Lisa Wimberger gehört zu den gefeierten Autorinnen und Autoren des US-Verlags Sounds True von Tami Simon. Tami war es auch, die mir Lisa als Keynote- Speaker für die League of Leading Ladies Conference im nächsten Jahr empfahl. Lisas Buch darüber, wie man physische und psychische Traumata loslassen kann, hat in den USA die Bestsellerlisten gestürmt.
Die Amerikanerin ist die Erfinderin des Begriffes „Neurosculpting“ und schulte mit ihrem Meditations-Approach nicht nur diverse US Police Departments sondern auch FBI und CIA. Wie man das schafft? Sie werden es kaum glauben …!
Wer Lisa Wimberger übrigens live erleben möchte: Sie gehört zu unseren Keynote Speakerinnen an der League of Leading Ladies Conference 2020 in Interlaken (www.leagueofleadingladies.com).

Ladies Drive: Kannst du ein wenig von deiner persönlichen Geschichte mit uns teilen – wo bist du geboren und aufgewachsen?
Lisa Wimberger: Ich bin in Long Island, New York, geboren und aufgewachsen, obwohl ich eine grosse Affinität zu Deutschland habe – ich habe dort viele Verwandte und als Teenager viele Sommer in Deutschland verbracht. Aber ich bin in einer sehr traditionellen Familie an der East Coast aufgewachsen – ich glaube nicht, dass ich als junger Mensch sehr weltlich war. Aber es war eine sehr schöne Kindheit.

Was meinst du damit – weltlich?
Wir haben nicht viel unternommen, blieben meistens irgendwo in der Nähe von Long Island, unsere Freunde waren aus der Region. Es war eine gemütliche, behütete Kindheit. Ich glaube aber, schon immer Fernweh gespürt zu haben.

Ich sehe dich lächeln, wenn du mir davon erzählst!
Ja, weil es eigentlich wunderbar war! Ich habe viele schöne Erinnerungen daran, wie ich mit Freunden, meinen Brüdern, Nachbarn draussen war, gespielt hab. Etwas, das für meine Tochter heute übrigens nicht funktioniert, weil wir in einer Stadt leben und sie keine solch unbe- schwerten Erfahrungen machen kann. Wir müssen anrufen und Playdates mit ihren Freunden vereinbaren, denn sie kann nicht einfach rausgehen und spielen. Ich denke, diese Art von sorglosem Spiel hat es mir ermöglicht, meine Fantasie aufblühen zu lassen.

Und wie würdest du den „Duft“ deiner Kindheit beschreiben?
Hmmm … das ist eine gute Frage – das hat mich noch niemand vorher gefragt! Sie duftet nach Honeybush, die hatten wir vor unserem Haus. Ja, das ist der Duft meiner Kindheit!

Und was hat dich in deiner Kindheit oder in deinen Teenagerjahren am meisten beeinflusst?
Ich denke, es waren Bücher. Ich las ständig. Meine Lieblingsbeschäftigung war es, in die Bibliothek zu gehen und viele, viele Bücher zu holen. Und dann hatte ich ein Buch im Badezimmer, ein Buch im Wohnzimmer und ein anderes im Rucksack. Ich hab meinen Alltag mit ganz viel Fantasie gefüllt, aber es war auch mein älterer Bruder, der mich auf meinen Weg gebracht hat. Er hat mir Selbsthypnose und Meditation beige- bracht, als ich zwölf war.

Wirklich, als du zwölf warst?
Das war, als ich angefangen habe zu meditieren, ja, mit zwölf Jahren, mein Bruder war acht Jahre älter und schon auf dem College.

Oh my Goodness!
Was er mir da beibrachte, machte einfach so viel Sinn. Diese Erfahrung hat mich extrem beeinflusst und mich schliesslich auf meinen Weg gebracht. Mein Bruder war auf dem
College und besuchte einen Kurs in experimenteller Selbsthypnose und kam nach
Hause und erzählte eigentlich nur, was er
in diesem Kurs gelernt hatte. Und als er
mir die Selbsthypnose beibrachte, fühlte
es sich so extrem gut an, und ich dachte
mir nur: „Oh, das ist genau mein Ding!“. Er
zeigte mir dabei übrigens eine Technik, bei der
ich Ziele, Pläne, die ich im Kopf hatte, auf einen Zettel schrieb. Dann musste man sich diese Ziele laut vorlesen und dann in eine Meditation gehen. Während der Meditation fängt man in der Folge an, diese Ziele als Mantra zu benutzen und sie so mitzunehmen. Ich sag dir – ich habe es so geliebt! Viele, viele Jahre später habe ich einige dieser Elemente in meine „Neurosculpting“-Technik mit eingebaut. Das war also tatsächlich damals wie ein Türöffner für mich.

Und was passierte während deiner Teenagerjahre – nachdem du Meditation gemacht hattest?
Nun, eigentlich hatte ich viele Traumata. Als ich 15 Jahre alt wurde, an meinem Geburtstag, wurde ich von einem Blitz getroffen. Und ich entwickelte eine Epilepsie, bei der ich einige Male im Jahr schlimme Anfälle hatte. Meditation wurde dabei für mich superwichtig, denn damit schaffte ich es jeweils, mich nach einem Anfall wieder zurückzubringen und mich von den Folgen des Anfalls zu erholen. Und das war ein grosser Schritt für mich, denn es zeigte mir, dass man Meditation bei einem Trauma anwenden kann. Abgesehen davon hatte ich wundervolle Teenagerjahre. Ich habe die Schule geliebt und bin im Sommer durch Europa gereist – deshalb haben sich diese Jahre für mich angefühlt, als dürfte ich mich endlich etwas ausstrecken und ausdehnen.

Und was hast du schliesslich studiert?
Nun, das war sehr beliebig. Ich habe Maschinenbau studiert, weil das mein Vater und mein Bruder so gemacht haben. Und ich war gut in Mathe. Aber ich war sehr unerfüllt. Nach zwei Jahren wusste ich, dass ich das nicht für den Rest meines Lebens machen kann. Also habe ich komplett umgesattelt und machte einen Hauptabschluss in engli- scher Literatur. Das war im Grundsatz sehr schön – aber ich fing an, die konkrete Natur der Dinge zu vermissen. In der Mathematik und den Naturwissenschaften hat man Recht. Oder man liegt falsch. In der Literatur muss man seinen Standpunkt beweisen. Am Ende hätte ich Englischlehrerin werden sollen – aber auch das liess mich mit einem unerfüllten Gefühl zurück. Es war irgendwie nicht der richtige Ort für mich – ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas Gutes in die Welt tragen zu können und meinen Beitrag zu leisten. So überlegte ich mir, ob ich nicht als Coach und Consultant tätig sein sollte, und legte erst mal eine Pause ein. Ich wusste lange Zeit nicht, was ich tun sollte, aber ich hatte immer meine Meditation als Anker, das änderte sich nie.

Was ist dann passiert?
Dann bekam ich eine Anstellung in einem Grossunternehmen, es war eine Stelle im Bereich „Training & Development“, bei der ich mit Organisationen zusammenarbeitete und sie bei der Erstellung von Schulungsunterlagen unterstützte. Ich evaluierte, wo es in der Organisa- tion nicht rundlief, um dann entsprechende Lösungen zu initiieren. Es ging also meist um eine komplexe Problemlösungsstrategie. Und ich habe das geliebt. In diesem „corporate job“ erkannte ich, dass man Meditation auch im Businesskontext gut brauchen kann. Ich fing also an, Meditation ins Trainingsprogramm einzubauen. Zum Glück arbeitete ich damals für einen Arbeitgeber, der mich gewähren liess. Und so durfte ich mit der Idee spielen, inwiefern Meditation in die Führungsetage und in die „corporate world“ passt. Zudem begann ich, eine „corporate- gerechte“ Sprache rund um Meditation zu entwickeln, die nicht so metaphysisch war.

Und wie bist du schliesslich zu dem gekommen, was du heute tust?
Nun, meine epileptischen Anfälle wurden sehr schlimm und waren zu jener Zeit lebensbedrohlich. Die Meditationsrituale, die ich damals anwandte, heilten mein zentrales Nervensystem nicht. Sie erlaubten mir, mit den Anfällen umzugehen, aber sie heilten sie nicht. Es fehlte also irgendwie ein Stück. Dann bekam ich von einem Arzt die Diagnose, dass meine Anfälle vom Hirnstamm herrührten, sie waren kortikal. Also fing ich an, alles über Neuronen, Synapsen, Hirnstamm und Traumata zu lesen und verschlang jeden Artikel, jedes Buch über Neurowissenschaften oder Neurobiologie. Und ich habe tatsächlich viele Antworten bekommen. Zum Beispiel, was mein Nervensystem braucht, was Meditation ihm geben kann und was nicht. Also fragte ich mich: Was wäre, wenn ich die Art und Weise, wie ich meditiere, ändern könnte? Was wäre, wenn ich ein Verfahren für mich entwickeln könnte, um mein Gehirn dahin- gehend zu trainieren, nicht mehr auf die gleiche Art und Weise auf Stress zu reagie- ren, sodass mein Körper nicht mehr mit einer epileptischen Reaktion darauf antwor- tet? So fing alles an. Ich hab diese sehr umfangreichen Meditationsrituale mit einem bestimmten Ablauf verknüpft und damit an mir selbst experimentiert und schliesslich einen Prozess entwickelt, der sich effektiv anfühlte. Dann kam der Tag, an dem ich spürte, dass ich wieder einen epileptischen Anfall bekommen würde – also begann ich, die eingeübten Abläufe anzuwenden. Und: hatte eine andere Reaktion.
Ich hatte keinen Anfall. Ich konnte den Anfall tatsächlich abwenden, unterbrechen – das war grossartig.

Was hast du genau gemacht?
Ich habe ungefähr acht Monate lang ein Fünf-Schritte-Verfahren angewandt. Ich wusste nie, wann ich den nächsten Anfall bekommen würde, aber ich wusste, dass der letzte so schlimm war, dass ich hätte sterben können. Ich habe gewisse Anwendungen um meine Meditation platziert, die mein Gehirn direkter ansprechen, weil eine herkömmliche Meditation allein viel zu breit ist und zu wenig spezifisch wirken kann aufs menschliche Gehirn. Also hielt ich mich in den Abläufen an strikte Protokolle, um mein Gehirn spezifisch und Schritt für Schritt zu beruhigen. Ich habe geübt und mich quasi gedanklich darauf vor- bereitet, was passiert, wenn dieses Gefühl eines beginnenden epileptischen Anfalls wieder hochkommt. Natürlich hab ich mich gefragt, ob ich meinen Körper derart trainieren kann, so einen Anfall abzuwehren. Was ich gemacht hab, ist, mein Gehirn zu konditionieren. Und dann wiederholte ich dies unentwegt und übte, ohne eine Ahnung zu haben, ob es funktionieren würde. Aber es hat funktioniert! Und ich wusste, dass keine andere Meditation, die ich jemals erlebt hatte, diese Schritte in genau dieser Reihenfolge integriert hatte. Dieser Moment, wo ich gespürt hab, es funktioniert, hatte was Magisches. Deshalb übergab ich meine Zukunft dem Universum und sagte: „Nun, ich habe meinen ersten Anfall gestoppt, das hat mein Leben gerettet, und jetzt übergebe ich mein Leben dem Universum.“ Und buchstäblich ein paar Monate später kündigte ich meinen Job. Ich hatte keinen exakten Plan, und ich hatte kein Wort oder Namen für den Prozess, den ich benutzte, aber ich wusste, dass ich mein Wissen unbedingt weitergeben musste. An alle Menschen, die ein Trauma zu bewältigen haben. Also habe ich einfach bei Polizei- dienststellen angerufen, denn in den USA herrscht viel Gewalt auf den Strassen – und so liegt auch eine enorme Verantwortung in den Händen der Polizistinnen und Polizisten. Mein Gedanke war: Wenn ich mit dieser Meditation ein Werkzeug zur emotionalen Regulierung, zur Bewältigung von Traumata gefunden hab, an wen würde ich es zuerst weitergeben wollen? An all jene, die die Hand am Abzug einer Waffe haben! So wurde ich Berater für verschiedene Police Departments und brachte den Polizistinnen und Polizisten bei, wie man mit meiner Technik das Zentralnervensystem steuert, was sich in der Folge als emotionale Regulation manifestiert. Das war vor zwölf Jahren. So fing ich an, „Neurosculpting“ zu unterrichten. Der Name kam ein paar Jahre später, nachdem ich bereits mit vielen verschiedenen Polizeibehörden gearbeitet hatte.

Für welche Dienststellen hast du seither gearbeitet?
Für unzählige Police Departments – und da ich auch auf Kongressen auftrat, hab ich auch FBI, Secret Service und CIA geschult.

Waren sie alle offen, um mit dir zu meditieren?
Interessante Frage! Wenn du ihre Sprache sprichst, dann sind sie empfänglicher, als ich je gedacht hätte. Wenn du ihre Sprache nicht sprichst, wirst du es nie schaffen. Was mir klar wurde, ist, dass es einige sehr strenge Regeln gibt, was ich sagen darf. Deshalb habe ich das Wort „Meditation“ nie benutzt. Ich konnte nicht „Energie“ sagen. Ich konnte nichts sagen, was eine weiche Konnotation hatte. Ich habe eine sehr männliche Sprache verwendet, eine taktische, kraftvolle Sprache, also anstelle von Meditation war es die „emotionale, taktische Regulierung“.

I love it!
Weisst du, du musst die Sprache, deinen Ausdruck, an dein Zielpublikum anpassen, damit es zuhört und davon profitieren kann. Und das tat es! Ich liess die Agents jede Sitzung meditieren, aber ich habe es einfach „mental entrainment exercises“ genannt. Und ich hab dabei Menschen erlebt, die wahre Durchbrüche für sich erzielen konnten. Es war jedoch eine Herausforderung, denn ich musste wirklich einen neuen Weg finden, um über meine Arbeit zu sprechen.

Das ist superinteressant und so wahr. Man sollte sich stets fragen, wie man für seine Zielgruppe kommunizieren und sie erreichen kann …
Wenn du diesen Menschen das Gefühl gibst, dass sie dich einordnen oder zuordnen können, kannst du dich mit ihnen verbinden. Du wirst gesehen und gehört, und sie fühlen sich sicher und hören zu, sie lassen ihre Maske fallen, und du kannst hinter die Kulisse blicken. Das war wirklich wichtig für mich zu verstehen. Ich musste mich in diesen Kreisen auch anders kleiden – ich konnte also nicht mit den gleichen Kleidern auftreten, die ich tragen würde, um, sagen wir mal ein Meditations-Retreat zu unterrichten. Ich glättete mein Haar und trug einen sehr konservativen Anzug in einer dunklen, gedeckten Farbe. Ich musste die in diesen Kreisen gelebte Kultur richtiggehend studieren – und respektieren.

War das einfach für dich? Nun … ich würde zumindest nicht behaupten, dass es kompliziert war. Ich glaube, es hat einfach ein bisschen Experimen- tierfreude gebraucht. In den ersten Sitzungen ver- wendete ich teilweise eine Sprache, bei der ich realisierte, die löst etwas aus. Und mir wurde klar: „Oh, sag das nicht!“ Aber es war nicht kompliziert, weil ich mein Ziel immer vor Augen hatte. Mein Ziel war nicht: Akzeptiert mich in meinem Wesen, komme, was wolle. Mein Ziel war: Ich will euch Werkzeuge an die Hand geben, wie ihr mit euren Traumata umgehen könnt, die euch tagtäglich heimsuchen.

Du wolltest diesen Menschen dienen …
Absolut.

Was hast du den Polizisten und Agents beigebracht? In den meisten Fällen half das, was ich ihnen beigebracht habe, nicht bei der täglichen Arbeit, sondern vielmehr dabei, ihr emotionales und privates Leben zu sichern oder zu retten. Agents müssen sich im Job in einen Zustand der Hyper-Wachsamkeit hineinbewegen. Aber sie wissen nicht, wie sie das wieder ausschalten sollen! Sie schaffen es nicht mehr, sich von ihrem Job zu trennen. Sie gehen nach Hause und können sich emotional nicht mehr mit ihrer Familie verbinden. Sie schaffen es nicht mehr, Mitgefühl zu empfinden, weil sie sich das im Job abtrainiert haben. Die Person, die sie während der Arbeit sind, übernimmt auch in ihrem Privatleben. Ich habe ihnen dabei geholfen, zu differenzieren und zu lernen, wie sie ihren Zustand, diese Attitude, nach der Arbeit loslassen und abschalten können, um ein ganz normaler Zivilist zu sein und das Leben so zu erleben, wie es die meisten anderen Menschen tun. Das Problem ist: Viele Polizistinnen und Polizisten leiden an post- traumatischen Belastungsstörungen, viele sind massiv suizidgefährdet – daher positionieren wir „Neurosculpting“ als einen präventiven Wellness-Ansatz. In den USA haben alle Police Departments und Agencies Zugang zu Psychologen und Psychiatern. Doch keiner der Beamten will davon Gebrauch machen – es ist ein Stigma, ein schwieriges Thema, auf der Strasse und im Einsatz zuzugeben, dass man Hilfe braucht. Es war also ein grosser Vorteil, dass ich kein Berater oder Psychotherapeut in Diensten der Behörden war, sondern eine externe Stelle, die ihnen Neurosculpting beibringt – denn so konnten mir die Agents vertrauen. Ich war auf diese Art und Weise auch keine Bedrohung für sie und ihre Karriere.

Und wie kommt es, dass du Tami Simon kennengelernt und deine Bücher bei ihrem fantastischen Sounds True-Verlag veröffentlicht hast? Es ist ja der Verlag, der auch Eckhart Tolle betreut …
Das war eine echt verrückte Geschichte. Alles begann damit, dass ich auf dem Cover einer lokalen Zeitschrift war. Daraufhin kam ein Verleger auf mich zu und sagte, ich müsste doch ein Buch schreiben. Ich hatte nicht vor, ein Buch zu schreiben. Aber ich schrieb eines, weil man mich darum bat. Während dieser Verlag also gerade dabei war, mein Buch zu veröffentlichen, schrieb ich einen Social-Media-Post mit einem kleinen Sticker und der Aufschrift „Neurosculpting: Where Grey Matters“. Für mich bedeutete dieser Satz, dass Dinge, die schwarz oder weiss sind, uns nicht dienen. Es sind die Grautöne dazwischen, die das Leben ausmachen. Als Reaktion auf diesen Post schrieb mir eine Mitarbeite- rin von Tami Simons Sounds True-Firma eine Mail und erzählte mir, sie folge mir schon eine ganze Weile auf Facebook und würde gern mit mir essen gehen. Also trafen wir uns. Sie sagte: „Wir wollen dein Buch.“ – Stella, so etwas passiert nicht einfach so! Ich sagte ihr, dass ein anderer Verlag mein Buch veröffentlichen wird und sie sagte: „Nun, wir werden die Rechte kaufen.“ Sie kontaktierten den Verlag und versuchten mein Buch zu kaufen, aber der erste Verlag sagte nein. Das war das Buch „New Beliefs New Brain“. Also sagte ich zu Sounds True: „Ihr wollt dieses Buch nicht. Ihr wollt eines mit mehr Tiefgang. Ich werde euch dieses Buch geben, und es wird ,Neurosculpting‘ heissen.“ Und sie sagten zu! So kam ich zu Sounds True – und hab als Erstes dort für ein Buch und vier Audioprogramme unterschrieben. Dann traf ich Tami. Wenn wir über mächtige Frauen sprechen – ach, du meine Güte –, sie ist so was von purer Power! Und ein Mensch, der es direkt und transparent mag – du kennst sie ja! – Wir trafen uns zum ersten Mal kurz bevor das Buch publiziert werden sollte. Sie sagte zu mir: „Schau, ich muss dir diese Fragen stellen. Du hast keinen Doktortitel. Und du bist keine Neurowissenschaftlerin. Und unser Verkaufsteam rätselt, in welche Kategorie sie dein Buch stecken sollen. Einige meiner Leute möchten dich in der Kategorie Neurowissenschaften haben. Und ein Teil des Verkaufsteams nicht. Wie würdest du damit umgehen? Sag mir, wie du dich damit fühlst.“ Und ich dachte einfach nur: Oh mein Gott! Ich muss mit dieser Frau ehrlich sein, weil sie nichts weniger als das respektieren wird. Aber ich war unsäglich nervös, weil ich echt Angst hatte, meinen Buch-Deal zu verlieren, wenn ich etwas Falsches sage. Denn Tami hatte ja durchaus Recht. Ich hab ein Buch über Neurowissenschaften geschrieben, habe in diesem Fach aber nie promoviert – wer wird mir also glauben? Oder mich als glaubwürdig erachten? Aber ich wusste, dass ich Tami nicht anlügen konnte. Also sagte ich: „Wenn das bedeutet, dass du mich als Autorin fallenlassen musst, und du das Buch deshalb nicht veröffentlichen willst, verstehe ich das. Aber es gibt keinen Doktortitel in ,Neurosculpting‘ – ich bin der Doktor in ,Neurosculpting‘. Ich weiss nicht, was ich dir sagen soll, ausser dass ich, wenn ich promovieren müsste, die nächsten fünf Jahren nicht in der Lage sein werde, meine Arbeit auf dieser Welt zu tun … und das möchte ich nicht, denn meine Arbeit auf dieser Welt besteht darin, Menschen zu heilen! Das ist, was ich tue, und das sage ich aus tiefster überzeugung. Und wenn das bedeutet, dass du meine Arbeit nicht unterstützen und das Buch nun nicht veröffentlichen kannst, verstehe ich das vollkommen.“ Ich glaube, sie schätzte meine nervöse Ehrlichkeit. Sie sagte einfach nur: „Wir werden dein Buch veröffentlichen. Ich wollte nur, dass du verstehst, wie du reagieren sollst, denn diese Fragen werden auf dich zukommen.“ – Ich habe dieses unangenehme Gespräch wirklich geschätzt … aber oh, was hab ich geschwitzt!

Erklärst du uns, was Neurosculpting ist? In deinen Worten?
Es ist der Name dieses Prozesses, den ich für mich selbst geschaffen hatte – Basis sind sequentielle Meditationsschritte. Schritt eins reguliert die hyperaktive Stressaktivität. Schritt zwei erhöht die fokussierte Aufmerksamkeit, die dich in der Folge bei der emotionalen Regulation unterstützt. Schritt drei erhöht die Aktivität zwischen unserem analytischen Selbst und unserem intuitiven, gefühlten Selbst. In Schritt vier nutzen wir somatosensorische, also auf Körperempfindungen basie- rende Erfahrungen dazu, unsere Muster, die uns triggern, aufzubrechen. Und in Schritt fünf bringen wir unseren Schülern bei, wie man diesen ganzen Prozess in seinen Alltag überführt.* Um Menschen zu helfen, bieten wir Unterricht, Ausbildung, aber auch Privatstunden an. Wir bringen Menschen, die ein mentales oder phy- sisches Trauma erlitten haben, bei, wie ihr Gehirn überhaupt funktioniert, weshalb das Gehirn so gern Schubladen erstellt, Muster und Prototypen kreiert – und was neuronal geschieht, wenn uns das Trauma wieder einholt. Zudem zeigen wir ihnen, wie Neuroplastizität funktioniert. Wir Menschen sind nämlich durchaus imstande, unser Gehirn neu zu programmieren. Man muss nur wissen, wie.
Wir führen sie dann durch den Fünf-Stufen-Prozess und leiten sie durch eine Meditation, die speziell auf ihre persönlichen Muster ausgerichtet ist. So können sie anfangen, ihre Muster aus ihrem Körper, aus ihrem zentralen Nervensystem herauszuschälen und loszulassen. Wir fangen dabei erst mal damit an, die Intensität dieser Muster zu verringern. So verändern wir allmählich auch unser Gehirn. Mit dieser Technik lernen wir darüber hinaus, tiefer zu atmen, den hyperwachsamen Geist zu beruhigen und die stete Wiederholung unserer Gedanken zu beenden.
Schliesslich ermöglicht diese Technik, dass wir unsere gedanklichen Muster erkennen – und die Auslöser, die Trigger, die immer wieder zu unserem Trauma zurückführen, quasi löschen. Wir programmieren unser Gehirn also um, damit wir nicht mehr in der gleichen Weise auf Trigger oder auf Stress reagieren. Wir haben Menschen, die nach ein paar Wochen der Anwendung berichten, dass sie keine Panikattacken mehr haben. Oder andere, die ihre chronischen Schmerzzustände optimieren konnten. Fast jeder Mensch hat irgendwann mal im Laufe seines Lebens ein Trauma erlebt. Denn ziemlich alles, was wir fühlen und erleben, kreiert einen entsprechenden Abdruck im Nervensystem, sodass wir Neurosculpting bei fast allen Beschwerden anwenden können. Hundert Prozent der emotionalen, psychischen und physi- schen Erkrankungen verschlimmern sich übrigens durch Stress. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie man Stress ausbalancieren kann. Das bedeutet nicht, dass wir alles und jeden heilen können, aber alles, was uns doch dabei hilft, unsere Symptome, unter denen wir leiden, zu deuten, zu navigieren und die Beschwerden somit zu reduzieren, ist doch ein Schritt in die richtige Richtung.

*EIN TYPISCHER NEUROSCULPTING-TAG BEGINNT MIT VERSCHIEDENEN REGIMEN.
AM MORGEN:


Zähneputzen mit der nicht-dominanten Hand (Linkshänder benutzen die rechte Hand und umgekehrt). Denke dabei an deine persönlichen Mantras. Geniesse eine 5-Minuten-Dankbarkeits-Meditation und schreibe der Dankbarkeit eine Farbe zu.

AM NACHMITTAG:
Schüttle deine Gelenke und Muskeln für ein paar Minuten, um den Stress zu normalisieren, den du bisher erlebt hast während des Tages. Kämme deine Haare mit der nicht- dominanten Hand. Iss ein ausbalanciertes Mittagessen auf einem Teller – am Tisch, ohne fernzusehen, ohne Social Media. Mach einen kleinen 5-Minuten-Spaziergang.

AM ABEND:
Mach Sport – etwas, das dir gefällt und dir guttut. Geniesse dein Abendessen einige Stunden bevor du planst, ins Bett zu gehen. Halte dich dabei zurück mit Kohlehydraten, weil diese dich häufig schlecht schlafen lassen. Schüttle deine Gelenke und Muskeln für ein paar Minuten, um den Stress des Tages zu normalisieren und auszuleiten. Leg dein Handy weg, schalte den Fernseher aus – mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen. Mach eine 10-Minuten-Meditation. Denke über das nach, was dich stresst – seien es Unterhaltungen, Deadlines, Umstände, Personen. Gib diesen Stressoren eine Farbe oder eine Vibration. überlege, wo in deinem Körper diese Farbe, diese Vibration liegen könnten. Dann kreierst du vor deinem geistigen Auge ein Gefäss, in welches du diese Farbe, diese Vibration hineingiesst und loslässt. Jetzt fühlst du nach. Nun holst du Gedanken voller Freude in dein Bewusstsein und gibst dieser Freude eine Farbe, eine Vibration oder eine Textur und stell dir vor, wie sich dein Körper damit füllt.

 

WEITERFüHRENDE INFORMATIONEN:
www.neurosculptinginstitute.com

 


Text: Sandra-Stella Triebl Fotos: Lisa Wimberger & Sounds True Press