Alles ausser phlegmatisch: Als Mitgründerin von ROCK YOUR LIFE! Schweiz öffnet Helena von Känel Jugendlichen mit bildungsfernem Hintergrund Türen für ihre Zukunft. Was sie von Frauen der Generation X hält, warum sie nie Angst hat und wie sie ihre Weiblichkeit definiert: ermutigende An- und Aussichten.

Ladies Drive: Helena, was machst du gerade?
Helena von Känel: Ich bin an der Sommerakademie von infoklick.ch in Engelberg, einem Kongress, bei dem es um Jugendarbeit, Jugendprojekte und Jugendförderung geht. Es tut gut, sich mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen zu treffen und auszutauschen. Wir hatten die Gelegenheit, ROCK YOUR LIFE (RYL!) vorzustellen. Wir durften zeigen, wie wir Studenten zu Mentoren ausbilden und präsentieren, wie diese Schüler während der letzten zwei Schuljahre von der Schule ins Berufsleben begleiten. Ziel ist, dass die Schüler einen erfolgreichen Übergang von der Schule ins Berufsleben schaffen.

Wie kamst du auf die Idee?
Meine Freundin Anna war Sekundarlehrerin und hat von RYL! in Deutschland gelesen. Wir haben Kontakt aufgenommen und erfahren, dass sich die Organisation in Deutschland internationalisieren will. Und so nahmen wir mit unserer Idee, RYL! mittels Social Franchising in der Schweiz aufzubauen, am Berner Businessplan-Wettbewerb 2013 teil. Die Freude war gross, als wir es unter die 25 Finalisten und schlussendlich sogar unter die Top 5 des Businessplan-Wettbewerbs geschafft haben – als einziges Sozialunternehmen! Bereits im Sommer 2013 haben wir unsere ROCK YOUR LIFE! Schweiz GmbH gegründet, im Herbst lief das Pilotprojekt in Bern an und schon bald waren erste Geldgeber gefunden. Nachdem sich 22 ehrenamtliche Studenten RYL! angeschlossen hatten, konnten wir die ersten 22 Schüler-Studenten-Pärchen zusammenführen. Das war ein riesiger Erfolg! 44 junge Menschen standen in einem Raum. Die Schüler fragten sich: Wer könnte mein Mentor sein? Das war einer meiner schönsten Augenblicke! Diese ersten 22 Pärchen haben nun zwei Jahre zusammengearbeitet mit dem Ziel, den Schülern einen direkten Übergang von der Schule in das Berufsleben zu ermöglichen. Wir konzentrieren uns auf die Potenzialfindung, versuchen herauszukitzeln, was die Schüler motiviert und welche Berufsgattungen zu ihren Stärken und Potenzialen passen.

Wolltest du als Studentin auch schon in diese Richtung gehen?
Als Kind wollte ich Physiotherapeutin werden. Ich habe immer viel Sport gemacht – vor allem Fussball und Volleyball. Das sportlich- therapeutische Behandeln und Betreuen hat mir imponiert.

Wie hast du dich als Mädchen in dieser Männersportart Fussball gefühlt?
Bis zu den Junioren war ich das einzige Mädchen, das mit den Jungs Fussball gespielt hat. Mein Vater ist Unternehmer, Ingenieur und in der Baubranche tätig; ich kenne also das Baustellenleben. Ausserdem bin ich mit zwei Brüdern aufgewachsen und habe auch im Dorf und beim Sport immer viel Zeit mit den Jungs verbracht. Das war für mich völlig normal.

Wann hast du deine Weiblichkeit entdeckt?
Ich wurde immer als Frau wahrgenommen. Ich fand es zwar schade, dass ich später nicht mehr mit den Jungs Fussball spielen durfte, weil das Niveau deutlich besser war. Aber ich war immer ein Mädchen, habe gerne Röcke und lange Haare getragen.

Wie definierst du deine Weiblichkeit?
Weiblichkeit ist die feine Art, einen ehrlichen, direkten und gegebenenfalls harten – aber stets auf Fakten basierenden Diskurs führen zu können.

Wie lebst du den Diskurs in deiner Beziehung?
Ich lebe seit sieben Jahren in einer Beziehung mit meinem um ein Jahr jüngeren Partner. Er ist Architekt, ich halb selbstständig. Seit RYL! arbeite ich sehr viel, auch abends und am Wochenende. Aber das ist kein Problem. Er hat auch viel zu tun. Bei uns gibt es keine klassische Rollenverteilung. Jeder trägt bei, was er gern macht. Er kocht zum Beispiel wunderbar.

Wie siehst du deine Rolle in der Gesellschaft?
Ich bin sehr begeisterungsfähig und meine Vorstellungskraft stösst äusserst selten an Grenzen. Mein Motto lautet: Eine Idee haben; mit Leuten darüber reden; wenn die Vision greifbar ist: Herz in die Hand und probieren! Eine Kollegin hat kürzlich ihre Traumstelle gefunden, sie hatte allerdings nur Kapazität für 50 Prozent. Ich habe sie ermutigt, nach einer Lösung zu suchen und mit dieser auf den Auftraggeber zuzugehen – und siehe da: Es hat geklappt! Heute ist sie überglücklich und teilt sich die Stelle mit einer zweiten Person im Jobsharing! Positives Empowerment, Neuartigkeiten eine Chance lassen und grosses Denken – das sind meine Eigenschaften – sozusagen den Mut aufbringen, nach neuen Sternen zu greifen.

Wovor hast du Angst?
Angst vor Neuem oder der Zukunft, das kenne ich nicht. Ich sehe im Neuen stets Chancen! Ich liebe Leute, Herausforderungen und das Leben. Es gibt so viele spannende Facetten. Ich finde immer etwas, wofür ich mich einsetzen kann, und bin mir auch für nichts zu schade – schliesslich kann man überall spannende Menschen kennenlernen.

Inwiefern ist das anders als bei den Frauen der Generation X?
Etwas einfach auszuprobieren, mit einem Lächeln und einer gewissen Lockerheit an Entscheidungsträger heranzutreten ist für mich das Selbstverständlichste. Bei den Frauen über 50 ist das, denke ich, anders. Da kamen zuerst alle anderen, dann erst sie selbst. Die Frauengeneration vor uns hatte eine andere Ausgangslage. Sie musste sich für Frauenrechte stark machen. Es ist unsere Pflicht, dieses Engagement heute zu nutzen und weiterzufahren.

Haben Feminismus, Emanzipation, Lohngleichheit etc. also noch nicht ausgedient?
Die Ungleichheit ist immer noch ein grosses Thema. Die Frage ist: Warum ist das so? Weil wir beispielsweise schlecht verhandeln? Dann müssen wir lernen, besser zu verhandeln! Ich sehe nicht die Politik, sondern das Unternehmertum als mein Aktionsfeld. Hier kann ich einen konkreten Beitrag leisten. Wenn immer der, der am lautesten schreit, am meisten bekommt, ist das in Frage zu stellen. Es liegt an mir, das zu ändern.

Welche Bedeutung hat Geld für dich?
Im Moment keine grosse. Ich bin froh, dass ich nicht jeden Franken umdrehen muss, um mein Leben zu finanzieren. Vor drei Jahren war ich noch Studentin, und seitdem hat sich mein Lebensstandard nicht gross verändert – warum auch?
Ich will in der Zeit, die ich zum Arbeiten zur Verfügung habe, Dinge machen, für die mein Herz schlägt; die ich gerne mache, weil ich etwas bewirken kann.

Hattest du schon Erfolgserlebnisse?
Ja, und zwar mit den Studierenden, welche unsere Standortvereine in den Städten führen. Wenn sie sagen: Dank dir konnte ich schon so viel lernen, das mir sonst niemand zugetraut hätte – da geht mir das Herz auf. Wir bilden die Vereinsvorstände mit dem nötigen Knowhow aus und weiter, unterstützen sie im Projektmanagement und in anderen wichtigen Kompetenzen, die es für eine Vereinsführung braucht. Wir geben ihnen die Verantwortung für die Führung ihres Standortvereins und schenken ihnen volles Vertrauen.

Wie findest du den Ausgleich?
Als halbe Finnin verbringe ich den Sommer gerne bei meinen Verwandten an einem See in Lappland. Dort kann ich die Seele baumeln lassen und beim Beerensammeln und Fischen das Pendel wieder einstellen. Sport ist im Alltag immer noch mein Ausgleich. Und natürlich das Zusammensein mit meinem Partner, lieben Freunden und der Familie.

Was regt dich auf?
Menschen, die sich Restriktionen setzen lassen: „Ich kann nicht, weil …“, „Es geht nicht, weil …“ etc. Es liegt in deiner Macht, eine Lösung zu finden und selbst Verantwortung zu übernehmen!

Was beeindruckt dich?
Mich faszinieren ältere Menschen. Meine Grosstante war wie meine beste Freundin. Sie hatte immer Zeit für mich, viel Erfahrung und strahlte stets Ruhe aus. RYL! basiert auch auf Geben und Nehmen. Wenn man sich freiwillig engagiert, braucht es genau das: Man muss sich Zeit nehmen und etwas weitergeben.

Früher war Weiblichkeit etwas anderes als heute, und morgen wird sie wieder anders sein. Eine Frau zu sein, die diesen Wandel weiter vorantreibt und mit gutem Beispiel vorangeht, dafür setze ich mich ein.


Text: Claudia Gabler