… das hat sicherlich der eine oder andere von uns versucht, als wir noch nicht erwachsen waren. Als wir noch die Welt verändern wollten, zumindest unsere eigene. Als wir die Erwachsenen und ihre Probleme nicht verstanden, wohl auch, weil sie uns vor dem wahren Leben und seinen Tücken noch schützen wollten.
Doch in Wahrheit kommt „das Erwachsenwerden“ oft durch eine Hintertür, bei jedem zu einem anderen Zeitpunkt, aus einem anderen Grund. Wohl denen, die sich die Leichtigkeit und Fähigkeit zu träumen auch in „das Erwachsensein“ mit hineinnehmen können. Wie viel leichter und spielerischer würden wir unseren Beruf meistern und unsere Kinder erziehen? Wie einfach wäre es, einen potenziellen Partner nicht nach seinem Kontostand oder seinem Bildungsniveau auszusuchen, sondern einfach zu schauen, ob uns sein Lachen fasziniert? Aber seien wir gerecht, der Weg, den die Jugend zurücklegen muss, ist oft nicht einfach. Da gibt es die oft schwere Schulzeit, die zerrütteten Familien, die Freunde, welche sie vielleicht zurücklassen müssen, oder den ersten Kuss … Es ist eine Zeit, wo eigentlich alles möglich ist – und doch in Wahrheit nichts! Charlie Chaplin sagte: „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie später im Leben käme!“

Ist das so? Wären wir fähig, die Leichtigkeit der Jugend mit all ihrer Schwere zu meistern, wenn wir wüssten, dass dies erst der Anfang ist? Ich denke nicht. Denn in dem Augenblick, in dem wir erkennen, dass wir nun vieles dürfen, wird uns bewusst, wie viel wir in Wirklichkeit müssen.
Die zwei Bücher, die ich Ihnen in diesem Sommer ans Herz legen möchte, haben mich zurückversetzt – in mein „Hineinwachsen“ in die Welt. Ich hatte eine Durschnittskindkeit, mit all ihren emotionalen Mängeln und ihrem kapitalistischen Reichtum. Meine Mutter machte Karriere und ich war mir und meinen Ängsten und Träumen hilflos ausgeliefert. Heute, mit den Augen einer Erwachsenen betrachtet, muss ich sagen: „Ich hätte es schlimmer treffen können.“ Wohl fehlt mir heute auch das Verständnis für meine „Grufti-Zeit“ und meine Todessehnsucht. Das muss mich aber auch nicht wundern, habe ich doch die grosse Freude, meinen fünf Kindern beim Erwachsenwerden zuschauen zu dürfen. Denn helfen, das lassen sie mich ohnehin nicht. Warum auch? In ihrem kleinen Zeh steckt mehr Kraft als in meinem ganzen Körper und in meiner Seele. Alles zur rechten Zeit, heisst das wohl – wie gerecht die Natur dies doch eingerichtet hat.

 

Der Duft einer Generation!

Der junge britische Autor Ben Brooks wurde 1992 geboren und lebt in London. „Nachts werden wir erwachsen“ ist bereits sein vierter Roman und gleichzeitig der erste, der in Deutsch erscheint. Er wird in England als grosses Talent seiner Generation gefeiert, und ich möchte gerne sagen – zu Recht! Sein Schreibstil ist so gnadenlos offen, wie der von Charlotte Roche, aber das ist schon das Einzige, was ihn mit dieser Frau verbindet. Denn eines ist sicher – Ben Brooks kann auf brillant komische Art und Weise Geschichten seiner Zeit erzählen.
Jasper ist auf den ersten Blick ein echtes Ekelpaket. Er ist ein ignoranter Kotzbrocken, um in der Sprache seiner Generation zu sprechen. Seine Prioritäten sind Sex und Drogen und wenn er dazwischen irgendwo ein bisschen Zeit findet, arbeitet er an seinem Roman. Besonders intensiv beschäftigt er sich mit einer Vergewaltigungsszene, die quasi der Aufhänger sein soll. Jasper scheint genau der Art Jugendlicher zu sein, den wir uns nie und nimmer als Freund unserer Kinder wünschen. Er stolpert durch das Minenfeld der Pubertät, lässt keine Party und keinen Drogenexzess aus. Jasper ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. Ein unsensibler, verlogener und gemeiner Halbwüchsiger, den man einfach auch gern haben muss.
Denn so ist nun mal unsere Zeit. Fuck. Fuck. Fuck.

Autor: Ben Brooks – Verlag: Berlin Verlag – Titel: Nachts werden wir erwachsen

 

 

 

 

Griffige Stelle:

Es ist 5:16. Meine Kehle ist eine Wüste voller Pestizide. Mein Kopf ist eine Autobahn. Ich liege neben Abby Hall. Ich hab ihr anscheinend in den letzten Stunden die komplette Decke gestohlen. Ihre Aknebrüste hängen an ihr herunter wie Plastiktüten mit Goldfischen vom Rummel.

Zwiesprache mit den Schatten

Marc Levy ist einer der grossen Geschichtenerzähler unserer Generation. Seine Romane haben alle einen leichten Federstrich von Utopie, von unerklärlichen Phänomenen. Sie regen unsere Phantasie an, ein toller Trick des Autors, uns von der ersten Seite an zum Fühlen zu zwingen.
Marc Levy wurde 1961 als Sohn eines Verlegers in Frankreich geboren. Er ist von Beruf Architekt und entdeckte schon früh seine Liebe zur Literatur und zum Kino. Mit 37 schrieb er für seinen Sohn seinen ersten Roman, „Solange du da bist“. Dieser wurde von Steven Spielberg verfilmt und wurde wie der Roman – zu Recht – ein Welterfolg. Seine Werke werden mittlerweile in 42 Sprachen übersetzt und jeder Roman ist ein internationaler Bestseller.

Eine Hymne auf die Kindheit, die Träume und die Fantasie. Stellen sie sich einmal vor, sie entdecken schon als kleiner Junge, dass es möglich ist, die Schatten der anderen zu stehlen. Stellen Sie sich jetzt auch noch vor, sie wären einer der Guten, der damit nichts Böses tut, sondern den Menschen, die ihm begegnen, mit dieser Gabe hilft, ihr Leben in Ordnung zu bringen? Das Leben ihrer Freunde, ihrer Feinde … ihrer ersten grossen Liebe? Wie wäre es, in die Köpfe der anderen zu sehen und nicht zu wissen, was sie mit dieser Gabe anstellen sollten?

Der Protagonist aus Levys neuem Roman „Wer Schatten küsst“ hat diese Gabe angenommen. Er ist ein Schattendieb geworden. Er ist nun angehender Arzt, hat sein Leben auf dem Land hinter sich gelassen. Lange hat er diese Fähigkeit in sich vergraben, weil sie ihn verwirrte und ängstigte. Doch als Sophie, eine Kommilitonin, mit der ihn viel mehr verbindet als Freundschaft, seine Hilfe braucht, erinnert er sich an seine besondere Fähigkeit und macht, was er am besten kann – helfen! Und damit öffnet er die Tür zu seiner Vergangenheit. Dieser Roman ist eine Hymne auf die Kindheit, die Träume und die Phantasie!

Verlag: blanvalet – Titel: Wer Schatten küsst – Autor: Marc Levy

 

 

 

 

Griffige Stelle:

Doch! Man kann Angst haben und zugleich lachen, beides ist nicht unvereinbar. Der Schatten zog sich vor meinen Füssen in die Länge und verformte sich auf den Kartons. Er schlängelte sich zwischen den Kisten hindurch, und seine Hand glitt auf eine Schachtel, so, als würde er sich darauf stützen. „Wem gehörst du?“, stammelte ich. „Wem soll ich schon gehören? Dir natürlich, ich bin Dein Schatten.“


Text: Claudia Redlhammer