabei zu den obersten Prämissen von Janet Pardos Arbeit. „Ich frage mich immer, was geschieht, wenn wir diesen oder jenen Wirkstoff benutzen – und wenn jemand sagt, das bringt nichts, frage ich: Weshalb nicht? Ich stelle mich manchmal an wie ein kleines Kind. Genau so arbeite ich.“ Und das offensichtlich mit durchschlagendem Erfolg. Clinique avancierte zu einer der bestverkauften Marken, und dies auf globaler Ebene.

Die Kosmetik-Ikone ist entsprechend ständig und nonstop auf der Suche nach Inspiration, nach neuen Produkten, wobei die neusten Trends häufig erstmalig im asiatischen Markt zu Tage treten. „Ich liebe es, in die Agglomerationen zu gehen, manchmal auch in ganz abgelegene Gebiete. Denn dort findet man die ersten Blüten eines Trends – in den Städten dieser Welt sind sie offensichtlich und häufig bereits am Ende ihres Zyklus. Aber ausserhalb entstehen sie erst.“ Das macht schlussendlich auch einen guten Produktentwickler aus: den Trend aufzunehmen, bevor er passiert, und alles andere als das Offensichtliche zu beobachten, sich ständig in Bewegung zu halten und am Ende ein Produkt zu kreieren, von dem eine Frau gar nicht weiss, dass sie es wirklich braucht, wenn sie es indessen in Händen hält, vom Gefühl beseelt wird, dass sie ohne es nicht weiterleben kann. „Das ist das Geheimnis“, gibt Janet Pardo augenzwinkernd zu.

„Und verraten Sie uns, an welchem Produkt Sie gerade arbeiten“, will ich schlussendlich neugierig wissen. „Klar!“, gibt sie kurz und knapp zurück und legt erneut in lebhafter Begeisterung los: „Zur DNA von Clinique gehört es ja, dass wir sichere Produkte auf den Markt bringen, die für jene mit sensibler Haut sind, die den Zugang zu einem Dermatologen nicht haben.“ So erfahren wir, dass eine neue Generation an BB-Creams folgen soll, nämlich CC-Creams, ein Trend aus China – Produkte mit noch mehr Feuchtigkeit und noch mehr Multitaskingfähigkeiten als die jetzigen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt bei Clinique ist zudem der ganze Bereich der Akne, sei es jene der Jugend oder jene des Alters, denn immer häufiger werden auch Frauen ab 30 davon heimgesucht.

Um weiterhin auf globaler Ebene erfolgreich sein zu können, will Janet Pardo auch künftig neue Wege gehen – und dies im wahrsten Sinne des Wortes: „Um eine grosse Nummer sein zu können, musst du den unbequemen Weg gehen. Und dies immer in die andere Richtung als alle anderen auf dem Markt. Dies ist ein Risiko. Aber es lohnt sich definitiv! Es war bei uns im Bereich der Hyperpigmentation so. Ich nenne dies den blauen Ozean – unberührt, ein Ort, wo andere noch nie zuvor waren. Wir waren die ersten, die in diesem Bereich ein gutes Produkt lancierten – und wir bekamen unzählige Komplimente von CEOs unserer Konkurrenten dafür!“ On top kamen überwältigende Absatzzahlen dazu, die bis heute anhalten. Janet Pardo erinnert sich an jenen Moment, wo sie realisierte, wie gross ihre Innovation werden könnte: „Es war der Augenblick, wo ich die klinischen Resultate in Händen hielt. Ich begann zu schreien! Das war einfach unglaublich!“, und die Luft scheint zu vibrieren in unserer kleinen Münchner Suite, so mitreissend und leidenschaftlich erzählt sie von ihren Erinnerungen an jenen Tag. „Wir haben so viel probiert, konnten nicht reüssieren. Und dann plötzlich diese Resultate! Wir setzten ein sehr heikles Rohmaterial ein und die Sterne schienen auf einmal alle zu unseren Gunsten zu scheinen. Die Chemiker setzten die Ingredienzen auf einem bestimmten Level ein und nach drei Monaten hielten wir die Testresultate in Händen, die bewiesen, dass unser Produkt genau so gut wirkte wie das beste verschreibungspflichtige Medikament auf dem Markt. Ich lief zu meiner Chefin Lynne Greene und sagte ihr: Das ist eine Revolution! Das wird die gesamte Kosmetikindustrie auf den Kopf stellen!“ Noch nie zuvor war dies einer Marke gelungen. Die Freude und Begeisterung darüber, es geschafft zu haben, steht Janet Pardo noch heute ins Gesicht geschrieben. Als wir über ihr Alter sprechen, wird derweil klar, wie sehr ihre Arbeit eine Art von Obsession darstellt. Gleichwohl ist sie überzeugt, dass Linien und Fältchen im Gesicht eines Menschen sekundär sind, wenn die Haut einen ebenmässigen Ton aufweist. Das ist für mich als 39-Jährige doch irgendwie beruhigend.

„Sorry, wenn ich so viel geredet habe. Sie sollten mal bei Youtube ‚Janet Pardo Talking‘ eingeben. Da finden Sie ein Video, wo ich echt nonstop am Quasseln bin“, und alle im Raum beginnen schallend zu lachen. Und ich denke mir: „Liebes Universum, ich möchte bitte, bitte dieselbe Crème haben wie Janet!“, denn diese Frau ist tatsächlich eine der umwerfendsten, die ich seit längerem habe treffen dürfen.

Weiterführende Informationen: www.clinique.com


Text: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Clinique Press