FORBES ZÄHLT SIE ZU DEN 100 EINFLUSSREICHSTEN FRAUEN DER WELT: NADIA AL-SAKKAF IST CHEFREDAKToRIN DER ENGLISCHSPRACHIGEN YEMEN TIMES. SIE KÄMPFT FÜR AUFKLÄRUNG, GLEICHBERECHTIGUNG, BILDUNG UND DIE AKZEPTANZ VoN FRAUEN IM BERUFSLEBEN – UND DAS IN EINEM LAND, IN DEM DER GENDER GAP UNÜBERWINDBAR SCHEINT.

Ihre grossen, rehbraunen Augen strahlen. Ihre Begeisterung ist ansteckend. Ihr optimismus ungebremst. Sie ist eine Ausnahmefrau. Eine, die nicht nur ein geregeltes Einkommen sucht, ihre Familie und Mitarbeiter ernähren will. Ihr geht es um viel mehr. Sie will ein ganzes Land retten. Ein Land, das den Mythos der wunderbaren Königin von Saba trägt. Ein Land, das heute zu den schlimmsten Ländern für Frauenrechte zählt. Im September kommt sie zur League of Leading Ladies nach Bad Ragaz. Im Interview erzählt sie uns, warum es sich immer lohnt zu kämpfen, warum sie nichts von Politik hält und wie sie es schaffte, die halbe männliche Belegschaft zu kündigen, um eine neue Generation an Journalistinnen und Journalisten auszubilden: Nadia Al-Sakkaf. Chefredaktorin und Herausgeberin der Yemen Times. Chefin des Community Radio Senders Radio Yemen Times. Gründerin der Yemen Times Academy. Und Gewinnerin des oslo Business for Peace Awards 2013 und des Gebran Tueni Awards für ihren Mut, die Pressefreiheit zu verteidigen, und ihren Kampf für Frauenrechte in ihrem Land.

LADIES DRIVE: Nadia, mit dem öffentlichen Bild der Frauen in Jemen hast du nicht viel gemeinsam …
NADIA AL-SAKKAF: (lacht) Ich hatte das grosse Glück, in einer Familie aufzuwachsen, welche Frauen und Männer gleichermassen respektiert. Mein Vater hat die Frauen und Frauenrechte sehr gefördert. Er war meine Inspiration und mein Vorbild. Auch meine Mutter war ein starker Charakter. Sie hat uns stets dazu ermutigt, unser Bestes zu geben. Meine Eltern haben viel von uns verlangt, aber ihnen habe ich zu verdanken, dass ich heute bin, was ich bin. Ich durfte in England und Indien studieren, habe nach dem Tod meines Vaters (Anm. d. Red. Prof. Abdulaziz Al-Sakkaf, führender ökonom in Jemen, Journalist, Gründer der Yemen Times und Menschenrechtsaktivist, † 1999) die Yemen Times übernommen und alle haben an mir gezweifelt. Vor allem die älteren Journalisten akzeptierten keine junge und noch dazu weibliche Führungskraft. Davon habe ich mich nicht einschüchtern lassen. Es liegt an mir, die Dinge zu verändern. Von meinen Eltern habe ich gelernt: Wer etwas erreichen will, kann das auch. Wir sollten niemals Angst davor haben, was andere Menschen sagen könnten. Meine grösste Sorge war zu Beginn, etwas falsch zu machen. Die meisten Dinge, die ich anpacke, hat in Jemen noch nie jemand zuvor getan. Ich bin eine Pionierin in so vielen Themen. Mittlerweile habe ich mit 36 Jahren so viel erreicht – das hätte ich mir niemals träumen lassen. Ich bin das einzige weibliche Mitglied des Präsidenten Committees der nationalen Konferenz, welches sogar dem Parlament und dem Premier übergeordnet ist. Ich wurde direkt vom Präsidenten für dieses Amt nominiert. Aber es gibt noch so viel zu tun und so viel zu erreichen! Frauen müssen hartnäckiger und schlauer an die Themen herangehen als Männer. Und sie brauchen Unterstützer. Meine Unterstützer sind mein Mann und meine Familie, allen voran mein Vater. Er starb bei einem Attentat im Rahmen einer Recherche. Ich werde meine gesamte Energie dafür aufwenden, seinen Traum zu verwirklichen: ein Jemen zu schaffen, das die Welt schätzt und das starke Frauen verehrt!

Du sagst, Frauen müssen härter arbeiten und klüger vorgehen. Was verstehst du darunter?
Darunter verstehe ich, einfallsreich zu sein und zuzugreifen, wenn sich Möglichkeiten bieten. Nicht zu zögern, wenn eine Tür aufgeht. Sich nicht von überkommenen Traditionen oder Stereotypen abhalten zu lassen. Der grösste Feind der Frauen in Jemen sind sie selbst und ihre Angst davor, was die Leute oder die Familie sagen könnten. Sie sind geplagt von Selbstzweifeln und Versagensängsten. Wir müssen ihnen das Selbstvertrauen zurückgeben, ihnen die Augen öffnen. Viel zu lesen und zu interagieren kann sehr hilfreich sein für sie.

Du hattest die möglichkeit, in england und Indien zu studieren, hast den master in Computer Science und in management Informations Systems gemacht. Was haben diese Auslandsstudien für dich bedeutet?
Reisen hat mich gelehrt, andere Menschen zu akzeptieren. Der grösste Wert von Reisen ist, neue Menschen, Traditionen, Ideen und Kulturen kennenzulernen, zu verstehen, dass wir unterschiedlich und trotzdem gleich sind. Wir alle haben die gleichen Bedürfnisse nach Frieden, Liebe, Glück, Wohlstand. Krieg, Trauer und Verbrechen mag niemand von uns. Wenn wir die Gemeinsamkeiten finden und das Potenzial und die Vielfalt ausschöpfen und nicht in Vorurteilen und Äusserlichkeiten steckenbleiben, gibt es keine Grenzen. Die Grenzen sind auf der Landkarte, nicht in unserem Leben. Es liegt an uns, in der globalen Welt zu Hause zu sein oder uns selbst zu limitieren.

Was gibt dir die Kraft, deine Vision zu verwirklichen?
Nach meinem Studium habe ich als Business Analyst gearbeitet. Bereits nach einem Jahr wusste ich: Das ist auf Dauer nicht das Richtige für mich. Ich spürte, ich habe noch viel mehr zu geben. Ich begann als Journalistin, führte Interviews, entdeckte viele traurige Dinge in meinem Land, wie Armut, Verfolgung, Frühehen, Diskriminierung, weibliche Beschneidung. All das machte mich sehr betroffen. Ich wollte etwas verändern. Deshalb begann ich bei oxfam, einer britischen Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut einsetzt. Drei Jahre lang reiste ich durch Jemen, sah, in welcher Armut die Menschen leben. Danach wechselte ich zu Yemen Times, um die Zeitung von meinem Bruder zu übernehmen. Das war die grösste Entscheidung meines Lebens, weil ich nicht wusste, ob Fulltime-Journalismus das Richtige für mich ist. Das erste Jahr war eine grosse Herausforderung. Ich musste ein guter Manager und ein guter Chefredaktor sein. Ich lernte viel über die Macht der Wörter, wie man Menschen erreichen kann, und ich wurde zur Stimme der Frauen und Männer in Jemen. Und ich verdrängte das Thema Politik aus der Zeitung, denn es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel ist Jemen im Global Gender Gap Report des WEF an allerletzter Stelle platziert. Es gibt also kein Land auf der Welt, in welchem Frauen stärker benachteiligt sind. Ich begann für das Thema zu leben. Weibliche Beschneidung ist in Jemen leider immer noch gängige Praxis. Viele Leute hassen mich dafür, dass ich über das Thema schreibe. Es war ein regelrechter Skandal. Aber das zeigt mir wiederum, wie wichtig es ist, dass wir die Welt und Jemen informieren, denn diese Dinge passieren. Dafür habe ich das Thema Politik in der Zeitung stark heruntergefahren. Wenn ein Journalist kommt und sagt, er will eine Geschichte über Politik schreiben, muss er mir einen wirklich guten Grund liefern. Ich lasse politische Geschichten nur zu, wenn unsere Leser einen echten Mehrwert davon haben. Ich versuche, eine neue Generation an Journalisten auszubilden, Leute, die in der Lage sind, unsere Medien zu nutzen, um die Menschen zu informieren, Wissen und Bildung zu transportieren und Ungerechtigkeit ans Licht zu bringen – immer unser Ziel vor Augen, das Land zu entwickeln. Deshalb habe ich auch eine Radiostation ins Leben gerufen, wo Zuhörer anrufen und uns ihre Sorgen und Ängste mitteilen können. offizielle Vertreter aus Wirtschaft und Politik müssen zum Thema Schule, Gesundheit, Infrastruktur usw. die Fragen unserer Zuhörer beantworten. Das gab es noch nie zuvor in Jemen!

Du hast nach deinem eintritt die halbe männliche Belegschaft bei Yemen Times gefeuert. Woher nimmst du diesen mut?
Ich musste mich beweisen. Es ging um alles oder nichts. Die Mitarbeiter hörten mir nicht zu, mochten mich nicht und wollten nicht von einer jungen Frau geführt werden. Ich studierte das gesamte Arbeitsrecht, Mitarbeiterrechte und -verträge. Ich musste ganz sicher gehen, dass ich keine Fehler mache. Ich gab ihnen Chancen – aber sie waren nicht bereit für Veränderungen. Deshalb mussten sie gehen.

Heute bist du respektiert?
Absolut! Ich habe neue Leute eingestellt, junge Menschen und mehr Frauen, die hungrig sind, etwas zu lernen. Unser heutiges Team ist sehr ausgewogen, wir beschäftigen mehr Frauen als Männer. Manche Leute sagen sogar, das sei nicht Yemen Times, sondern Women Times. Ich bin davon überzeugt, dass Frauen gute Journalisten, Redakteure und Manager sein können. Wir sind stark gewachsen, haben internationale Auszeichnungen gewonnen. Ich konnte beweisen, dass Yemen Times unter meiner Führung überleben kann und sehr gut vorwärtskommt.

Welche sind deine nächsten ziele?
Ich wünsche mir, dass Yemen Times eine der führenden Tageszeitungen in der Region wird. Ich möchte Yemen Times Community Radio Stationen im ganzen Land eröffnen. Und ich plane ein Trainingsinstitut, die Yemen Times Academy, wo wir Journalisten ausbilden können, damit sie ihre Arbeit richtig professionell gestalten können. Frauen und Männer können in der Akademie lernen, wie sie als Journalisten dem Land und den Menschen in Jemen helfen können.

Was bedeutet Leadership für dich?
Leadership bedeutet für mich, eine Vision zu haben und die Akzeptanz meines Teams zu gewinnen, damit es mir vertraut und folgt. Ich trenne Leadership und Management. Zu Beginn musste ich beide Bereiche abdecken. Heute kann ich delegieren und mich auf meine Führungsaufgaben konzentrieren. Wir sind mittlerweile eine unabhängige Institution, keine one-Man-Show. Deshalb bedeutet mir die Academy auch so viel – es muss auch nach mir weitergehen. Zusätzlich gebe ich Unterricht an Universitäten und Schulen, lehre junge Menschen, und werde nicht müde ihnen zu zeigen, dass eine Frau alles erreichen kann, wenn sie hart arbeitet und etwas schaffen will.

Wovor hast du Angst?
Ich habe ständig Angst, dass die äusseren Umstände uns daran hindern, die Besten zu sein, die wir sein können. Das betrifft einerseits Jemen selbst. Das Land macht harte Zeiten durch. Es könnte jederzeit Bürgerkrieg ausbrechen. Wirtschaft, Politik, Sicherheit – so viele Dinge stehen auf dem Spiel. Persönlich habe ich Angst davor, nicht die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich trage sehr viel Verantwortung auf meinen Schultern. Ich will sicherstellen, dass jede Entscheidung die beste für mich, meine Familie, meine Firma, die Frauen generell und mein Land ist. Wenn ich einen Fehler mache, hat dies nicht nur Konsequenzen für mich, sondern für viele aufsteigende Frauen.

Was bereitet dir Freude?
Ich freue mich, ein Vorbild und Sprachrohr für die Frauen und Männer und für Jemen zu sein. Ich freue mich über die sehr schlauen Fragen meiner Tochter, die mich realisieren lassen, dass ich auch als Mutter einen guten Job mache. Es sind das Feedback der Leser zu unseren Geschichten, das Interesse der Welt, Auszeichnungen oder Einladungen zu Konferenzen, die mich erkennen lassen: Irgend etwas mache ich richtig!

Du wurdest vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem ersten Gebran Tueni Award 2006 von der World Association of Newspapers für deinen mut, die Pressefreiheit zu verteidigen, und für deine Leadership-, management- und professionellen Standards. Im mai wurdest du von der internationalen handelskammer mit dem Business for Peace Award in Oslo für dein engagement für Frieden und Stabilität in Jemen ausgezeichnet. herzlichen Glückwunsch! Was bedeuten die Auszeichnungen für dich?
Sie motivieren mich weiterzumachen! Es ist nicht immer einfach, Beruf, Familie und soziales Engagement unter einen Hut zu bringen. Aber die Awards zeigen mir, dass sich der Einsatz lohnt. Die Anrufe, Mails, Briefe, Wertschätzungen – all das macht mich glücklich und gibt mir die Kraft, wieder ein Jahr weiterzumachen und noch härter zu arbeiten.

Was sollen zukünftige Generationen über dich auf Wiki lesen?
Eine kluge Frau, die wusste, was sie wollte und es auch tat.

Im September kommst du erstmals in die Schweiz, um bei der League of Leading Ladies über die Königinnen von Jemen zu sprechen. Du wirst motivierende und inspirierende Geschichten über starke Frauen im Land der Königin von Saba mit den Gästen teilen. Was hat dich motiviert, die einladung anzunehmen?
Die Einladung ist eine grosse Ehre für mich! Ich war noch nie bei einem Event mit einem so hohen Level an Frauenpower. Ich liebe das Konzept! Ich freue mich darauf, meine Gedanken mit anderen Frauen auszutauschen, ihre Geschichten zu hören und von ihnen zu lernen, zu netzwerken, mich inspirieren zu lassen und selbst zu inspirieren. Ich bin gespannt, wie Frauen in anderen Ländern mit ihren Herausforderungen umgehen, wie sie die weibliche Community unterstützen. Ich bin auch neugierig, wie die Teilnehmerinnen ihr Business- und Privatleben vereinbaren und wo sie die Energie hernehmen, am nächsten Tag wieder aufzustehen, Schwung zu holen und neu durchzustarten. «

Weiterführende Links: www.YemenTimes.com www.RadioYemenTimes.com www.leagueofleadingladies.com – Seien Sie Teil der „League of Leading Ladies“ und lernen Sie Nadia Al-Sakkaf persönlich kennen. Vom 26.-28.9.2013 im Grand Resort Bad Ragaz. Ein zweitägiger Workshop, der auf 100 Teilnehmer limitiert ist. Informationen zur Agenda und den Link zur Anmeldung finden Sie auf unserer Homepage.


Text: Sandra-Stella Triebl